Kategorie-Archiv: Storming Brain

Der Ideenblizzard. Zum Mitstürmen.

Schietwetterglück

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And now for something completely different, um mich mal wieder auf andere Gedanken zu bringen. Wer sagt denn, dass ein lausiger Wintertag in Hamburg ein depressiver Wintertag sein muss?

Mal schnell ein Elbspaziergang trotz Wetter (das war noch im alten Jahr), und im zufällig richtigen Moment kommt so etwas heraus:

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Zum Vergrößern Bild anklicken                                                                            Copyright  ©: Oliver Driesen

 

Oder so etwas:

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Also mich wärmt das (hinterher, am Schreibtisch, wenn der Schmerz in den Fingern nachlässt). Das war es auch schon für den Augenblick.

Nach Köln und zurück

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Hier stand noch gestern ein Artikel, der auf die organisierte sexuelle Gewalt am Kölner Hauptbahnhof und anderswo in der Neujahrsnacht reagierte.

Er ist auf heftige Kritik gestoßen, und ich habe ihn daraufhin gelöscht.

Es mag sein, dass der Artikel aus einer wachsenden Angst heraus entstanden ist, in die mich die Entwicklung der Lage in Deutschland versetzt. Angst ist indes kein guter Ratgeber, weder in der Politik noch in der journalistischen Diskussion. Ich möchte mit den Beiträgen auf Zeilensturm zu keiner weiteren Hysterisierung des Migrationsthemas beitragen; Hysterie und Angst beherrschen ohnehin zunehmend die Auseinandersetzung.

Einen Schritt hinter diese Angst zurücktretend bleibt es dabei, dass ich die grenzen- und konzeptlose Aufnahme weiterer Flüchtlinge bzw. Migranten für falsch halte. Sie destabilisiert das Land und die Gesellschaft und schadet so auch denen, denen wir tatsächlich helfen könnten und sollten.

Ebenso – auch mit vernünftiger Distanz – schadet es in meinen Augen dem Zusammenleben in Deutschland, aus falsch verstandener Political Correctness die Verantwortlichkeit von Migranten für ihren Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft nicht einzufordern und durchzusetzen. Köln hat die Folgen klar vor Augen geführt.

Was wir jetzt unbedingt benötigen, ist politisch verantwortungsvolles und besonnenes Handeln. Zu dieser Verantwortung gehört es, als falsch Erkanntes aufzugeben und nicht zuletzt das politische Lagerdenken von „links“ und „rechts“ zu überwinden. Jeder wohlmeinende Mensch wird benötigt werden. Wenn eine ehrliche Debatte dazu beitrüge, wäre vieles gewonnen.

Am Ende, am Anfang

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Am Ende dieses Kräfte zehrenden Jahres 2015.

Am Ende eines Jahres, das mich an meine und unser aller Sterblichkeit erinnerte. Daran, dass alles endet, mal abrupt, mal im Treibsand des Wandels, der am Vertrauten schmirgelt, bis  nichts mehr übrig bleibt.

Am Ende eines Jahres, in dem in Paris das Lachen über die Lächerlichkeit des Aberglaubens erstarb.

Am Ende eines Jahres, das mir Geduld und nochmals Geduld und dann noch etwas mehr Geduld abverlangte, was den Glauben an sich selbst oder etwas zur Bedingung hat.

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Am Ende eines Jahres, in dem der Finanzdienstleister MasterCard damit warb, dass „mehr Zeit für die Dinge, die wirklich zählen“ vor allem eines sei: „unbezahlbar“.

Am Ende eines Jahres, in dem die tröstend menschliche, trunken zärtliche Stimme Harry Rowohlts verstummte.

Am Ende eines Jahres, in dem die Sonde Philae auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko ihre Bahn um die Sonne zieht, triumphal gescheitert im Schatten einer Felswand, die ihr für immer das Licht dieser Sonne nimmt.

Am Ende eines Jahres, in dem wir das System des Pluto sahen wie unser Nachbardorf, drei Milliarden Kilometer entfernt, während wir lernten, dass Boko Haram so etwas wie „Westliche Bildung ist Sünde“ bedeuten soll.

Am Ende eines Jahres, in dem schon wieder in Paris eine junge Frau am Fenstersims im zweiten Stock eines Konzertsaals hing und darum bettelte, man möge sie unten auffangen, sie sei schwanger.

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Am Ende eines Jahres, in dem es der auf Wachstum und Raubbau bedachten Weltwirtschaft – also uns allen – im Zusammenspiel mit dem Naturphänomen „El Nino“ gelang, in New York die wärmste Weihnacht aller Zeiten zu erzeugen und in Hamburg zugleich Kirschbäume und Rosen blühen zu lassen.

Am Ende eines Jahres, in dem ich die vielleicht schönsten Stunden zu den Klängen von Leisure Society in der Prinzenbar verbrachte und die vielleicht schönsten Fotos meiner Kinder in einem Ort namens „Elend“ machte.

Am Ende eines Jahres, das diese Kinder vor eine wie noch nie zuvor ungewisse Zukunft stellte, während das eine Prozent dafür sorgte, dass im Hamburger Villenstadtteil Harvestehude immer noch kein Migrantenheim existiert.

Am Ende eines Jahres, das in den Anfang eines Jahres übergehen wird, in dem der hirntote Donald Trump die nuklearen Codes der militärischen Supermacht USA überreicht bekommen könnte.

Am Ende dieses Jahres wünsche ich allen Zeilensturm-Lesern ein gutes 2016.

