Kategorie-Archiv: Hochdruckzone: Produktion

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Making of Romandebüt (1): Noch 99 Seiten

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Der morgige Tag ist der erste Tag vom Rest … nein, nicht meines Lebens, obwohl: das auch. Aber was ich sagen will: vom Rest meines Romans. Meines ersten Romans.

Man muss sich Ziele setzen im Leben. Also gut, hier (räusper): In den verbleibenden 105 Tagen bis zur Mitte des Jahres werde ich die restlichen 99 Seiten (circa 99, Anmerkung meines inneren Medienanwalts) des bereits vollständig durchkonzipierten Romans fertigschreiben. Was ein Klacks ist, denn 144 Seiten gibt es ja schon. Oder anders ausgedrückt: sieben von zwölf Kapiteln. Und außerdem weiß ich, wie man Bücher schreibt. Ich habe es schon viermal getan, und ich kann es wieder tun! Auch, wenn es diesmal nicht um Facts, sondern um Fiction geht. Die wahrsten Wahrheiten schreiben sowieso die Dichter.

Nun ist es heraus. Danke, liebe Leser, danke! Danke, dass ich Sie gerade mal dazu missbrauchen durfte, mir über die letzten, gefühlten 50.000 Kilometer zu helfen. Ich muss sagen: So ein öffentliches Gelöbnis hat doch gleich eine erhebende, inspirierende Wirkung. Tastatur, komm her, wo bist du? Ach ja, hier unten (Sie kennen die Sache mit der Brille, die auf der Nase sitzt).

Wenn aber hier, verehrte Zeilensturm-Leser, in der Zwischenzeit nicht alle paar Tage etwas Neues steht, wissen Sie jetzt, wohin die Kreativ-Energie stattdessen geflossen ist. Wenn ich mich überhaupt nicht mehr melde, wissen Sie ebenfalls, warum.

Damit Sie sich in der Zwischenzeit noch besser den Kopf darüber zerbrechen und den Mund wässrig machen können, was da auf Sie zukommt, sehen Sie in wenigen Sekunden als Preview schon mal das (keinesfalls bereits rechtsverbindliche, Anmerkung meines inneren Medienanwalts) Buchcover. Den Titel allerdings habe ich noch zu 99 Prozent unkenntlich gemacht. Sie müssen ja nicht alles wissen.

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Schwein gehabt. Walzwerk gebaut. 125 Jahre geworden.

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Stellen Sie sich vor, Sie heißen Hermann Böllinghaus und sind Schweinemetzger. Es geht Ihnen gut, Sie haben moderne Maschinen, einen florierenden Betrieb, eine junge Frau und viele fette Schweine. Schlachten macht Ihnen Spaß … und dann passiert etwas, das Ihren ganzen Lebensentwurf über den Haufen wirft. Die Lösung? Donald-Duck-Leser wissen Bescheid: sich in etwas hineinstürzen, was leider als komplett größenwahnsinnig abgelehnt werden muss! Na, da bauen Sie doch einfach ein Profilstahlwalzwerk auf die grüne Wiese – und markieren damit den Anfang eines Unternehmens, das sich im Jahr 2014 bester Geschäfte erfreuen wird. Also etwa vier Generationen nach Ihrem allzu frühen Tod.

Das klingt nach einem unglaubwürdigen Romanentwurf? Ist ja auch keiner, sondern vielmehr die Wirklichkeit. So geschehen in Remscheid im Bergischen Land, 1889. Und dann, über zwei Jahrhundertgrenzen hinweg, mehr oder weniger im Verborgenen weitergegangen: Krisen überwunden, fast zusammengebrochen, Abenteuer bestanden, Probleme gemeistert, Schreckliches überlebt und mitverschuldet, an Klippen gestanden, in Abgründe geschaut, immer wieder Mut gefasst, floriert und aufgestiegen, immer neue Ideen verwirklicht, wilde Pläne geschmiedet, wilde Pläne verworfen, gelebt, gewachsen und gestorben – und in nächster Generation wieder neu angetreten.

