An der Ruhr, wo Traktoren explodieren und dazu Herzchenballons aufsteigen

Written By: Oliver Driesen - Jun• 02•14

flattr this!

Zum Charme des Ruhrgebiets zählt, dass dieses Gebiet an der Ruhr liegt. Und wenn man mal kurz genug hat von Elb- und Alsterwasser, dann erscheint das so bescheiden benannte Flüsschen im industriellen Herzen Deutschlands (bei “Quizduell” wird nach ihm als Synonym für eine Darmkrankheit gefragt) herrlich echt und ehrlich und einfach und allein deshalb eine Reise wert. In meinem Fall eine Wochenend-Paddeltour mit Faltboot, Campingkocher, Zelt und alten Jugendfreunden – eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ich stamme zwar aus dem benachbarten Rheinland, aber man darf ja auch mal jenseits des eigenen Jägerzauns wildern.

IMG_2576

Und sofort war die Frühzeit – sprich: Jugend – wieder sehr präsent. Jenes Erdzeitalter, als man noch wusste, wie es in einem nachtfeuchten Zelt muffelt und wie kalt es im klammen Schlafsack werden kann. Als einem das aber auch egal war und man morgens nach Lagerfeuer oder Schlimmerem roch und man die steifen Knochen räkelte beim Aus-dem-Zelt-Kriechen, während der Gaskocher schon köchelte und jemand löslichen Kaffee im Glas dabei hatte und man dann dieses Gebräu seine Arbeit tun ließ, bis schließlich auch die taufeuchten Füße aufwachen und warm werden wollten.

Diese Erfahrung mal wieder gemacht zu haben, nach fünfzehn oder zwanzig Jahren, dafür gibt es kaum einen besseren Ort als die Ruhr zwischen Essen und Mülheim. Denn man trifft dort auf Kleinode wie diesen Campingplatz, wo die Elite der Dauercamper mit Mülheimer Nummernschild bisweilen auf nichtswürdige Tagestouristen wie uns trifft und daher rechtzeitig Schilder aufstellt:

IMG_2612

Man erinnert sich dann auch schnell, was man früher alles bedenkenlos in sich hineingeschlungen hat, ohne an bösen Folgeerkankungen gestorben zu sein, und freut sich am Anblick einer vor sich hin blubbernden Dose Ravioli Marke “gut und günstig”. Zumindest so lange, bis man erkennen muss, dass der Kocher wohl allzu sorglos aufgedreht worden war und die Kunststoffschicht am Dosenboden eins geworden ist mit der fleißig umgerührten Nudelsoßenmasse. Dann belässt man es, älterer Herr, der man inzwischen geworden ist, doch bei ein paar zunehmend skeptischen Bissen. Lebt aber eben auch diesmal fröhlich weiter.

IMG_2596

Das bleibt indes nicht der letzte Feuer-Störfall, denn wenig später geht man ein wenig auf dem kleinen Damm spazieren, der das Ruhr-Ufer säumt, und sieht von da aus einem gerade in dem Moment malerisch in Flammen stehenden Traktor zu, dem dabei ein dicker Reifen nach dem anderen unter großem Hallo der aus sicherer Entfernung mitfilmenden Dauercamper explodiert. Natürlich ist da die Feuerwehr bereits informiert, aber hier hat man noch Zeit und muss erst mal schauen, ob jetzt der Löschzug aus Essen-Kettwig oder doch schon der aus Mülheim-Saarn für diesen Einödhof im Niemandsland zuständig ist.

IMG_2602

Der schwarze Qualm zieht derweil sehr effektvoll mit dem Westwind über die elegante Hochbrücke der Autobahn 52. Aber so richtig surreal wird die Szene erst, als aus dem griechischen Restaurant “Artemis am Staader Loch” kommend eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen auf der Deichkrone vorbeiflaniert, von denen jeder einen heliumgefüllten Herzchen-Luftballon dabeihat. Auf ein geheimes Zeichen hin lässt dann die ganze Prozession wortlos ihre Luftballons frei, und zwei Dutzend rote Herzen steigen ebenso wie der Qualm zur Hochbrücke hin auf, während im Hintergrund auch noch der Hydraulikbehälter des Traktors in die Luft geht. Manchmal muss man einfach Glück haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein, dann darf man sich bestimmt was wünschen.

IMG_2607

Aber mehr als solche Anblicke, wenn nach ereignisprallem Tag dann die Nacht hereinbricht und man noch mal kurz zum Fluss runtergegangen ist, kann man sich gar nicht wünschen. Es gibt sie ja doch noch, diese Wunschlos-Abende. Das lernt man an der Ruhr.

Drei Fragen zum Fliegen

Written By: Oliver Driesen - Mai• 28•14

flattr this!

Mal wieder geflogen. Also jetzt nicht hin-, raus- oder auf-, sondern mit dem Flugzeug, brummbrumm. Das Flugzeug und ich, das sind im Normalfall zwei streng getrennte Welten: Wir haben uns nichts zu sagen. Aber manchmal brauchen wir uns gegenseitig, die Airlines und ich. Wenn ich z.B. kein Schlafwagen-Einzelabteil nach Zürich mehr bekomme, denn zu viert mit Käsemauken in einem doppelten Doppelstockabteil – nein, danke, da überwinde ich dann doch lieber meinen Flughass.

P4142542

Ich werde jetzt nicht mit den gräulichen Details des diesem Artikel zugrundeliegenden Fluges HH – Zürich – HH langweilen. Ich werde nichts schreiben von dem Gefühl, als Sardine einer Sardinendose ausgeliefert zu sein. Ich werde auch nichts schreiben von der unfassbar albernen und peinlichen Idee einer führenden deutschen Fluggesellschaft, die Sitzplätze in den ersten acht Reihen in Kopfhöhe mit kleinen Deckchen zu behängen, auf denen “Ihr persönlicher Freiraum” o.s.ä. gedruckt steht und die man ruhig auch mal für privilegierte Hühner auf den ersten acht Sitzstangen von Hühner-KZs einführen könnte. Und schon gar nicht werde ich meine seit Jahrzehnten vom Leben verifizierte und gestählte These wiederholen, dass alles, aber auch wirklich von A bis Z jeder einzelne Programmpunkt einer Flugreise auf maximale Erniedrigung sowie Beleidigung der Intelligenz ausgerichtet ist.

Nein, nur drei Fragen will ich stellen, die mich nicht mehr loslassen, weil die damit verbundenen Phänomene ihrerseits auch nicht einfach so weggehen wollen. Ich bitte also um sachdienliche Hinweise von Experten im Bereich Reiselogistik und Allgemeine Verkehrspsychologie zu folgenden Sachverhalten:

1.

