Das kalte Schweigen des „Spiegel“. Ein offener Brief.

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Lieber Janko,

wir waren in lange vergangenen Zeiten Kollegen bei der „Woche“, als die heile Welt des Westens am 11. September gerade zum ersten Mal in Scherben fiel. Es wurde damals in der Redaktion ein langer Tag und eine lange Nacht für uns, als wir im Chaos des Nichtwissens um eine Deutung dieses welterschütternden Ereignisses rangen. Rückblickend, 14 Jahre später, habe ich den Eindruck: Alles, was unsere „freien“ Gesellschaften heute prägt und bedroht, war an jenem Tag wie in einer Kristallkugel bereits sichtbar. Nur haben wir die Kristallkugel damals noch nicht dechiffrieren können.

Ich bewundere, wie Du später Deinen Weg zum „Spiegel“ gegangen bist und was Du dort seither im Wirtschaftsressort und bei SPON geleistet hast. Aber mit Deinem gestrigen Pegida-Kommentar „Das wird man ja wohl noch verschweigen dürfen“ bist Du, ebenso wie Dein Magazin und eine 99-Prozent-Mehrheit der deutschen „Meinungsführer“, vollständig auf dem Holzweg. Auf einem höchst gefährlichen Holzweg.

Manifest-Journalismus statt Fragen und Antworten

Es ist ein Weg, den der „Spiegel“ beim Thema Fremdenangst, Flüchtlinge und Migration konsequent beschreitet – und auf dem ich ihm als Abonnent seit dem in Titelform gegossenen Manifest „Dunkles Deutschland / Helles Deutschland“ nicht mehr folge. Im dunkeln Deutschland zünden „Rechte“ Flüchtlingsheime an. Im hellen Deutschland lassen bunte Menschen bunte Ballons in einen strahlenden Himmel steigen. „Es liegt an uns, wie wir leben wollen“, stellte uns Dein Magazin zackzack vor die Wahl. Aber ich  abonniere nur ein Blatt, dessen Journalisten in erster Linie beschreiben, was ist und warum es ist, nicht was ihrer Meinung nach sein sollte.

Du möchtest also, dass die Medien Pegida-Demonstrationen und Ansichten von zugelassenen Parteien wie der AfD be- oder besser verschweigen. Wie ein Kind, das sich die Finger in die Ohren stopft und „Bähbähbäh!“ schreit, wenn ihm jemand unliebsame Wahrheiten über sein nicht aufgeräumtes Zimmer vorhalten will, willst Du kollektiv verschweigen und nicht wahrhaben, was nicht sein soll.

Nicht verschweigen willst Du Ausschreitungen und Gewaltexzesse von „rechts“, auf diesem Auge ist der „Spiegel“ bekanntlich alles andere als blind, da ist er im Bewusstsein einer historischen Mission lautstark und volltönend. (Zu Recht, zu Recht! Doch was ist mit faschistoiden Gewalttaten der „Antifa“, jedes Jahr beim Hamburger Schanzenfest – gehören die nicht in Euren Augen eher zum liberalen Lokalkolorit der weltoffenen Hansestadt Hamburg?)

Die ausgeblendete Parallelwelt

Nein, verschweigen willst Du Argumente und – vor allem – quälende Fragen. Die stellen diese Menschen, die Du nicht mit der Kneifzange anfassen möchtest.  Und diese Menschen stehen vor diesen Fragen, die ihnen niemand beantwortet, jeden Tag und jede Nacht. Denn sie leben nicht in den idyllischen Häuschen von „Spiegel“-Redakteuren hinterm Elbdeich, wo die Kinder in wohlbehütete und gut beleumundete Schulen gehen.

Sie leben, überwiegend, in einem Paralleluniversum, zu dem die bürgerlichen Medien schon lange fast alle Brücken abgebrochen haben. Dort gibt es keine „Spiegel“-Abos (also auch keine Zielgruppe, auf deren Interessen man Rücksichten nehmen müsste?). Dort gibt es zunehmend brutale Konkurrenz um knappe Ressourcen wie Arbeit, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Alterssicherung, um Reste von Schulbildung statt nurmehr Sozialarbeit. Immer drangvollere Enge, immer mehr Unterbietung bei Löhnen, immer weniger vertraute Strukturen, immer mehr Fremde, immer weniger (Sprach-)Verstehen, immer weniger Heimat.

