Die Ökonomie der Gefühle (5): Dankbarkeit

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Manchmal muss man sich Makroökonomen vorstellen wie die Psychologen der Volkswirtschaft. Sie arbeiten sich nicht nur daran ab, die voraussichtliche Veränderung des realwirtschaftlichen  Bruttosozialprodukts möglichst korrekt vorherzusagen. Nein, sie kalkulieren sogar die Wertschwankungen im Gefühlshaushalt der Nation. Und da sieht es in der aktuellen Völkerwanderungs-Krise gar nicht gut aus.

Denn,  so leid es mir tut: Alles ist in Euro und Cent darstellbar. Selbst die vermeintlich edelsten Motive aus dem Bereich der Hilfsbereitschaft haben immer – wenn man wie der Androide Data aus „Star Trek“ seinen Emotions-Chip kurz deaktiviert und mal ganz sachlich draufschaut – einen Gegenwert. Noch besser gesagt: einen Tauschwert. Der Mensch ist andauernd viel zu sehr in emotionale Händel mit anderen Menschen verstrickt, um diesen Tauschwert ignorieren zu können.

Es ist ihm allerdings im Laufe seiner Kulturgeschichte gelungen, diesen an sich beschämenden Umstand erstaunlich gut zu tarnen. Und da ist es dann wieder an den Ökonomen, diesen Illusions- und Spaßbremsen, die Tarnung ab und zu niederzureißen. Es sei denn zum Beispiel, ein Politiker kommt ihnen zuvor und enttarnt sich gleich selbst.

„Bis zum Sommer waren die Flüchtlinge dankbar, bei uns zu sein“, so Bundesinnenminister Thomas de Maizière im heute-journal. „Jetzt gibt es schon viele Flüchtlinge, die glauben, sie können sich selbst irgendwohin zuweisen. (…) Sie gehen aus Einrichtungen raus, sie bestellen sich ein Taxi, haben erstaunlicherweise das Geld, um Hunderte von Kilometern durch Deutschland zu fahren.“

Sehen Sie, sehen Sie? So schnell kommen beim Thema Dankbarkeit Euro und Cent ins Spiel! Es ist eben nicht die selbstlose Liebe einer Mutter Theresa, die den Minister antreibt. Dankbarkeit ist offensichtlich eine Währung, in welcher in ausreichendem Maße zurückgezahlt werden muss, wo zunächst ausdrücklich „kostenlose“ bzw. „unentgeltliche“ Hilfe gewährt wurde.

Die Gleichung im Minister-Statement sieht ungefähr so aus: Sei der Wert eines (emotionalen) Hilfspakets = x, dann muss die Brutto-Dankbarkeit (z + y) mindestens x entsprechen, wobei y als Wert in diesem Fall beispielsweise einer Taxifahrt von Hamburg nach München (ca. 790 Euro) anzusehen ist. Der Dankbarkeits-Saldo ist mithin nur ausgeglichen, wenn er neben dem Wert x auch die 790 Euro saldiert, die im unentgeltlichen Hilfsbereitschaftsangebot nicht enthalten waren.

Beachtenswert ist bei diesem Beispiel von Gefühlsmathematik, dass im Unterschied zum rein materiellen Tauschhandel bei jeder anderen Art von Warengeschäften der Betrag von 790 Euro gar nicht vom Rechnungssteller ausgelegt wurde. Es ist ja nicht der Minister, der die Taxifahrt des Flüchtlings bezahlt hat, sondern der Flüchtling selbst. Doch dem hätte dieses Vermögen in den Augen des Rechnungsstellers gar nicht zugestanden; gerade deshalb wurde ja von ihm Dankbarkeit als Deckungsbeitrag erwartet. Umkehrschluss: Nur wer selbst Geld hat, braucht nicht mit Dankbarkeit zu zahlen.

Und es wird noch faszinierender: Die geschuldete Dankbarkeit muss nicht einmal von demjenigen geleistet werden, der Empfänger der ursprünglichen Hilfsbereitschaft war. Sie kann auch „fremdfinanziert“ werden, etwa in Form von Anerkennung durch Facebook-Likes. Das Schema: Mensch hilft Flüchtlingen, schreibt darüber auf Facebook, erhält 15 „Gut gemacht!“-Kommentare von Dritten – und der Saldo ist ausgeglichen. Bei nur zwei Likes allerdings bliebe eine gewisse Anerkennungs-Deckungslücke in den (Gesichts-)Büchern.

Sie glauben nicht, dass Sie so berechnend sind? Machen Sie einen Test in einem anderen Zusammenhang:  Schenken Sie Ihrem Patenkind bei jedem Besuch eine Tafel Schokolade. Registrieren Sie leuchtende Kinderaugen und andere mehr oder weniger subtile Dankbarkeitsbezeugungen.  Wenn Sie aber nur Gleichgültigkeit oder blanke Gier feststellen – wie lange dauert es, bis Sie nichts mehr mitbringen? Das ist dann der Moment, wo Ihnen jemand x mal 0,99 € Dankbarkeit schuldet.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.

Retten / Betten

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„Schreibste mir / schreibste ihr / schreibste auf MK-Papier.“ „Heute bleibt die Küche kalt / wir gehen in den Wienerwald.“ Ich kann mir nicht helfen: Wenn ein Werbespruch sich reimt, dann muss ich ihn mir merken, wahrscheinlich bis an mein Lebensende. Und zwar zwanghaft abgespeichert unter „Macht mich an, Widerstand zwecklos“, also  ganz im Sinne des Werbetreibenden.

Die Zeit der gereimten Werbung ist zwar längst vorbei und wird nur noch dann und wann als ironisches Revival zelebriert, aber das vor Urzeiten Gereimte wirkt und wirkt und wirkt.