Warum übertrumpfen sich die Flughäfen weltweit mit einem geradezu grotesken Überangebot an bestens gepflegten Toiletten, die zudem kostenlos nutzbar sind, während auf Bahnhöfen immer ein Mangel an (sauberen) Toiletten herrscht und die Benutzerpreise dort oft ans Unverschämte grenzen?

2.

Warum ertragen selbst latent aggressive Geschäftsreisende auf Flughäfen eine Verspätung von einer Stunde mit Eselsgeduld und ohne auch nur ein Kopfschütteln, während dieselben Herren und Damen im Bahnbereich bei 60 Minuten Verspätung fast eine Revolution ausrufen würden? Selbst dann, wenn die Begründung der Fluglinie lautet, dass das Flugzeug “aufgrund einer verspäteten Ankunft des Flugzeugs” nicht rechtzeitig abfliegen könne?

3.

Und warum muss bei Start und Landung während der Dunkelheit “die Kabinenbeleuchtung an die Lichtverhältnisse angepasst”, sprich ausgeknipst werden? Im 21. Jahrhundert? Wo man sogar elektronische Geräte bisweilen schon anlassen darf in der Luft? Die Pilotin, also in unserem Fall, schaut doch nach vorne raus und ist durch eine massive Tür vom irritierenden Leuchten hinten abgeschirmt. Und der Tower sieht die startende und landende Maschine doch eh auf seinem Radardings, Licht an oder aus.

Ich möchte nicht in die Grube fliegen fahren , ohne diese Dinge verstanden zu haben. Also, wie gesagt: Sachdienliche Hinweise – gerne auch von “Senatoren” und “Hon Circle Members” – bitte an eines unserer Aufnahmestudios. Danke.

Schäfermond

Written By: Oliver Driesen - Apr• 06•14

flattr this!

Dieser Beitrag muss ohne Bild auskommen. Mir egal, ob ihn dann weniger anklicken, wie SEO-Experten jetzt sicherlich einwenden werden. Hier geht es um ein Wort, um genau ein einziges Wort, und dieses Wort ist sich selbst Bild genug. Ich möchte behaupten: Wer sich von diesem Wort keine wunderbaren imaginären Bilder vors geistige Auge zaubern lässt, der ist vermutlich tot.

Genau genommen dient dieser Beitrag überhaupt nur der Huldigung dieses Wortes, das mir und wahrscheinlich den meisten Menschen deutscher Zunge bislang völlig unbekannt war. Was einerseits erstaunlich ist, weil es klingt, als hätten Rilke oder Hölderlin es persönlich durch tagelanges Sieben aus dem Abraum der Buchstaben freigelegt. Andererseits aber auch nicht erstaunlich, denn das Wort selbst gibt es erst seit wenigen Jahren (genaues Datum: unbekannt).

Ich möchte, dass wir jetzt alle zusammen dieses Wort einmal laut und deutlich aussprechen, mit Aplomb und mit Finesse, mit Anbetung und Nachdruck, vor allem aber mit einer unendlichen Milde im Tonfall, jener Milde, die nur tiefe Herzensbildung hervorzubringen vermag: Schäfermond.

Schäfermond.

Um Gottes Willen, ist das schön. Schäfermond Schäfermond Schäfermond. Ach, ach, ach!

Ähem, wo war ich? Richtig: Das Wort stammt nicht etwa aus der Poesie, sondern aus der Astronomie, welche aber – genauer bedacht – zwei durchaus sehr artverwandte Künste sind. Denn die Astronomie erlebt derzeit eine wortwörtliche Sternstunde nach der anderen, das ist schon fast unheimlich, was die Astrophysiker und Astrobiologen innerhalb der letzten fünf bis acht Jahre alles herausgefunden haben: über unser Sonnensystem, die Entstehung der Planeten, fremde Galaxien, bewohnbare Welten, über den Ursprung des Lebens selbst. Wikipedia steht voll davon, bitte eintauchen und erschaudern! Und zu den jüngeren, aber nicht einmal jüngsten Entdeckungen gehören eben die Schäfermonde.

Rein wissenschaftlich betrachtet sind das Monde, welche die Ringplaneten unter den äußeren vier Gasgiganten des Sonnensystems umkreisen, deren bekanntester der Saturn ist. Diese Ringsysteme, die einen Durchmesser von Hunderttausenden Kilometern haben, bestehen aus großen, kleinen und kleinsten Eisbrocken, wirklich fast reines Wassereis. Manche wie ein Staubkorn, manche wie ein Berg. Aber zwischen diesen Ringen sind häufig diese markanten schwarzen Zonen der Leere, also eben keine Ringe. Deren markanteste ist die sogenannte Cassinische Teilung in den Saturnringen, die mit einfachen Fernrohren auch von der Erde aus sichtbar ist.

Für diese Teilungen sind, quasi als Abstandhalter, Schäfermonde verantwortlich. Sie umkreisen ihre Planeten wie Diamantnadeln im Vinyl auf der nächsthöheren oder -tieferen Rille und zwingen dank ihrer eigenen Gravitation auch die Eisbrocken auf andere Umlaufbahnen. Man könnte auch sagen, sie halten wie Staubsauger die Einflugschneisen zwischen den Ringen für all diese Ufos dort draußen hübsch frei von Partikeln, die in die Düsen geraten könnten – aber warum eigentlich sollte man sie Staubsaugermonde nennen, wenn es schon das Wort Schäfermonde gibt! Oh-so-schön-und-tausendschön!

Denn natürlich sind sie am ehesten wie Schäfer, die in der unendlichen Nacht des Universums am Himmel stehen und die unermesslichen Herden der Eisringe hüten, auf das kein Mondschäfchen ungezählt bleibt und kein Ringlein verloren geht. Sie tragen übrigens wunderbare Namen wie Daphnis, Pan oder Orphelia (es gibt also auch Schäferinnenmondinnen, aber sorry: die volle Romantik-Dröhnung entwickelt nur die männliche Form).

Ich glaube, das Deutsche ist für die Astronomie gemacht und die Astronomie für uns. Es ist unsere Wissenschaftsdisziplin, die Heinrich-Heine-, die Matthias-Claudius-, die Caspar-David-Friedrich-Wissenschaft. Es ist die Wissenschaft, die uns mit der Religion versöhnen könnte.

Meine Damen und Herren, es ist jetzt 23.14 Uhr und ich gehe ins Bett. Am Himmel wacht derweil ein Schäfermond, an meinem Traumhimmel auf jeden Fall. Das wollte ich Ihnen nur mitgeteilt haben. Schlafen Sie gut!

