Im gamlen Hotel aus der hyggeligen Hölle

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Ostern ist jetzt schon ein Weilchen her, aber manchmal dauert es halt, bis man sich so weit gefangen hat und ein traumatisches Erlebnis in angemessen distanzierte Bilder und Worte fassen kann. Osterurlaub also. Mit seinem frischen Grün, den ersten bunten Blüten des Jahres, dem nicht vorhandenen Geschenke-Zwang und der Gewissheit, wieder einen Hamburger Winter überlebt zu haben, ist Ostern normalerweise mein Lieblingsfest im Jahreskreis.

Wir fuhren also mit Kindern und Kegeln für drei Tage nach Dänemark, in ein malerisches alten Hafenstädtchen, deren Namen ich genauso dezent verschweigen werde wie den Namen des aus dem Internet gebuchten Hotels. Auch das war, so ergab die Internetrecherche, alt (ca 100 Jahre), malerisch und dänisch gemütlich. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle zwei dänische Vokabeln einfließen lassen, die für mich nie wieder denselben Klang haben werden. Gamle heißt alt, und hyggelig heißt gemütlich.

Wir sind notorische Last-Minute-Bucher. Schon mal versucht, in Dänemark last-minute ein Hotel für die ganze Familie zu buchen? Also zwei Doppelzimmer? Über Ostern? Ich sag mal vorsichtig: Man sollte dann nicht mehr unbedingten Wert auf WLAN im Zimmer legen. Man nimmt, was noch frei und/oder bezahlbar ist. Wir freuten uns also angemessen über unser sowohl freies als auch bezahlbares Schnäppchen – und eine der Pointen dieser Geschichte wird es sein, dass wir tatsächlich ein tadellos funktionierendes, im Preis inklusives WLAN auf den Zimmern vorfanden.

Was wir nicht vorfanden, war unser Hotelier. Oder überhaupt ein menschliches Wesen. Wir standen am Ankunftstag vor verschlossener Tür, was wir auf die für Dänen vielleicht unnatürlich frühe Uhrzeit am Nachmittag zurückführten. Man kennt das ja aus diesem Kulturkreis: Siesta, die Hitze und so. Ein ca. zwölfsekündiges Telefonat mit dem Hotelbesitzer ergab dann auch schnell: Da war ein Kästchen mit Zahlencode neben der Eingangstür, in dem Kästchen waren Schlüssel, und diese Schlüssel ließen uns ein. Und das erste, was wir im Hausflur sahen, war dieses Arrangement:

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Man sieht das vielleicht rechts im Bild nicht so gut, aber es handelt sich um eine Dose mit Deospray for men, 24-Stunden-Schutz. Da muss man sich nichts Böses bei denken, das kann auch einfach daran liegen, dass das geisterhafte Hotelpersonal das silbern schimmernde Design der Sprühdose so elegant findet.

Die Zimmer selbst waren okay-ish. Also außer, dass jeder genau ein Handtuch erhalten hatte, das nicht immer das sauberste war, und außer der Kaffeemaschine, in deren Kanne Wasser vom Vorjahr mit bräunlich trüben Ablagerungen vom Jahr vor dem Vorjahr schwappte und außer, dass sich eines der Zimmer nicht abschließen ließ, was in einem absolut menschenleeren Hotel zu der Frage führt, ob man zur Nacht sich selbst oder doch lieber die Kinder einschließen will. Wir entschieden uns für die Kinder.

Ach so, und die Zimmertüren quietschten und knarrten etwa so sehr, wie sie in einem Film quietschen würden, in dem ein dänischer Kriminalkommissar am anderen Morgen einen grauenhaften Fund macht. Was akustisch insofern aber niemanden stören würde, als ja außer uns niemand da war. Und es sah auch nicht so aus, als ob noch jemand kommen würde. So stromerten wir also mal los, das ungeheizte, winterlich eiskalte Haus zu erkunden, das uns für die folgenden drei Tage ganz allein gehören würde und in dem wir dreimal das Frühstück zu uns nehmen sollten. Ich, als Cineast, immer vorweg mit dem Schlachtruf „Here’s Johnny!“ auf den Lippen. Erste Zweifel am gebuchten Frühstücksservice kamen uns dann im Frühstücksraum.

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Ich schrieb gleich mal eine launige SMS an unseren Hotelier, man weiß ja, Dänen lieben es informell und leger: Are you sure there will be breakfast tomorrow? Eine Antwort erhielt ich nicht. Der Mann ließ offenbar lieber Tatsachen sprechen, denn auf dem Tresen eines Bar-artigen Verschlags fanden wir durchaus reichlich Lebensmittel vor, und sogar ein Brotmesser. Eins.

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Aber hey, wir wollen nicht jammern. Es gibt doch so viel zu sehen in unserem gammeligen, hyggeligen Hotel. Zum Beispiel den kleinen Salon mit seinem wunderbaren Triptychon, dessen zentraler Teil vom Innenarchitekten vermutlich für deutschen Expressionismus gehalten wurde.