Schließlich recherchiert, aufgeschrieben und jetzt durch Pro Heraldica in Stuttgart zum Buch komprimiert:

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Wenn Sie pars pro toto verstehen wollen, wie die deutsche Industrie zu jenem unverwüstlichen Gerüst aus mittelständischen Familienbetrieben kam, um das sie in aller Welt so beneidet wird, dann lesen Sie diese Unternehmenschronik. Darin spielen Menschen die Hauptrolle – nun, ich will nicht sagen: wie Sie und ich –, aber eben doch Menschen, die nicht als CEOs auf der Brücke übermächtiger Weltkonzerne standen, sondern mit beiden Beinen fest im (bergischen) Leben. Die arbeiten, aber auch feiern können. Die nicht das 1000-Fache Ihrer Angestellten „verdienen“, aber trotzdem bisweilen genauso aussehen wie der Schauspieler Mario Adorf als Kaufhauskönig in „Der große Bellheim“. Und die so sympathisch unvollkommen sind, dass ihre kühnsten Ideen einfach wahr werden mussten.

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Es ist andererseits auch die offen aufgearbeitete Geschichte einer großen Schuld, die ebenfalls typisch ist für die gesamte deutsche Industrie: das Ausnutzen von Zwangsarbeit während der NS-Diktatur. Und eine Erklärung, wie es dazu – aber auch zum großen Schweigen darüber nach Kriegsende – kommen konnte.

Insgesamt, ohne das jetzt zu hoch hängen zu wollen, ist es das Drama der Existenz im sich entwickelnden Kapitalismus: das Abenteuer, sich immer wieder neu erfinden zu müssen, Gevatter Tod immer noch einmal ein Schnippchen zu schlagen, auf Grenzen zu stoßen, Grenzen zu übertreten, dabei nicht immer sauber zu bleiben, selbst auch Narben davonzutragen, aber einige Träume doch zu verwirklichen, letztlich dem Leben so viele Glücksmomente wie möglich abzutrotzen. Und am Ende den Stab weiterzureichen. Ach, genauso würden Sie auch Ihren eigenen Lebensweg auf den Punkt bringen?

Dann schreibe ich Ihnen den ebenfalls gerne auf.

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Demnächst: Böllinghaus – Profile eines Walzwerks

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Es war einmal ein Schweinemetzger. Der Metzger hieß Hermann Böllinghaus und lebte im Jahr 1889 in Remscheid im Bergischen Land. Dem Metzger ging es gut, er hatte einen florierenden Schlachtbetrieb, ein hübsches Haus, eine junge Frau und nicht wenig Geld. Doch dann beschloss die Stadtverwaltung von Remscheid, aus hygienischen Gründen einen modernen städtischen Schlachthof in Betrieb zu nehmen, in dem fortan alle Metzger der aufstrebenden Industriestadt per Polizeiverordnung hübsch kontingentiert ihr Vieh schlachten und verarbeiten mussten. Weg war der lange Zeit unangefochtene Wettbewerbsvorteil für Böllinghaus. Doch resgnierte er? Nicht doch! Lamentierte er? Kaum. Stattdessen beschloss er etwas, das uns gerade heute, in dieser Zeit der erstarrten Strukturen und scheinbaren Alternativlosigkeiten, Respekt abnötigen sollte. Er beschloss: Da werd ich doch einfach Stahlunternehmer. Und ziehe innerhalb weniger Monate ein Walzwerk für Werkzeugprofilstahl hoch.

Denn Remscheid entwickelte sich gerade zum Zentrum der deutschen Werkzeugindustrie, und für Werkzeuge brauchte man Profile, also längliche Vorprodukte aus glühend in Form gewalztem Stahl, aus denen dann später z.B. Feilen geschmiedet wurden. Und Deutschland brauchte viele, viele Feilen damals. Auch Sägen oder Schlittschuhkufen. Ein neuer, äußerst lukrativer Markt entstand da gerade.

Wie aber wird ein Metzger zum Stahlexperten? Indem er sich Sachverstand einkauft. Zum Beispiel in Form von Louis Härtel, der das kaufmännische Wissen draufhatte, das ein Walzwerksunternehmer brauchte. Frohgemut gingen beide an den Start. Und so war alles bereitet, damit ich, knapp 125 Jahre später, eine actiongeladene Unternehmenschronik der Böllinghaus Steel GmbH vorlegen kann. Beauftragt vom dritten Nachfolger des späteren Unternehmenseigners Louis, dem heutigen Böllinghaus-Chef Hartwig Härtel. Denn er hatte meine Biografie über den badischen Stahlbaron Willy Korf gelesen. Wir lernen: Geschichte ist, wenn eins ins andere greift.