Und bitte: Fangen Sie gleich morgen an, eine Ballade / einen Roman / ein Gedicht mit diesem Titel zu schreiben. Noch ist er nicht geschützt.

Alles muss raus. Ein letzter Besuch bei Max Bahr.

Written By: Oliver Driesen - Feb• 08•14

flattr this!

Am 25. Februar ist Schluss. An genau diesem Tag endet, zumindest in der Filiale an der Wandsbeker Zollstraße, die Ära der traditionsreichen Hamburger Baumarktkette Max Bahr. Über die Gründe ist genug geschrieben worden: Missmanagement, Bankengier, das Übliche. Aber wie es sich anfühlt, kurz vor Schluss, das ist eine Erfahrung, die man selber machen sollte – am besten mit allen Sinnen. Nicht im Adrenalinrausch des blindwütigen Schnäppchenjägers mit Tunnelblick auf heiße Ware, sondern mit offenen Augen und Ohren, mit empfangsbereiten Tast- und Riechorganen.

Was geschieht da? Eine Menge, vor allem Unterschwelliges. Ich habe heute den todgeweihten Max Bahr besucht und bin herumgewandert im Vorzimmer des Endgültigen, das ein finaler und nicht nur saisonaler Schlussverkauf bedeutet. Auf der Suche nach Anzeichen der Endlichkeit in der immer aufs Neue aufgefüllten Warenwelt. Und tatsächlich: Hier spiegeln wir uns in in den Resten dessen, was wir eine Zeitlang für garantiert halten durften.

IMG_2407

Die meisten Regale sind bereits leer, als ob soeben im Rundfunk die Ernstfall-Warnung durchgegeben worden wäre und die Bevölkerung, auf dem Weg in die Bunker, noch schnell ihre allerletzten Hamsterkäufe erledigt hätte. Die Weihnachts-Deko ist dieses Mal nicht mehr ausgetauscht worden, warum auch, man wusste ja schon Bescheid. Und so gibt es die Reste der Jahresendzeit in der endgültigen Endzeit nicht für “50-70 %” Rabatt wie den ganzen Rest, nein, in Sachen Weihnachten sind Anfang Februar satte 90 % Preisnachlass drin.

Das gilt auch und erst recht für “Tonnenbäume, Höhe 45 cm” aus Plastik: Statt 3,99 €  jetzt 39 Cent. Ja, Tonnen, nicht Tannen – so steht es zumindest auf dem mit Edding verfassten Schild. Und es gilt ebenso für den “Künstlichen Tannenkranz”, der indes niemanden mehr in Festtagsstimmung versetzt:

IMG_2418

Gibt hier eigentlich noch arbeitende Menschen in all dieser zunehmend raumgreifenden Leere? Aber ja, natürlich. Zu erkennen nach wie vor an den gelben Polohemden, lächeln sie allerdings eher selten. Anders als ihre dauerfröhlichen Replikanten auf den zahlreichen lebensgroßen Foto-Werbeflächen im Baumarkt, die ebenso wacker die Stellung halten, bis zum letzten Tag:

IMG_2408

Nur deren Botschaften wirken jetzt manchmal etwas merkwürdig: “Mitarbeiter rufen!” klingt heute weniger nach einer Einladung, an der Säule den Einkaufsberater mit seiner Kompetenz herbeizuklingeln, sondern wie “Mitarbeiter rufen um Hilfe” oder “Mitarbeiter rufen: Haben Sie nicht einen Job für mich?” Den ersehnten Arbeitsplatz werden manche indes sogar behalten. Denn als nächstes zieht hier Bauhaus ein, der große Konkurrent. Er beschäftigt die Fittesten der Belegschaft weiter – natürlich mit neuen Verträgen, nach deren Konditionen zu fragen die Pietät verbietet.

Und darüber hinaus bietet das Ende sogar neue Job-Chancen, wenn auch nur kurzzeitig: “Mitarbeiter für Abrissarbeiten gesucht”, lautet ein eilig gedruckter Aushang. Abriss? Wo doch wieder Baumarkt sein wird? Vielleicht soll mit dem alten Plunder auch der Fluch der Insolvenz ausgekehrt und untergepflügt werden.

IMG_2424

Unterdessen haben sich auch die letzten Paletten fast geleert. Am Ende, das lehrt die Erfahrung, ist keine Ordnung mehr. Wozu noch säuberlich zurückstellen und einsortieren, wenn doch bald die Abrissbirne kreist? In den Bereichen, wo die Hunnenhorden schon durchgezogen sind und alles ausgeweidet ist, ziehen Markt-Mitarbeiter mit rotweißem Flatterband Absperr-Linien: Hier ist nichts mehr. Hier wird nichts mehr sein. Nur noch die Gerippe von Regalen, unschöne Anblicke, die wir Ihnen ersparen möchten wie Messermordopfer. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

IMG_2423

Hübsch aber, dass es inmitten des Gesamt-Schnäppchenparadieses noch eine eigens abgetrennte  “Schnäppchen”-Abteilung gibt. Aber Achtung: Stolpergefahr! Die Auslegeware hat mit den Jahren Blasen geworfen und sich vom Teppichkleber gelöst. Man taumelt vorbei an Bretterkisten, in die einfach alles geworfen wurde, was unter diesen Umständen noch in Regalen auszustellen zu aufwändig erschien: Kissenfüllungen aus 100% Polyester, weiß. Wenn man die nicht braucht: Fenstervorhänge aus 100% Polyester, bunt gemustet. Oder Schnur von der Rolle, braucht man immer. Oder ein einzelner Schuh, falls man den anderen schon hat oder den einen verloren. Gleich daneben: eine Fliegenklatsche, auch massiv reduziert.

IMG_2425

Von diesem Zwischenlager für Plastikmüll, dessen Endlager eines nicht fernen Tages vielleicht der im Atlantik rotierend dahintreibende Plastikmüllstrudel von der Größe Zentraleuropas sein wird, führt ein direkter Weg ins Gartenparadies. Das heißt: führte. Die automatische Glasschiebetür öffnet sich nicht mehr. Das Gartenparadies hat sich in einen betonierten Lagerplatz für geplatzte Illusionen verwandelt, der er vielleicht immer schon war, was man aber wegen genügend großer Gartenartikelfülle nicht wahrnehmen konnte. Nun kann man es – aber kein Mitarbeiter, den man an irgend einer Säule ruft, kommt und hilft einem dabei, den Verlust der Gartenillusion zu bewältigen.

IMG_2416

Stattdessen wandere ich drinnen weiter unter hohem, leicht aufklarendem Hallenhimmel. Dann wieder unter einem wogenden Baldachin, der nichts mehr übespannt außer Leere. In China ist Rot die Farbe des Glücks. Möge Glück auf Euch regnen, die Ihr Euch unter diesem Erdbeerhimmel in Gedanken ergeht: Strawberry fields forever!

