Szenario für morgen

Das nur mal nebenbei:

Morgen, am 10. Oktober, ist der Jahrestag der Gründung der nordkoreanischen „Arbeiterpartei“.

Kenner des Landes halten es für möglich, dass der Gewaltherrscher Kim Jong-un diesen symbolischen Tag nutzt, um als weitere Machtdemonstration gegenüber den USA eine Langstreckenrakete testen zu lassen, die auch US-amerikanisches Festland erreichen könnte.

Auf dieses Event jiepert seit Wochen der nach übereinstimmender Einschätzung führender Psychologen knallverrückte amerikanische Wahnsinnsherrscher Donald Trump. Schon im Wahlkampf hatte er mehrmals – öffentlich dokumentiert – gefragt, warum man Atomwaffen denn nicht auch einsetzen könne, wenn man sie schon zu Tausenden besitzt.

Der Test würde Trump den letzten Vorwand bieten, einen „präventiven“ atomaren „Enthauptungsschlag“ gegen, sagen wir, vermutete Atomwaffenstandorte in Nordkorea abseits der großen Bevölkerungszentren zu führen. Also zum ersten Mal seit 72 Jahren Atomwaffen gegen einen angenommenen Gegner einzusetzen.

Trump ist psychisch derangiert, minderbemittelt und soziopathisch genug, schon morgen (d.h. in den nächsten 24 Stunden) Atomwaffen gegen Nordkorea einzusetzen. Er hat dann ja, in seiner Wahrnehmung, nicht angefangen. Und er hat immer wieder gewarnt: Man werde Nordkorea mit „fire & fury“ von der Landkarte putzen, es herrsche dieser Tage nur die Ruhe vor dem Sturm, es gebe nur ein Mittel (aber er sage nicht welches, ätsch!) gegen Nordkorea, und der eigene Außenminister verschwende seine Zeit bei Verhandlungen mit Nordkorea. Fast unmöglich, diesen Worten nicht Taten folgen zu lassen, ohne „das Gesicht zu verlieren“.

Für Trump in seiner kranken Weltsicht hat ein solcher Schlag vermeintlich mehrere glasklare Vorteile:

  • Er lenkt ab von den immer näherrückenden Untersuchungsergebnissen zum Einfluss Russlands auf die Ergebnisse der US-Wahl;
  • er gibt ihm Gelegenheit, endlich mal das interessanteste und geheimnisvollste Spielzeug auszuprobieren, das man ihm geschenkt hat: den „nuklearen Fußball“ mit den Angriffscodes.
  • er bringt hervorragende Einschaltquoten und löste in der Vergangenheit den Reflex der Amerikaner aus, sich um ihren „Kriegspräsidenten“ zu scharen;
  • er beweist aller Welt unwiderlegbar, dass sich Trump Dinge traut, die kein anderer US-Präsident und insbesondere nicht Obama gewagt hat;
  • er trifft weder Trump persönlich noch seine Tochter noch irgendjemanden aus seiner weiteren Sippe;
  • und er beweist, dass Trump den längsten nuklearen Pimmel der Welt hat.

Vor allem der letzte Punkt dürfte den „Präsidenten“ von der Genialität seiner strategischen Planungen überzeugt haben. Vielleicht lachen Sie jetzt darüber, aber vielleicht laufen auch die letzten 24 Stunden der Zivilisation, wie wir sie kennen.

Denn wenn Donald Trump erst die Einsatzkoordinaten an seine obersten Generäle gibt, läuft die Befehlskette ganz automatisch und unaufhaltsam bis zu den Waffenoffizieren nach unten durch, welche die Raketen oder Bomben auslösen. Keine Instanz, kein Kongress, kein Verfassungsorgan ist dann noch willens oder in der Lage, daran etwas zu ändern oder Einspruch zu erheben. Die Waffen gelangen ins Ziel.

Danach verzweigt sich das Szenario: Entweder die Amerikaner schalten alle atomaren Stellungen der Nordkoreaner aus, dann ergibt sich entweder das Regime oder es wird von der eigenen, unterdrückten Bevölkerung weggefegt, oder es hält sich in seinen Bunkern am Leben und lässt alle seine konventionellen Raketen und Geschosse auf Südkorea und/oder Japan niederregnen, wodurch ein regionaler Krieg entstünde, der allein in den ersten Stunden -zigtausende Todesopfer bedeuten würde.

Oder den Amis entgeht doch eine atomar bestückte Langstreckenrakete, die sich dann auf den Weg Richtung US-Westküste macht und dort im Falle, dass sie den Wiedereintritt in die Atmosphäre übersteht, eine Millionenmetropole auslöscht.

In jedem Fall sind dann Ziele anfliegende Atomraketen bzw. aufquellende Atompilze auf den Radarschirmen der übrigen nuklearen Mächte zu sehen, die für diese Situationen über gut gedrillte Mannschaften in den stets alarmbereiten unterirdischen Silos und Kommandozentralen verfügen. Und im Zweifelsfall nur über Minuten, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Genießen Sie die nächsten 24 Stunden. Machen Sie vielleicht das, was Sie immer mal machen wollten.

Und wenn wir übermorgen alle noch hier sind, geht Donald Trump in die nächste Runde.

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In your face, Steuerzahlerbund!

Meine Damen und Herren, liebe Kinder, sehr geehrte Hamburger Pfeffersäcke! So sieht Verschwendung von Steuergeldern aus:

Fand zumindest der Bund der Steuerzahler bei der Vorlage seines neuen „Schwarzbuchs“ kürzlich in Berlin. „Kunstfreiheit hin oder her – es ist ein eklatanter Fall von Verschwendung, wenn aus Steuergeldern finanziertes Blattgold an eine Hauswand geklebt wird“, konstatierte der Verein. Es geht um die Vergoldung dieses Sozialwohnungsblocks auf der Veddel, einem der ärmsten Hamburger Stadtteile mit einem Migrantenanteil von vielleicht 80 Prozent.