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Nolympia siegt: Demokratie bei der Arbeit

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Die Idee der Hamburger Olympiabewerbung für 2024 geisterte, daran muss man am Ende dieses ermüdenden Marathons kurz erinnern, schon seit der Jahreswende 2013/14 durch die Stadt. Und schon damals lief die Propagandamaschine der davon profitierenden Kreise in Politik und Wirtschaft auf Hochtouren – allen vorweg natürlich das Hamburger Abendblatt, das sich nie zu schade ist, sich vor einen vermeintlich lukrativen Karren seiner vermeintlichen Klientel spannen zu lassen.  Journalistische Objektivitätspflicht? Ach, hör mir uff …

Eine völlig unverdächtige Umfrage ausgerechnet der Hamburger Handelskammer brachte dann auch schon vor knapp zwei Jahren aus dem Stand eine klare Zustimmung der Bürger zu den Kommerz- und Dopingfestspielen zutage – die dann sogar in diesem Blog mittels Kontroll-Erhebung bestätigt zu werden schien. Alles klar also auf der Andrea Doria.

Die Leute: einfach unberechenbar

Nur ist es eben – selbst nach wochenschaureifen Fackelmärschen am Alsterufer und Olympia-Ringe-Choreo mit Busladungen von Aktivisten im Stadtpark – immer gefährlich, dann am Ende trotzdem noch die Leute zu fragen. Denn die Leute sind einfach unberechenbar und erliegen bisweilen dem Drang, sich ihre eigenen Gedanken zu machen.

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Deswegen dürfen sie ja sonst nie in direkter Abstimmung über Themen entscheiden, die sie wirklich und dauerhaft und unmittelbar angehen – siehe gesamtdeutsche Verfassung, Maastricht-Vertrag, Banken-Bailout, Griechenland-Rettung oder dieses eine Problem da, das uns in den nächsten Jahren noch an den Rand des Bürgerkrieges bringen könnte. Dazu haben wir ja eine repräsentative Demokratie, also wohlmeinende Parteien und ihre Mandatsträger, die uns diese verantwortungsvollen Einzelfallentscheidungen abnehmen. Anders als bei den frechen Schweizern, die für sich selber denken und entscheiden wollen.

Pöses Volk! Wie kann es gegen Opium sein!

So machte der Hamburger Volksvertretungsapparat im Gefühl des sicheren Sieges genau diesen Fehler: Er fragte doch tatsächlich das Volk. Und heute abend hat es ihm mit Nein geantwortet. Nein zu Eventisierung und Gentrifizierung. Nein zu Total Security. Nein zu noch mehr Event-Opium fürs Volk. Pöses Volk! Wie kann es gegen Opium sein! Garstiges Volk! Wie kann es gegen Spiele sein!  Aufsässiges Volk! Was kann es bloß gegen Sicherheit haben?

Tja. Demokratie bei der Arbeit. Achten Sie darauf, wie die sonst gern mal unverbindlich gelobte Schwarmintelligenz der Hamburger in den folgenden Stunden von prominenter Seite immer wieder in Abrede gestellt werden wird! Wäre Hamburgs stimmberechtigte Bevölkerung deckungsgleich mit Frau Merkels Elektorat, sie würde sich zur Strafe noch heute abend ein anderes Volk wählen. Olaf Scholz hingegen wird nur derbe beleidigt sein, diese Konsequenz aber dann doch nicht wagen. Er wird heute abend vielmehr nur eines gelernt haben:

Beim nächsten Mal, wenn es wirklich um etwas geht, werden wir nach Möglichkeit nicht mehr gefragt.

—-

Nachtrag, 22:15 Uhr:

Der NDR hat das Votum auf seine Weise interpretiert und auf seiner Website folgende Headline produziert:

Hamburgs Olympia-Traum ist geplatzt

Sehen Sie? Während Hamburg einen Traum verfolgte, hat nur sein Volk nicht mitgezogen.

 

Absturz eines Stahlbarons

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Es gibt Todesarten, die passen zum exaltierten Leben des Verstorbenen wie ein Handschuh. Man denke nur an Jimi Heselden, den früheren Eigentümer der Firma Segway Inc. Der US-Unternehmer rollerte 2010 mit einem Prototyp seines neuesten Elektrowägelchens für Fußgänger über den Rand einer Klippe – und stürzte in den Tod.

Oder Lenny B. Robinson, amerikanischer Batman-Darsteller und Entertainer für krebskranke Kinder, der im vergangenen August mit seinem Batmobil im ganz normalen Straßenverkehr liegenblieb. Als der Real-Life-Superheld einen Blick unter die Motorhaube warf, krachte ein anderer Wagen in sein am Straßenrand abgestelltes Science-Fiction-Fahrzeug, das dann wiederum Robinson zerquetschte.

Manche Lichter brennen eben besonders hell, bevor sie besonders abrupt erlöschen. Manche Menschen steigen besonders steil auf und fallen dann besonders tief. Zu ihnen zählte auch Willy Korf, der heute vor 25 Jahren gewaltsam zu Tode kam.

Korf, Jahrgang 1929, war ein Selfmade-Aufsteiger alter Schule, ein Stahlbaron mit bescheidenen Anfängen im Badischen, der den alten Platzhirschen von Krupp bis Klöckner in den 70ern und 80ern  ordentlich Feuer unter dem Hintern machte. Und das in einer Industrie, in der überbordendes Traditionsbewusstsein damals viele Innovationen im Kein erstickte.

