Vergesst Zombies!

Fürchten Sie sich? Auf sich selbst gestellt in Ihrem Alltag, schutzlos in dieser vor die Hunde gehenden Welt? Sie fürchten sich nicht genug.

Es ist weit schlimmer, als Politik und Medien Ihnen weismachen wollen. Es ist sogar noch schlimmer als damals, als Monty Python vor Banden wildgewordener Großmütter und einer Invasion marodierender Linksabbiegeschilder warnten – bevor die Zensurbehörde diese unliebsamen Wahrheiten in den Giftschrank der TV-Anstalten verbannte.

Die aktuelle Gefahr kommt ganz woanders her. Und sie ist sehr, sehr real.

Die ersten Anzeichen gab es heute drüben bei Glumm:

Slow Food 1 (Copyright: Glumm)

Wir müssen einer unglaublichen Entwicklung ins Auge sehen: Außer Kontrolle befindliche heimische Baumarten wie Rotbuchen oder Eichen, die scheinbar kein Wässerchen trüben konnten, beginnen aus einem plötzlichen, unstillbaren Fresstrieb heraus, Verbotsschilder zu verzehren!

Ich wollte dies auch nicht für möglich halten, bis mir dämmerte, dass ich im Sommer letzten Jahres selbst zufälliger Augenzeuge eines ganz ähnlichen Verhaltens war:

Slow Food 2 (Copyright: Driesen)

Das kann kein Zufall mehr sein, da wird ganz deutlich ein Muster erkennbar: Die Natur schlägt zurück!

Lange genug haben wir sie gequält, gemartert, mit Pestiziden verseucht und mit agrarindustriellen Monokulturen bedrängt. In unserer Hybris haben wir in den letzten Refugien der Bäume unsere restriktiven Rechtsnormen an ehrwürdige Stämme genagelt: Schutt abladen verboten! Baden verboten! Ja, sogar: Waldsterben verboten!

Als ob Bäume, diese ältesten Urahnen der zivilisierten Menschheit, sich unseren Vorschriften beugen müssten. Sie, die schon die Erde bevölkerten, als der Homo Neandertaliensis noch glaubte, dass man Eschen essen könne.

Und nun haben sie entschieden: Genug der Schmach!

Es ist fünf nach zwölf. Flieht, Ihr Narren!

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Stiller Tag in Büchsenschinken

Die Vermessung des Nirgendwo (Teil I und Schluss): Interessantes über ein Provinznest, dessen Name leider nirgends schlüssig erklärt wird und das auf meinen Fotos aus gutem Grund nur aus Schildern zu bestehen scheint.

Sich treiben lassen. Die Seele baumeln lassen. Den Tag pflücken. Den Horizont erweitern.

Wenn Sie derlei Impulsen nachgeben, die uns eine heimtückische Werbeindustrie häufig als Ausweis genussaktiven Lebenszeitkonsums suggeriert, könnten Sie als in Büchsenschinken enden. So wie ich gestern.

Ich musste dringend mal raus aus unserer Innenstadtwohnung, zweiter Stock Genossenschaftssiedlung, um mir von unseren geschätzten Nachbarn wenigstens für kurze Zeit nicht länger auf meinen Nerven herumtrampeln zu lassen. Ah, Sonne! Ah, lauer Wind! Ah, Frühlingserwachen! Ah, eine Fahrradtour! Einfach losradeln, auf das nächstbeste Ziel zu. Nur mein stummer Drahtesel und ich, herrlich!

Ich also das Navi im Smartphone gecheckt, „nächstbestes Ziel“ eingegeben, taucht da zufällig das Wort „Büchsenschinken“ auf. Auf einer Straßenkarte! Als Örtlichkeit! Jo, da musst du hin. Das ist dein Tagesziel, an einem Sonntag wie diesem. Büchsenschinken. Nur 15 Kilometer weit weg, und trotzdem noch nie davon gehört? Das werden wir änden!

If you can make it in Büchsenschinken, you can make it anywhere!

Gut, niemand hätte gewettet, dass es sich bei Büchsenschinken um eine vollwertige Ortschaft mit Dorfschulzen und Gendarm handelt. Vielmehr gehört Büchsenschinken zu einem von Literatur befallenen Städtchen, das einen Brummbär namens Harry Rowohlt beherbergt hat. Fast erwartet man, ihn hier gleich um die Ecke brummen zu hören. Allerdings gibt es keine Ecken. Büchsenschinken besteht aus einem Stück schnurgerader Straße, etwa einen Kilometer lang.

Was also, wenn nicht Harry, mag es hier für Attraktionen geben?

Von hier aus geht es weg hier, weg hier oder weg hier.