Satte 85.000 Euro seien hier verschwendet worden, denn profitiert hätte davon vor allem der Künstler Boran Burchhardt, nicht aber die Anwohner. So der Steuerzahlerbund.

Ach ja? Woher weiß das denn der Steuerzahlerbund? Mal gesprochen mit den „Anwohnern“? Natürlich nicht. In welcher Sprache denn auch. Er spricht weder Albanisch noch Russisch noch Arabisch noch Türkisch. Aber er weiß: Die Anwohner profitieren nicht. Klar, denn Blattgold kann man nicht von der Fassade kratzen und in die Suppe tun.

Blattgold kann man nicht in die Suppe tun.

Und doch stehen sie plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihr Haus wird fotografiert. Nicht nur von mir, sondern zeitgleich (!) auch von anderen, gut bürgerlich aussehenden Sonntagstouristen aus den besseren Stadtteilen, die es sonst nie, niemals auf die Veddel verschlagen hätte. Da wird diskutiert, da werden kleine Details beachtet, da wird wahrgenommen. Erstmals wahrgenommen, was sonst immer im Schatten verborgen geblieben wäre.

Sehen Sie, da ist sie wieder: unsere Geteilte und Hansestadt Hamburg. Auf der einen Seite weiße Villen und grüne Gärten, auf der anderen Seite monotone Rotklinkerblocks, so weit das Auge reicht. So gehört das, so geht die Hamburger Apartheid. Und niemand hat daran was zu ändern.

Als ich vor vielen Jahren nach Hamburg zog, da war eine der ersten Lebensweisheiten, die man mir hier mitgab: „In den roten Häusern wird das Geld gemacht, und in den weißen Häusern wird das Geld gezeigt.“ Das ist die Grundordnung des Hamburger Universums. Kratzt jemand daran (oder am Blattgold), dann droht die Sonne sich nicht mehr um die Erde zu drehen. Dann ist Revolution oder Schlimmeres.

In den roten Häusern wird das Geld gemacht, und in den weißen Häusern wird das Geld gezeigt.

Bei den anderen vier Hamburger Steuerverschwendungsprojekten, die es ins bundesweite Schwarzbuch geschafft haben, ging es zwar um teils sehr viel höhere Beträge. Aber da war zumindest das Bürgertum unter sich, um sich die Pfründe von Konto X zu Firma Y gegenseitig zuzuschanzen, wie es sich für eine ordentliche Steuergeldverschwendung gehört.

Aber jetzt? Jetzt wohnen die Daniuns und die Vardars und die Barakats und die Duczeks dieser Welt plötzlich in einem goldenen Haus! Und haben doch gar keine Verdienste um unsere schöne Freie und Hansestadt erworben. Und sind in keinem Senatsarbeitskreis, in keinem Ausschuss der Bürgerschaft, in keiner Patriotischer Vereinigung und in keinem Anglo-German Club je gesehen worden. Am Ende zahlen die nicht mal Steuern!

Ja, Herr Geheimrat, darf denn das sein? Nein, Frau Konsul, das geht gar nicht! Das Pack, es könnte aufmüpfig werden bei so viel Glanz vor Augen. Ich sage immer: Krieg den Hütten, Frieden den Palästen!

Aber wissen Sie was? Der Pöbel, er wird ganz schnell ersticken an seinem vermeintlichen Reichtum, der nicht mal den Immobilienwert steigert. Das gemeine Volk kann doch damit gar nicht umgehen.

Sehen Sie, Herr Landgerichtsassessor, ich sage das nicht gern, aber da hat schon jemand das böse F-Wort in das Blattgold geritzt. Und ein Graffito (die einfachen, ungebildeten Menschen sagen ja gerne fälschlich „Graffiti“ im Singular!) verunziert auch schon die hauchdünne Oberschicht. Verstehen Sie: Oberschicht, als scherzhafter Begriff für das von unseren Steuergeldern aufgetragene Blattgold. Am Sozialwohnungsblock. Köstlich, nicht?

Das vergeht, Frau Konsul, das vergeht.

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Tipp zum Tage

Unzufrieden mit dem Wahlergebnis?

Ihre Mannschaft hat am Wochenende gegen Fortuna Düsseldorf verloren?

Nase schief, Silberblick, ungesunde Gesichtsfarbe?

Machen Sie es wie dieser kleine grüne Freund hier:

Strecken Sie dem Leben die Zunge heraus und lassen Sie mal alle Fünfe gerade sein!

Morgen ist wieder ein neuer Tag.

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Doğan Akhanlı erneut verhaftet

Erneut verhaftet: Doğan Akhanlı (Aufnahme von 1998)

Nun geht es also wieder los, aber diesmal bereits unter den Verhältnissen einer Diktatur. Mein Kölner Kollege Doğan Akhanlı ist heute in Spanien verhaftet worden – auf Veranlassung des türkischen Despoten Recep Tayyip Erdoğan.

Noch ist der offizielle Grund des internationalen Haftbefehls aus Ankara nicht bekannt, auf den die spanischen Behörden jetzt reagiert haben. Voraussichtlich ist es aber ein alter Vorwand, der indes längst entkräftet war.

Doğan Akhanlı ist ein deutscher Schriftsteller mit türkischen Wurzeln, der vom Regime in Ankara in Wahrheit deswegen verfolgt wird, weil er kritisch über die Verhältnisse im Land seiner Herkunft und insbesondere über den türkischen Völkermord an den Armeniern geschrieben hat. Das genügt heute in der Türkei, um Erdoğans Schergen ausgeliefert zu werden.