Ein Menschenfischer

Der körperlich klein gewachsene Unternehmer mit dem großen Wissensdurst  und dem noch größeren Glauben an sich selbst revolutionierte in jenen Jahren nicht nur diverse Verfahren der Stahlproduktion. Er bewies auch, dass man als Newcomer in dieser Industrie die ungeheuer hohen Einstiegshürden des aufzubringenden Kapitals für Produktionsanlagen und Material aushebeln konnte – mit kreativen Konzepten und kämpferischer Zähigkeit.

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Vor allem aber war Korf – und das ist das tiefste Erfolgsgeheimnis vieler erfolgreicher Unternehmer – ein Menschenfischer. Er konnte mit seinem Charme und seiner Chuzpe junge Ingenieure mit brillanten Ideen ebenso für seine Korf Stahl AG begeistern wie die Geldgeber konservativer Banken. Es ist dieser Typus des inspirierenden Quertreibers, der in der deutschen Wirtschaft heute mehr denn je fehlt.

Wie irrlichternd und beratungsresistent er dann allerdings bisweilen mit dem ihm anvertrauten Geld anderer Leute umging, steht auf einem anderen Blatt. Oder besser gesagt: Auch das steht auf den rund 280 Seiten meiner Korf-Biographie „Der Feuermacher“, die 2005 bei Hoffmann und Campe erschienen ist. So brach das verschachtelte Korf-Stahl-Imperium mit der eindrucksvollen Firmenzentrale in Baden-Baden denn auch 1983 innerhalb weniger Wochen finanziell zusammen.

Den Tod verlacht

Das hinderte den Mann, dessen Leben beruflich und privat wie eine wilde Achterbahnfahrt verlief, nicht an einem Neuaufstieg. Doch gerade, als er 1990 kurz davor war, sein erneut in Schwierigkeiten geratenes Unternehmen zu verkaufen, ging er am 21. November 1990 für einen Routineflug an Bord seiner zweimotorigen Beechcraft King Air 200.  Es war ausgerechnet der Buß- und Bettag.

Über den Tiroler Alpen stürzt die Maschine bei schlechter Sicht ab; Korf und zwei weitere Menschen an Bord sind sofort tot. Seine ehemalige Sekretärin Renate Höing ist entsetzt, als sie in der Tagesschau vom Unglück erfährt, aber nicht überrascht: „Niemand, der Korf nahe stand, hätte gedacht, dass er mal im Bett sterben würde. Das passte nicht zu ihm. Das haben wir ihm auch mal gesagt. Da hat er nur gelacht.“

Ich hätte ihn gerne im Leben gekannt. Im Jahr 2015, ein Vierteljahrhundert danach, bräuchten wir mehr Unternehmer und weniger Terroristen, die den Tod verlachen.

Das kalte Schweigen des „Spiegel“. Ein offener Brief.

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Lieber Janko,

wir waren in lange vergangenen Zeiten Kollegen bei der „Woche“, als die heile Welt des Westens am 11. September gerade zum ersten Mal in Scherben fiel. Es wurde damals in der Redaktion ein langer Tag und eine lange Nacht für uns, als wir im Chaos des Nichtwissens um eine Deutung dieses welterschütternden Ereignisses rangen. Rückblickend, 14 Jahre später, habe ich den Eindruck: Alles, was unsere „freien“ Gesellschaften heute prägt und bedroht, war an jenem Tag wie in einer Kristallkugel bereits sichtbar. Nur haben wir die Kristallkugel damals noch nicht dechiffrieren können.

Ich bewundere, wie Du später Deinen Weg zum „Spiegel“ gegangen bist und was Du dort seither im Wirtschaftsressort und bei SPON geleistet hast. Aber mit Deinem gestrigen Pegida-Kommentar „Das wird man ja wohl noch verschweigen dürfen“ bist Du, ebenso wie Dein Magazin und eine 99-Prozent-Mehrheit der deutschen „Meinungsführer“, vollständig auf dem Holzweg. Auf einem höchst gefährlichen Holzweg.

Manifest-Journalismus statt Fragen und Antworten

Es ist ein Weg, den der „Spiegel“ beim Thema Fremdenangst, Flüchtlinge und Migration konsequent beschreitet – und auf dem ich ihm als Abonnent seit dem in Titelform gegossenen Manifest „Dunkles Deutschland / Helles Deutschland“ nicht mehr folge. Im dunkeln Deutschland zünden „Rechte“ Flüchtlingsheime an. Im hellen Deutschland lassen bunte Menschen bunte Ballons in einen strahlenden Himmel steigen. „Es liegt an uns, wie wir leben wollen“, stellte uns Dein Magazin zackzack vor die Wahl. Aber ich  abonniere nur ein Blatt, dessen Journalisten in erster Linie beschreiben, was ist und warum es ist, nicht was ihrer Meinung nach sein sollte.

Du möchtest also, dass die Medien Pegida-Demonstrationen und Ansichten von zugelassenen Parteien wie der AfD be- oder besser verschweigen. Wie ein Kind, das sich die Finger in die Ohren stopft und „Bähbähbäh!“ schreit, wenn ihm jemand unliebsame Wahrheiten über sein nicht aufgeräumtes Zimmer vorhalten will, willst Du kollektiv verschweigen und nicht wahrhaben, was nicht sein soll.

Nicht verschweigen willst Du Ausschreitungen und Gewaltexzesse von „rechts“, auf diesem Auge ist der „Spiegel“ bekanntlich alles andere als blind, da ist er im Bewusstsein einer historischen Mission lautstark und volltönend. (Zu Recht, zu Recht! Doch was ist mit faschistoiden Gewalttaten der „Antifa“, jedes Jahr beim Hamburger Schanzenfest – gehören die nicht in Euren Augen eher zum liberalen Lokalkolorit der weltoffenen Hansestadt Hamburg?)