IMG_2406

Vorbei an der Kassenschlange, wo ein Afrikaner schnell noch zwei ergatterte Keramik-Kloschüsseln mit EC-Karte bezahlt. Im Nacken blaue Transparente, die Antworten auf meine Fragen versprechen, aber gleich von anderen Schildern niedergebrüllt werden: “ALLES MUSS RAUS”.  Vorbei am allerletzten der Schnäppchenwerbeschilder, am weißen Schriftzug auf blauem Grund: “DIE ZEIT LÄUFT”. Daneben ein Spiegel mit Birkenholzrahmen, in dem kurz mein Gesicht auftaucht. Oh ja, die Zeit läuft und wird nicht zurückerstattet. Einmal kommt der Tag, an dem es wieder heißt: “ALLES MUSS RAUS.”

Und ich auch.

IMG_2410

ADAC: Von gelben und gefallenen Engeln

Written By: Oliver Driesen - Jan• 20•14

flattr this!

Vor zehn Jahren habe ich Michael Ramstetter, bis zum Wochenende Kommunikationschef des ADAC, für das Branchenmagazin “Wirtschaftsjournalist” porträtiert. Die Headline, “Grüne Welle fürs Geschäft”, klingt heute noch mehrdeutiger, als sie 2003 gemeint war. Ich nannte seine Tätigkeit damals einen “Drahtseilakt im Umgang mit Politik, Konzernen, Verbraucherschutz”.

Und so handelte das Porträt denn auch von einem, der als Chefredakteur der ADAC motorwelt (Auflage damals: 14,6 Millionen) mit teils kuriosen Geschäfts-Kooperationen immer mehr Reibach für den ADAC machte. Hätte es nicht ein “katholisch, konservativ” gefärbter Präside verhindert, dann hätte Ramstetter auch noch die 200.000 Euro einbringende, doppelseitige Anzeige für das Potenzmittel Viagra ins Heft gehoben. Ebenso gern hätte er ein Beate-Uhse-Inserat in der motorwelt gesehen. Warum auch nicht? Ein Vibrator verfälscht keine Pannenstatistik.

Aber eigentlich ging es in seinem Blatt natürlich schon um Autos. Vielsagend war, dass der ADAC-Kommunikator 1999 die Markt-Einführung des neuen Opel Omega mit einem Massenausflug nach Arizona begleitet hatte, wo 100 handverlesene motorwelt-Leser den Wagen testen durften: “Opel hat alles bezahlt”, freute sich der Chefredakteur, “es war eine wunderschöne Kampagne.”

PA063042

Und als ich 2003 im Flur auf meinen Interviewtermin bei Ramstetter wartete, da saß drinnen bei ihm gerade ein Vertreter des Reifenherstellers Pirelli – zur Planung einer Mitmach-Aktion für die motorwelt-Leser. Schon damals wagte eine motorwelt-Mitarbeiterin, mir unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit zu flüstern: “Ich persönlich würde lieber keine Kooperationen machen, denn dann kann man ein Unternehmen hinterher nicht gut in die Pfanne hauen.”

Zu solchen und anderen Vorwürfen der Industrie-Hörigkeit sagte mir Ramstetter damals nur: “Unsere Verbraucherschutzabteilung findet das natürlich alles ganz schrecklich, aber ich habe den Gesamt-ADAC zu vertreten.” Das sollte wohl sagen: Der Zweck heiligt die Mittel. Und gerade so muss es schon seinerzeit das ganze Präsidium des gemeinnützigen Vereins gesehen haben.

So war ich am vergangenen Wochenende nur mäßig überrascht von den erhärteten und von Ramstetter zu verantwortenden Manipulationsvorwürfen beim “Gelben Engel”. Das einzige, was mich nach wie vor ins Grübeln versetzt: Warum wurde denn – so der heutige Wahrheits-Wasserstand – nur den absoluten Teilnehmerzahlen auf die Sprünge geholfen, die kaum jemanden interessieren? Wäre es nicht viel naheliegender gewesen, gegen gutes Geld auch das passgenaue Ranking zu liefern? Auf dass der bessere VW gewinne?

PA062890

Nach inzwischen von deutscher Politik und Wirtschaft ad infinitum eingespielter Salamitaktik gilt auch in der ADAC-Affäre vorerst: Morgen ist wieder ein neuer Tag, und die Wahheit von heute ist der getaute Schnee von gestern, der einen ganzen Gletscher an Metaphernsalat freigibt – nein, ich meinte natürlich: einen Abgrund an Publikums-Verrat. Und die VW-Führung weint Krokodilstränen im Takt.

Aber ach, das Publikum, es will ja belogen und betrogen sein. Es muckt und muckt nicht auf. Es boykottiert nicht Google, nicht die Schweinebauern, nicht all die falschen Doktoren, nicht die Banken und selbstverständlich nicht den ADAC, des deutschen Autofahrers seelischen Heimat-Gau. Merkwürdigerweise hat es nur einen, nicht einmal besonders dreisten, Trickser und Täuscher fallen lassen: die katholische Kirche.

Verheerend ist indes der Kollateralschaden, den die übrigen, immer wieder Davongekommenen verursachen: Kaum ein Konzern, kaum ein Verband, kaum eine Partei, die noch Glaubwürdigkeits-Kredit hätten. Sie sind, bis auf Ausnahmen, moralisch bankrott, da können sie reden, was sie wollen. Auch für teures Werbegeld wird da kein ehrlicher Schuh mehr draus, solange unpassenden Wahrheiten im Zweifelsfall nachgeholfen wird.

Michael Ramstetter, der gefallene gelbe Engel, der seinen Hut genommen und einen großen Schaden eingestanden hat, um den ADAC-Granden einen noch größeren zu ersparen, sagte mir übrigens damals beim Abschied in München: “Für den Fall, dass man mich mal nicht mehr lieb hat, richte ich mich so ein, dass ich in 30 Sekunden meine Sachen packen kann.” Ich wusste es zu der Zeit nicht, aber das war ein Satz, der so fast wortgleich von einem großen Verbrecher stammte: von Robert de Niro als Gangsterboss in “Heat”.

Ünüvar – Ende eines Supermarkts (8)

Written By: Oliver Driesen - Jan• 14•14

flattr this!

PC100622 Kopie

9.12.2011
 

P1125188

12.1.2014
 
 

Natürlich wollen wir Hamburger Olympia. Hicks!

Written By: Oliver Driesen - Jan• 02•14

flattr this!