Spiegel online hält das in einer ersten Reaktion für eine neue Machtdemonstration des Gewaltherrscherschers gegenüber seiner „Flüchtlingsdeal“-Partnerin Merkel in Berlin. In dem Fall wäre der Menschenrechtsaktivist und Autor, rechtzeitig zum Bundestagswahlkampf, ein weiteres menschliches Faustpfand des Antidemokraten Erdogan – nach dem Muster des deutsch-türkischen „Welt“-Korrespondenten Denis Yücel, der seit Anfang des Jahres in türkischer Haft sitzt.

Ich kann hier in aller Eile nur wiederholen, was ich schon bei der Verhaftung im Jahr 2010 geschrieben habe:

Da ich Doğan in Kölner Zeiten während seiner Arbeit an dem fraglichen Roman „Die Richter des jüngsten Gerichts“ auf einer gemeinsamen Reise kennenlernte, konnte ich mir selbst ein Bild von ihm machen – es versteht sich von selbst, dass es alles andere als das Bild eines Verbrechers ist.

Er kauerte – die Sitze in dem Bus des alternativen Reiseunternehmens waren zugunsten von Matratzen ausgebaut worden – selbst während der Fahrt an seinem Laptop und schrieb an seiner ersten Romantrilogie “Die verschwundenen Meere”, die ihn wenige Jahre später in der Türkei mit einem Schlag berühmt und berüchtigt machen sollte.

Denn in deren dritten Teil geht es um den Vorwurf des Völkermords der Türken an den Armeniern 1915-17, unter Erdogan mehr denn je ein Tabu in der Türkei. Doğan war der erste, der dieses Tabu als Schriftsteller brach – weil er die Wahrheit suchte, und weil er selbst schwerstes Unrecht erlitten hatte: Von der Militärjunta in seinem Heimatland nach dem Putsch 1980 waren er und seine Frau – vor den Augen seines kleinen Sohnes! – gefoltert worden, weil er zum “revolutionären” kommunistischen Untergrund gehörte.

Später gelang ihm und seiner Familie die Flucht ins Exil nach Köln. Er hatte sich längst von der “revolutionären kommunistischen Partei” und ihrem rigiden Totalitarismus losgesagt.

Nach seiner Verhaftung 2010 hatten sich viele deutsche Schriftstellerkollegen für Doğan eingesetzt. Nur in Hamburg hatte man durch Zurückhaltung geglänzt.

Nach seiner Verhaftung 2010 hatten sich viele deutsche Schriftstellerkollegen und Prominente aller gesellschaftlichen Lager für Doğan eingesetzt. Nur in Hamburg hatte man durch Zurückhaltung geglänzt. Mir war es damals nicht gelungen, irgendeine der vermeintlich zuständigen Institutionen vom Kulturforum über das Literaturhaus bis hin zur Hamburger Stiftung für politsche Verfolgte für seinen Fall zu interessieren.

Man winkte hanseatisch gediegen ab, hatte andere Sorgen, keine Zeit oder ließ unter der Hand durchblicken, womöglich könne ja doch was dran sein an den Vorwürfen. Da ging man lieber kein Risiko ein.

Damals, vor sieben Jahren, ist Doğan Akhanli am ersten Prozesstag in der Türkei freigekommen und konnte nach Deutschland zurückkehren, da „kein dringender Tatverdacht“ bestehe. Ob das unter den heute enorm verschärften Vorzeichen eines Unrechtsstaates noch einmal so ausgeht, falls Spanien den Schriftsteller an die Türkei ausliefert, ist mehr als fraglich.

Es wird wohl Zeit, aufs Neue für die Freiheit des Wortes auf die Barrikaden zu gehen. Diesmal ja womöglich sogar in Hamburg.

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Von der Flüchtlings- zur Medienkrise: Zeugnis eines Komplettversagens

Dies ist ein Thema, über das ich kaum noch schreiben mag, weil es mich als gelernten Journalisten zu sehr mitnimmt. Die kleine Genugtuung, mich nun bestätigt fühlen zu dürfen, teile ich mit Millionen Menschen, die zeitweilig ihre Stimme verloren hatten. Sie wiegt die Erfahrungen seit 2015 nicht auf.
Neuankömmlinge am Hamburger Hauptbahnhof, Oktober 2015

Der Journalismusprofessor Michael Haller hat dieser Tage eine viel beachtete Studie vorgelegt, die das journalistische Gebaren und die Berichterstattung deutscher Leitmedien während der dramatischen Flüchtlings- und Migrantenwelle der Jahre 2015/16 in Grund und Boden analysiert. Haller ist, das muss man in diesem Zusammenhang ausdrücklich vorausschicken, des „rechten Populismus“ völlig unverdächtig. Er ist ein renommierter und erfahrener Forscher, wissenschaftlicher Direktor des Europäischen Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJK). Zuvor war er mal 13 Jahre beim „Spiegel“, danach Redaktionsleiter bei der „Zeit“, die beide als linksliberal gelten.

Auch der Auftraggeber der Studie, die Otto-Brenner-Stiftung, ist nicht gerade als „rechts“ verschrien, im Gegenteil. Sie ist die Wissenschaftsstiftung der sozialdemokratisch bis „links“ angesiedelten IG Metall. Dass die Stiftung dieses Papier von Haller überhaupt publiziert hat, grenzt angesichts der Wagenburgmentalität („fortschrittlich-zukunftsfähig“ vs. „rechts“) im vermeintlich progressiven und diskursbildenden Teil der heutigen bundesdeutschen Gesellschaft an ein kleines Wunder. Ein Wunder, das ein wenig Hoffnung macht.

Die deprimierenden, aber nicht überraschende Ergebnisse bestätigen, was ich damals in allen Poren gefühlt habe.