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Vom kleinen Salon aber öffnete sich der Blick auf den sonnendurchfluteten Großen Saal, der die Grandezza alter Zeiten oder zumindest alter Bügelwäsche ausstrahlte. In erstaunlichem Kontrast dazu das durchaus moderne Dampfbügeleisen. 
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Es dominierten, aufmerksame Beobachter haben es längst registriert, Fliedertöne. Aber alles in geschmackvollen Maßen: Gleich links neben dieser malerischen Szene aus der Lüneburger Heide bei Kopenhagen hatten die Hotelgeister einen kleinen Akzent in Weiß gesetzt – oder sollte man sagen: verschüttet?

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Wir verließen die Gesellschaftsräume, nicht ohne uns freizügig am reichlichen Klopapier-Buffet zu bedienen. So etwas darf eigentlich, genau betrachtet, in keinem hyggeligen gamlen dänischen Hotel-Salon fehlen. Man weiß ja nie, wie das Frühstück am anderen Morgen ausfallen wird.

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Andererseits hätte man im ungünstigen Fall dann auch Mühe, rechtzeitig bis in die öffentlichen Toiletten vorzudringen (siehe unten). Vielleicht verlegt man seine Sitzung doch besser gleich auf einen der lachsrosa Polstersessel im Salon, die sicherlich eigens zu diesem Zweck dort aufgereiht sind.

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Unterdessen war es Nacht geworden. Wir zogen uns, bereit zu sterben, auf unser Zimmer zurück und schlossen auch die Kinder weg. Nein, wir geben nicht so leicht auf, wenn wir mal auf der Walz sind. Wir haben das bezahlt, wir nutzen das. Allerdings dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch mit einiger innerer Befriedigung, ich hätte in Wahrheit noch gar nicht bezahlt und könne am nächsten Morgen demonstrativ die Geldübergabe verweigern, wenn der Hotelier erst einmal greifbar sein würde.

Allein: Am nächsten Morgen erwachten wir, immer noch lebend, im eiskalten Hotel. Allein. Sehr, sehr allein. Wir frühstückten dann im Stehcafé eines örtlichen Baumarkts, etwas anderes hatte nicht auf. Und langsam, ganz langsam, dämmerte es uns bei allmählich zurückkehrenden Lebensgeistern, dass die Buchung übers Internet durchaus mit einer hinterlegten Kreditkarte verbunden gewesen war, von welcher unser Hotellier den Preis für drei Familienübernachtungen samt dreimal Familienfrühstück längst abgebucht hatte.

Wir fuhren dann vorzeitig nach Hause, dabei die falsche Fähre nehmend, so dass wir uns plötzlich auf einer ganz anderen Halbinsel dieses verwirrenden Hybrid-Landes wiederfanden und, mit nunmehr 534 Kilometern Überlandweg bis nach Hamburg konfrontiert, lieber für 100 Euro noch eine weitere Fähre nahmen, um doch noch in diesem Leben das rettende Zuhause zu erreichen. In diesem einen, kostbaren, unwiederbringlichen Leben.

 

Nachtrag: Da wir oben gezeigte Fotos vorweisen konnten und bei Bedarf über ausreichende Shitstorm-Entfesselungskenntnisse verfügen, wurde uns der Hotelpreis inzwischen zurückerstattet. Die Lebenszeit leider nicht.

Making of Romandebüt (3): Noch 60 Seiten

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Was bisher geschah: Aus dem romantischen Impuls heraus, am Ende des literarischen Zeitalters dann auch noch schnell unter die Romanautoren zu gehen, habe ich das schon lange in meiner Schublade vor sich hin wachsende Manuskript öffentlich zum Fertigwerden bis zum 30. Juni verurteilt. Seither bin ich an diesen Fluch gebunden und muss, dem Konzept des Werkes entsprechend, eine im Voraus grob überschlagene Anzahl Seiten vollschreiben. Eine Zahl, die seither schon deutlich geschrumpft ist, wie man an den Überschriften dieser kleinen Making-Of-Serie ablesen kann.

Dieser ganze exhibitionistische Blog-Zauber ist natürlich dazu gedacht, den gefürchteten writer’s block zu überlisten, d.h. Schreibblockaden im Keim zu ersticken. Dann lieber halt- und schamlos drauflosgeschrieben und am Ende der Frist das Gelübde erfüllt, als mit inhaltlichen Skrupeln vor einem weiß flimmernden Bildschirm und den Augen der Weltöffentlichkeit zu kapitulieren.

Bislang hat das überraschend gut funktioniert. Gestern wurde Kapitel 9 fertig, und da es insgesamt zwölf werden sollen, darf ich mich nun in den elitären Kreis der Dreiviertelfertig-Autoren einreihen. Und dabei war das neunte ein sog. Übergangskapitel. Also eines, wo der Mord bereits passiert ist (Kapitel 8), aber die Pointe des Mordes noch nicht ersichtlich (Kapitel 10).