Die ausgeblendete Parallelwelt

Nein, verschweigen willst Du Argumente und – vor allem – quälende Fragen. Die stellen diese Menschen, die Du nicht mit der Kneifzange anfassen möchtest.  Und diese Menschen stehen vor diesen Fragen, die ihnen niemand beantwortet, jeden Tag und jede Nacht. Denn sie leben nicht in den idyllischen Häuschen von „Spiegel“-Redakteuren hinterm Elbdeich, wo die Kinder in wohlbehütete und gut beleumundete Schulen gehen.

Sie leben, überwiegend, in einem Paralleluniversum, zu dem die bürgerlichen Medien schon lange fast alle Brücken abgebrochen haben. Dort gibt es keine „Spiegel“-Abos (also auch keine Zielgruppe, auf deren Interessen man Rücksichten nehmen müsste?). Dort gibt es zunehmend brutale Konkurrenz um knappe Ressourcen wie Arbeit, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Alterssicherung, um Reste von Schulbildung statt nurmehr Sozialarbeit. Immer drangvollere Enge, immer mehr Unterbietung bei Löhnen, immer weniger vertraute Strukturen, immer mehr Fremde, immer weniger (Sprach-)Verstehen, immer weniger Heimat.

Und hat diese Menschen jemand gefragt? Hat man sie, wie es die Demokratie doch verlangt, um ihre Zustimmung zu einer beispiellosen und nach allem Ermessen nicht endenden Einwanderungswelle gebeten? Nicht einmal ansatzweise. Es war nämlich genau so, wie Du selbst schreibst: Die Kanzlerin höchst eigenmächtig hat die Flüchtlinge und Migranten eingeladen, weil sie sich ihrer Machtbasis sicher glaubte (und vielleicht, ergänze ich, nach dem Friedensnobelpreis schielte). „Wohl kaum sonst“, schreibst Du, „hätte Machtpolitikerin Angela Merkel so beherzt Partei für sie ergriffen, wenn sie nicht ein Klima der Aufgeschlossenheit unter der Bevölkerung wahrnehmen würde.“

Mutti  von Gottes Gnaden

Da „nimmt“ also eine Monarchin in ihrer sphinxhaften Weisheit etwas „wahr“,  setzt sich mal schnell über ein Dutzend deutsche und europäische Gesetze und Normen hinweg, konsultiert niemanden, weder ihr Volk noch ihre europäischen „Partner“, und entscheidet von Gottes Gnaden, was dieses Land nun in eine andere Republik verwandeln könnte. Kein Problem für den „Spiegel“?  Vielleicht nicht, denn seine Journalisten wähnen sich im selben Boot mit ihr.

Aber für diese Menschen, von denen nur ein Bruchteil zu Pegida-Demos geht (vielleicht aus begründeter Angst vor Stigmatisierung als „Nazi“?), ist es ein enormes, ein existenzielles Problem. Und sie werden nicht gefragt, weder von der Regierung, noch vom „Spiegel“, der ihre Ängste und Argumente lieber be- und verschweigen möchte, als glaubwürdige Antworten zu geben oder gangbare Lösungen anzubieten.

Du wagst eine steile These: Weil die Parteien des rechten Randes insgesamt weniger als 10 Prozent der Stimmen hielten, gelte im Umkehrschluss: „Mehr als 90 Prozent der Deutschen wollen mit diesen Leuten nichts zu tun haben. “ Da wäre ich sehr, sehr vorsichtig. Wenn ich Bilder von Pegida-Demonstrationen sehe, sehe ich im Fußvolk sehr viele ganz normale Menschen, die meine Nachbarn oder Freunde sein könnten, aber vielleicht nicht das Privileg hatten, Rhetorikkurse und Politikseminare zu belegen. (Ja, ich sehe auch Nazis am Rande der Demos, vielleicht einen für je hundert (klein-)bürgerliche Demonstranten. Und stimme Dir zu: Diese Nazis sollten, ähnlich wie mancher Redner und Brandsatz-Werfer bei linksradikalen Aufmärschen, am besten nicht da sein. Aber sie sind da und sie sind ein Problem.)

Obwohl Du mit „diesen Leuten“ nicht reden und ihre Ängste nicht wissen möchtest, scheinst Du sie aber ganz genau zu kennen, denn Du weißt, dass es keine richtigen Deutschen sind: „Die Deutschen sind kein Volk von Wirtshausschlägern, sie igeln sich nicht ein, sie wollen nicht mehrheitlich ein ausländerfreies Deutschland, wie uns der rechte Rand glauben machen will.“ Dabei ahnst Du ebenso sicher wie ich, dass die allermeisten Montagsdemonstranten weder Wirtshausschläger sind noch ein ausländerfreies Deutschland wollen (wohl aber eine sinnvolle Einwanderungsregelung und Schutz vor religiösem Fanatismus), unterstellst es ihnen es aber dennoch schlankweg, um dich umso müheloser darüber erheben zu können.

Das ist Polemik? Ja sicher, aber sehr billige Polemik. Statt zuhören. Statt Fragen. Statt Antworten. Es ist jener wohlfeile Manifest-Journalismus, zu dem neben dem „Spiegel“ auch die übrigen staatstragenden Meinungsmedien reflexhaft Zuflucht nehmen. Es ist das kalte Schweigen des „Spiegel“. Und euch wundert das Etikett der „Lügenpresse“, das Du Dir selbst in Deinem Kommentar versuchsweise und nur halb selbstironisch anheftest?