Ähnliche Effekte erzielt in meinem Kopf die Reklameprosa der 50er-Jahre. Die lässt das ganz große Gefühlskino ablaufen. Ein Beispiel dafür – samt gereimter Pointe am Schluss – ist das folgende Zitat aus der 1953 erschienenen Hauszeitung des Herforder Bettenherstellers Stiegelmeyer. Dieses Blatt trug, nebenbei, den wunderbaren Namen „Die Metallbettstelle“. Man muss sich den Text von der knarzenden, aufgekratzt euphorischen Stimme eines Wochenschau-Sprechers aufgesagt vorstellen, dann ist er am schönsten. Also:

Eine Nacht in einem Stiegelmeyer-Bett, und der vielgeplagte Diplomat vergisst seine Sorgen, der verlassene Liebhaber verliert seinen Kummer, der Kranke spürt keine Schmerzen mehr, der Müde erhält neuen Lebensmut; jeder findet das, was er braucht! Ein Segen für die vielgeplagten Erdenbewohner, und unsere gute Mutter Erde glättet bei jeder Metallbettstelle, die unseren Fabrikraum verlässt, ihre sorgendurchfurchte Stirn und lächelt milde. Sie weiß wie alle klugen Leute:

„Wenn etwas kann die Welt noch retten, dann sind das Stiegelmeyer-Betten!“

Der ostwestfälische Bettenbauer war schon damals ein Unternehmen nach meinem Geschmack: wo die Chefs noch selbst auf dem Werkshof herumfuhrwerkten, wo die Ärmel hochgekrempelt und die Rohrzangen angesetzt wurden, bis das hochpolierte Endprodukt stand und mindestens 50 Jahre hielt.

Mit dieser Haltung ist die in Herford im Jahr 1900 eingetragene Firma Stiegelmeyer vom Zwei-Mann-Stahldrahtmatratzen-Startup zum deutschen Marktführer bei Hightech-Krankenbetten im 21. Jahrhundert geworden.

Es ist ja häufig so: Die innovativsten, krisenfestesten und anpassungsfähigsten Unternehmen sitzen in den kleinen Städten und sind familiengeführt. Sie machen von sich wenig Aufhebens und meistern gerade dadurch die Kunst, sich immer von Neuem auf das Wesentliche zu konzentrieren: Zukunft.

Diese Zukunft erschaffen sie quasi als Nebenprodukt täglich neu, indem sie durchdachte, nutzbringende Dinge herstellen. Und das in Deutschland! Man kann gar nicht genug betonen, wie außerordentlich diese vermeintliche Selbstverständlichkeit angesichts eines knüppelharten Wettbewerbs auf den Weltmärkten ist.

Wie das aber viele Jahrzehnte lang funktioniert (und wie dabei oft die aberwitzigsten Situationen überstanden werden müssen), konnte ich in den vergangenen Monaten wieder einmal nachvollziehen. Im Auftrag von Pro Heraldica habe ich die 2016 erscheinende Firmenchronik von Stiegelmeyer recherchiert und aufgezeichnet. Losgegangen ist es  in Herford einst mit einer Stahldrahtmatratzen-Produktion. Damals sah das ungefähr so aus wie auf diesem Briefkopf aus dem Jahr 1902:

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Herford 1902: starker Pferdefuhrwerks-Verkehr auf dem Werkshof

Angesichts dieser beschaulichen Ursprünge scheint es ein wenig wie Zauberei, dass heute diese glitzernde Hightech-Welt daraus geworden ist. Aber eben doch keine Hexenkunst, sondern solide Aufbauarbeit mit steilen Lernkurven, die das Unternehmen über alle Flauten und historischen Tiefpunkte hinweg trugen. Kann man demnächst dann ausführlich nachlesen.

Wenn schon nicht die Welt, so konnten die Stiegelmeyer-Betten also zumindest die wirtschaftliche Existenz vieler Menschen über unruhige Zeiten hinweg retten. Retten / Betten: Machen Sie sich Ihren eigenen Reim darauf!

Wir starren in den Spiegel und sehen: nichts

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Die Masseneinwanderung zwingt uns als Nation zum ersten Mal seit Hitlers Weltkrieg, einen zeitgemäßen Konsens von „Deutschsein“ zu finden – oder uns im Treibsand der Kulturen zu verlieren

Keine Sorge, dieser Möchtegern-Demagoge ist kein neuer Führer. Dafür ist schon allein sein Name zu kompliziert (und hat einen allzu polnischen Klang): Götz Kubitschek, ein 44-Jähriger aus Ravensburg im südlichen Baden-Württemberg, klingt auf Versammlungen ungefähr so elektrisierend wie eine Mischung aus Finanzminister Schäuble und einer schwäbischen Ausgabe von John Major.

Das soll allerdings keine Harmlosigkeit oder Naivität andeuten – was bei einem Schäuble-Vergleich wohl auch zumindest kein Grieche vermutet hätte. Kubitschek genießt im nationalen, volkstümelnden Lager eine wachsende Popularität.

Er besitzt einen rechtskonservativen Verlag und gibt seine eigene nationalistische Zeitschrift mit dem programmatischen Titel „Sezession“ heraus. Drei Jahre nach einen Auslandseinsatz mit der Bundeswehr in Bosnien 1998 flog er wegen seiner Redakteurstätigkeit für die damals vom Verfassungsschutz beobachtete Rechts-Zeitschrift „Junge Freiheit“ aus der deutschen Armee. In jüngerer Zeit führte ihn die islam- und zuwanderungskritische Pegida-Bewegung in Ostdeutschland unter ihren Rednern.

Kubitschek ist der Schutz des Vaterlandes vor Überfremdung zu wichtig, um nur leere Worte zu machen: Sein bislang nachhaltigster Akt des völkischen Widerstands besteht in der Zeugung von sieben eignen, deutschen Kindern.