Die Studie selbst kommt zu deprimierenden, aber mich keineswegs überraschenden Ergebnissen. Sie bestätigen nur Wort für Wort, was ich damals in allen Poren gefühlt habe und was mich bis heute mit professioneller Fremdscham überschwemmt. Die meinungsbildenden Medien des Mainstreams von Welt bis SZ, aber auch die Lokal- und Regionalzeitungen, haben in der „Flüchtlingskrise“ so gut wie alles falsch gemacht. Sie haben dabei die kostbaren Reste ihres Vertrauenskapitals bei zahllosen potenziellen Käufern und Abonnenten in einer Weise verspielt, deren Folgen erst langsam deutlich und für die ohnehin geschwächten Verlage existenziell spürbar werden.

Haller und sein Team haben weit mehr als nur stichprobenartig analysiert. Sie haben alles in allem rund 35.000 journalistische Texte aus der Zeit zwischen Frühjahr 2015 und Frühjahr 2016 erfasst und nach verschiedenen Verfahren ausgewertet. Das Versagen der Journalisten, Verlage und selbst ernannten Agenda-Setzer bescheinigen sie Punkt für Punkt.

Da wäre erstens die mit der Migrationswelle korrespondierende Flut der Beiträge in den ersten Wochen und Monaten des Dramas. Wenn Online-Ausgaben in dieser Zeit pro Tag bis zu 17 Nachrichten allein zu diesem Thema brachten, attestiert ihnen Haller eine „sehr schwache Selektionsleistung der Newsredaktionen“. Aus dem chaotischen, qualitativ wie quantitativ ungewichteten Gewimmel der Reaktionen und Soundbites zum ebenso ungesteuerten Zustrom von Menschen kristallisiert sich dann langsam das Bild heraus, dass „in den östlichen Bundesländern eine gewalttätige Szene agiert. Diese wird pauschal als Dunkeldeutschland etikettiert und damit ausgegrenzt.“

Ich erinnere mich noch gut an die alternativen Titelbilder derselben Spiegel-Ausgabe zum Thema, „wie wir leben wollen“: als helles, lichtes Land, in dem programmatisch bunte Luftballons zum Himmel aufsteigen, oder als Dunkeldeutschland, das im Finsteren Flüchtlingsheime anzündet. Dabei hätten die tausend Grautöne zwischen diesen Extremen die Wirklichkeit abgebildet. Doch mit diesem journalistischen Grundsatz hatten die Agendasetter nichts am Hut. Nicht wie es ist, sollten wir erfahren, sondern wie es sein soll.

Du hast Zweifel oder Einwände? Du bist rechts und außen vor.

Fast jeder fünfte Text zum Thema war in jenen Monaten in deutschen Leitmedien ein Kommentar – eine extreme Meinungsfreudigkeit der Redaktionen, völlig ungestützt durch gründliche analytische Aufarbeitung der Sachlage: „Fachleute und Experten, die über akute Problemfelder (…) Auskunft geben könnten, kommen praktisch nicht vor.“

In der Praxis war es noch schlimmer: Wenn man damals aufgrund speziellen Wissens oder Trainings Probleme mit der unhinterfragbaren, absoluten „Willkommenskultur“ – über die noch zu reden sein wird – äußerte, war man ganz schnell „rechts“. Und das war und ist in der Neusprech der sogenannten Fortschrittlichen gleichbedeutend mit rechtsradikal oder auch gleich nationalsozialistisch. Ich habe es am eigenen Leib erlebt, und es hat sich nicht gut angefühlt. Man konnte noch so sehr betonen, dass Deutschland grundsätzlich sehr gute Gründe hat, auch eine Million Migranten (zeitweise) aufzunehmen. Es half nichts: Du hast Zweifel oder Einwände? Du bist rechts und außen vor.

Wer eine Meinung äußern darf, sind – natürlich neben den führenden Journalisten selbst – vor allem Politiker. Aber nicht alle: „Die in zahlreichen Bundesländer- und Kreisparlamenten vertretene AfD kommt in dieser Kategorie praktisch nicht vor.“ Dass ein guter Journalist mit allen redet, um sich ein umfassendes Bild der Stimmungslage der politischen Lager zu machen, klingt für die Meinungsbildner von damals wie eine Maxime von einem anderen Stern. Sie ist es bis heute geblieben.

Dass ein guter Journalist mit allen redet, schien wie eine Maxime von einem anderen Stern

„Die Berichterstattung in den drei Leitmedien (Welt, FAZ, Süddeutsche; Anm. OD) ist zu großen Teilen auf die (partei)politische Arena der Koalitionspartner fixiert. Diejenigen, die sich in den Behörden und Einrichtungen um die Bewältigung der ungeheuren Aufgaben und Probleme des Vollzugsalltags kümmerten, erscheinen aus der medial vermittelten Sicht der politischen Elite als nicht relevant.“ Bloody experts, what have they ever done for us?

„Der journalistische Qualitätsgrundsatz, aus neutraler Sicht sachlich zu berichten, wird in rund der Hälfte der Berichterstattungen nicht durchgehalten. Insbesondere die Art und Weise, wie über die Positionierung eines Politikers berichtet wird, ist (…) bei Vertretern der Opposition mitunter auch ‚von oben herab‘. Zudem schreiben die Korrespondenten nicht selten in einer Diktion, die persönliche Nähe, auch Vertrautheit zur politischen Elite suggeriert.“ Das nämlich ist für die Angehörigen des medial-politischen Komplexes so viel wichtiger als eine distanzierte Grundhaltung, die dem Leser Orientierung erlauben würde.