Überwindet eure Fremdenangst!

Es liegt an ehemals für kompromisslose Recherche und bohrende Fragen bekannten Magazinen wie dem „Spiegel“, diese Menschen für dieses Gesellschaftssystem – und vielleicht den „Spiegel“ – zurückzugewinnen, wenn es die Politik schon nicht tut. Ihr müsst das Paralleluniversum betreten und dabei Eure eigene Fremdenangst (nämlich die vor fremden Weltbildern und fremden Sorgen) überwinden. Schafft Ihr das nicht, werden von Tag zu Tag mehr aus diesem System aussteigen. Mit viel umfassenderen und radikaleren Folgen, als wir alle uns das heute ausmalen mögen.

Ich wünsche Dir, Janko, in meinem und unser aller Interesse, dass Du in Deiner Schlüsselposition bei SPON einen entscheidenden Beitrag zu diesem Brückenschlag leisten kannst – und darfst.

In alter Verbundenheit,

Oliver

Beladene, entlastet euch!

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In unserem Büro gibt’s eine Neue: Klara. Klara ist immer ausgelastet, schafft ordentlich was weg, verursacht dabei keine Emissionen – und genau deshalb lieben wir sie.  Nebenbei sieht sie auch noch ziemlich schnittig aus:

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Klara besteht jeden Emissionstest ohne Schummeln

Klara ist ein Lastenfahrrad. Man kann es – in den nächsten Wochen zunächst  testweise – bis zu drei Tage lang kostenlos bei uns ausleihen.  Unter www.klara.bike (wo es auch alle anderen Infos wie z.B. Leihstellen und Öffnungszeiten gibt) wird sich angemeldet, bei der Abholung der Perso vorgezeigt, und ab geht die Post.  Die Initiative hinter Klara ist inspiriert von bereits erfolgreich angelaufenen Lastenfahrrad-Projekten in anderen Städten. Und unser urbanista-Büro (Bäckerbreitergang 14, 20355 Hamburg) ist nun einer der zentralsten Stützpunkte in Hamburg.

Wollten nicht auch Sie Ihren 16-Tonner öfter mal in der Garage stehen lassen?

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Klara mit Katharina

Gedenkstein für ein deutsches Gesäß

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Kleine Nachlese eines längst vergangenen Sommers. Ich sag‘ jetzt extra nicht, wo sich dieser Ort befindet:

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Und? Wo stünde Ihr eigener Stein? Und was stünde da in Stein gemeißelt?

Gerne aber würde ich verhindern, dass dieses Beispiel Schule macht. Wo kämen wir da hin, wenn jeder der Nachwelt seinen Lieblingsplatz hinterlassen zu müssen glaubte? Außerdem geht der Schuss nach hinten los, denn indem man da einen Gedenkstein hinwälzt, wird genau dieser Lieblingsort ja auf Jahrzehnte hinaus unbrauchbar gemacht!

Oder hätte der preußische Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard von Moltke (1800-1891) vielleicht gern auf seinem eigenen Stein gehockt, mit den Uniformhosenbeinen die peinliche Tafel notdürftig vor lüsternen Blicken von Spaziergängern verdeckend („Ich bin’s nicht, ich bin’s nicht, und ich sitze hier auch nur, weil dort überm See die Sonne so blutrot versinkt, vielleicht durchbohrt mich ja morgen schon eine Kugel hoch zu Ross, da muss man ja auch mal drüber nachdenken dürfen in meiner Position!“)?

Eher nein! Außerdem ist mir völlig unklar, warum dies auf den Schlag genau für 35 Jahre sein Lieblingsort gewesen sein soll, wie es die Inschrift suggeriert. Hat der Mann da 12.775 Tage lang sturheil seinen Hintern plattgesessen, während er Pläne für einen nie ausgebrochenen Krieg gegen die Dänen schmiedete? Oder hat er, als Gründer einer späteren deutschen Volkssportbewegung, per Feldherren-Handtuch den Lieblingsplatz freigehalten? („Reserviert für das Drei-Sterne-Gesäß von v. Moltke. Gez. v. Moltke“)? Soweit ich weiß, ist der Mann nie bis Mallorca gekommen, sonst hätten sie ihn da sicher zum Kaiser von Deutschland ernannt.

Was nicht einmal unverdient gewesen wäre, denn v. Moltke hatte „maßgeblichen Anteil an den Siegen in den drei Einigungskriegen“. Ohne ihn also kein Deutsches Kaiserreich, und alles weitere, einschließlich des Chaplin-Bartträgers, wäre auch ganz anders gekommen, selbst du und ich. Vielleicht wären wir heute französisch. Fluch oder Segen?

Interessante Expeditionen hat der schneidige Herr mit der Pickelhaube zuvor noch gemacht: 1838 als „Berater“ Teilnahme am Feldzug des türkischen Sultans gegen die Kurden in Mesopotamien. Dann Beteiligung am türkischen Syrien-Feldzug,  Niederlage in der Schlacht von Nizip 1839.

Aber dieses Missgeschick inspirierte den General, der „auch als Schriftsteller tätig“ war, nur zu einem literarischen Reisebericht: „Briefe über die Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839“, Verlag Ernst Siegfried Mittler in Berlin. So kann man das klopfende Gewissen natürlich auch einlullen, wenn man als Edelsöldner Kurden und Syrer plattzumachen versucht hat und dabei nur mäßig erfolgreich war. Die beteiligten Völker sind uns jedenfalls verbunden geblieben.