Was deutsch sein heißt

Vor einigen Wochen aber hat dieser verhinderte Volkstribun etwas gesagt, das mich nachhaltig beschäftigte. Der Anlass war ein ein nationaler Kongress der „Deutschen Burschenschaft“, jener Gespensterarmee von Studenten und ergrauten Herren, die sich außer an ein Deutschlandideal von circa 1871 vor allem an Sauf- und Fechtrituale klammert. Einblicke in dieses Milieu und in Kubitscheks Weltsicht vermittelt das Video der Veranstaltung:

Nachdem er wortreich den Zustrom von Hunderttausenden Immigranten aus fremden Kulturen nach Deutschland allein in diesem Jahr beklagt hatte, legte der Hauptredner seinen uniformierten Zuhörern eine lebensrettende Formel für Deutschtum im 21. Jahrhundert nahe: „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.“

Der Fairness halber: Es waren nicht seine eigenen Worte. Das Zitat hatte er in verkürzter Form vom Komponisten Richard Wagner geborgt. Kubitschek ergänzte es kryptisch: „Über diese Definition darf nachher gerne nachgegrübelt werden. Man schreitet dabei über erstaunliche Stufen der Selbsterkenntnis.“

In der Tat. Als ich erst begonnen hatte, über die Wagnerianische Richtschnur nachzudenken, musste ich zugeben, dass Kubitschek an eine große Sehnsucht appelliert, die auch in mir selbst existiert: die Sehnsucht nach Identität. Insgeheim haben wir Bundesbürger schon lange nicht mehr gewusst, was im Jahr 2015 noch „deutsch“ genannt werden könnte, da die meisten Stereotypen längst verwässert sind, die ironischen Brechungen alles Tradierten kaum Substanzielles übrig gelassen haben.

Des Artenschutzes würdig?

Aber zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte unserer Nation könnten wir Deutschen gezwungen sein, einen Beweis, eine Formel für diese kleinen Zutaten vorzulegen, die uns einzigartig machen und damit des Artenschutzes würdig. Angesichts beispielloser Zuwanderung in unsere alternde und schrumpfende Gesellschaft scheint plötzlich ein intensiver Druck zu existieren, uns unserer selbst zu vergewissern und unseren kulturellen Boden zu behaupten – oder uns auf lange Sicht spurlos in einer Multi-Ethnizität aufzulösen.

Das war nicht so, als wir in den 50er und 60er Jahren die erste Generation von „Gastarbeitern“ anwarben, denn die – so das Kalkül –  würden wieder in ihre Heimatländer zurückkehren oder sich assimilieren.

Es schien auch nicht angesagt, als die „Achtundsechziger“ das kollektive Versagen ihrer Elterngeneration im Dritten Reich anprangerten. Auf keine neuen und interkulturell angepasssten „deutschen Werte“ musste man sich in diesem Prozess einigen, denn schließlich waren all diese jungen Rebellen selbst Deutsche. Von dieser gemeinsamen Plattform aus definierten sie zwar neu, was richtig und falsch war – doch in einer weitestgehend monoethnischen und monokulturellen Gesellschaft.

Und es war immer noch kein Thema, als 1990 die Wiedervereinigung daherkam und aus zwei halben eine neue Nation zusammengebacken wurde. Wir waren alle Deutsche, oder nicht? Also warum ein Gewese machen um unsere nationalen Werte in Interaktion mit anderen, konkurrierenden auf unserem eigenen Boden? Ja, es gab eine intensive Nabelschau, aber meistenteils über die Frage, wer die besseren Deutschen waren, welche Hälfte von uns die D-Mark mehr verdient hatte – den einzigen Wert, über den eine neue nationale Einigkeit bestand.

Erst als die Immigration von außerhalb unserer erweiterten Außengrenzen ein immer mächtigerer Strom wurde, erst als wir mit dem Bau von Zeltstädten begannen (in Hamburg allein werden nach vermutlich bereits wieder überholten Zahlen bis Jahresende 31.000 Neuankömmlinge erwartet), erst dann starrten wir endlich in den Spiegel und entdeckten: etwas Undefinierbares, Konturloses.

Individualismus schafft keine Heimat

Wer also sind wir Deutschen? Nicht mehr als ein Volk im Niedergang, mit einer Geburtenrate von unter 1,4, zufällig auf einem Gebiet namens Bundesrepublik angesiedelt? Eine historische Gesamtheit, die von einer Flut reproduktiverer Neuankömmlinge umspült wird? Gibt es irgendetwas, etwas anderes als eine gemeinsame Sprache und einen hohlen Konsumismus, das uns „Eingeborene“ vereint und uns so das Recht verleiht, Anspruch auf dieses Land zu erheben?

Plötzlich entdecken wir, dass unser gefeierter Individualismus und Materialismus der letzten Jahrzehnte nicht viel dabei hilft, eine starke und verlässliche Heimatbasis zu entwickeln – etwas, das all die neu hinzukommenden Gruppen besitzen. Ebenso wenig hilft das Fehlen eines gemeinsamen Wertesystems oder auch nur von Sitten und Bräuchen, die über Weihnachtsgeschenke und Fußball hinausgehen. Gar nicht zu reden von geteilten philosophischen Weltanschauungen und am allerwenigsten von einer Religion, die inoffiziell vor Jahrzehnten für tot erklärt wurde.

So ist die Frage, ob wir als Nation und als Volk in einer Welt expansiver Ideologien und aggressiver Glaubenslehren mit leeren Händen dastehen, mehr denn je zur Debatte freigegeben. Also gut, die Herausforderung ist da. Und sie wird nicht wieder weggehen, ebenso wie all die Neuankömmlinge nicht einfach so wieder weggehen werden.*)

Nun mag der Einwand kommen: Wozu soll das gut sein, dieses Herumreiten darauf, was „deutsch“ sei? In dieser so flüchtigen und verflochtenen Welt, deren Koordinaten sich alle paar Wochen um 180 Grad zu verschieben scheinen? Warum nicht einfach das Neue umarmen und die Gelegenheit nutzen, das so mühsam Greifbare – die einende Identität – als sinnlosen Ballast ein für allemal abzuwerfen?

Warum die Mühsal lohnt

Es ist notwendig, weil nur der, der sich seines größeren Ganzen, seiner kollektiven Herkunft und Verortung bewusst ist, auch wissen kann, warum er als Einzelner ist, wie er ist. Und nur wenn er das weiß, kann er Stand- und Haltepunkte für seine eigene und die kollektive Zukunft (mit-)bestimmen – was doch ureigenster Antrieb unseres demokratischen Diskurses sein sollte, wie Sonntagsredner stets beteuern.