Die Folge: „Bis zum Spätherbst 2015 greift kaum ein Kommentar die Sorgen, Ängste und auch Widerstände eines wachsenden Teils der Bevölkerung auf. Wenn doch, dann in belehrendem oder (gegenüber ostdeutschen Regionen) auch verächtlichem Ton. Kaum ein Kommentar während der sogenannten Hochphase (August und September) versuchte eine Differenzierung zwischen Rechtsradikalen, politisch Verunsicherten und besorgten, sich ausgegrenzt fühlenden Bürgern.“ Wenn man journalistischen Selbstmord begehen möchte – genau so muss man es machen.

Willkommenskultur: ein Wolfswort im Schafspelz, gezielt in Umlauf gebracht

Jetzt aber zur „Willkommenskultur“, diesem Wolfswort im Schafspelz. Haller und sein Team haben die Genese dieses passiv aggressiven Kampfbegriffs verdienstvollerweise zu seinen Wurzeln zurückverfolgt. Hätten Sie gedacht, dass es von den Lobbyisten der Wirtschaft geprägt worden ist? „In der Zeit nach 2005 hatten die Industrie- und Arbeitgeberverbände von der Politik eine solche Haltung gefordert, um für als Arbeitskräfte dringend benötigte qualifizierte Migranten Aufnahmeerleichterungen zu bekommen und ein weniger fremdenfeindliches Klima zu schaffen.“ Damals gab es sie nämlich noch, die Aufnahmebeschränkungen. Man hielt sie für normal. Die CDU hatte sogar noch bis nach der Jahrtausendwende über Punktsysteme zur Steuerung von Einwanderung debattiert. Bis die Merkelflüsterer der Industrie ausschwärmten.

In den Folgejahren wurde das Willkommenskultur-Narrativ erst von fast allen Bundestagsparteien in ihre Programme aufgenommen und später „auf der regionalen und lokalen Ebene umgedeutet zu einer ‚Haltung‘, mit der Wohlmeinende auf die von der Wirtschaft benötigten Migranten zugehen sollten.“ Und als dann die Welle von 2015 auf dem Höhepunkt war, „wurde die anfangs opportunistisch verstandene Formel zur moralisch aufgeladenen Maxime einer ’neuen Willkommensgesellschaft‘ ausgedehnt. Wer Skepsis anmeldete, rückt in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit.“ Und alle, alle einschlägigen Zeitungen machten mit: „Wenn in der Presse Kritisches zu Wort kam, dann im Sinne einer weiter zu stärkenden und zu verbessernden, kurz: ’neuen‘ Willkommenskultur.“

Um den Deckel draufzumachen: „Die Textanalysen belegen (…) einen hohen Gleichklang zwischen den Politiker- und den Medienaussagen.“ Den Politikeraussagen, wohlgemerkt, die zunächst von der Wirtschaft diktiert worden waren.

Auch hier eine persönliche Erinnerung an 2015: Kaum waren die Grenzen von der Kanzlerin für ausnahmslos alle geöffnet worden, forderten Arbeitgebervertreter und ihre Apologeten das „Aussetzen des Mindestlohns“. Natürlich nur, um alle diese Menschen zügig in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Dass der Mindestlohn die bereits in Deutschland Arbeitenden vor dem Verlust ihrer Existenz schützen sollte: unhinterfragbar. Willkommenskultur!

„Die Sorgen und Ängste vieler Menschen werden vorübergehend thematisiert.“

Erst die Silvesternacht 2015/16 lässt die Medien – zumeist mit tagelanger Verspätung – verkatert aufwachen. Plötzlich wird unter dem Schock der Ereignisse das Thema „Flüchtlinge in Deutschland“ laut Haller differenzierter dargestellt. „Die Sorgen und Ängste vieler Menschen zumal in den Großstädten  werden vorübergehend thematisiert.“ Das muss man sich mal vorstellen, nach all dem bis hierher mühsam Gelernten: „vorübergehend“.

Doch das Kind war schon in den Brunnen gefallen. Die Folgen dieses reflexhaften oder gar absichtsvoll diskursbestimmenden Pseudo-Journalismus sind bis heute dramatisch: ein Abwandern frustrierter und getäuschter Leser in die Foren und Parallelwelten der Sozialen Medien, um sich nur noch in den jeweils eigenen Filterblasen gegenseitig zu bestätigen. Kein pluralistischer Meinungs-Input mehr von außen, denn nach der „vorübergehenden“ Läuterung und Öffnung sind die eingeschliffenen Meinungsmuster der Meinungsmacher heute schon wieder munter dabei, sich „alternativlos“ zu gerieren. Wieder und weiterhin werden Skeptiker und Opfer der fortdauernden gesellschaftlichen Umgestaltung als unvermeidliche Kollateralschäden behandelt. Wenn sie überhaupt behandelt werden.

Es müssen Hunderttausende bis Millionen sein, die den Verlagen (und Sendern) hier verloren gegangen sind. Menschen, nicht Euro.

Michael Haller und der Otto-Brenner-Stiftung ist zu danken. Sie haben den Medien, aber auch der gesamten „Meinungs-Elite“ dieses Landes den Spiegel vorgehalten und einen letzten Weckruf gewährt. Wenn diese nun nicht aufwachen, ist für sie keine Rettung mehr.

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Im Dorf der absoluten Zeit

Zu Besuch in Garding, wo die Uhren anders gehen und die Schaufenster reine Antimaterie feilbieten – im günstigsten Fall. Schlimmstenfalls hingegen trifft einen hier der Urknall, wenn man zu weit die Enge Straße hinunterwandert.

Regelmäßige Zeilensturm-Leser (und wer wäre das nicht?) wissen, dass es mich immer wieder in bemerkenswerte Ortschaften abseits der ausgetretenen Pfade verschlägt, etwa nach Dillingen, Viersen oder Büchsenschinken.