Helmuth v. Molkte wurde übrigens „der große Schweiger“ genannt, schon zu Lebzeiten. Er ließ lieber Bücher, Kugeln und Steine für sich sprechen. Auch das eine deutsche Tradition.

Es ist ein reizvolles Gedankenspiel, sich den eigenen Lieblingsort-Gedenkstein samt Inschrift auszumalen („Hier, vor Willy’s Wurstbude, saß immer mittags zwischen zwölf und eins, bei Currywurst rot-weiß, Ernst Kasuppke.“). Nur müssen ja nicht alle Gedanken gleich in Stein gemeißelt werden. Der Um- und Nachwelt zuliebe.

Die Ökonomie der Gefühle (5): Dankbarkeit

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Manchmal muss man sich Makroökonomen vorstellen wie die Psychologen der Volkswirtschaft. Sie arbeiten sich nicht nur daran ab, die voraussichtliche Veränderung des realwirtschaftlichen  Bruttosozialprodukts möglichst korrekt vorherzusagen. Nein, sie kalkulieren sogar die Wertschwankungen im Gefühlshaushalt der Nation. Und da sieht es in der aktuellen Völkerwanderungs-Krise gar nicht gut aus.

Denn,  so leid es mir tut: Alles ist in Euro und Cent darstellbar. Selbst die vermeintlich edelsten Motive aus dem Bereich der Hilfsbereitschaft haben immer – wenn man wie der Androide Data aus „Star Trek“ seinen Emotions-Chip kurz deaktiviert und mal ganz sachlich draufschaut – einen Gegenwert. Noch besser gesagt: einen Tauschwert. Der Mensch ist andauernd viel zu sehr in emotionale Händel mit anderen Menschen verstrickt, um diesen Tauschwert ignorieren zu können.

Es ist ihm allerdings im Laufe seiner Kulturgeschichte gelungen, diesen an sich beschämenden Umstand erstaunlich gut zu tarnen. Und da ist es dann wieder an den Ökonomen, diesen Illusions- und Spaßbremsen, die Tarnung ab und zu niederzureißen. Es sei denn zum Beispiel, ein Politiker kommt ihnen zuvor und enttarnt sich gleich selbst.

„Bis zum Sommer waren die Flüchtlinge dankbar, bei uns zu sein“, so Bundesinnenminister Thomas de Maizière im heute-journal. „Jetzt gibt es schon viele Flüchtlinge, die glauben, sie können sich selbst irgendwohin zuweisen. (…) Sie gehen aus Einrichtungen raus, sie bestellen sich ein Taxi, haben erstaunlicherweise das Geld, um Hunderte von Kilometern durch Deutschland zu fahren.“

Sehen Sie, sehen Sie? So schnell kommen beim Thema Dankbarkeit Euro und Cent ins Spiel! Es ist eben nicht die selbstlose Liebe einer Mutter Theresa, die den Minister antreibt. Dankbarkeit ist offensichtlich eine Währung, in welcher in ausreichendem Maße zurückgezahlt werden muss, wo zunächst ausdrücklich „kostenlose“ bzw. „unentgeltliche“ Hilfe gewährt wurde.

Die Gleichung im Minister-Statement sieht ungefähr so aus: Sei der Wert eines (emotionalen) Hilfspakets = x, dann muss die Brutto-Dankbarkeit (z + y) mindestens x entsprechen, wobei y als Wert in diesem Fall beispielsweise einer Taxifahrt von Hamburg nach München (ca. 790 Euro) anzusehen ist. Der Dankbarkeits-Saldo ist mithin nur ausgeglichen, wenn er neben dem Wert x auch die 790 Euro saldiert, die im unentgeltlichen Hilfsbereitschaftsangebot nicht enthalten waren.

Beachtenswert ist bei diesem Beispiel von Gefühlsmathematik, dass im Unterschied zum rein materiellen Tauschhandel bei jeder anderen Art von Warengeschäften der Betrag von 790 Euro gar nicht vom Rechnungssteller ausgelegt wurde. Es ist ja nicht der Minister, der die Taxifahrt des Flüchtlings bezahlt hat, sondern der Flüchtling selbst. Doch dem hätte dieses Vermögen in den Augen des Rechnungsstellers gar nicht zugestanden; gerade deshalb wurde ja von ihm Dankbarkeit als Deckungsbeitrag erwartet. Umkehrschluss: Nur wer selbst Geld hat, braucht nicht mit Dankbarkeit zu zahlen.

Und es wird noch faszinierender: Die geschuldete Dankbarkeit muss nicht einmal von demjenigen geleistet werden, der Empfänger der ursprünglichen Hilfsbereitschaft war. Sie kann auch „fremdfinanziert“ werden, etwa in Form von Anerkennung durch Facebook-Likes. Das Schema: Mensch hilft Flüchtlingen, schreibt darüber auf Facebook, erhält 15 „Gut gemacht!“-Kommentare von Dritten – und der Saldo ist ausgeglichen. Bei nur zwei Likes allerdings bliebe eine gewisse Anerkennungs-Deckungslücke in den (Gesichts-)Büchern.