Oh, eine Bushaltestelle! Hätte ich also auch ohne Anstrengung herkommen können. Lustigerweise sogar noch mit meiner HVV-Monatskarte: „Einmal Büchsenschinken, bitte!“ – „Junger Mann, seh ich vielleicht aus wie ’ne Metzgerei auf Rädern? Das iss’n Bus hier!“ (Bäng, Tür zugeknallt, vor der Nase weggefahren.) Vielleicht doch besser, das mit dem Fahrrad.

Aber was gibt’s denn hier nun Schönes? Gibt’s denn hier Schönes?

Wohltuende Wirkung auf Reiter und Pferd: Hof Büchsenschinken

Natürlich gibt es das! Überall gibt es Schönes! Den Hof Büchsenschinken zum Beispiel. Den Reiterhof Büchsenschinken, um genau zu sein. In Reiterkreisen ein Begriff! (Hab ich dann gegoogelt.) Und das Tolle ist: „Der Hof hat durch seine besondere Lage und sein gepflegtes Erscheinungsbild eine wohltuende Wirkung auf Reiter und Pferd.“ So steht es auf der Website. Jetzt aber weiter die Straße entlang.

Kacken selbst für vierbeinige Freunde von Miniaturwindmühlen verboten!

Oh, was ist das? Eine Miniaturwindmühle! Und ein Schild, das Hunde zu Disziplin und Höflichkeit auffordert! Das ist interessant, weil: Von schräg gegenüber kläfft mich die ganze Zeit ein hochnervöser Büchsenschinkener Hofhund an. Zum Glück hinter einem Gittertor. So lange, bis Frauchen rauskommt und misstrauisch nach dem Rechten sieht.

Überhaupt haben die Büchsenschinkener nicht unbedingt viel Herzlichkeit und Liebe für Fremde wie mich übrig, die dumm rumstehen und Büchsenschinken fotografieren. Vorhin auch schon, die Pferdetrainerinnen vom Hof Büchsenschinken. Ich so: Klick, klick! Die so: Sparsam kuck! Ich so: Pfeifend weiterfahr’…

Wir sind halt auf dem Land, in Schleswig-Holstein, da ist sich jeder selbst der Nächste. Geschossen wird erst, gefragt später. Klar, auf die Polizei könnte man ja ewig warten.

Ach, kuck mal an.

Bullenstark: Transportbeton Nord. Mit einer Einfahrt wie die Southfork Ranch von J.R. Ewing.

Es ist nämlich möglicherweise so, dass in Büchsenschinken die Emmelheinz Natursteinwerk GmbH (keine Abbildung) gar nicht der größte Arbeitgeber am Platz ist, wie ich dachte. Als ich da vorbeigekommen bin. Emmelheinz hat ein imposantes Firmenschild aus poliertem Naturstein (keine Abbildung, es standen Nachbarinnen beim Nachbarschaftsschwatz zusammen) und wirkt schon relativ potent, so von der vermuteten Wirtschaftsleistung her gesehen.

Nun aber dies hier: die Transportbeton Nord! Riesengelände, endloses Entrée! Außerdem: Beton und Naturstein fast Tür an Tür? Da wird ja ein Muster erkennbar! Eine ganze Branchenwelt tut sich da auf in Büchsenschinken: die Welt der massiven Baumaterialien! Jo ho ho, und ’ne Buddel Asphalt!

„… möchte ich mich auf Ihre Ausschreibung als stellvertretender Betonwart bei der Transportbeton Nord bewerben; derzeit übe ich eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitanstellung als Oberflächenpolier beim Emmelheinz Natursteinwerk aus.“ Wie viele Fachkräfte man sich in Büchsenschinken wohl schon auf diese und ähnliche Weise gegenseitig abgeworben hat?

Mich dies und jenes fragend, neue Eindrücke im Herzen tragend, schwinge ich mich froh in den Sattel. Zuhause mag der Terror weitergehen, aber bevor ich sterbe, habe ich dies gesehen. Büchsenschinken, mon amour!

***

Nachtrag, 2. Mai:

Wie mir ein gewöhnlich gut informierter Busfahrer soeben mitteilt, gibt es sogar noch ein zweites Büchsenschinken in der Gegend: In Lauenburg an der Elbe, kaum 40 Autokilometer von Reinbek-Büchsenschinken entfernt, heißt eine Stichstraße so. Und die zugehörige Bushaltestelle auch. Ja, es sieht sogar nach einer Buswendestelle aus, was Büchsenschinken da sackgassenmäßig zu bieten hat:

Eigenheime, dicht an dicht wie Schinken in der Büchse

Jetzt schlägt’s 13! Schleswig-Holsteiner, was ist los mit euch? Zwei Örtlichkeiten unabhängig voneinander Büchsenschinken nennen und keine Erklärung dazu liefern? Es womöglich selbst nicht verstehen, wie ihr das tun konntet? Und jetzt hoffen, niemand findet das raus und keiner stellt Fragen? Falsch gehofft, Schleswig-Holsteiner!