Wer sich aber schon seiner eigenen Kultur im Guten wie im Schlechten nicht sicher ist, dem bleibt nichts übrig, als sich treiben zu lassen und Getriebener zu sein. Er darf sich dann nicht wundern, wenn andere, sich selbst bewusstere Kulturen den Raum einnehmen, den auszufüllen er ein Gewohnheitsrecht zu haben glaubte.

Wir müssen – 70 Jahre nach Hitlers katastrophalem Fehlversuch, eine Deutschland-Formel zu definieren – gemeinsam neu festlegen, was dieses Land im Inneren zusammenhält. Nur dann können wir uns sicher sein, was wir den Neuankömmlingen anzubieten haben – und was nicht. Selbstverständlich darf sich das Ergebnis nicht in Kubitscheks groteskem Wagner-Zitat erschöpfen. Aber ebensowenig in hohlen Phrasen  wie „Frieden“ oder „Wohlstand“ oder „Solidarität“.

Als die 5000 kürzlich auf dem Hamburger Rathausmarkt Versammelten „Refugees welcome“-Fahnen schwenkten, sangen sie  „Imagine there’s no heaven“ von John Lennon, um die brutale Realität der Welt da draußen zu bannen: „Imagine there’s no countries“? Doch, es gibt Nationen, und sie sind gewachsene, innere wie äußere Gebilde, keine bloßen Phantasien, die sich mit einem Traumbild überwinden ließen. „Nothing to kill or die for“? Fragen Sie die Ankommenden nach ihren Erfahrungen und Ansichten. „And no religion too“? Fragen Sie die Refugees, ob sie das auch so sehen.

Nein, es muss gelingen, aus dem diffusen Sehnsuchts- und Zufluchtsort „Deutschland“ mehr herauszukristallisieren als ein bloßes Zufallsprodukt von Völkern auf Wanderungen. Denn für ein solches Zufallsprodukt bräuchte man keine Planungen, keine Hoffnungen, keine Gesetze, keine Normen mehr zu entwickeln – es würde ohnehin am Ende seiner zunehmend kurzen Halbwertzeit in neue, unvereinbare Isotope zerfallen. Es wäre das Ende der Geschichte.

Neuankömmlinge am Hamburger Hauptbahnhof, Oktober 2015
Neuankömmlinge am Hamburger Hauptbahnhof, Oktober 2015

*) Dieser Blogbeitrag wurde am 8.10.2015 ab der markierten Stelle überarbeitet und teilweise neugefasst.

Große Reden (4): Gegen den Strom

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Manche Zeilensturm-Leser wissen, dass ich auf einer anderen meiner Baustellen in loser Folge immer wieder mal historische Reden großer Persönlichkeiten vorstelle und analysiere. Denn reden kann jeder, aber sprechen? Also: nicht nur etwas sagen, sondern etwas aus-sagen? Da sieht es gerade in der deutschen „Debattenkultur“ sehr, sehr dünn aus.  Da wird stammelnd vom Blatt abgelesen oder Powerpoint-Karaoke betrieben. Da werden mit vorgehaltener Phrasendreschmaschine gerne mal 90 Minuten Lebenszeit beschlagnahmt, die keiner im Publikum je zurück erhält.

Dabei bräuchten wir das heute so sehr: Menschen, deren Reden begeistern, weil sie etwas mitzuteilen haben. Weil sie durch Vor-Denken zum Nachdenken anregen. Weil sie Dinge in Gang setzen, die eine Gesellschaft zum Positiven verändern.  Weil sie mit der Durchdringung ihrer Argumentation und die Schönheit ihrer Rhetorik begeistern.

Und es gibt sie ja, die Beispiele, an denen Redner von heute sich orientieren könnten. Eines davon ist die sehr verehrungswürdige liberale Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, heute 94 Jahre alt.

Hildegard Hamm-Brücher, 1976. Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F049586-0029 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA 3.0
Hildegard Hamm-Brücher, 1976. Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F049586-0029 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA 3.0

Was es mit ihr und einer ihrer zahlreichen rednerischen Sternstunden auf sich hat und warum sie bis heute ein Vorbild für jeden Redner ist? Hier entlang bitte.

Befehl von ganz oben

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Von meinem Bürofenster aus blicke ich nicht auf das UNO-Hauptquartier, das bekanntlich am Ufer des East River in irgendeiner Kleinstadt in Amerika liegt. Nein, mein Blick geht geradewegs auf das Haus des Präsidenten der Welt hinaus.

Weltregierungszentrale, Hamburg-Neustadt
Weltregierungszentrale, Hamburg-Neustadt

Der Präsident der Welt kommt dem Vernehmen nach aus dem Iran. Man sieht ihn aber nie, natürlich nicht, denn so ein Weltpräsident hat natürlich pausenlos internationale Termine.

Was man hingegen sieht, sind seine Botschaften an seine Untertanen, also z.B. mich. Sie sind erfreulich selbstlos. Kürzlich etwa bot er per Balkon-Informationsdienst  kostenlose Logis und Mahlzeiten an. Leider ausdrücklich nur für Frauen, was ich erst etwas unfair fand.

Bis mir klar wurde, dass Frauen ja mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen und selbst der Präsident der Welt in seinem Haus (sozialer Wohnungsbau) vermutlich nicht die ganze Welt beherbergen kann.  So gesehen wiederum finde ich dann die Mehrheit schon eine große Geste.

Heute morgen dann machte mich der Präsident der Welt mit seinem aktuellen Tagesbefehl recht nachdenklich. Er hatte ihn hübsch auf einer Schultafel mit Kreide verfasst und unorthodox in den Raum gestellt (siehe Foto):  „Liebe Hoch Gezts Welt for Armut“.  Auf ein forderndes Ausrufezeichen hatte er verzichtet, milde und gelassen, wie es seine Wesensart und seine ganze Regentschaft auszeichnet.

Ich bin sicher, er hat da einen Punkt. Jedenfalls bin ich intuitiv geneigt, ihm zuzustimmen. Etwas in mir beginnt beim Lesen zu schwingen, besonders bei „Gezts“. Das liegt vielleicht an meiner Ruhrgebiets-Affinität (Hömma, kannze gezts ma nache Zeche komm‘?“).

Also: Gezts ist die Zeit zum Handeln! Vamos for Frieden and Egalité!