Glaube keiner Meinungsumfrage, die du nicht selbst gefälscht … halt! Wir wollen ja hier nichts Unbewiesenes behaupten. Bleiben wir bei den Tatsachen: Tatsache ist, dass es eine aktuelle Meinungsumfrage gibt, derzufolge 59 Prozent “der Hamburger” dafür sind, dass sich die Hansestadt um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 bewerben soll.

Diese streng repräsentative, also auch für dich und mich und Sie dahinten in der dritten Reihe repräsentative Meinungsumfrage wurde von einem der Voreingenommenheit völlig unverdächtigen Auftraggeber in Auftrag gegeben: von der Hamburger Handelskammer. Gut, mich hat sie nicht fragen lassen, aber das war sicher Zufall.

Fähnchen und Fliegende Bauten

Fest steht jedenfalls: Hamburg, so gut wie ganz Hamburg (mit Ausnahme von 41 Prozent nihilistischen Elementen) ist für Olympia, das Fest der Völkerverständigung, des unschuldigen Sportsgeistes und der geweihten Weltjugend, die nichts will als ehrlich verdiente Goldmedaillen und ansonsten ein spartanisches Olympiadorf, gern auch als Zeltlager am Elbufer.

In aller Bescheidenheit: Wer kann gegen solche fliegenden Bauten und wehenden Fahnen etwas haben? Ganz ohne Arg und Sponsoring? Niemand! Niemand hat ja auch etwas gegen das Pfadfinderlager des Fähnleins Fieselschweif. Es gibt Dinge, die sind einfach nur gut. Für Hamburg. Und die Welt.

Völkerfest der Neuansiedlungen

Prompt fällt das in solchen Fällen (siehe auch Elbvertiefung) zuverlässig kapitalhörige Hamburger Abendblatt in den Chor der Jubelperser ein: “Mehrheit fordert: Holt Olympia nach Hamburg!” lautet schon am ersten Arbeitstag des neuen Jahres, heute also, die Aufmacherzeile des Jubelperserblattes. Im Kommentar geht’s munter weiter: “Ein Zeichen setzen” soll Hamburg, die “Entwicklung der Stadt nachhaltig vorantreiben … im nationalen Wettstreit mit Berlin … ein erheblicher Wettbewerbsvorteil im Kampf der Kommunen um die Ansiedlung neuer Unternehmen …”

Denn das ist ja der ursprüngliche, heilige Geist von Olympia: neue Unternehmen ansiedeln. Es sind all die abgestandenen Phrasen, die schon die Münchner bei “ihrer” eigenen Oympiabewerbung bewundernswerter Weise nicht überzeugt haben. Eigentlich müsste man sagen: fauler Journalismus, aber genauso gut ist es faule PR. Ich glaube: Der Zeitpunkt der Publikation ist Absicht. Vordergründig hängt sie mit der unfassbar bourgeoisen “Versammlung des Ehrbaren Kaufmanns” zusammen, bei der zu Jahresbeginn immer solche kühnen Visionen vorgesponnen werden – diesmal eben zur Abwechslung Olympia. Im Grunde aber ist das Timing einfach nur effizient: Die wissen, dass wir alle noch einen Kater haben und unsere kritischen Instanzen noch auf Halbmast hängen. Also jetzt, im Überfallmodus, das Meinungsbild gestalten!

Und zwar nach Belieben. Eine genauere Ursprungsangabe für die “Meinungsumfrage”, also das erhebende Institut oder gar dessen Art der Fragestellung oder der Teilnehmerauswahl, nennt das Abendblatt übrigens nicht, so dass sich erst gar keiner für diese Methodik interessieren kann. Reicht doch, dass es die seriöse Handelskammer bezahlt hat, die unverdächtige. Wir sind das Stimmvolk, uns kann man zu einer Prozentzahl zusammenfassen, wie’s grad gefällt. Ach, stimmt nicht? Dann Beweise, bitte! Und Einzelheiten der Meinungsumfrage!

Was alles fehlt

Denn was (oder wer) wurde da alles nicht gefragt? Ich wette, es wurde nicht gefragt, ob die Mehrheit der Hamburger für einen noch weiter gehenden, vollkommen sinnentleerten Eventisierungs-Wahnsinn mit seinem Müll und Krach und Reklameirrwitz in der Stadt ist. Es wurde nicht gefragt, ob man sich noch an die kläglich in der Vor-Vorrunde gescheiterte Olympiabewerbung 2003 erinnert, als das Weltdorf Hamburg nicht einmal dem Nationalen Olympischen Kommittee potent genug erschien, ein solches Hyper-Ereignis zu stemmen.

Es wurde (speziell in den ärmeren Bezirken und Vierteln) mit Sicherheit nicht gefragt, ob man weiter exorbitant steigende Mieten und Immobilienpreise durch das Fest der Werber und Sponsoren fürchtet. Es wurde nicht gefragt, ob man jahrelange Großbaustellen mit Staus und Emissionen will, nur damit die übliche Riege internationaler Großkonzerne am Ende sämtliche Gewinne mitnehmen kann, während die Hamburger Steuerzahler auf den hinterher zum Großteil wertlosen Infrastrukturbauten sitzenbleiben.

Es wurde vermutlich nicht einmal gefragt, ob Olympische Spiele, diese Welt-Doping-Leistungsschau führender Pharmaunternehmen, überhaupt noch einen Rest von Glaubwürdigkeit haben.

Und wer mal kurz nach Sotschi in Putins Russland schaut, der bekommt eine Ahnung vom paramilitärischen Ausnahmezustand, den moderne Olympische Spiele mit sich bringen: Straßensperren, Scharfschützen, Panzer, Aufhebung der Grundrechte – und dennoch gute Aussichten auf Terroranschläge. Ganz Hamburg ein Gefahrengebiet, ganz Hamburg ein Polizeikessel.

Ein Rülpser für Olympia

Aber klar: 59 Prozent “der Hamburger” sind für Olympia in der schönsten Stadt der Welt. Fast hört man das Rülpsen des Präses der Handelskammer beim Festmahl auf der ehrbaren Kaufmannsversammlung, das diese unumstößliche Wahrheit besiegelt.

Nun wollen wir mal die Gegenprobe machen: Wenn Sie aus Hamburg oder aus der Umgebung sind, stimmen Sie doch hier ab. Selbstverständlich vollkommen un-repräsentativ, nur so als Fingerübung der Demokratie, wenn Sie an die noch glauben. Und kommen Sie immer mal wieder vorbei, um sich die Zwischenstände anzusehen. Schön ist, dass ein “Cookie” hierbei Mehrfachstimmabgaben verhindert. Aber das war bei der Handelskammer natürlich genauso.