Übergangskapitel sind furchtbar für Autoren: Sie sind das Schwarzbrot, das wie Kuchen schmecken soll. Damit sie dem Leser nicht wie Übergangskapitel vorkommen, die sie aber eben doch sind, muss allerhand Feuerwerk stattfinden, aber eben nicht nur leerer Funkenflug und Donnerhall. Sondern, wenn dieses Kapitel ein Raum in einem Museum wäre, müsste der Besucher, vom Velázquez kommend, frohen Schrittes durch diesen Raum zum Picasso schreiten und dort dann wieder gerne verweilen, weil er im Gehen unbewusst verstanden hat, wie der Lichteinfall aus „Las Meninas“ den großen Kubisten in seinem Werk inspirierte. Das wäre ein gelungenes Übergangskapitel – leider auf einem weit höheren kunsttheoretischen Niveau, als ich es zustandebringen würde.

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Unlesbarer Schutzpatron der Debütanten: A. Schmidt aus HH-Hamm

Ich kann statt mit Weltniveau nur mit Witz aufwarten – auch und gerade im 9. Kapitel. Ein humoristischer, ja satirischer Roman ist natürlich in Deutschland etwas nicht Ernst(!)zunehmendes und darf sich also bestenfalls Unterhaltungsroman nennen. In der Hierarchie, die mir einmal ein namhafter Verlagsexperte erklärt hat, sieht das so aus: Auf der Stufenleiter ganz oben steht die Literatur, also Arno Schmidt oder Herta Müller. Man liest sie nicht, hat sie aber gern im Regal stehen und es gibt ernsthafte Literaturpreise dafür. Eine Stufe tiefer folgt die Belletristik, das sind Romane mit mehr Anspruch als Gebrauchswert. Und dann, nach einem steilen und langen weiteren Verlauf der Leiter nach unten, folgt erst die nächste, letzte, unterste Stufe: der Unterhaltungsroman. Er hat eine für Kritiker besonders unangenehme Eigenschaft: Er wird gekauft, verschenkt – und gelesen.

Über diesen Typus und vor allem über Unterhaltungsroman-Autor(inn)en hat John von Düffel in seinem wunderbaren Roman „Goethe ruft an“ auf urkomisch-kluge Weise alles Notwendige mitgeteilt, woraufhin er von der FAZ natürlich sofort verrissen wurde. Da wurde mir klar: Unterhaltungsroman-Autor, jo, das bin ich.

Mir bleiben nach Adam Riese drei Monate für drei Kapitel; so weit, so übersichtlich. Nun gilt es, sich flugs neue Zwischenziele zu setzen: Mit etwas Glück schon innerhalb des nun kommenden Kapitels 10 werde ich die 200-Seiten-Schallmauer durchbrechen und damit weiter ins Unbekannte vorgestoßen sein, als je ein Mensch zuvor ich für möglich gehalten hätte. Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit einen arglosen Romandebütautor.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss Anlauf nehmen.

Fünf Fragen an die Kirche anlässlich der kürzlichen Sonnenfinsternis

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Ich bin schon lange kein Christ mehr. Aus der evangelischen Kirche ausgetreten mit etwa 25 Jahren, über die Gründe will ich mich hier nicht vertiefen. Aber das heißt nicht, dass mich Glaubensthemen seither kalt gelassen hätten, im Gegenteil. Die großen Menschheitsfragen wie „Wo kommen wir her?“, „Wozu sind wir auf der Welt?“, „Was kommt nach dem Tod?“ verlangen es in meinen Augen zwingend und führen fast automatisch dazu, sich mit der Möglichkeit der Existenz des Göttlichen wenigstens auseinanderzusetzen.

Es sind vor allem zwei aktuelle Entwicklungen, die mich vor dem Hintergrund solcher Fragen faszinieren und mein Verhältnis zu Schöpfung, Göttern und Glaubenssystemen immer heftiger herausfordern.

Die eine ist der schreckliche Missbrauch religiöser Glaubenssätze durch Extremisten und Terroristen, die damit nur ihre skrupellosen Unterdrückungspläne in die Tat umsetzen wollen.

Die andere sind die stürmischen Fortschritte der Astronomie und Astrophysik im gerade erst begonnenen Jahrhundert: Wir haben in wenigen Jahren so viel gelernt über unsere Erde, unser Sonnensystem, unsere Galaxie und unser Universum wie in der gesamten Menscheitsgeschichte zuvor nicht.

Beide Entwicklungen stehen natürlich zunächst einmal in exaktem Gegensatz: Verdummung und Terrorisierung gegenüber Neugier und Aufklärung.

Nun war hier aber gerade diese 80-prozentige Sonnenfinsternis. In früheren Jahrhunderten wäre sie fast ausnahmslos als göttliches Zeichen oder Omen gewertet worden. Für mich war sie ein reines Naturphänomen, das ich eigentlich mit rein astronomischem Interesse verfolgen wollte.