Sie glauben nicht, dass Sie so berechnend sind? Machen Sie einen Test in einem anderen Zusammenhang:  Schenken Sie Ihrem Patenkind bei jedem Besuch eine Tafel Schokolade. Registrieren Sie leuchtende Kinderaugen und andere mehr oder weniger subtile Dankbarkeitsbezeugungen.  Wenn Sie aber nur Gleichgültigkeit oder blanke Gier feststellen – wie lange dauert es, bis Sie nichts mehr mitbringen? Das ist dann der Moment, wo Ihnen jemand x mal 0,99 € Dankbarkeit schuldet.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

Wir starren in den Spiegel und sehen: nichts

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Die Masseneinwanderung zwingt uns als Nation zum ersten Mal seit Hitlers Weltkrieg, einen zeitgemäßen Konsens von „Deutschsein“ zu finden – oder uns im Treibsand der Kulturen zu verlieren

Keine Sorge, dieser Möchtegern-Demagoge ist kein neuer Führer. Dafür ist schon allein sein Name zu kompliziert (und hat einen allzu polnischen Klang): Götz Kubitschek, ein 44-Jähriger aus Ravensburg im südlichen Baden-Württemberg, klingt auf Versammlungen ungefähr so elektrisierend wie eine Mischung aus Finanzminister Schäuble und einer schwäbischen Ausgabe von John Major.

Das soll allerdings keine Harmlosigkeit oder Naivität andeuten – was bei einem Schäuble-Vergleich wohl auch zumindest kein Grieche vermutet hätte. Kubitschek genießt im nationalen, volkstümelnden Lager eine wachsende Popularität.

Er besitzt einen rechtskonservativen Verlag und gibt seine eigene nationalistische Zeitschrift mit dem programmatischen Titel „Sezession“ heraus. Drei Jahre nach einen Auslandseinsatz mit der Bundeswehr in Bosnien 1998 flog er wegen seiner Redakteurstätigkeit für die damals vom Verfassungsschutz beobachtete Rechts-Zeitschrift „Junge Freiheit“ aus der deutschen Armee. In jüngerer Zeit führte ihn die islam- und zuwanderungskritische Pegida-Bewegung in Ostdeutschland unter ihren Rednern.

Kubitschek ist der Schutz des Vaterlandes vor Überfremdung zu wichtig, um nur leere Worte zu machen: Sein bislang nachhaltigster Akt des völkischen Widerstands besteht in der Zeugung von sieben eignen, deutschen Kindern.

Was deutsch sein heißt

Vor einigen Wochen aber hat dieser verhinderte Volkstribun etwas gesagt, das mich nachhaltig beschäftigte. Der Anlass war ein ein nationaler Kongress der „Deutschen Burschenschaft“, jener Gespensterarmee von Studenten und ergrauten Herren, die sich außer an ein Deutschlandideal von circa 1871 vor allem an Sauf- und Fechtrituale klammert. Einblicke in dieses Milieu und in Kubitscheks Weltsicht vermittelt das Video der Veranstaltung:

Nachdem er wortreich den Zustrom von Hunderttausenden Immigranten aus fremden Kulturen nach Deutschland allein in diesem Jahr beklagt hatte, legte der Hauptredner seinen uniformierten Zuhörern eine lebensrettende Formel für Deutschtum im 21. Jahrhundert nahe: „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“

Der Fairness halber: Es waren nicht seine eigenen Worte. Das Zitat hatte er in verkürzter Form vom Komponisten Richard Wagner geborgt. Kubitschek ergänzte es kryptisch: „Über diese Definition darf nachher gerne nachgegrübelt werden. Man schreitet dabei über erstaunliche Stufen der Selbsterkenntnis.“

In der Tat. Als ich erst begonnen hatte, über die Wagnerianische Richtschnur nachzudenken, musste ich zugeben, dass Kubitschek an eine große Sehnsucht appelliert, die auch in mir selbst existiert: die Sehnsucht nach Identität. Insgeheim haben wir Bundesbürger schon lange nicht mehr gewusst, was im Jahr 2015 noch „deutsch“ genannt werden könnte, da die meisten Stereotypen längst verwässert sind, die ironischen Brechungen alles Tradierten kaum Substanzielles übrig gelassen haben.

Des Artenschutzes würdig?

Aber zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte unserer Nation könnten wir Deutschen gezwungen sein, einen Beweis, eine Formel für diese kleinen Zutaten vorzulegen, die uns einzigartig machen und damit des Artenschutzes würdig. Angesichts beispielloser Zuwanderung in unsere alternde und schrumpfende Gesellschaft scheint plötzlich ein intensiver Druck zu existieren, uns unserer selbst zu vergewissern und unseren kulturellen Boden zu behaupten – oder uns auf lange Sicht spurlos in einer Multi-Ethnizität aufzulösen.

Das war nicht so, als wir in den 50er und 60er Jahren die erste Generation von „Gastarbeitern“ anwarben, denn die – so das Kalkül –  würden wieder in ihre Heimatländer zurückkehren oder sich assimilieren.

Es schien auch nicht angesagt, als die „Achtundsechziger“ das kollektive Versagen ihrer Elterngeneration im Dritten Reich anprangerten. Auf keine neuen und interkulturell angepasssten „deutschen Werte“ musste man sich in diesem Prozess einigen, denn schließlich waren all diese jungen Rebellen selbst Deutsche. Von dieser gemeinsamen Plattform aus definierten sie zwar neu, was richtig und falsch war – doch in einer weitestgehend monoethnischen und monokulturellen Gesellschaft.

Und es war immer noch kein Thema, als 1990 die Wiedervereinigung daherkam und aus zwei halben eine neue Nation zusammengebacken wurde. Wir waren alle Deutsche, oder nicht? Also warum ein Gewese machen um unsere nationalen Werte in Interaktion mit anderen, konkurrierenden auf unserem eigenen Boden? Ja, es gab eine intensive Nabelschau, aber meistenteils über die Frage, wer die besseren Deutschen waren, welche Hälfte von uns die D-Mark mehr verdient hatte – den einzigen Wert, über den eine neue nationale Einigkeit bestand.