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Nun werden Menschen mit scharfem Blick für die Realität schnell bemerken: Der Himmel über diesem Firmenschild von Böllinghaus ist viel zu blau für das eher trübe Remscheid. Und sie haben Recht. Hier sind wir nämlich in Portugal, genauer gesagt in Vieira de Leiria, einem ehemaligen Industriestädtchen an der Atlantikküste. Ehemalig, weil dort irgendwann fast die ganze Werkzeugindstrie als leere Ruine herumstand, darunter auch ein altes, bankrottes Walzwerk. Bis 1996 Hartwig Härtel kam. Sein Remscheider Walzwerk war ebenfalls in der Krise, in Deutschland ließen sich Stahlprofile nicht mehr kostendeckend produzieren. Aber Härtel wäre kein Nachfolger von Hermann Böllinghaus gewesen, wenn er nicht eine kühne Entscheidung getroffen hätte: Das Werk in Portugal wurde gekauft und wieder flott gemacht, das in Remscheid 2001 geschlossen. Seither wird hier produziert, wo es vom Meer her nach Kiefernholz und Salzwasser riecht – was einen Stahltouristen wie mich auf dem Werksgelände sensorisch erst einmal kräftig durcheinander brachte.

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Es ist immer wieder faszinierend, rotglühende Stahlstäbe durch die Walzen so eines Werkes rasen zu sehen, während kühlender Wasserdampf brodelt und Funken stieben. Auf dem unteren Bild blicken wir in die Werkstatt, wo die Walzen gelagert werden, die rund 10.000 Euro teuren Herzstücke solch eines Werks. Was man indes nicht sieht, sind die Leidenschaft und der Stolz, die in all dieser grob anmutenden Technologie stecken. In Wahrheit kommt es hier nämlich auf höchste Präzision an – und auf ein entsprechend geöltes „Räderwerk“ portugiesischer und deutscher Mitarbeiter. Das wiederum ist eine Geschichte für sich: wie sich hier, in einem Familienbetrieb, seit dem großen Culture Clash von 1996 jene internationale Mischkultur herausbildet, die z.B. Daimler und Chrysler bei ihrer gescheiterten Fusion nie hinbekommen haben. Gut, es läuft vielleicht nicht immer ganz nach Plan, dafür aber menschlich, und das ist entscheidend, wenn es funktionieren soll.

Denn so ein Walzwerk ist kein „Asset“, kein totes Kapital, über das ein Unternehmer beliebig verfügen kann. Es ist selbst eine Art Lebewesen, das zischt und dampft und dröhnt und rattert. Sein Puls schlägt immer, auch wenn gerade wenig oder keine Arbeiter zu sehen sind. Doch ohne sie im Hintergrund gäbe es diesen Pulsschlag nicht. Es gibt ihn aber, lauter denn je, und gesteuert wird er mittlerweile aus Hilden bei Düsseldorf. Dorthin zog die kleine Verwaltung von Böllinghaus vor einigen Monaten um. Remscheid, wo das Unternehmen 123 Jahre lang seinen Sitz hatte, ist nämlich wirtschaftlich leider ziemlich auf dem absteigenden Ast. Das Leben geht dennoch weiter, nur eben anderswo, darin ist es hartnäckig.

Von alledem handelt das von mir verfasste Buch Böllinghaus – Profile eines Walzwerks. Eine Zeitreise durch 125 Jahre, das im Juli kommenden Jahres bei Pro Heraldica in Stuttgart erscheinen wird. Und sozusagen als Trailer zu dieser Walzstahl-Saga gibt es hier schon einmal ein paar mit dem Handy gefilmte Impressionen aus dem stählernen Bauch des Produktionsbetriebs. Denken Sie an diese Bilder, wenn Sie demnächst eine Feile aus Ihrem Werkzeugkasten holen (auch wenn aus Böllinghaus-Profilen heute viel kompliziertere Dinge gefertigt werden).

20 Hefte, zehn Jahre, ein Team

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Das hier würde man bei einer Treibjagd die „Strecke“ nennen:

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Diese Strecke allerdings entspricht schon fast einer Epoche. Ende September hat „concepts“, das Konzernmagazin von Deutschlands größtem Baukonzern HOCHTIEF, sein 20. Heft herausgebracht. Im Herbst 2003 sind wir an den Start gegangen, Anfang 2004 zum ersten Mal erschienen.