So kam ich zuletzt auch in das schleswig-holsteinische Dorf Garding (2600 Einwohner). Es nennt sich vermutlich unter Ausnutzung irgendwelcher mittelalterlicher Stadtrechte stolz die „Mommsen-Stadt“, weil hier Theodor Mommsen geboren wurde, der einzige Historiker, der jemals einen Literaturnobelpreis erhielt (1902). Mommsen sah aus wie eine verfrühte Ausgabe des verrückten Zeitreise-Wissenschaftlers Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“, und das muss wohl ein Omen gewesen sein.

Denn ich schwöre, mit Garding stimmt etwas nicht. Ich vermute einen Riss im Raumzeit-Kontinuum, eine durchaus ernste Sache. Der Riss, der normalerweise ein Wurmloch in eine andere Dimension bzw. ein Paralleluniversum öffnet, scheint rund um den zentralen Kirchplatz und weiter entlang der Engen Straße  zu verlaufen. Auf diesen wenigen hundert Metern ballt sich die Merkwürdigkeitendichte derart, dass das zugehörige Antimaterie-Gravitationsfeld vermutlich bereits seinen eigenen Masseschwerpunkt in Dunkle Energie verwandelt hat oder was weiß ich.

Auf jeden Fall gehen in Garding die Uhren anders. Hier bitte, das altansässige Uhrenfachgeschäft Schulz:

Und jetzt gehen wir nur fünf Schritte weiter, das dauert vielleicht acht Sekunden, drehen uns um und blicken wieder hinauf:

Gemerkt? Herr Schulz löst übrigens gerade seinen Laden auf, so scheint es, vielleicht sogar in Antimaterie, womit er den Weg vieler früherer Fachgeschäfte in diesem wirtschaftlich nicht unbedingt prosperierenden Ort geht. Jedenfalls gibt es auf Armbanduhren und Eheringe und Krawattennadeln mit maritimen Motiven und Zinnteller für die Wohnzimmerwand gerade 50 Prozent Rabatt. Herr Schulz ist dem Vernehmen nach schon sehr betagt und DER Experte für das Reaparieren alter Uhren, sodass ihm ein Ruf wie Donnerhall bis ins 12 km entfernte Touristen-Eldorado Sankt Peter-Ording  vorauseilt.

Allerdings, so meine Quelle, lagere er die kaputten alten Uhren auch gerne erst mal ein Jahr lang in seiner Werkstatt, um zu beobachten, was ihnen fehlt. So viel Zeit muss sein. Unterdessen kann man sich ja mal für seine Neuware in der Auslage interessieren. Für Neuware von ca. 1979:

Man beachte aber die Auspreisung in Euro, den es erst seit 2002 gibt! Ein Quanten-Paradoxon erster Güte! Ich sag ja, hier gehen die Uhren anders. Bei Herrn Schulz gilt nicht Einsteins allgemeine Relativitätstheorie, sondern die berüchtigte „absolute Zeit“. Und zwar dank einer Technologie, die meines Wissens erst nach dem Warp-Antrieb entwickelt wurde bzw. entwickelt werden wird:

Von dieser kosmischen Zeit-Verabsolutierungsstation im Singularitäten-Fachgeschäft Schulz aus strahlt das Unwahrscheinlicheitsfeld nun also mitten durch die alte Backsteinkirche hindurch, und dann immer die Enge Straße runter. Gleich an deren Beginn trifft es auf dieses Schaufenster:

Was mag das für ein Laden sein? Ein Klempnereibetrieb? Eine Rohreinigerbedarfshandlung? Das Labyrinth des Dr. Mabuse? Nun, der „Dr.“ ist schon gar nicht so verkehrt. Denn es handelt sich – ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort – um eine allgemeinärztliche Praxis. Vielleicht kuriert man hier besonders erfolgreich Darmverschlüsse.

Garding und seine Schaufenster. Ich weiß nicht, was sie hier für einen bizarren Wettbewerb am Laufen haben – „Unser Dorf soll irrer werden“? Kaum zwei Häuser weiter nämlich äußert der Besitzer dieser vollkommen zweckfreien, aber immerhin prilblumengeschmückten Scheibe eine freundliche Bitte:

Diesen Aufkleber gibt es gleich zweimal. Es scheint also ein wirklich lästiges Problem zu sein. Wohlgemerkt: Hinter der Scheibe wird nichts ausgestellt. Irgendwann stößt der Blick an eine Store-Gardine, das war’s. Und die Klebeblumen. Kein Schild, kein Name, kein garnix. Trotzdem gehen hier die Menschen vorbei und klopfen. Ob sie die Blumen für Mimosen halten, die auf Berührung hin ihre Blätter schließen? Aber irgendwann muss es doch auffallen, dass nichts geschieht. In dem Schaufenster, in dem nichts zur Schau steht.

Vielleicht sollte man mal an einer der benachbarten Türen klingeln, wenn man schon nicht ans Fenster klopfen darf? Am Klingelschild wird doch sicher ein Name stehen, und dann könnte man Herrn oder Frau Schmidt mit den inzwischen aufgelaufenen Fragen über Garding bestürmen. Aber nein, natürlich nicht:

„Jo, bidde?“

„Driesen mein Name, Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Klingeltaster ohne Beleuchtung, aber was stimmt mit Ihrem Dorf nicht, wenn ich fragen darf?“

„Moment mol! Wie ham’se mech denn geefundn, ohne Beleuchtung? Do stimmtoch wat nech! Sie sinn sicha een vun deese Trickbetrügers, die rechtschoffene Menschn überfolln!“

„Nein, nein, ich möchte nur mit Ihnen über Antimaterie und Unwahrscheinlichkeitsfelder sprechen, bzw. über Gott, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Wat? Achsoo, nee, da müssen Sie schon wartn, bisdat mine Fruu weer tohuus is. Die is bij uns für dat Karitative zustännig!“

„Dafür habe ich absolut keine Zeit bzw. keine absolute Zeit! Können Sie mir wenigestens sagen, ob man der Gastronomie bei Ihnen im Ort noch trauen kann?“

„Ich sech goarnix mehr. Außer: Gehn Sie man vor zur Gaststätte, do wer’n Sie Ihr blaues Wunner erlehm!“

Gesagt, getan. Und natürlich: Das Zeichen des Teufels. Gleich unterhalb der beiden jungen Birken, die aus dem Speise- und Schankbetrieb herauswachsen.