Erst als die Immigration von außerhalb unserer erweiterten Außengrenzen ein immer mächtigerer Strom wurde, erst als wir mit dem Bau von Zeltstädten begannen (in Hamburg allein werden nach vermutlich bereits wieder überholten Zahlen bis Jahresende 31.000 Neuankömmlinge erwartet), erst dann starrten wir endlich in den Spiegel und entdeckten: etwas Undefinierbares, Konturloses.

Individualismus schafft keine Heimat

Wer also sind wir Deutschen? Nicht mehr als ein Volk im Niedergang, mit einer Geburtenrate von unter 1,4, zufällig auf einem Gebiet namens Bundesrepublik angesiedelt? Eine historische Gesamtheit, die von einer Flut reproduktiverer Neuankömmlinge umspült wird? Gibt es irgendetwas, etwas anderes als eine gemeinsame Sprache und einen hohlen Konsumismus, das uns „Eingeborene“ vereint und uns so das Recht verleiht, Anspruch auf dieses Land zu erheben?

Plötzlich entdecken wir, dass unser gefeierter Individualismus und Materialismus der letzten Jahrzehnte nicht viel dabei hilft, eine starke und verlässliche Heimatbasis zu entwickeln – etwas, das all die neu hinzukommenden Gruppen besitzen. Ebenso wenig hilft das Fehlen eines gemeinsamen Wertesystems oder auch nur von Sitten und Bräuchen, die über Weihnachtsgeschenke und Fußball hinausgehen. Gar nicht zu reden von geteilten philosophischen Weltanschauungen und am allerwenigsten von einer Religion, die inoffiziell vor Jahrzehnten für tot erklärt wurde.

So ist die Frage, ob wir als Nation und als Volk in einer Welt expansiver Ideologien und aggressiver Glaubenslehren mit leeren Händen dastehen, mehr denn je zur Debatte freigegeben. Also gut, die Herausforderung ist da. Und sie wird nicht wieder weggehen, ebenso wie all die Neuankömmlinge nicht einfach so wieder weggehen werden.*)

Nun mag der Einwand kommen: Wozu soll das gut sein, dieses Herumreiten darauf, was „deutsch“ sei? In dieser so flüchtigen und verflochtenen Welt, deren Koordinaten sich alle paar Wochen um 180 Grad zu verschieben scheinen? Warum nicht einfach das Neue umarmen und die Gelegenheit nutzen, das so mühsam Greifbare – die einende Identität – als sinnlosen Ballast ein für allemal abzuwerfen?

Warum die Mühsal lohnt

Es ist notwendig, weil nur der, der sich seines größeren Ganzen, seiner kollektiven Herkunft und Verortung bewusst ist, auch wissen kann, warum er als Einzelner ist, wie er ist. Und nur wenn er das weiß, kann er Stand- und Haltepunkte für seine eigene und die kollektive Zukunft (mit-)bestimmen – was doch ureigenster Antrieb unseres demokratischen Diskurses sein sollte, wie Sonntagsredner stets beteuern.

Wer sich aber schon seiner eigenen Kultur im Guten wie im Schlechten nicht sicher ist, dem bleibt nichts übrig, als sich treiben zu lassen und Getriebener zu sein. Er darf sich dann nicht wundern, wenn andere, sich selbst bewusstere Kulturen den Raum einnehmen, den auszufüllen er ein Gewohnheitsrecht zu haben glaubte.

Wir müssen – 70 Jahre nach Hitlers katastrophalem Fehlversuch, eine Deutschland-Formel zu definieren – gemeinsam neu festlegen, was dieses Land im Inneren zusammenhält. Nur dann können wir uns sicher sein, was wir den Neuankömmlingen anzubieten haben – und was nicht. Selbstverständlich darf sich das Ergebnis nicht in Kubitscheks groteskem Wagner-Zitat erschöpfen. Aber ebensowenig in hohlen Phrasen  wie „Frieden“ oder „Wohlstand“ oder „Solidarität“.

Als die 5000 kürzlich auf dem Hamburger Rathausmarkt Versammelten „Refugees welcome“-Fahnen schwenkten, sangen sie  „Imagine there’s no heaven“ von John Lennon, um die brutale Realität der Welt da draußen zu bannen: „Imagine there’s no countries“? Doch, es gibt Nationen, und sie sind gewachsene, innere wie äußere Gebilde, keine bloßen Phantasien, die sich mit einem Traumbild überwinden ließen. „Nothing to kill or die for“? Fragen Sie die Ankommenden nach ihren Erfahrungen und Ansichten. „And no religion too“? Fragen Sie die Refugees, ob sie das auch so sehen.

Nein, es muss gelingen, aus dem diffusen Sehnsuchts- und Zufluchtsort „Deutschland“ mehr herauszukristallisieren als ein bloßes Zufallsprodukt von Völkern auf Wanderungen. Denn für ein solches Zufallsprodukt bräuchte man keine Planungen, keine Hoffnungen, keine Gesetze, keine Normen mehr zu entwickeln – es würde ohnehin am Ende seiner zunehmend kurzen Halbwertzeit in neue, unvereinbare Isotope zerfallen. Es wäre das Ende der Geschichte.

Neuankömmlinge am Hamburger Hauptbahnhof, Oktober 2015
Neuankömmlinge am Hamburger Hauptbahnhof, Oktober 2015

*) Dieser Blogbeitrag wurde am 8.10.2015 ab der markierten Stelle überarbeitet und teilweise neugefasst.