20th_March_2015_Solar_Eclipse_in_Sheffield,_UK„20th March 2015 Solar Eclipse in Sheffield, UK“ von Arp96dcc. Quelle: Wikipedia

Doch dann glitt der Schatten des Mondes über uns hinweg, und etwas Unerwartetes geschah: Es wurde kalt. Ganz plötzlich, in Minuten, zog ein eisiger Hochnebel auf, wo gerade noch klares, vorfrühlingshaftes Wetter gewesen war. Mit einem Schlag waren der Hamburger Fernsehturm und die umliegenden Hochhäuser im Dunst verschwunden, der vorher leichte Wind schien wie eingefroren, wo vielleicht 15 Grad geherrscht hatten, waren es plötzlich (gefühlte) drei Grad in einer grauen, wabernden Eintönigkeit, die sich nach Ende des Himmelsphänomens nur zögernd normalisierte.

Und das alles nur, weil die Energieeinstrahlung der Sonne für wenige Minuten um einen deutlichen Prozentsatz abgenommen hatte.

Ich war erschüttert. Es war, als ob der Himmel den Hauch eines Zeichens gegeben hätte, wie es wäre, wenn alles aus den Fugen geriete. Wenn uns das Licht der Sonne abgeschnitten würde für mehr als ein paar lausige Minuten. Oder, wie es die Religion uns nahelegen würde: wenn das Jüngste Gericht über uns hereinbräche.

Wir leben in einer Zeit, in der Wissen und Glauben, Staunen und Furcht vor dem Universellen in ständigem Widerstreit stehen. Auch in meinem eigenen Kopf. Das hat mir eines der ältesten Symbole des Göttlichen, die Verfinsterung der Sonne, unerwartet vor Augen geführt.

Deshalb möchte ich hier einige Fragen stellen, für deren Beantwortung ich jedem Gläubigem, besonders aber jedem Glaubenslehrer (Priester, Rabbi, Imam) dankbar wäre. Nicht, um mich in meinen Vorurteilen gegenüber seiner spezifischen Lehre bestätigt zu fühlen. Sondern um den Versuch zu machen, seine Antwort mit meinem Bild von der Welt in Übereinstimmung zu bringen.

Hier also die Fragen:

1. Wenn wir wirklich, was sich immer deutlicher abzeichnet, innerhalb der nächsten Jahrzehnte auf außerirdisches Leben stoßen, möglicherweise sogar intelligentes: Würde das Ihr Glaubensgebäude einstürzen lassen oder hat Ihr Gott / haben Ihre Götter diesen Fall bereits vorausgesehen und der Menschheit damit einen neuen Platz in der Schöpfung angewiesen?

2. Falls es der Menschheit in Zukunft gelingen sollte , beispielsweise durch Besiedelung benachbarter Planeten die Möglichkeit zu schaffen, einer durch Verschmutzung, Ausplünderung und Krieg unbewohnbar gewordenen Erde dauerhaft zu entkommen: Würden Sie dies vor dem Hintergrund Ihres Glaubens befürworten und wenn ja, wer sollte bei begrenzten Ressourcen das Recht dazu erhalten?

3. Würden Sie es für möglich halten, dass Zivilisationen auf anderen Welten andere Götter haben – und sind diese Götter dann Ihrem Gott / Ihren Göttern gleichberechtigt oder treten sie damit in eine Konkurrenz, und wie wäre diese zu entscheiden?

4. Wenn wir jemals mit einer uns überlegenen Zivilisation Kontakt aufnehmen würden oder diese mit uns: Sind die Vertreter dieser Zivilisation nicht aus menschlicher Perspektive automatisch selbst Götter, insofern sie über uns verfügen, uns vernichten oder aber uns auf eine höhere Bewusstseinsstufe führen könnten?

5. Würden Sie Einwände dagegen haben, dass ein solcher „außerirdischer Gott“ auf für uns unverständliche bzw. wundertätige Weise Abhilfe gegen irdisches Leid auf unserer kleinen Welt schafft? Was wäre dann mit der Standardantwort der christlichen Religion auf das Theodizee-Problem, nämlich dass Gott deswegen nichts gegen verhungernde Kinder etc. unternimmt, weil er nicht in die freie Entfaltung der Menschheit eingreifen will?

Wie gesagt: Ich würde mich über Antworten freuen.

Making of Romandebüt (2): Noch 79 Seiten

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Was bisher geschah: Ich habe ein Gelübde abgelegt. Seither läuft der Countdown. Noch x Seiten, noch y Tage. Und was soll ich sagen: Zack, war das 8. Kapitel fertig. Manchmal ist man überrascht, wie gut man sich mit Anlauf in den eigenen Hintern treten kann. Acht Kapitel bedeuten, dass der Roman zu zwei Dritteln steht. Ich schwöre, so weit bin ich noch nie gekommen, seit ich im Alter von sieben Jahren das (von meinen Eltern) viel beachtete Werk mit dem Titel „Störche in Südafrika“ auf einen Rutsch durchgeschrieben habe, die Illustrationen waren auch von mir, das hat Günter Grass dann kopiert, diesen Stil.

