Ein Spiegelsaal der Geschichte

Im Jahr 2022 ist eine „Hamburgensie“ 100 Jahre alt: der Übersee-Club. Hier versammelt sich seit 1922 die Elite aus Politik und Wirtschaft, hier sprechen Staatsmänner und Konzernchefinnen. Zur Festschrift habe ich zwei Kapitel beigesteuert – und die großen Reden analysiert.

Was könnte die erste Rede des Gründungsvorsitzenden dieses Clubs geprägt haben, wenn nicht der Handelsgeist und der weite Horizont seiner Geburtsstadt Hamburg? Das Deutsche Reich steckte tief in der Reparations- und Inflationskrise, als der Bankier Max M. Warburg am 27. Juni 1922 auf der konstituierenden Versammlung „wirtschaftlichen Wiederaufbau und Auslandskunde“ als Ziele des Clubs ausgab.

Unzählige Reden sind seither im Übersee-Club gehalten worden. Für mich als historisch faszinierten Autor war es ein Vergnügen, sie auszuwerten und zu einem Kapitel über ein Jahrhundert Hamburger Sozial- und Wirtschaftsgeschichte im Spiegel dieser Vorträge zusammenzustellen. Dabei begnet man so brillanten Köpfen wie dem Oberbaudirektor Fritz Schumacher, von dessen städtebaulicher Planung die Stadt heute noch profitiert und der 1931 vor dem Club über seine Inspiration duch den großen amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright sprach.

Aber auch später noch wurde Architektur- und Städtebaugeschichte im Übeseeclub geschrieben: Er war die „Premierenbühne“, auf der Hamburgs Erster Bürgermeister Henning Voscherau 1997 die Pläne für eine HafenCity enthüllte. Heute ist dieser neue Innenstadtteil weitgehend fertiggebaute Realität – samt seinem Schmuckstück, der Elbphilharmonie.

Ein weiteres Kapitel, das ich zur Festschrift beigesteuert habe, befasst sich mit der Rolle Deutschlands in der Weltwirtschaft, wie sie die Rednerinnen und Redner im Übersee-Club gesehen und mitgeprägt haben. Auch hier war der Club schon sehr früh ein Ort visionärer Erkenntnisse und vorausschauender Staatsmänner.

Gustav Stresemann etwa, in seiner Rede vor dem Club am 16. April 1925, erkannte den für Deutschland lebenswichtigen Zusammenhang mit großer Klarheit: „Ich glaube, das eine sagen zu können, dass wir heute noch viel enger mit dem Auslande verflochten sind, als es früher der Fall war, dass die Frage der Gestaltung der Weltwirtschaft deshalb auch viel schicksalsentscheidender für uns geworden ist, als sie in der Vorkriegszeit war.“

Den anderen Mächten der Weltwirtschaft müsse daher nahegelegt werden, so Stresemann 1925, „dass Deutschland nicht zugrunde geht, sondern ihr eigenes Interesse muss mit dem Aufstieg oder dem Niedergange Deutschlands unmittelbar verbunden sein.“ Eine Kopplung, die von den Regierungen Europas und der Welt leider nicht erkannt wurde. Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ergab sich daraus fast zwangsläufig, als Deutschland durch seinen wirtschaftlichen Zusammenbruch in die Arme der Nationalsozalisten getrieben wurde.

Den Weg der heutigen Bundesrepublik aus den Kriegstrümmern, durch die Jahre des Wirtschaftswunders und bis in die heutige Zeit großer wirtschafts- und weltpolitischer Disruptionen anhand von historischen Reden nachzuvollziehen, war ein besonderer Reiz dieser Aufgabe als Autor. Aus den Fehlern der Geschichte lernen – ob dies heute noch rechtzeitig gelingt?

Den Gesamttext meiner beiden Kapitel der von der Hamburger Agentur Bissinger+ realisierten Festschrift „Raum für Ideen“ können Sie hier abrufen.

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