Nachtrag, 24.1.:  Da schau her! Seit Tagen schon 59 Prozent Zustimmung zu Olympia in Hamburg in meinem kleinen Blog-Voting. Nicht 58, nicht 60 – nein, 59. So wie in der Meinungsumfrage der Handelskammer. Genau so wie in der Meinungsumfrage der Handelskammer. Ganz genau so.

Ünüvar – Ende eines Supermarkts (7)

Written By: Oliver Driesen - Dez• 21•13

flattr this!

Fast genau zwei Jahre. So lange ist es her, dass der kleine EDEKA-Supermarkt der türkischen Familie Ünüvar schräg gegenüber meiner Wohnung überraschend dichtmachte. Auch damals war es kurz vor Weihnachten, als unsere Nachbarschaft, vor allem die Legion der alten Leute mit ihren Rollatoren, mit einem Schlag ihren vertrauten Nahversorgungsstützpunkt verlor. Einen Standort, der schon zwei Generationen vor uns diente: als Filiale der längst Historie gewordenen Hamburger Genossenschaft PRODUKTION.

Seither habe ich in diesem Blog immer wieder mal über das vermeintliche Ende dieses Gebäudes berichtet. Doch der alte, zweistöckige Flachbau in seiner weißen, fast mediterranen Leichtigkeit und Eleganz, mit üppiger Dachterrasse, Dekorstreifen in Mittelmeer-Türkis und der Grandezza dieses gewendelten, vollverglasten Treppenhauses; der architektonische Lichtblick, der sich so wohltuend vom roten Backstein-Einerlei ringsum abhob – er wollte sich einfach nicht zum Sterben niederlegen. Natürlich trug er zunehmend Zeichen des Verfalls, Graffiti und eingeschlagene Scheiben verunzierten das Gesamtbild. Doch dann passierte immer wieder erst lange gar nichts, und dann plötzlich etwas völlig Unerwartetes: Ob er für den Filmkrimi “Banklady” (Kinostart: 27 März 2014) in eine Bad Segeberger Sparkassenfiliale aus dem Jahr 1968 verwandelt wurde und plötzlich ein Hauch von Hollywood samt Platzpatronengeballer durchs trübe Viertel wehte; ob die Hammer ihren alten Laden als Kiez-Kulturzentrum für eine Woche zurückeroberten und darin ein munteres “Hammtrara” entfachten – immer ging es noch ein paar Schnittchen weiter mit der lebenden Leiche des Ünüvar.

Bis zu diesem Mittwoch, als der Bagger anrückte.

PC204896

Das musste natürlich so kommen. Sie nennen es Fortschritt. Schon lange hatte es zunächst Gerüchte gegeben, dann Gerüste. Und Bauzäune. Und Dixiklos. Und schließlich offizielle Werbebanden: Hier entstehen ab Herbst 2013 überteuerte Eigentumswohnungen für bis zu einer halben Million Euro mit Blick auf die allerletzte Saufkneipe (nein, in Wahrheit stand es da anders, irgendwas mit “Hammer Lage”). Aber ätsch, der Herbst ist vergangen, und es ist immer noch kein neuer Wohnwürfel im Bau. Ein letzter Punktsieg für den Ünüvar, den verdammt zähen. Nur ewig konnte er das nicht durchhalten. Am Ende war ihm die Gicht durch die offen stehenden Glastüren so in die alten Knochen gefahren, dass er nur noch angetippt werden musste, um endlich in den Tod zu stürzen … wirklich?

PC204843

Nein. Denn der Ünüvar, er kämpfte weiter. Gegen eine unbesiegbare, destruktive Übermacht. Es stellte sich heraus, dass eine Menge an Baustahl-Armierungen, Stahltüren und Eisengittern in ihm steckten, denn schließlich musste er schon als Supermarkt wehrhaft gegen Einbrecher sein. Es gab sogar einen kleinen Panzerschrank im Keller, aus dessen finalem Inhalt (ein paar Rabattmarkenheftchen und anderer wertloser Kaufmannskram) ich den offiziellen Ünüvar-Stempel mit Holzknauf geerbt habe.

PC184738

Ja, da musste der 1000-PS-Bagger ganz schön zerren am alten Ünüvar. Man kann ja gar nicht anders, als an den guten alten Tyrannosaurus Rex zu denken, der sich Filetstücke aus seinem Gegenüber, dem gutmütigen Brontosaurus reißt. Allerdings muss dieses Filet schon leicht gemüffelt haben, denn aus dem aufgerissenen Ünüvar wirbelten trotz eifrigen Bespritzens mit dem Wasserschlauch immer wieder feuchte Mörtelstaubwölkchen auf, jener typische Alte-Leute-Kellergeruch, der von ungeheizten, unbelebten Gemäuern ausgeht.

Man sieht hier auch, wie unfair das Reduzieren dieses Gebäudes auf eine Verkaufsstelle war: Es gab hier Wohnungen, geräumige, lichte Wohnungen. Und eine psychiatrische Arztpraxis, so ist es ja nicht, hier war durchaus auch akademischer Geist zuhause. In perfekter Hausgemeinschaft mit dem Einzelhandelsgewerbe. Eines Tages waren alle diese Menschen weg, geräuschlos, über Nacht. Wohin? Man weiß es nicht. Nur die Arztpraxis hat ihre neue Adresse am Bauzaun hinterlassen.

PC184751

Doch, es gehört schon einiges Können dazu, sogar Kunst, mit so einem Abrissbagger so elegant umzugehen wie dieser Facharbeiter. Im besten Fall wirkt es wie ein Tanz, er und die nicht zu bremsende Fressmaschine im schwingenden, mehrdimensionalen Gleichtakt. Simultan dreht sich das, hebt und senkt es sich, zieht und zerrt, schwenkt und robbt sich noch einen Meter tiefer in das Fleisch des todgeweihten Wesens hinein. Der Tyrannosaurus Rex – übrigens mit wandelbarer Kauleiste, mal Reißzähne, mal Spitzzange – gehorcht seinem Reiter aufs Wort und grunzt vergnügt.

Würde er einen großen Fehler machen, dann schützte den Baggerführer sein extra verstärkter Metallkäfig und die zusätzliche Stahlplatte als Kabinendach. Doch er macht keine Fehler. Er trägt vorsichtig ab, Stück für Stück, nichts Tragendes, bevor nicht das darauf Lastende abgeräumt ist. Bewundernswertes Zerstörungswerk. Keine zackig aufragende Seitenwand hat auch nur die Chance, unkontrolliert einzustürzen, bevor er seine stählerne Hand anlegt.