Und selbst, wenn letzte Zweifel an der Legitimität dieses in seiner Tragweite noch gar nicht zu ermessenen Befehls bleiben: Wer wäre ich denn, dem Präsidenten der Welt Widerworte zu geben? Das gibt doch Schimpfe!

Fest steht: Armut ist doof. Hoch die Liebe! Der Rest ergibt sich gezts von selbst.

Krebserregende Argumente

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Dieses kürzlich an einem eher „sozial schwachen“ Standort entdeckte Plakatmotiv habe ich leider nicht komplett aufs Handy-Foto bekommen. Dazu hätte ich noch zwei Schritte weiter zurücktreten müssen und wäre in Herne (das liegt bei Castrop-Rauxel) vom Bahnsteig aufs Gleis gefallen.

Aber das Wesentliche ist wohl klar: „Natürlich rauch ich Rattenkot“. Das reimt sich auf Schockschwerenot; ein gezielter Ekel-Effekt also: Was, so etwas Unaussprechliches wie Rattenscheiße tun diese bösen Kriminellen da rein in meine guten Schmuggelzigaretten?

Na, das wird unseren Brennpunkt-Bewohner mit seinen Billigfluppen zu zwei Euro das Päckchen aber gehörig einschüchtern und fortan zu legalen Gesundheitszigaretten à fünf Euro greifen lassen! Vor allem, wenn er dann auch noch das Kleingedruckte liest:

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Wir halten fest: Philip Morris, Reemtsma, BAT und Co. sind keine „kriminellen“, sonderne legale Banden. Denn sie wachen akribisch darüber, dass sich Raucher statt mit Autoreifen und CD-Resten im Tabak nur mit den rund 3000 qualitativ hochwertigen und herstellerseitig kontrollierten Giftstoffen der staatlich zugelassenen Drogen-Variante zugrunde richten, darunter Nikotin, Teer, Kohlenmonoxid, Phenol, Benzol, Blausäure, Schwermetalle, Pyridin, Toluol, Ammoniak und Stickoxide.

Man möchte ja gerne wissen, bei welcher Agentur die Werbetexter genügend Rattenkot im Hirn mit sich führen, um sich auf Zuruf derart grundkorrupte Argumente für das Richtige Rauchen (™) aus dem Schädel zu leiern. Sie müssen jedenfalls schon sehr lange etwas schnüffeln, das vermutlich auch aus nicht ganz legalen Quellen stammt.

Mehr über die durch legale Qualitätszigaretten ausgelösten Qualitäts-Krebsarten sagt Ihnen aber sicher auch gerne das Forum vernetzte Sicherheit, das neben der Philip Morris GmbH, der Interessengemeinschaft Tabakwirtschaft e.V. und dem Bundesverband der Lotto-Toto-Verkaufsstellen in Deutschland e.V. auf den Plakaten verantwortlich zeichnet.

Ach nein, falsch: Das obskure „Forum“, das erst im Februar 2015 gegründet worden ist und sich auf seiner eigenen Website äußerst bedeckt über seine Ziele, Geldgeber und politischen Hinterleute gibt, scheint sich doch eher auf internationale „Kriminalitätsbekämpfung“ kapriziert zu haben.  Zum Glück agiert das FVS laut Impressum „ausschließlich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, so dass der Qualitätsraucher sich rundum sicher, sogar vernetzt sicher fühlen darf.

Und Sicherheit, das ist bekanntlich das, wonach sich der Deutsche am allerallermeisten sehnt. Weit vor Glück, Gesundheit oder auch nur einer Prise gesundem Menschenverstand.

Als die Drogistin tot war

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Ohne es zu beachten oder auch nur zu bemerken, hatte die alte Drogistin ihr Leben ins Schaufenster gestellt. Hatte sich gläsern gemacht, durchsichtig, ihr Dasein inventarisiert und zu kleinen Preisen feilgeboten. Für alle zur öffentlichen Beschau.

Das Schaufenster war wie der ganze Laden, die Fassade wie die Eingeweide, das Gesicht wie die Seele: zum Bersten angefüllt mit den kleinen Bedürfnissen des Alltags, mit Einwegfeuerzeugen für 79 Cent, Spülbürsten aus buntem Plastik, Grillkohle-Papiersäcken, Kerzen, billigen Parfums und Rasierwassern, Seifenstücken in von der Sonne verblichenen Schachteln. All der Ballast, den niemand will, aber jeder braucht.

Dazwischen aber war immer noch Raum für Schönheit: künstliche Sonnenblumen, ein sich räkelnder Gipsfrosch made in Taiwan, ein spöttisch dreinschauender Harlekin im Rüschengewand.  Denn ein leichter Gedanke, ein nettes Wort musste immer drin sein in der großen bunten Mischung, die das Angebot der Drogistin an die Welt war.

Natürlich ging es ums Verkaufen, ja. Eigentlich musste abends die Kasse stimmen. Aber mit jedem Monat, jedem Jahr, die vergingen, trat dies mehr und mehr in den Hintergrund. Die große Zeit, als sie noch die Filiale im Nachbarstadtteil gehabt hatte und bis zu 20 Angestellte, war längst zu Ende gegangen. Es war nicht mehr rentabel gewesen, und all die alltagsnotwendigen Dinge aus zwei Geschäften stapelten sich jetzt in nur noch einem verbliebenen.  Die Drogistin war nun allein mit zu vielen Dingen.

Zu den Öffnungszeiten quoll ihr die Ware auf den Bürgersteig, hinaus aus diesem düsteren Labyrinth der Nahversorgung, hinaus ans Licht, hinaus ins verbliebene Leben. Zum Ladenschluss presste die Drogistin sie mühsam wieder hinein, wie Zahnpasta, die zurück sollte in die Tube, weil niemand die Zahnpasta gewollt hatte.

Eines Tages war das Schaufenster und der Bürgersteig davor auffällig leerer als sonst. Dafür hing hinter Glas ein Zettel: „vorübergehend geschlossen“.