Bei halbjährlicher Erscheinungsweise ist es mir mithilfe eines Taschenrechners relativ leicht gelungen herauszufinden, dass ich damit nun seit zehn Jahren Chefredakteur bin. Bei einem Blatt, das unterwegs 44 Preise und Auszeichnungen eingesammelt hat, davon dreimal in Folge Gold bei Europas renommiertestem Wettbewerb für Corporate Publishing, dem BCP Award. Concepts war zugleich das erste Unternehmensmagazin, dass in die „Hall of Fame“ des BCP Einzug halten durfte.

Echt: zehn Jahre? Gott, war ich jung damals. Heute kann ich sagen: Es stimmt, zehn Chefredakteursjahre entsprechen 20 Hundejahren – nein, halt, wie war das Sprichwort noch? Egal.

Jedenfalls gilt es an dieser Stelle zu danken: zufördert den vielen Reportern und Fotografen in aller Welt, die uns das HOCHTIEF-Universum durch ihre Augen und Linsen zum Faszinosum gemacht haben. Viele von Ihnen sind ja nun schon in Ehren mit uns mitgealtert. Dann natürlich dem Team um Birgit Jambor in Essen, ohne dessen geduldige und vertrauensvolle Hintergrundarbeit und Strippenzieherei keines dieser Hefte je entstanden wäre. Sowie, ebenso selbstverständlich, den kreativen Gestalte(r)n bei Dirk Linkes ringzwei und den Verlagsprofis (hi Frank!) bei Hoffmann und Campe Corporate Publishing.

Womit klar genug geworden sein sollte: Guter Journalismus geht nur als Team. Und so eines wie dieses muss man andernorts erst mal finden.

Zur aktuellen Ausgabe von concepts geht es übrigens hier entlang.

Reden ist Gold

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Kennen Sie das nagend beunruhigende Gefühl, in drei Tagen den Literaturnobelpreis verliehen zu bekommen und immer noch partout nicht zu wissen, was wohl die passenden Dankesworte vor den Mikrophonen der Weltpresse sein könnten? Oder wenn mal wieder eine Rede vor der UN-Vollversammlung ansteht, Sie aber die Furcht plagt, schon wieder dasselbe zu erzählen wie letztes Mal? Oder der Spiegel hat Sie um einen Essay über Quantenphysik gebeten, obwohl Sie eigentlich Experte für Bundesschatzbriefe und Kommunalobligationen sind?

Nun, Ihnen kann geholfen werden. Denn für alles gibt es Spezialisten, man muss nur die richtigen finden. In einer verschwiegenen Branche wie dem Ghostwriting aber ausgerechnet auf Mundpropaganda angewiesen zu sein, wäre sicher nicht von Vorteil.

Kurz: Da gibt es nun eine neue Firma aus Hamburg, die Ihren Worten auf die Sprünge hilft, um nicht zu sagen: Flügel verleiht. Und sich dabei ganz diskret im Hintergrund hält. Es ist diese Firma:

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Und nein: Rufen Sie da nicht an, wenn Sie zu Guttenberg heißen und/oder schnell mal eine Doktorarbeit benötigen. So was können Sie doch viel besser selbst. Gell, Herr Baron?

Klimawandel ist Fakt. Wie passen wir uns an?

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Das hat die Menschheit sauber gründlich hinbekommen: Der Klimawandel ist bis auf weiteres nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das Eis der Pole schmilzt in nie dagewesenem Tempo, der Meeresspiegel steigt, die Temperaturen auch – und zwar mindestens noch jahrzehntelang, selbst wenn wir heute mit der CO2-Vermeidung ernst machen würden. Einer der renommiertesten deutschen Klimaforscher, Professor Mojib Latif vom Kieler GEOMAR, hat mir in einem Interview die Folgen für unsere bislang so gemäßigte Region beschrieben. Wir sprachen aber auch darüber, wie man durch angepasste Bauweisen von Gebäuden und Infrastruktur mit den drastischen Wetterphänomenen leben lernen kann, die unsere neue Normalität werden. Das Interview finden Sie hier, (bitte Teaser anklicken oder S.30 aufschlagen). Die Betonung auf Baumaßnahmen ist kein Zufall: Abgedruckt ist das Gespräch in der neuen Ausgabe des Magazins concepts von Hochtief. Und dass der größte deutsche Baukonzern sich fragt, welche Marktchancen der unaufhaltsame Klimawandel mit sich bringt – well, that’s capitalism, isn’t it?