Sachbücher, das ist etwas anderes. Die schreiben sich irgendwie von selbst. Das Thema gibt den Takt vor, und dann wird das abgearbeitet, tick-tack. tick-tack. Das fünfte ist in Arbeit und schon auf recht gutem Kurs.

Aber ein Roman: Uh-oh! Die lange Form, die lange Gedanken erfordert. Deshalb lesen die Menschen ja gar keine Romane mehr, dummerweise. Ich meine, gerade wenn ich mich mal hinbequeme, einen fertig zu kriegen, ist das Zeitalter der Literatur zu Ende. Wie doof ist das denn, dieses Timing? Na ja, selbst schuld, warum habe ich nicht gleich nach den südafrikanischen Störchen einen rausgehauen, als noch die siebziger Jahre liefen, alte Männer knüppeldicke Hornbrillen trugen und es eine Zahnpasta namens „Strahler 76″ gab. Da wäre das goutiert worden. Jetzt hingegen, schon relativ dicht vor meinem 50. Geburtstag, haben wir den Mars besiedelt, aber das Lesen verlernt. Die Menschen werden vor meinem Papierstapel stehen und fragen: Schön, aber gibt’s das auch als SMS oder als Vine? Ich muss nämlich in drei Minuten …

Andererseits, was kann denn ich dafür, wenn ich erst mal ein knappes halbes Jahrhundert Lebenserfahrung ansammeln muss, um über etwas schreiben zu können? Ich bin nun mal gebürtiger Spätstarter, mir sind die schriftstellerischen Extremerfahrungen nicht einfach so zugeflogen. Das habe ich mir alles hart erarbeiten müssen! Ich meine, ich war BAFöG-Student, wann hätte ich wild und gefährlich leben sollen?

IMG_0812Der Autor bei der Arbeit (Sommerhaus, früher)

Nun aber sitze ich hier, geläutert und weise, in meinem Seniorenstift bei einem guten Gläschen Absinth und lasse es laufen. Also das Kreative, nicht das andere. Und ich möchte mal behaupten: Gut, dass ich nicht weniges von dem, was ich da aufschreibe, vorher so oder ähnlich erlebt habe. Gut für Sie, meine Leser, denn dann müssen Sie es nicht selbst tun. Und hinterher würde Ihnen das eh keiner glauben.

Will sagen, einige der Helden dieses Romans gibt es wirklich. Jedenfalls ganz ähnlich. Beängstigend ähnlich. Einer davon ist mir nun aber gerade auf relativ gewalttätige Weise unter den tippenden Händen weggestorben. Das war zwar von Anfang an für das 8. Kapitel vorgesehen, aber wenn es dann so weit ist, nimmt es einen als Autor doch ein wenig mit. Vor allem, weil man ja auch im Roman nur einmal sterben kann. Noch vier Kapitel, und er ist schon tot! Was soll jetzt werden?

Na gut, es ist ein wenig unfair, aber ich weiß es schon: Man wird noch von der Leiche hören. Sie wird sozusagen wieder salonfähig. Aber jetzt genug davon, sonst kann ich gleich hier alles verraten und verlinken.

Ab morgen, oder spätestens übermorgen, also 9. Kapitel. Ich fürchte, alles was jetzt noch kommt, wird von Seite zu Seite immer nur schwieriger. Denn nun gilt es, die losen Fäden vernünftig zusammenzuführen, den Spannungsbogen zu halten und über das himmelhoch aufragende, aber wacklige Gesamtgebäude nicht die Kontrolle zu verlieren. Man erschafft eine Menge Welt in acht Kapiteln. Die existiert dann vor sich hin, wuselt und wimmelt und neigt dazu, ihren Autor bisweilen am Nasenring durch die Arena führen zu wollen.

Also gilt die goldene Regel für Weltenlenker: Stier sein, nicht Kälbchen. Hammer sein, nicht Amboss. Und das Verrückte ist: Ich bin sowohl Stier (Anfang Mai gebürtig) als auch Hammer (Einwohner des Hamburger Stadttteils Hamm). Na also, das wird doch werden.

 

 

 

Lichter der Großstadt

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Pulsierende Metropole Hamburg. Weltstadt im Norden. Zukünftiger Olympiastandort mit Mehrwertcharakter. In der Nacht noch glamouröser als Paris oder London – moderner, mondäner, mysteriöser. Berühmt für seine Fischbrezeln und für dies hier:

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Wo andere Megastädte dieser Welt passen müssen, da hat Hamburg immer noch genügend freie Bustaschen im Angebot. Freiheit ist hier nicht nur ein Wort, Freiheit ist hier eine Bustasche. Groß, geräumig, gastfreundlich. Wo es in Düsseldorf oder Paderborn nur für einen Bus reicht, da ist in unseren Bustaschen auch Platz für zwei. Da sind wir nicht kleinlich, wir Hanseaten. Wir bieten den Völkern dieser Welt, den Olympioniken ebenso wie den Mühseligen und Beladenen, freie Bustaschen bis zum Abwinken.