Dann doch lieber auf die andere Seite der Engen Straße, wo der örtliche Migrationshintergrundbetrieb seine Köstlichkeiten auf einer witterungs- und UV-beständigen Hartfaserplatte an der Fassade bewirbt. Denn mittlerweile habe ich schrecklichen Hunger.

Nein, doch nicht.

Ich bin am Ende. Es gibt hier nichts für mich, und schon gar keine Antworten. Nur Schaufenster und Werbeflächen ohne erkennbaren Bezug zur Wirklichkeit. Vor dem letzten dieser Vexierbilder in der Engen Straße stehe ich und starre stumpf durch eine weitere Scheibe. Ein ausgestopfter Vogel mit einem für eine Spottdrossel zu langen Schnabel starrt teilnahmslos an mir vorbei statt zurück. Aber er verspottet mich trotzdem. Ganz zu schweigen von der hässlichsten Hexenfigur, die ich außerhalb des Harzer Mittelgebirges jemals zu Gesicht bekommen habe.

Was, Garding, stimmt nicht mit dir?

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Wir

Sommerfrische in Sankt Peter-Ording. Und plötzlich ist Deutschland noch einmal ganz bei sich. Warum sortiert sich das im Urlaub so, entgegen allen Völkerwanderungsströmen?

Keine Kopftücher. Keine „Burkinis“, keine die weibliche Körperform verdeckenden Gewänder. Keine Gruppen arabischer junger Männer. Keine Türken, keine Kurden, keine rumänischen oder bulgarischen Tagelöhner. Keine Bettler vom Balkan. Keine dunkle Hautfarbe – außer tiefengebräunten schwäbischen Rentnern, die nach Zweitwohnsitz auf Mallorca aussehen.

Das Nordseebad Sankt Peter-Ording im Juli 2017. Überall Deutsche – am Strand, in den Restaurants, in den Geschäften. Selbst das Personal, das die Tourismusmaschine am Laufen hält, ist fast ausschließlich „indigen“: dem Anschein nach ohne Migrationshintergrund über Landes- und Kulturgrenzen hinweg, jedenfalls während der zurückliegenden Jahrzehnte.

Das fällt ins Auge, wenn man aus Hamburg kommt. Und ich berichte es ohne Wertung, nur mit Erstaunen, wie sehr es ins Auge fällt. Wie sehr ich mich schon daran gewöhnt hatte, dass Deutschland heute eigentlich anders aussieht. Sich anders anhört, anders anfühlt.

Schlechtes Wetter, gute Luft: St. Peter-Ording

Aber hier ist Nordseestrand, Urlaubsland. Das temporäre Paradies, das Refugium, das wir Deutschen uns schaffen für jene Wochen im Jahr, in denen alles „perfekt“ zu sein hat. Wir Deutschen, die wir Statistiken zufolge aus Angst vor der zunehmend gewalttätigen Außenwelt oder aus Abscheu vor radikaler Ideologisierung unseren Urlaub wieder deutlich öfter im „eigenen Land“ verbringen. USA und Türkei sind out, Sankt Peter-Ording ist in.

Hier sind wir also, jedenfalls eine repräsentative Anzahl von uns. Zeit für Beobachtungen. Und für den Abgleich mit der Erinnerung daran, wie das mal war: wir Deutschen, weitgehend unter uns.

Wir Männer tragen, einem deutschen Naturgesetz folgend, bei jedem Wetter und unter allen Umständen Shorts.

Wir sind immer noch ganz schön viele. Wir sind überall. Die nervig-lauten Nachbarn im Ferienapartment: Rheinländer. Die Sandburgnachbarn: sonnenverbrannte Schwaben, siehe oben. Die Kitesurfer in den aufgepeitschten Wellen: Hessen. Die Radwanderer hinterm Deich: aus Thüringen.

Dialekte aus „allen deutschen Gauen“, hätte man früher gesagt, als das noch ein argloses Statement war. Und unsere teutonischen Eigenarten, sie sind auch noch alle da. Siebzehn Jahr‘, blondes Haar, trallala.

Wir Männer tragen am Urlaubsort, einem deutschen Naturgesetz folgend, bei jedem Wetter und in jedem Alter Shorts, denn wir haben Freizeit und sind lässig-sportiv.

Regnet es länger als fünf Stunden am Stück, laufen wir deutsche Urlauber mit Gesichtern herum, die stumm nach fähigen Rechtsantwälten schreien, obwohl wir genau dieses Küstenwetter vom letzten Mal kennen. Und vom Mal davor.

Regnet es länger als sieben Stunden, kann uns nur noch die Shoppingmeile Trost spenden, in die sich jede Nordesee-Kleinstadt-Hauptstraße verwandelt hat. Dann werden wir Bonusmeilensammler zu Schnäppchenjägern, die im 21. Jahrhundert immerhin das Fremdwort „Sale“ gelernt haben.

Natürlich zanken wir auch, sofern wir als Paare/Familien auftreten. Einer heult immer. Und mindestens ein anderer schmollt.