Einsicht, Weitsicht, Zuversicht

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Wer Zeilensturm regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich im Zweifel gegen Wortspiele bin. Sie sind einfach überreizt, ausgelutscht, wirken allzu leicht penetrant und gewollt. Außer natürlich, sie sind vom Meister selbst. So wie in der aktuellen Ausgabe der „Südseiten“, dem Blatt der Bayerischen Börse München, deren Titelgeschichte über nachhaltige Geldanlagen mit „Einsicht, Weitsicht, Zuversicht“ überschrieben ist.

Das nämlich sind die drei Kardinaltugenden sozial- und umweltbewusster Kapitalanleger – die leider von der Mehrheit der Geldgeilen in Grund und Boden ignoriert werden. Dabei stimmt die Rendite bei ersteren bisweilen weitaus mehr als bei letzteren, wie in der Geschichte erklärt wird. Jedenfalls fiel mir diese Zeile ein, als ich meine Recherchen zum Thema abgeschlossen und die Geschichte in die Tastatur getippt hatte. Also setzte ich sie oben drüber. Dann schickte ich das Ganze an die Redaktion. Was ich nicht ahnen konnte: Offenbar hat der Dreiklang aus verwandten Begriffen beim Layout des Heftes eine Saite angeschlagen, so dass sie kurzerhand vier Farbseiten aus drei Wörtern gemacht haben – ein bis heute wahrscheinlich unerreichter Rekord an bildlicher Textausbeute. Und an dieser gelungenen Übertragung ins (Typo-)Grafische möchte ich meine Leser hier optisch teilhaben lassen. Man beachte auch, was ein findiger Schlussredakteur in die drei doch recht schlichten Worte noch an neuen semantischen Zusammenhängen hineingemogelt hat. Mir gefällt’s!

Titanic: Trau keinem Eisberg über 100

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Dies ist angeblich der Eisberg, den heute um 23.40 Uhr vor genau 100 Jahren die Titanic gerammt haben soll (Quelle: Wikipedia). Das Foto machte nach Angaben der Online-Enyklopädie am folgenden Morgen der Chefsteward des Dampfers Prinz Adalbert wenige Kilometer südlich der Unglücksstelle. Er hatte am Eisberg nahe der Wasserlinie rote Farbspuren entdeckt, die er für Lacksplitter der Titanic hielt.

Doch das kann nicht sein. Denn wie wir alle wissen, ist das Schiff damals wohlbehalten in New York angekommen und erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem es zum alliierten Truppentransporter umfunktioniert wurde, so zerschossen gewesen, dass es 1946 im Hafen von Hong Kong abgewrackt wurde. Zumindest erinnert sich der 104-jährige Ex-Passagier Billy Sloman, der in der Eisberg-Nacht als Kleinkind an Bord war, an keine Kollision. Dafür sehr deutlich daran, vom Deck der Titanic aus die Freiheitsstatue bewundert zu haben.

Da sieht man mal wieder, welch unvorhersehbaren Verlauf die Weltgeschichte bisweilen nimmt.

Mein Leben als Geist

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Es gibt diese Szene aus einem älteren Woody-Allen-Film, in dem Allen als Familienvater an dem Problem leidet, sich zunehmend in einen Schemen zu verwandeln: Er wird im wörtlichen Sinne immer unschärfer und transparenter, bis er nur noch vage vor sich hin flimmert. Seine Kinder finden das gar nicht schockierend, sondern lustig und aufregend, sie rufen angesichts ihres blässlich-verwischten Vaters begeistert im Chor: „Daddy’s out of focus! Daddy’s out of focus!“ Dasselbe passiert mir gerade – im noch weiter fortgeschrittenen Stadium.

Ich bin zum Geist geworden. Zum Ghostwriter eines Buches. Das bedeutet: Mich gibt es gar nicht. Es gibt die bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, in deren Namen ich das Buch verfasse. Es ist das Buch dieser Persönlichkeit, ihr Name wird auf dem Cover stehen. Ihre Gedanken werden darin zum Ausdruck kommen. Es sind gute, wichtige Gedanken, es ist ein wichtiges Buch. Aber wer spricht dort eigentlich? Das ist verwirrend, selbst für einen Geist.