Ankommen und in eine freie Bustasche einparken sind hier eins. Hamburg – wo auch das letzte Hemd noch Bustaschen hat.

Nein, nicht Busentaschen. Auch nicht Bußtaschen, nein. Wir sind evangelisch, wir sind liberal, wir sind weltoffen und machen allen Bussen unsere Taschen weit. Fernbussen, Flixbussen und Postbussen, egalweg.

Bustaschen. Ich fürchte, ich kann dieses Wort mein Lebtag nicht mehr vergessen. So sehr ich’s auch versuche.

Von der modernen und der maritimen Liebe

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Es märzt, in Deutschland spannt der Bauer die Rösslein ein, und der handelsübliche Erst-, Zweit- oder Drittsingle geht auf Internet-Brautschau. Wann, wenn nicht jetzt, wo das noch junge Jahr so gerade noch einen Hauch mehr Glück verspricht als das letzte? Saisonbedingt prangen also jetzt überall an Großstadtwänden die Werbeposter der Partnerbörsen. Und wohl keine ist peinlicher als diese (die es natürlich auch in einer männlichen Version gibt):

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Möchten Sie, wenn Sie gefragt werden, mit strahlendem Lächeln sagen müssen, dass Sie ein Elite-Partner sind? Und was wäre eigentlich die Frage, die diese Antwort erst auslöst? Vielleicht: Ey, wie bist du denn so im Bett? Oder: Ist dein Kaufkraftkoeffizient eigentlich ausreichend, um dich auf meinem Partnerschaftsanspruchsradar als kleines grünes Glühwürmchen zu erfassen? In jedem Fall: das Grauen. Das GRAUEN!

Nein, liebe anspruchsvolle Emotionskunden und Erotikschnäppchenjäger, auf diesem Geschäftsmodell ruht kein Segen drauf. Es gibt bessere Gelegenheiten zum Andocken, glauben Sie es einem altgedienten Seefahrer und Leichtmatrosen. Gestern erst bin ich wieder auf einer dieser HADAG-Fähren im Hafen unterwegs gewesen, und was soll ich Ihnen sagen: Da spielt die Musik. Man muss sich aber in eine der hinteren Ecken zurückziehen, also, wie wir Fachleute sagen: nach achtern, und da dann an Backbord. Dort in Richtung Kielwasser blicken, durch die regenbesprenkelte Heckscheibe kaum was sehen, dafür aber dies entdecken:

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Und es macht gar nichts, dass gleich daneben die WC-Tür ist. Also jedenfalls, wenn man keinen Elite-Partner sucht.

Making of Romandebüt (1): Noch 99 Seiten

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Der morgige Tag ist der erste Tag vom Rest … nein, nicht meines Lebens, obwohl: das auch. Aber was ich sagen will: vom Rest meines Romans. Meines ersten Romans.

Man muss sich Ziele setzen im Leben. Also gut, hier (räusper): In den verbleibenden 105 Tagen bis zur Mitte des Jahres werde ich die restlichen 99 Seiten (circa 99, Anmerkung meines inneren Medienanwalts) des bereits vollständig durchkonzipierten Romans fertigschreiben. Was ein Klacks ist, denn 144 Seiten gibt es ja schon. Oder anders ausgedrückt: sieben von zwölf Kapiteln. Und außerdem weiß ich, wie man Bücher schreibt. Ich habe es schon viermal getan, und ich kann es wieder tun! Auch, wenn es diesmal nicht um Facts, sondern um Fiction geht. Die wahrsten Wahrheiten schreiben sowieso die Dichter.

Nun ist es heraus. Danke, liebe Leser, danke! Danke, dass ich Sie gerade mal dazu missbrauchen durfte, mir über die letzten, gefühlten 50.000 Kilometer zu helfen. Ich muss sagen: So ein öffentliches Gelöbnis hat doch gleich eine erhebende, inspirierende Wirkung. Tastatur, komm her, wo bist du? Ach ja, hier unten (Sie kennen die Sache mit der Brille, die auf der Nase sitzt).

Wenn aber hier, verehrte Zeilensturm-Leser, in der Zwischenzeit nicht alle paar Tage etwas Neues steht, wissen Sie jetzt, wohin die Kreativ-Energie stattdessen geflossen ist. Wenn ich mich überhaupt nicht mehr melde, wissen Sie ebenfalls, warum.