Wir bauen immer noch unsere altbewährten Sandburgen, wir Hamburger, Duisburger, Freiburger. Wir schaffen uns „Privatsphäre“ am Strand und bewachen sie mit Zähnen und Klauen. Die Deutschen schützen ihre Grenzen nicht? Wir sind immer noch das Volk, das die alarmroten „Reseviert“-Badetücher erfunden hat!

Überhaupt: Reservierungen. Darin bleiben wir unangefochtene Weltmeister. Planen wir im Urlaub einen Gang in den Biergarten, reservieren wir schon im Reisebüro die entsprechenden Bänke, und zwar für 16.45 Uhr. Und wenn es dazu eine All-inclusive-Option gibt, buchen wir die mit.

Natürlich zanken wir auch wie in meinen Kindertagen, sofern wir als Paare/Familien auftreten. Einer heult immer. Und mindestens ein anderer schmollt. Bis wir uns wieder vertragen, im milden Licht eines nordfriesischen Sonnenuntergangs, bei einer schlechten Flasche Wein. Denn wir können nicht anders, wir deutschen Romantiker.

Wir versuchen sogar tapfer, im Urlaub nicht zu rasen oder zu drängeln – als Ausweis einer gelassen-souveränen Lebensart, wie sie uns deutsche Menschen von Welt heutzutage auszeichnet. Es sei denn natürlich, jemand will uns unsere Reservierung oder unser Schnäppchen wegschnappen, und währenddessen regnet es gerade. Dafür haben wir nicht bezahlt bzw. ich war aber zuerst da bzw. Unverschämtheit bzw. du mich auch!

Radfahrer werden hier auf die Rechtslage aufmerksam gemacht

Aber meistens sind wir ganz nett, wir Urlaubsdeutschen. Wir Strandpiraten-Volksgemeinschaft. Manchmal kommen wir sogar ins Gespräch miteinander, so von Stuttgarter zu Kölnerin. Wir schauen ja alle Tatort, darüber kann man trefflich tratschen. Wir lesen aber auch immer noch so viel im Strandkorb, wenn auch kaum noch die BILD in Papierform.

Wir sind begeisterte Hundehalter oder Extremspotler oder Fettleibige oder Nacktbader, auf jeden Fall begeistert. Bier bleibt unser Nationalgetränk, und die Diskussionen über die einzig richtige Marke sind seit 1975 einem amtlichen Endergebnis noch kein Stück nähergekommen.

Apropos 1975. Wir waren ja in meiner Kinderzeit in den Sommerferien vom Allgäu bis zu den Nordseeinseln als Deutsche nicht deswegen weitgehend unter uns, weil wir keine Ausländer unter uns gewollt hätten. Sondern weil die Ausländer gar nicht auf die absurde Idee kamen, uns zu besuchen.

Sie hatten doch im Zweifel daheim alles viel schöner: das Wetter, den Strand, das Essen, den Wein, die Berge, die Luft. Wozu ins kalte, regnerische und im Winter nicht einmal schneesichere Deutschland reisen, wo man zudem eine Sprache pflegte, die schon allein als Ausschlusskriterium für fremde Ohren und Zungen hinreichte?

Sie hatten ja im Zweifel daheim alles viel schöner: das Wetter, den Strand, das Essen, den Wein.

Wohnwagen-Holländer, Dänen und ein paar versprengte Schweizer, wenige Engländer, später auch mal der ein oder andere Spanier – das waren die Exoten in unseren Breiten, als ich noch Schulferien hatte. Die anderen kamen auch gar nicht wie die ewig romantischen Deutschen auf die Idee, im Nieselregen zwanghaft drittklassige Berge im Harz zu bewandern, um im Mythos von den Brockenhexen zu schwelgen.

Nie wären sie auf den Spuren Fontanes ergriffen durch den Streusand der Mark Brandenburg geschlurft. Oder hätten sich im Nebel der Lüneburger Heide an windschiefen Schafställen begeistert, die vielleicht von Caspar David Friedrich hätten gemalt worden sein können.

Diese merkwürdigen Deutschen, die meisten von ihnen Ungläubige vor dem Herrn, dennoch dauerhaft unter dem Bann stehend, barocke bayerische Dorfkirchlein mit Zwiebeltürmen besichtigen zu müssen und den Dom zu Worms sowieso.

Nach diesen Vorlieben im einen oder Abneigungen im anderen Lager sortiert sich das multikulturelle Deutschand von heute immer noch wie zu Adenauers Zeiten. In den Ferien teilt sich der Mahlstrom der großen Völkerwanderung, der dieses Land ergriffen hat, wie von Zauberhand in separate Ströme und Tümpel.

Keine Araber bei meiner letzten Brockenwanderung. Keine Kosovo-Albaner mit eigener Sandburg am Strand. Kein rumänisches Beachvolleyballteam auf Sylt. Deutschtürken besuchen in den Sommerferien lieber die Verwandtschaft in Anatolien. Syrern im Asylverfahren fehlen Mittel, Rechte und vermutlich Interesse. Franzosen fehlt der Glaube an unsere Kochkünste, Italienern die Geduld für unsere Sprache. Und alle schreckt unser Wetter.

In den Ferien teilt sich der Mahlstrom der großen Völkerwanderung wie von Zauberhand in separate Ströme und Tümpel.

So bleiben wir unter uns als Urlauber an Deutschlands Küste, für ein paar außergewöhnliche Wochen der historisch-kulturellen Kongruenz, der Übereinstimmung von Erinnerung und Erleben. Bis wir dann unsere Koffer packen in Sankt Peter-Ording, in Wyk auf Föhr, in Boltenhagen und Binz. Bis wir unsere Audis und Tourans und BMWs beladen.

Und heimkehren nach Alltagsland.

Wir können auch sportlich.

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