Und hat diese Menschen jemand gefragt? Hat man sie, wie es die Demokratie doch verlangt, um ihre Zustimmung zu einer beispiellosen und nach allem Ermessen nicht endenden Einwanderungswelle gebeten? Nicht einmal ansatzweise. Es war nämlich genau so, wie Du selbst schreibst: Die Kanzlerin höchst eigenmächtig hat die Flüchtlinge und Migranten eingeladen, weil sie sich ihrer Machtbasis sicher glaubte (und vielleicht, ergänze ich, nach dem Friedensnobelpreis schielte). „Wohl kaum sonst“, schreibst Du, „hätte Machtpolitikerin Angela Merkel so beherzt Partei für sie ergriffen, wenn sie nicht ein Klima der Aufgeschlossenheit unter der Bevölkerung wahrnehmen würde.“

Mutti  von Gottes Gnaden

Da „nimmt“ also eine Monarchin in ihrer sphinxhaften Weisheit etwas „wahr“,  setzt sich mal schnell über ein Dutzend deutsche und europäische Gesetze und Normen hinweg, konsultiert niemanden, weder ihr Volk noch ihre europäischen „Partner“, und entscheidet von Gottes Gnaden, was dieses Land nun in eine andere Republik verwandeln könnte. Kein Problem für den „Spiegel“?  Vielleicht nicht, denn seine Journalisten wähnen sich im selben Boot mit ihr.

Aber für diese Menschen, von denen nur ein Bruchteil zu Pegida-Demos geht (vielleicht aus begründeter Angst vor Stigmatisierung als „Nazi“?), ist es ein enormes, ein existenzielles Problem. Und sie werden nicht gefragt, weder von der Regierung, noch vom „Spiegel“, der ihre Ängste und Argumente lieber be- und verschweigen möchte, als glaubwürdige Antworten zu geben oder gangbare Lösungen anzubieten.

Du wagst eine steile These: Weil die Parteien des rechten Randes insgesamt weniger als 10 Prozent der Stimmen hielten, gelte im Umkehrschluss: „Mehr als 90 Prozent der Deutschen wollen mit diesen Leuten nichts zu tun haben. “ Da wäre ich sehr, sehr vorsichtig. Wenn ich Bilder von Pegida-Demonstrationen sehe, sehe ich im Fußvolk sehr viele ganz normale Menschen, die meine Nachbarn oder Freunde sein könnten, aber vielleicht nicht das Privileg hatten, Rhetorikkurse und Politikseminare zu belegen. (Ja, ich sehe auch Nazis am Rande der Demos, vielleicht einen für je hundert (klein-)bürgerliche Demonstranten. Und stimme Dir zu: Diese Nazis sollten, ähnlich wie mancher Redner und Brandsatz-Werfer bei linksradikalen Aufmärschen, am besten nicht da sein. Aber sie sind da und sie sind ein Problem.)

Obwohl Du mit „diesen Leuten“ nicht reden und ihre Ängste nicht wissen möchtest, scheinst Du sie aber ganz genau zu kennen, denn Du weißt, dass es keine richtigen Deutschen sind: „Die Deutschen sind kein Volk von Wirtshausschlägern, sie igeln sich nicht ein, sie wollen nicht mehrheitlich ein ausländerfreies Deutschland, wie uns der rechte Rand glauben machen will.“ Dabei ahnst Du ebenso sicher wie ich, dass die allermeisten Montagsdemonstranten weder Wirtshausschläger sind noch ein ausländerfreies Deutschland wollen (wohl aber eine sinnvolle Einwanderungsregelung und Schutz vor religiösem Fanatismus), unterstellst es ihnen es aber dennoch schlankweg, um dich umso müheloser darüber erheben zu können.

Das ist Polemik? Ja sicher, aber sehr billige Polemik. Statt zuhören. Statt Fragen. Statt Antworten. Es ist jener wohlfeile Manifest-Journalismus, zu dem neben dem „Spiegel“ auch die übrigen staatstragenden Meinungsmedien reflexhaft Zuflucht nehmen. Es ist das kalte Schweigen des „Spiegel“. Und euch wundert das Etikett der „Lügenpresse“, das Du Dir selbst in Deinem Kommentar versuchsweise und nur halb selbstironisch anheftest?

Überwindet eure Fremdenangst!

Es liegt an ehemals für kompromisslose Recherche und bohrende Fragen bekannten Magazinen wie dem „Spiegel“, diese Menschen für dieses Gesellschaftssystem – und vielleicht den „Spiegel“ – zurückzugewinnen, wenn es die Politik schon nicht tut. Ihr müsst das Paralleluniversum betreten und dabei Eure eigene Fremdenangst (nämlich die vor fremden Weltbildern und fremden Sorgen) überwinden. Schafft Ihr das nicht, werden von Tag zu Tag mehr aus diesem System aussteigen. Mit viel umfassenderen und radikaleren Folgen, als wir alle uns das heute ausmalen mögen.

Ich wünsche Dir, Janko, in meinem und unser aller Interesse, dass Du in Deiner Schlüsselposition bei SPON einen entscheidenden Beitrag zu diesem Brückenschlag leisten kannst – und darfst.

In alter Verbundenheit,

Oliver