PC204834

Stück für Stück, Scherbe für Scherbe bricht dem Ünüvar zackig aus der Krone. Aber er lässt sie sich auch nur Stück für Stück herausbrechen. Wenn der Bagger ein besonders schweres Betonteil aus der Ladendecke bricht und es zerbröselnd zu Boden donnert, dann bebt selbst auf dem Bürgersteig noch die Erde. Dann beulen sich die großen Frontscheiben des früheren Schaufensters, wo vor Weihnachten immer die billigen Plastikchristbäumchen auf der Fensterbank standen, nach außen unter der Druckwelle.

Aber noch halten sie, noch geht zumindest nach vorn weg nichts zu Bruch. One face to the customer! Dem Kunden gegenüber mit einer Stimme sprechen, Verbindlichkeit ausstrahlen, gute Miene zum bösen Spiel machen, das hat der alte Ünüvar immer noch drauf. Und gottseidank, auch nebenan fällt keine Scheibe aus den Alurahmen des verglasten Wendeltreppenhauses. Noch ist es nicht an der Reihe. Noch nicht. Noch nicht.

PC194798

Es ist Winter, ganz kurz vor der längsten Nacht des Jahres. Die Dunkelheit kommt, bei Nieselregenwetter, gegen 15 Uhr 30. Doch auch danach geht das Ringen um die Kapitulation des Ünüvar weiter. Drei grelle Scheinwerfer hat der Bagger, die Rückbaufirma – das ist politisch korrektes Deutsch für Abrissunternehmen – hat als Slogan: “Geht nicht, gibt’s nicht.” Und das beweist sie auch: Finsternis? Nicht mit uns!

Vom schwingenden, wippenden, zerrenden Baggerflutlicht werden bizarr tanzende Schatten an die Wände des Verkaufsraums geworfen, als die Mordsmaschine von hinten, wo mal das Lager war, in den durch Säulen gestützten Verkaufsraum eindringt. Ungefähr da, wo über den schon lange Blasen schlagenden Putz das Poster geklebt war: “Hier wird täglich frisch für Sie gebacken.” Es erinnert an “The Shining”, wenn Jack Nicholson mit dem irren Schlachtruf “Here’s Johnny” und einer scharfen Axt durch die Hintertür gebrochen kommt. Note to Mr. Kubrick: In dieser Beleuchtung wäre die Szene noch eindrucksvoller gewesen.

PC204861

Aber die Männer, die hier ihren Job tun, wirken gar nicht wie Psychopathen, warum auch. Sympathisch sogar. Gelassen, aber bei der Sache. Systematisch vorgehend und den Überblick wahrend im Chaos, das sie minütlich zu vergrößern scheinen. Tun sie aber gar nicht: Zwischendurch wird vom erstaunlichen feinfühligen Baggergreifarm immer mal wieder aufgeräumt, verbogenes Metall herausgefischt, umgeschichtet, weggeschafft. Das Schlachtfeld wird zum Recyclinghof. Und außerdem schaffen sie sich so ihre neue Geschäftsgrundlage, die Arbeiter: Nur auf glattgebügeltem Schutt kann der Bagger sicher weiter vordringen.

PC204824

Jetzt werden in den offenen Eingeweiden des Hauses Details sichtbar, die nie für fremde Augen bestimmt waren. Heizkörpergerippe, Badezimmerkacheln, Sechzigerjahre-Dekor. Wo mal die Wohnungen waren, im ersten Stock, haben sich offenbar noch kurz vor dem Abbruch Sprayer Zutritt verschafft. Sie mussten dazu ja auch nur einen lächerlichen Bauzaun überwinden, dann standen alle Türen offen. An eine Wohnzimmerwand hat jemand “Peanuts” gesprüht. Warum tut einer das? Sind die niedlichen, arglosen Cartoon-Kinder von Charles M. Schulz gemeint? Oder die abfälligen Bemerkungen eines Deutsche-Bank-Chefs über das Geld kleiner Leute?

Und dann steht da noch, an der anderen Wand, wo vielleicht mal ein Esstisch stand: “Invaders must die!” Kann das wirklich funktionieren? Kann ein Fluch von hier aus auf die Abbruchunternehmer und Immobilienwucherer dieser Welt niedergehen? Muss Baggerfahrer Willibald nun sterben? In den ägyptischen Pyramiden haben Bannflüche in Hieroglyphen Schlimmes angerichtet, wie Grabräuber erfahren mussten.

PC204833

Der Bagger geht auch über diese Fragen hinweg, Tyrannosaurus Rex hat es nicht so mit semantischen Diskursen. Zurück bleiben Trümmer, die schon deswegen nicht an die nahe liegenden alliierten Bomberangriffe auf Hamm erinnern (“Es sah aus wie im Krieg!”), weil sie ebenfalls mit Graffiti besprüht worden waren, bevor sie sich von einer Hausfassade in Hausfassadenbrocken verwandelten. Street Art, nunmehr dekonstruktiviert. Merkwürdiger Weise ist es mit ihnen wie mit einem Hologramm: Vom Inhalt geht durchs Zerbröseln nichts verloren. Es war schon vorher keine Botschaft da, außer vielleicht: Moribundi te salutant. Wir, die Todgeweihten, grüßen dich. In Geheimschrift.

PC204910

Zurück bleibt, für heute, ein beachtlicher Haufen gratigen, verbogenen Metallschutts in der Dezemberdunkelheit. Und eine Nachricht vom alten Haus. Keine weiße Flagge, sondern störrische Standhaftigkeit: Die Schaufensterfront, wo die rot-weiß gestreifte Markise noch im Sommer beim “Hammtrara” für italienische Gefühle sorgte, sie steht immer noch. Dem Treppenhaus fehlt keine Wendel und keine Scheibe, während ihm der Hinterleib wie ein Furunkel geöffnet wurde. Mit einem Messer im Rücken geh’n wir noch lange nicht nach Haus. Das Haus, dieses Haus, es möchte mit den Füßen voran aus demselben getragen werden.

Und wer weiß: Vielleicht hält es eine allerletzte Pointe bereit. Denn wenn der Bagger hier durch ist, wenn alles eingeebnet ist bis Oberkante Kellerdecke, dann geht es erstmal nicht mehr weiter mit dem “Rückbau”. Dann muss erst der Kampfmittelräumdienst kommen, denn Hamm, wie gesagt, war im Weltkrieg bevorzugtes Bombenabwurfgebiet. Heute liegt es deshalb in der roten Zone: kein Neubau ohne Abklären der Blindgänger-Situation.

Wenn dann was piept bei der Begehung mit Metalldetektoren – dann erhält diese Serie eine weitere Folge. Oder der Herr Zeilensturm eine neue Wohnung.