Damit Sie sich in der Zwischenzeit noch besser den Kopf darüber zerbrechen und den Mund wässrig machen können, was da auf Sie zukommt, sehen Sie in wenigen Sekunden als Preview schon mal das (keinesfalls bereits rechtsverbindliche, Anmerkung meines inneren Medienanwalts) Buchcover. Den Titel allerdings habe ich noch zu 99 Prozent unkenntlich gemacht. Sie müssen ja nicht alles wissen.

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Kilometerstein 18,5. Was einmal recht und billig war.

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Am 19. Februar 1960 ist mein Schwiegervater im Alter von 36 Jahren zu einer Woche Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Er hat diese Strafe abgesessen. Beides war mir neu.

Ich halte das Urteil, samt fünfseitiger, engzeilig getippter Schreibmaschinen-Begründung, in der Hand, weil ich in den letzten Wochen dabei geholfen habe, das Leben meines Schwiegervaters und seiner Frau abzuwickeln. Mein Schwiegervater starb schon vor zwölf Jahren, meine Schwiegermutter erst vor zwei Monaten. Ihr gemeinsames Haus steht nun leer. Die Möbel, die Dinge, die Papiere eines jahrzehntelangen Ehe-, Familien- und Witwenlebens müssen ausgemustert werden. Es ist, wie jeder weiß, der so etwas schon einmal machen musste, für die Hinterbliebenen eine deprimierende Aufgabe. Jedenfalls dann, wenn Liebe im Spiel war, wie in diesem Fall.

Aber in dem bizarren, eigentlich bürokratisch-brutalen Schriftstück vom Amt liegt ein eigentümlicher Trost. Dabei ist es ein Dokument aus einer Zeit, als es noch eine „Obrigkeit“ gab. Als es Regeln gab, denen unnachgiebig Geltung verschafft wurde, weil es Regeln gab. „Ohne Ansehen der Person“, wie es damals hieß. Das klingt für heutige Leser unendlich spießig, gestrig, autoritär. Und doch ist es gefühlt das ganze Gegenteil: das Zeugnis einer einfacheren Zeit, als man noch seinen Platz im Leben kannte und ihn mit Witz und Bauernschläue ausfüllte, aber auch behauptete. Gegen alle Widrigkeiten, mit Schalk im Nacken, mit Resilienz und einer steifen Oberlippe, „a stiff upper lip“, wie die Engländer sagen.

Keine Multimediashow

All das fehlt uns heute, in unser Betroffenheits-, Ausreden- und Erregungsgesellschaft, in der andererseits das Recht gebeugt, getreten und gekauft wird nach Belieben. In der das Maßnehmen am Gemeinwohl abhanden gekommen ist. Und die Bereitschaft, sich „dem System“ zu unterwerfen, ohne eine multimediale Show daraus zu machen, auch.

Der Grund, warum mein Schwiegervater verurteilt wurde, war Trunkenheit am Steuer. Zitat:

Am 12.12.1959 nahm der Angeklagte an einer Weihnachtsfeier seiner Firma teil. (…) Als er gegen 3 Uhr mit seinem VW-Bulli nach Lemgo zurückfahren wollte, geriet er kurz vor Lage in der Nähe des Brinkkruges in den rechten Straßengraben. Er fuhr etwa 40 m in diesem Graben entlang, riss dabei einen Begrenzungsstein aus dem Erdreich, drückte den Kilometerstein 18,5 um und blieb schließlich vor einem Leitungsmast stehen. Da er den Wagen nicht mit eigener Kraft aus dem Straßengraben bekam, schaltete er das Standlicht des Wagens ein und machte sich, da er keine Fahrgelegenheit traf, zu Fuß auf den Heimweg. (…) Nachdem ein Funkstreifenwagen zufällig den Wagen des Angeklagten im Straßengraben stehend vorgefunden hatte, veranlasste die Polizei die Feststellung des Halters des Wagens und, da der Angeklagte nach Alkohol roch, die Entnahme einer Blutprobe. Diese ergab, dass der Angeklagte 1,69 Promille Alkohol im Blut hatte.

Um das festzuhalten: Es war nichts und niemandem, nicht mal dem VW-Bulli, etwas geschehen. Außer natürlich dem Begrenzungsstein und dem armen Kilometerstein 18,5, die es wortwörtlich geschrägt hatte.

Nun aber zur Verteidigung meines Schwiegervaters in der Hauptverhandlung vor Gericht, bei der mit allem Pippo ein eigens angefertigtes Gutachten über Blutalkoholauswirkung bei durchschnittlichem Körperbau verlesen und außerdem zwei Zeugen vernommen wurden.

Kälte und Schock gleich Grog

Er habe auf der Feier gar nichts getrunken, gab mein Schwiegervater, ein regional recht bekannter Jazz-Musiker, damals zunächst zu Protokoll. In den Graben sei er durch ein entgegenkommendes Fahrzeug gedrängt worden. Und endlich zuhause angelangt sei ihm kalt gewesen, dazu der Schock. Weiter in der Urteilsbegründung:

Aus diesem Grunde habe er sich zu Hause 2 starke Gläser Grog gebraut und getrunken, bevor er sich zu Bett begeben habe. (…) Zur Zeit seiner Teilnahme am Straßenverkehr sei dieser Alkoholgehalt jedoch noch nicht vorhanden gewesen.