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Wirtschaftswunderbilder (18): Janeinvielleicht

Kommunikation 2017: Wir bedenken längst schon nicht mehr, was wir sagen. Alles gleichzeitig, gleichwertig. Alles ist Marke, alles ist Statement. Alles und das Gegenteil von allem. In fremden Zungen so widersinnig wie in der eigenen – Hauptsache verspielt, ironisch, nicht ernst gemeint. Nicht gekonnt ist schietegal. Nichts verstanden tut auch nicht weh. Nichts gewusst ist ganz normal. Wir kommunizieren, was wir leben: Vakuum, getarnt als Kernbotschaften. Hauptsache nichts, worauf man uns festnageln könnte. Das aber „stylish“, bitte. White on black: Shiny, shiny nothingness.

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Um Fragen einen Bogen machen

Lachen, Luxus und das typisch Weibliche – auf weniger Platz, als Trump für eine getwitterte Kriegserklärung braucht. Aber dafür geistreich. Bitte!

Hin und wieder kommt man als Autor in den Genuss, in der Tradition des ehrwürdigen Salonspielchens unter Kafeehaus-Intellektuellen einen Fragebogen ausfüllen zu sollen. Diesmal war der Anlass, dass ich ausgerechnet am kommenden Veilchendienstag, dem 28. Februar, in Wenningstedt aus „Wattenstadt“ vorlese. Ich meine, „Wattenstadt in Wenningstedt“, das klingt natürlich allein schon ziemlich karnevalistisch. Wenn man außerdem weiß, dass Wenningstedt auf Sylt liegt, dann kommt noch dieser spezifische Hauch von Promis und Parties hinzu. Was passt da besser als ein launiger Fragebogen?

Und so trat also der „Sylter Spiegel“ – keine Lokalredaktion des Hamburger Nachrichtenmagazins, sondern ein unabhängiges Sturmgeschütz der Demokratie – auf den Plan. Beziehungsweise an mich heran. Mit der Bitte, als „Mann/Frau im Spiegel“ (Rubrikentitel) die beigefügten Fragen „mit ein wenig Geist, Ironie und Witz“ auszufüllen. Und ein Foto beizufügen, „am besten als scharfe Brustaufnahme“. Das war aber alles noch der ernst gemeinte Teil, das Geschäftliche sozusagen.

Da ich kein (bekannter) Pornodarsteller bin, konnte ich statt mit scharfer Brust nur mit einem mittelscharfen Kopfschuss dienen, der später auch prompt meinen publizierten Fragebogen zierte. Jetzt aber erst mal ran an die Fragen! Vermutlich werden sie ja schon so gestellt sein, dass sie dem Beantworter Scheunentore für Wortspiele und sonstige Geistesakrobatik öffnen, oder? ODER??

„Zum Lachen bringt mich…“

Ömm. Wie komplettiert man das mit „ein wenig“, also nicht zu viel, Geist und Witz? Zum Lachen bringt mich ein Scherz? Zum Lachen bringt mich mein Chauffeur, indem er mich in die Tiefgarage fährt? Zum Lachen bringt mich das Glück, das in den feuchten Augen meines kleinsten Kindes schimmert wie die Kerzen am Weihnachtsbaum damals, als Opa noch lebte? Hm.

Weiter im Text. Vergessen wir nicht, dass der Fragesteller von Sylt aus fragt:

„Luxus ist für mich …“

Gute Frage. Luxus. Für jemanden, der demnächst auf Deutschlands Reichen-Insel etwas öffentlich vorlesen darf, dies auf Facebook in der Sylt-Community ankündigt und von dort als erstes die offenbar rhetorisch gemeinte Frage zurück bekommt: „Der Eintritt ist frei?“

Zum Lachen bringt mich mein Chauffeur, indem er mich in die Tiefgarage fährt.

Mittlerweile ist das Spielchen unübersehbar in Arbeit ausgeartet. Schwere Arbeit. Witzisch sein! Geistreich sein! Ironisch sein! Streng. Dich. An!!!

Aber dann geht mir endgültig die Puste aus.

„Typisch männlich ist…“ / „Typisch weiblich ist …“?

Och nö. Nö! Was mach ich jetzt? Es ist eine Falle! Ein Dilemma. Eine Zwickmühle. Alles, was ich darauf antworte, kann nur falsch sein! Ich kann das nicht genderpolitisch korrekt beantworten! Irgendjemand wird sich diskriminiert fühlen. Garantiert. Garantiert!

Oder warte. Doch. Das müsste gehen. Da kann niemand … wirklich niemand … Ja, das geht!

Puh! Heute gelernt: Fragebogen = um Fragen einen Bogen machen.

Hinweis: Nein, es liegt nicht an Ihren Augen. Und es hilft auch nur bedingt, den Fragebogen anzuklicken.

 

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