Aus einem vorübergehenden kann leicht ein endgültiger Stillstand werden. Bei der nächsten oder übernächsten Vorbeifahrt drängten sich vor der geschlossenen Ladentür Blumengebinde, echte Sonnenblumen darunter, auch brennende Grablichter. Die Drogistin war gestorben.

Die Kondolenzgaben der Nachbarn und letzten Stammkunden bildeten das, was hier üblich gewesen war: ein buntes, planloses, von Herzen kommendes Gedränge.

Noch ein letztes Mal war so die verglaste Front ihrer Drogerie ein Spiegel ihres Lebens geworden. Sie hatte das finale öffentliche Siegel erhalten: Entgegen dem Zeitgeist und gegen alle ökonomische Vernunft war das Geschäftsmodell der Drogistin – Buntheit im Überfluss und Herzlichkeit im Kleinen – bis zum letzten Herzschlag aufgegangen.

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Dieser eine, rauschhafte Moment des Gutseins

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Am Wochenende hörte ich im Radio, wie ein freiwilliger Helfer interviewt wurde, der am Hamburger Hauptbahnhof Wasserflaschen und Proviant an neu angekommene Flüchtlinge verteilte. Nach seinen Motiven befragt, sagte er: „Ich hoffe, sie (die Flüchtlinge) werden uns helfen, bessere Menschen zu werden.“

Eine andere Freiwillige, diesmal am Bahnhof von München, berichtete davon, wie es sie berührt habe, als ihr ein syrisches Flüchtlingskind einen Kuss auf die Wange drückte. Die Helferin war den Tränen nahe.

Die Bild-Zeitung bringt die Schlagzeile: „Die ganze Welt feiert uns Deutsche.“ Gerade eben waren wir noch die Schurken vom Dienst, weil oder obwohl wir Griechenland „gerettet“ hatten.

Was kommt da nur immer in Schüben über „uns Deutsche“? Während es um Lösungen gehen sollte, geht es uns ums Gutsein. Böse sein sollen die anderen. Immer fürchten wir, gehasst zu werden, immer sehnen wir uns danach, dass man uns liebt. Nur leise und pragmatisch sein, das können wir Urenkelkinder der deutschen Romantik nicht.

Die Sehnsucht nach Sommermärchen

Viel lieber wollen wir in Sommermärchen schwelgen, für die jeder Grund recht zu sein scheint: ob es eine Fußball-WM ist, bei der wir aller Welt den „unverkrampften“ Umgang mit unserer Nationalität zeigen dürfen, ob es eine Oderflut ist, bei der wir uns als solidarisch und unbürokratisch erleben dürfen, ob es die Wiedervereinigung ist, bei der die ersten (aber nur die ersten, denn bald schon kippte die Stimmung) Trabis durch Applaus-Spaliere fuhren. Oder nun eben die „Refugees-Welcome“-Transparente, mit denen Tausenden von Flüchtlingen ein geradezu begeisterter Empfang bereitet wird.

Kein Missverständnis: Helfen ist etwas Wunderbares, zutiefst Menschliches. Wir können uns ja dazu entschließen, allein in diesem Jahr einer Million Flüchtlinge und Migranten bei uns Aufnahme zu gewähren. Es gibt gute Gründe, sehr viele in ihrer Existenz bedrohte Menschen bei uns aufzunehmen (so wie es Gründe dagegen gibt).  Es ist auch richtig, an unsere historische Verantwortung gegenüber  Verfolgten zu erinnern, nach all den Schrecken, die unsere Vorfahren in diesem Land und aller Welt verübt haben.

Was uns aber dabei zuverlässig aus der Bahn wirft, ist unser Hang zum melodramatischen Augenblick, zur vermeintlich selbstlosen, in Wahrheit aber grandiosen Geste. Es ist, als wollten wir um jeden Preis Selfies produzieren und zur Selbstvergewisserung immer bei uns tragen, die uns als  fröhliche, tolerante, weltoffene, sorglose und sorgende Menschen im Kreise unserer Lieben zeigen. Eine Szene, an die wir glauben möchten, für einen rauschhaften Moment.

Pars pro toto. Symbolpolitik. Dieser eine Tag, an dem ich ein besserer Mensch, ein besseres Land war und alle Welt es gesehen hat. Doch danach folgen noch viele Tage abseits des Rampenlichts.

Schwarz und weiß, dazwischen nichts

Die etablierten Meinungsmedien sind mit ihrer bewusst eingesetzten Bildsprache ein wesentliches Triebwerk dieser hyperoszillierenden Trugwelt.  Der „Spiegel“ hat es vergangene Woche auf die Spitze getrieben mit seinem doppelten Titel vom „dunklen“ und vom „hellen“ Deutschland.  Auf der einen Seite brandschatzende Nazis vor nächtlichem Flüchtingsheim. Auf der anderen Seite fröhliche Menschen aller Hautfarben, die bunte Ballons in einen strahlenden Himmel steigen lassen. Wir haben die Wahl. Haben wir die Wahl?

Mich zum Beispiel müsste der „Spiegel“ ins dunkeldeutsche Lager stecken, denn ich kann mich an der medial inszenierten Flüchtlings-Euphorie nicht beteiligen. Flüchtlingsströme von biblischen Ausmaßen sind ein Problem, das gerade bei offenen Grenzen alles und jedes an seine Grenzen bringt – und nichts ist zu seiner Lösung weniger hilfreich als Erlösungsgefühle, auf der „richtigen“ Seite zu stehen.

Ich bin als Volks(!)wirt und Soziologe ausgebildet worden. Geblieben ist mir davon der fachliche wie auch journalistische Blick auf die Konsequenzen für das Funktionieren einer ganzen Gesellschaft, wenn ungesteuerte und umwälzende Ereignisse wie das derzeitige stattfinden.

Das ist nicht sexy, nicht cool, und dass sich viele Facetten solcher Phänomene am verlässlichsten über Zahlen erschließen, dürfte mich in Zeiten der locker sitzenden Rassismus- und Nazikeule sogar verdächtig machen: Waren nicht die Nazis auch seelenlose Bürokraten? Und gab es da nicht mal einen Sarrazin von der Bundesbank? Alles klar.