Einen Geschmack auf der Zunge wie alter Weinbrand entfalten bis heute Sätze aus der weiteren Urteilsbegründung:

Gegen diese Behauptung des Angeklagten spricht insbesondere die von dem Zeugen K. bekundete Tatsache, dass der Angeklagte auf die Frage, ob er Alkohol getrunken habe, erklärt hat, er habe überhaupt nicht getrunken. (…) Der Angeklagte hätte jedoch keinerlei Interesse daran gehabt, diesen nachträglichen Alkoholgenuss zu verschweigen, vielmehr hätte er, wenn er wirklich noch zu Hause Alkohol getrunken gehabt hätte, Interesse daran gehabt diesen Alkoholgenuss durch Vorzeigen der Rumflasche bzw. der sonstigen Trinkgefäße unter Beweis zu stellen.

So geht das Seite um Seite. Dieser ganze Aufwand, diese Staatsräson. Immer in dem ernsthaften Bemühen, dem zarten Pflänzchen Recht Geltung zu verschaffen und zukünftige Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung abzuwenden. Hoch verdächtig natürlich vor diesem Hintergrund, dass der Angeklagte seine Tat gar nicht aus eigenem Antrieb der Polizei gemeldet und sich auch nicht um Zeugen für den hoch abnormen Sachverhalt bemüht hat. So jemand kann „kein gutes Gewissen haben“, versteht sich.

Die Unmöglichkeit der Bewährung

Entsprechend geht es irgendwann nur noch um die Frage, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Aber das erweist sich als unmöglich:

Dem Angeklagten ist, wie er zugegeben hat, bekannt gewesen, dass Trunkenheit im Verkehr eine beonders große Gefahr mit sich bringt und daher von den Gerichten streng bestraft wird. Auch durch Rundfunk und Presse wird immer wieder darauf hin. (…) In der Tat des Angeklagten liegt – wie bereits ausgeführt – ein erheblicher Urechtsgehalt. Er hat nicht die nötige Widerstandskraft gegenüber der Versuchung, Alkohol zu trinken, gezeigt. (…) Abgesehen davon ist eine Strafaussetzung zur Bewährung aber auch deseen nicht möglich, weil das öffentliche Interesse die Vollstreckung der Strafe erfordert. Das Rechtsgefühl eines recht und billig denkenden Menschen würde bei voller Kenntnis der angegebenen Tatumstände die Vollstreckung als Sühne für das leichtfertige und verantwortungslose Verhalten des Angeklagten verlangen.

Und was das Rechtsgefühl verlangt, das bekommt es. Mein Schwiegervater fuhr am 5. April 1960 ins Landgerichtsgefängnis Detmold ein. Eine Woche später, am 12. April, wurde er ordnungsgemäß unter Auszahlung von 57,57 DM „eigenem Geld“ entlassen. Dem Gesetz war Genüge getan, dem Recht Geltung verschafft.

Man verlor weder Job noch Humor

Das klingt, schon klar, wie eine schrullige Schmonzette aus der Zeit, als Dick und Doof noch in ruckelndem Schwarzweiß über die Fernsehschirme flimmerten. Man kann sich über die Witzfiguren des Richters, des Staatsanwalts, des Angeklagten und natürlich auch des „Justizangestellten Multhaupt“ köstlich amüsieren. Hach, was für eine bekloppte Zeit.

Wenn man aber gerade erst vor Wochen seine Schwiegermutter zu Grabe getragen hat, in ihrem leeren, verwohnten Haus steht, sich auch des vor über einem Jahrzehnt verstorbenen Schwiegervaters und Jazzmusikers erinnert und die letzten Schwingungen ihrer beider Epoche in sich nachhallen spürt, dann, wie gesagt, wirkt all das nicht in erster Linie komisch. Sondern es spendet einen merkwürdig unverhofften Trost. Das also war der womöglich größte anzunehmende Schrecken im Leben eines Normalsterblichen. Solche Sorgen hatte man damals, wenn man wirklich welche hatte. Und gleichzeitig war die hochnotpeinliche Schuld, mit abgeleisteter Strafe, dann auch getilgt. Man verlor nicht den Job, nicht den Ruf, nicht die Fassung und nicht den Humor.

Mein Schwiegervater hat nie ein großes Aufhebens von dieser Episode gemacht. Er hat sein Leben einfach fortgesetzt, genau wie der Staat, der ihn verurteilte. Kein Groll, keine verletzten Gefühle, keine posttraumatische Belastungsstörung. Kein Amoklauf im Gerichtssaal. Es waren spießigere, langweiligere, ernsthaftere, rebellischere, verrücktere, romantischere Zeiten.

Ich würde sie gerne eintauschen.