Dass es mich nicht gibt, daran bin ich gewöhnt. Bevor ich zum Geist wurde, war ich ja schon 18 Jahre lang ein Medium. Nicht Medium im Sinne von Schamane, der mit Geistern Verstorbener spricht, sondern Medium im Sinne von Nachrichten-Mittler. Auch der Journalist ist ja persönlich total uninteressant (auch wenn er sich meist für umso interessanter hält). Er soll nur transportieren, was die wirklichen Nachrichtenmacher oder wahlweise seine Verlagsherren zu sagen haben. Man lernt, während man auf diesen Werkzeug-Status reduziert ist, eine Menge Interessantes über die Nachrichtenmacher im wirklichen Leben und im vermittelten Leben, zu dem man beiträgt. Man lernt zunächst genau hinzusehen und zuzuhören, und dann vor allem zwischen den Zeilen zu lesen. Ein Medium ist der perfekte Beobachter und Analytiker. Keine schlechte Voraussetzung für mein Leben als Geist.

Die zweite gute Grundlage: Ich habe schon drei eigene Bücher veröffentlicht. Da wird man dann plötzlich selbst zur Person, man liest öffentlich, man wird interviewt und um seine Einschätzung gefragt, Menschen hören und sehen einem dabei zu, man schreibt für sie sogar seinen Namen mit Füllfederhalter ins Buch, obwohl er schon außen auf dem Cover steht. Seht, da ist ein Autor! Der Mann hat ein Buch verfasst, der muss etwas zu sagen haben! Seltsam – aber so steht es geschrieben. Und gut zu wissen, wie es sich anfühlt.

Doch nun habe ich mich, nach der Evolution vom Werkzeug zur Person, vollständig in meine geistigen Partikel aufgelöst. Puff! Dies ist kein Rückschritt, meine Damen und Herren! Wenn Sie jemals Tucholsky gelesen haben, wissen Sie, dass es sich um das Hinaufschreiten einer Treppe gehandelt hat. Nämlich einer ähnlichen wie der von T. selbst skizzierten:

Wobei: Ich schweige ja gar nicht. Im Gegenteil: Mit der real existierenden Persönlichkeit, in deren Kopf ich seit kurzem wohne, habe ich mir tagelange Wortgefechte geliefert, wie es denn da oben richtig zu ticken habe. Also in meinem Geisterkopf, nicht in ihrem echten. In dem tickt es schon hoch präzise, sonst käme da ja kein interessantes Buchmaterial raus. Aber ich, als vergeistigter Untermieter ihres Kopfes, muss ja erst mal synchron ticken lernen. Darum ging es bei unseren Scharmützeln. Währenddessen genoss ich die wirklich spektakuläre Aussicht aus ihren Bürofenstern und viele Espressi. Am Ende war ein ungefährer Gleichtakt sichergestellt. Jedenfalls glaube ich das. Wie gesagt, der Prozess dauert an.

Aber wer spricht denn dann am Ende aus dem fertigen Buch? Ich würde sagen: 90 Prozent Person X und elf Prozent ich, der Ghost. „Das sind ja zusammen mindestens 121 Prozent!“, rufen jetzt die Skeptiker. Falsch, rufe ich zurück, das eine überschüssige Prozent ist reine Magie! Geister-Mathematik: Die 90 Prozent sind der Gedankenstrom, den Person X sozusagen in mich, ihr Gefäß, hat hineinströmen lassen. Woraufhin es in diesem Gefäß angefangen hat zu reagieren wie in einem Kessel mit Zaubertrank. Zehn Prozent sind meine hartnäckigen Nachfragen, um zu verstehen, welche Essenz da mit welcher Substanz reagiert. Und dieses eine Zusatz-Prozent entsteht, wenn der Ghost sich mit dem Werk der Person, deren Namen auf dem Cover stehen wird, zu identifizieren beginnt, als ob es sein eigenes wäre: Kongruenz. Eine übrigens wunderbare Erfahrung.

Ich könnte jetzt sagen: Kauft das Buch und seht selbst, ob die Rechnung aufgeht! Aber mich gibt es gar nicht. Gäbe es mich, hätte ich ein umfassendes Schweigegelübde abgelegt. Der Agentenfilmsatz „I’m afraid I’m not authorized to discuss this“ gehört jetzt zu meinem Berufsethos. Noch beeindruckender fand ich im Kino immer nur „That noise? Oh, that’s just my chopper coming!“ und „We’ve got to get out of here!“ Das allerdings sind Sätze für Autoren aus Fleisch und Blut. Nicht für mein Leben als Geist.