Im Spannungsfeld

Beispiel Hannover: Gute Stadtplanung muss nicht vom Amt kommen. Initiativen und Projekte liefern oft die kreativsten Beiträge zu einer Stadt für alle. Ein neues Buch, zu dem ich das Hannover-Kapitel beigetragen habe, zeigt Ergebnisse.
Das ist Hannover.
Hannover hat auch einen Hafen.
Und den größten Do-it-yourself-Skaterpark Deutschlands.

Man darf wohl getrost sagen, dass Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover architektonische und städtebauliche Spannungsfelder bietet: zwischen verfallendem Brutalismus und sanierten Altbauidyllen, zwischen dem vielleicht verschlafensten Hafen aller Binnenhafenstädte Deutschlands und selbstgemachten Skater-Projekten der alternativen Szene.

Wie kann in einer solchen Großstadt eine Planung der öffentlichen Räume für alle aussehen, die nicht vom Amt kommt, sondern von denen, die diese Räume mit Leben füllen? Und was für Projekte können daraus hervorgehen, möglichst nachhaltig, breitenwirksam und sich finanziell selbst tragend?

Ein neu erschienenes Buch, zu dem ich textlich das Hannover-Kapitel beigetragen habe, gibt Antworten:

Der Band schildert Lösungsstrategien und (Zwischen-)Ergebnisse nicht nur für Hannover, sondern noch für drei weitere Städte: Nürnberg, Münster und Altenburg in Thüringen. Alle vier haben gemeinsam, dass dort Initiativen von der „Basis“ den Wettbewerb „Stadt gemeinsam gestalten!“ mit ihren Konzepten gewonnen haben. Das Bundesinstitut für für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) als Ausschreiber des Wettbewerbs im Rahmen der „Nationalen Stadtentwicklungspolitik“ förderte die Siegerteams drei Jahre lang finanziell bei der Umsetzung ihrer Ideen. Und dieser Band führt nun abschließend durch die vier Projektlandschaften, die nicht in jedem Fall gleich blühende waren oder schon sind, aber doch wenigstens auf dem Wege dazu.

Das Schöne daran? Da gibt es vieles: Erstens sieht das Buch dank der konzipierenden und ausführenden Agentur Behnken, Becker & Partner absolut nicht aus wie die amtliche „Abschlusspublikation“, die sie nun mal eigentlich ist. Sondern mehr wie das wuselnde, kreative Gesamtkunstwerk, das die Initiativen und Projekte der vier Städte darstellten.

Das neugierig machende und kleinteilige journalische Prinzip „Wundertüte“ verdankt sich – zweitens – auch der Tatsache, dass der Kunde große Freiheit bei der Umsetzung zuließ, sowohl gestalterisch als auch journalistisch. Rein optisch kommt dann so etwas dabei heraus:

Für mich als Autor war faszinierend, dass ich die Protagonisten in Hannover auf ausführlichen journalistischen Streifzügen kennenlernen durfte, ihre Schauplätze erkunden und so jede Menge Reportage in die Texte einfließen lassen konnte. Das Resultat ist bei so viel Aufwand dann eben nicht nur Floskel, Phrase und Statistik, sondern sehr viel authentische Atmosphäre, viel nachdenkliche Reflexion der Macherinnen und Macher. Was optimal ergänzt wird durch die stimmungsvollen und menschlichen Bilder des jungen Hannoveraner Fotografen Aristidis Schnelzer, mit dem ich durch Hannover zog.

Drittens war bei diesem Buch außergewöhnlich, dass ich ausdrücklich ermuntert wurde, auch mal kritisch hinter die Kulissen zu schauen: Was ging schief in Hannover? Warum haben manche Projektideen nicht gleich gezündet? Warum kam es zwischendurch auch mal zu Streit und Resignation? Das alles nämlich ist ganz normal, wo viele junge Köche im selben Brei rühren und viele Menschen gute Ideen beisteuern wollen, aber nicht alle denselben langen Atem bei der Realisierung haben. Wichtig ist, dass man draus lernt. Und was man gelernt hat, das versuche ich in diesem Buch auch zu vermitteln.

Die letzte gute Nachricht zu „Stadt gemeinsam gestalten!“: Das Buch ist von Amts wegen kostenlos erhältlich. Entweder als PDF oder auch, solange der Vorrat reicht, als aufwändig gestaltete Druckversion. Wenn Ihnen Stadtplanung „für alle“ am Herzen liegt, kann ich Ihnen dieses Werk guten Gewissens empfehlen.

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