Eben nicht. Denn manchmal bedarf es kühler Analyse, bevor man Prozesse in Gang setzt, die nicht mehr zu lenken oder zu stoppen sind. Umso notwendiger wäre ein pragmatischer und systematischer Umgang mit dem Migrations-Phänomen, das für uns Deutsche mit großer Wahrscheinlichkeit das prägende nicht nur des kommenden Jahrzehnts sein wird – gerade weil wir es nicht mit größtmöglicher Sachlichkeit angehen (für die wir, ironischerweise, einmal bekannt waren).

Gleichung mit nichts als Unbekannten

Denn genau dieser Umgang, der von allen möglichen Herangehensweisen die bestmöglichen Ergebnisse für alle Betroffenen erzielen würde, findet nicht statt. Man merkt es am schmerzhaftesten an all den Fragen, die nicht gestellt werden und nicht gestellt werden dürfen, weil der Rausch der „richtigen“ Gesinnung es nicht zulässt:

Was passiert, wenn die Euphorie der Meinungsbildner und Aktivisten über weit offene Grenzen für Flüchtlinge und Migranten verflogen ist?

Was passiert, wenn der Winter kommt und wir eine Million Neuankömmlinge behausen, viele davon derzeit in Zeltstädten?

Was passiert, wenn diese Menschen – über den Winter hinaus – auf Dauer mit den hier bereits ansässigen um Ressourcen konkurrieren? Schulplätze, überwiegend miserabel bezahlte Jobs, Sozialleistungen, bezahlbare Wohnungen, Gesundheitsdienstleitungen? Keines der genannten und schon bisher ächzenden Systeme ist im entferntesten auf das vorbereitet, was derzeit auf sie alle zukommt.

Was geschieht dann mit den hier schon geborenen und aufgewachsenen Unterprivilegierten, die zu Recht danach fragen, warum sie in dieser Gleichung mit nichts als Unbekannten gar nicht erst vorkommen?

Was wird aus kulturellem, religiösem und ideologischem Sprengstoff, der nicht durch eine große Geste zu entschärfen ist, wenn der soziale „Druck im Kessel“ steigt?

Was wird, wenn sich herausstellt, dass es sich hier nicht um ein singuläres Ereignis handelt, sondern die Flüchtlinge und Migranten der halben Welt sich weiterhin nach Europa und Deutschland aufmachen?

Wenn das Pendel zurückschwingt

Und vor droht jetzt wieder das verlässliche deutsche Emotions-Pendel in Schwingung zu geraten. Was geschieht, wenn aus Euphorie erst Depression wird und dann – angesichts der ganz real heraufbeschworenen Probleme – ein manischer Umschwung in die Aggression?

All das sind hässliche Fragen, vor denen man sich weggucken möchte. Aber sie sind legitim, logisch und für viele Millionen Menschen existenziell bedeutend. Nichts weniger als das.

Die obligatorische, durch keine Konzepte unterlegte und dennoch selbstredend „alternativlose“ Antwort, verkörpert von der Kanzlerin, heißt lapidar: Wir schaffen das.

Aber da, Entschuldigung, kenne ich mein Land historisch besser. Mein Land wird irgendwann, eher früher als später, die Geduld mit sich, mit der Politik und mit „ihnen“ verlieren. Nämlich dann, wenn es schwierig und unansehnlich wird, wenn dicke Bretter gebohrt werden müssten, unpopuläre Entscheidungen anstehen, wenn alle Symbole ihre berauschende Kraft verloren haben.

Dann spätestens käme in weniger hysterischen Gesellschaften als der unseren der Moment der pragmatischen Reflexion. In Deutschland hingegen, dem Land, das stets zu spät aus seinem Rausch erwacht, schlägt dann die Stunde der Demagogen.

Und vor dieser Stunde fürchte ich mich.

Symbolfoto für Symbolpolitik: Die Tristesse kommt danach
Symbolfoto für Symbolpolitik: Die Tristesse kommt nach der Euphorie

 

(Dieser Text  ist eine Variation über das zwölfte Wort – Rausch – im Projekt *.txt von Dominik Leitner.)

Goethes Erben. Sonett vom Finanzdienstleister und den 3 Saufbrüdern.

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Goethe-Stadt Weimar: Szenenbild zur Tragödie "Bankfeiertag"
Weimarer Straßenszene, Sommer 2015: Szenenbild zur Tragödie „Goethes Erben“

 

Oh ja, sie hatten ihren Stolz,

solang‘ es währte, dieses sozialistisch deutsche Leben.

Und als das Land vereinigt war, da hielten sie’s für gottgegeben.

Als Bürger Weimars waren sie geschnitzt aus diesem Holz.

 

Der Mike, der Andi und der dicke Kalle.

Sie wurden dann gesiebt und für zu grob gehalten

von neuen Herren, die das neue Geld verwalten

und sie verbannten vor die scheckkarten-geschützte Halle.

 

Dort trinken sie seitdem den Billigsprit, den sie bei Lidl kaufen,

derweilen Goethe, Schiller und die Banker im Elysium saufen.

 

Frage niemals nach dem Weg!

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Du darfst von den Menschen vieles erhoffen. Dass sie dir Anlagetipps geben, dass Sie dir das Wetter oder deine Sterne vorhersagen, dass sie dich mit dem Neuesten aus der Nachbarschaft versorgen oder mit frischen Äpfeln aus dem eigenen Garten. Nur eines darfst du von ihnen nicht verlangen: dass sie dir den Weg beschreiben.

Beziehungsweise ihn dir so beschreiben, dass du daraufhin dann auch ans gewünschte Ziel findest, wenn gerade kein Navi zur Hand ist. Denn das kann niemand. Wiederhole: niemand. Es übersteigt nicht nur jedes menschliche Kommunikaktionsvermögen, sondern schon allein die Fähigkeit des Gehirns, eine konkrete Geomorphologie in abstrakte Vektoren und diese wiederum in korrekte Richtungsanweiseungen zu übertragen.

Das Problem beginnt damit, dass der Mensch sich normalerweise in zwei Dimensionen bewegt, was seinen (Entscheidungs-)Horizont ständig unschön durch Bäume, Berge oder Laternenpfähle begrenzt. Die einzig hilfreiche Perspektive zur Navigation an entfernte Ziele und um Hindernisse herum wäre die dreidimensionale Vogelschau, die unser Gehirn indes nicht realistisch erzeugen kann.