Demnächst: Böllinghaus – Profile eines Walzwerks

Written By: Oliver Driesen - Nov• 26•13

flattr this!

Es war einmal ein Schweinemetzger. Der Metzger hieß Hermann Böllinghaus und lebte im Jahr 1889 in Remscheid im Bergischen Land. Dem Metzger ging es gut, er hatte einen florierenden Schlachtbetrieb, ein hübsches Haus, eine junge Frau und nicht wenig Geld. Doch dann beschloss die Stadtverwaltung von Remscheid, aus hygienischen Gründen einen modernen städtischen Schlachthof in Betrieb zu nehmen, in dem fortan alle Metzger der aufstrebenden Industriestadt per Polizeiverordnung hübsch kontingentiert ihr Vieh schlachten und verarbeiten mussten. Weg war der lange Zeit unangefochtene Wettbewerbsvorteil für Böllinghaus. Doch resgnierte er? Nicht doch! Lamentierte er? Kaum. Stattdessen beschloss er etwas, das uns gerade heute, in dieser Zeit der erstarrten Strukturen und scheinbaren Alternativlosigkeiten, Respekt abnötigen sollte. Er beschloss: Da werd ich doch einfach Stahlunternehmer. Und ziehe innerhalb weniger Monate ein Walzwerk für Werkzeugprofilstahl hoch.

Denn Remscheid entwickelte sich gerade zum Zentrum der deutschen Werkzeugindustrie, und für Werkzeuge brauchte man Profile, also längliche Vorprodukte aus glühend in Form gewalztem Stahl, aus denen dann später z.B. Feilen geschmiedet wurden. Und Deutschland brauchte viele, viele Feilen damals. Auch Sägen oder Schlittschuhkufen. Ein neuer, äußerst lukrativer Markt entstand da gerade.

Wie aber wird ein Metzger zum Stahlexperten? Indem er sich Sachverstand einkauft. Zum Beispiel in Form von Louis Härtel, der das kaufmännische Wissen draufhatte, das ein Walzwerksunternehmer brauchte. Frohgemut gingen beide an den Start. Und so war alles bereitet, damit ich, knapp 125 Jahre später, eine actiongeladene Unternehmenschronik der Böllinghaus Steel GmbH vorlegen kann. Beauftragt vom dritten Nachfolger des späteren Unternehmenseigners Louis, dem heutigen Böllinghaus-Chef Hartwig Härtel. Denn er hatte meine Biografie über den badischen Stahlbaron Willy Korf gelesen. Wir lernen: Geschichte ist, wenn eins ins andere greift.

IMG_1704

Nun werden Menschen mit scharfem Blick für die Realität schnell bemerken: Der Himmel über diesem Firmenschild von Böllinghaus ist viel zu blau für das eher trübe Remscheid. Und sie haben Recht. Hier sind wir nämlich in Portugal, genauer gesagt in Vieira de Leiria, einem ehemaligen Industriestädtchen an der Atlantikküste. Ehemalig, weil dort irgendwann fast die ganze Werkzeugindstrie als leere Ruine herumstand, darunter auch ein altes, bankrottes Walzwerk. Bis 1996 Hartwig Härtel kam. Sein Remscheider Walzwerk war ebenfalls in der Krise, in Deutschland ließen sich Stahlprofile nicht mehr kostendeckend produzieren. Aber Härtel wäre kein Nachfolger von Hermann Böllinghaus gewesen, wenn er nicht eine kühne Entscheidung getroffen hätte: Das Werk in Portugal wurde gekauft und wieder flott gemacht, das in Remscheid 2001 geschlossen. Seither wird hier produziert, wo es vom Meer her nach Kiefernholz und Salzwasser riecht – was einen Stahltouristen wie mich auf dem Werksgelände sensorisch erst einmal kräftig durcheinander brachte.

IMG_1696

IMG_1689

Es ist immer wieder faszinierend, rotglühende Stahlstäbe durch die Walzen so eines Werkes rasen zu sehen, während kühlender Wasserdampf brodelt und Funken stieben. Auf dem unteren Bild blicken wir in die Werkstatt, wo die Walzen gelagert werden, die rund 10.000 Euro teuren Herzstücke solch eines Werks. Was man indes nicht sieht, sind die Leidenschaft und der Stolz, die in all dieser grob anmutenden Technologie stecken. In Wahrheit kommt es hier nämlich auf höchste Präzision an – und auf ein entsprechend geöltes “Räderwerk” portugiesischer und deutscher Mitarbeiter. Das wiederum ist eine Geschichte für sich: wie sich hier, in einem Familienbetrieb, seit dem großen Culture Clash von 1996 jene internationale Mischkultur herausbildet, die z.B. Daimler und Chrysler bei ihrer gescheiterten Fusion nie hinbekommen haben. Gut, es läuft vielleicht nicht immer ganz nach Plan, dafür aber menschlich, und das ist entscheidend, wenn es funktionieren soll.

Denn so ein Walzwerk ist kein “Asset”, kein totes Kapital, über das ein Unternehmer beliebig verfügen kann. Es ist selbst eine Art Lebewesen, das zischt und dampft und dröhnt und rattert. Sein Puls schlägt immer, auch wenn gerade wenig oder keine Arbeiter zu sehen sind. Doch ohne sie im Hintergrund gäbe es diesen Pulsschlag nicht. Es gibt ihn aber, lauter denn je, und gesteuert wird er mittlerweile aus Hilden bei Düsseldorf. Dorthin zog die kleine Verwaltung von Böllinghaus vor einigen Monaten um. Remscheid, wo das Unternehmen 123 Jahre lang seinen Sitz hatte, ist nämlich wirtschaftlich leider ziemlich auf dem absteigenden Ast. Das Leben geht dennoch weiter, nur eben anderswo, darin ist es hartnäckig.

Von alledem handelt das von mir verfasste Buch Böllinghaus – Profile eines Walzwerks. Eine Zeitreise durch 125 Jahre, das im Juli kommenden Jahres bei Pro Heraldica in Stuttgart erscheinen wird. Und sozusagen als Trailer zu dieser Walzstahl-Saga gibt es hier schon einmal ein paar mit dem Handy gefilmte Impressionen aus dem stählernen Bauch des Produktionsbetriebs. Denken Sie an diese Bilder, wenn Sie demnächst eine Feile aus Ihrem Werkzeugkasten holen (auch wenn aus Böllinghaus-Profilen heute viel kompliziertere Dinge gefertigt werden).

Tebartz-van Elst und die Folgen

Written By: Oliver Driesen - Okt• 20•13

flattr this!

Foto

Gesehen am Öjendorfer See, Hamburg