Aber damit endet es eben noch lange nicht. Zum Beispiel folgen auch Einheimische einfach nur ihrer Nase bzw. uralter Gewohnheit, machen sich also grundsätzlich gar keine Gedanken über unverwechselbare Wegmarken, Straßennamen oder gar Entfernungen. „Fünf Minuten“ kann daher von der Fahrstrecke eines Lamborghini zwischen zwei Boxenstopps bis zum übernächsten Maulwurfstunnelausgang alles bedeuten und ist niemals, wirklich niemals eine brauchbare Entfernungsangabe.

Sagen wir, du bist Norddeutscher (also aus einer eher ein- als zweidimensionalen Welt!) auf Urlaub im ländlichen Österreich, natürlich ohne Ortskenntnis. Den theoretischen Vorteil dieser Situation – dass Du die Landessprache verstehst – vergessen wir mal gleich wieder. Er mag zwar bestehen, so du und der sprechende Wegweiser euch auf einen dem Hochdeutschen oder euren jeweiligen Dialekten ähnelnden Verständändigungsmodus einigen könnt, aber damit ist rein gar nichts gewonnen.

Denn wie gestaltet sich solch ein Dialog?

SAM_1710Du (im Bemühen um Sympathiepunkte das lokale Brauchtum imitierend): „Grüß Gott!“

Österreicher: Grunzt etwas, verhält sich ansonsten abwartend. Ist jener dort ein Flüchtling?

Du: „Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wie ich zum Gasthaus Knödl-Wirt komme? Es soll hier ganz in der Nähe sein.“

Ö.  grunzt noch mehr Unverständliches. Das Stichwort „Knödl“ hat allerdings das Eis gebrochen. Folgt dreiminütige, diplomatisch-tastende, gegenseitige Anpassung des Idioms, bis beide Seiten sich gegenseitig zu verstehen glauben, was natürlich dennoch nicht stimmt, hier aber aus Zeitgründen nicht weiter ausgeführt wird. Stattdessen wird ab hier alles im ungefähr Hochdeutschen dargestellt. Ö. also:  „Das ist ganz einfach.“

Du: „Ja? Schön!“

Ö.: „Da fahren Sie erst …“

Du: „Ich bin zu Fuß, ich wandere.“

Ö.: „Ja, wo haben Sie denn Ihr Auto stehen?“

Du: „Ähm, ich bin gleich von der Pension aus losgewandert und …“

Ö.: „Also, haben’s jetzt gar kein Auto dabei?“

Du: „Wie gesagt …“

Ö.: „Ja, da können’s natürlich nicht die Schnellstraße nehmen.“

Du: „Ich möchte ja auch gar nicht …“

Ö.: „Ist das der Hiagl-Bauer, die Pension?“

Du: „Dollhopf, die heißt Dollhopf. Etwa 20 Minuten von hier.“

Ö.: „Ach, der Dollhopf Alois! Ja, von da ist’s natürlich einfach, wenn Sie ganz entgegegenherum laufen!“

Du: „Mag sein, aber ich bin ja jetzt nicht beim Dollhopf Alois, sondern hier, und von hier muss es doch auch möglich sein, zum Knödl-Wirt zu kommen?“

Ö.: „Ja, wenn Sie das Auto dahätt’n, könnten’s die Schnellstraße nehmen.“

Du: Grunzt etwas.

Ö.: „Oder Sie gehen über St. Magdalen,  dann den Fuchsbichlweg bis ganz hinten durch, lassen den Ziegelteich links liegen, dann rechts halten, bis links die Kleingartenanlage kommt, zweite links, aber dann nicht am St. Ruprecht der Straße folgen, sondern bis zum Sportplatz, da ist so ein Tor, das aber von einer Hecke überwuchert ist, durch die aber so ein kleiner Trampelweg führt, und wenn Sie dann über den  kleineren der beiden Gräben, also das geht mit einem großen Schritt ganz leicht, das machen meine Milchviecher auch immer, und Sie sind ja noch jung und fesch, jedenfalls kommt dann gleich der Marienpilgerweg, dem Sie etwa zehn Minuten folgen, aber sagen Sie: Der Dollhopf Alois, hatte der nicht Krebs?“

Du: „Hodenkrebs, ja, schlimm. Also jetzt nur nochmal zur Sicherheit: Über St. Magdalen, den Fuchsweg links liegenlassen, und dann?“

Ö.: „Nein, rechts.“

Du: „Wo jetzt?“

Ö.: „Da hinten!“ (Zeigt unbestimmt in drei Himmelsrichtungen.)

Du: „Ach so. Äh. Aber schon mehr so links halten, ja?“

Ö.: „Sie kennen sich hier aber gar nicht aus, oder?“

Du: „Bedaure, ich bin aus Hamburg-Bergedorf.“

Ö.: „Ja, dann müssen’s die Bergdörfer doch kennen!“

Du: „Jedenfalls verstehe ich Sie richtig, dass es ungefähr hinter diesem Gipfel liegt, ja? Da kann ich ja dann noch mal fragen.“

Ö.: „Das ist kein Gipfel, das ist ein Kogel. Gipfel hat der Großglockner. Hier gibt’s nur Nockberge. Wie bei Ihnen in Bergedorf.“

Du: „Ach was! Aber mehr so links?“

Ö.: „Das seh’n Sie dann schon! Ist ja ganz einfach!“

Du: „Und – wie weit?“

Ö.: „Ach, keine fünf Minuten mit’m Auto. Also wenn’s jetzt nicht so a studentischen Golf von 1972 haben.“

Du: „Nein, habe ich nicht. Ich bin ja mehr so zu Fuß unterwegs.“

Ö.: „Wie, ganz von Hamburg-Bergedorf?“

Du (nur noch hinfort wollend): „Moin, moin! Und danke auch für die Auskunft!“

Ö. (versonnen hinterdrein schauend, zu sich selbst): „Hodenkrebs. Schrecklich.“