Ünüvar – Ende eines Supermarkts (7)

Written By: Oliver Driesen - Dez• 21•13

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Fast genau zwei Jahre. So lange ist es her, dass der kleine EDEKA-Supermarkt der türkischen Familie Ünüvar schräg gegenüber meiner Wohnung überraschend dichtmachte. Auch damals war es kurz vor Weihnachten, als unsere Nachbarschaft, vor allem die Legion der alten Leute mit ihren Rollatoren, mit einem Schlag ihren vertrauten Nahversorgungsstützpunkt verlor. Einen Standort, der schon zwei Generationen vor uns diente: als Filiale der längst Historie gewordenen Hamburger Genossenschaft PRODUKTION.

Seither habe ich in diesem Blog immer wieder mal über das vermeintliche Ende dieses Gebäudes berichtet. Doch der alte, zweistöckige Flachbau in seiner weißen, fast mediterranen Leichtigkeit und Eleganz, mit üppiger Dachterrasse, Dekorstreifen in Mittelmeer-Türkis und der Grandezza dieses gewendelten, vollverglasten Treppenhauses; der architektonische Lichtblick, der sich so wohltuend vom roten Backstein-Einerlei ringsum abhob – er wollte sich einfach nicht zum Sterben niederlegen. Natürlich trug er zunehmend Zeichen des Verfalls, Graffiti und eingeschlagene Scheiben verunzierten das Gesamtbild. Doch dann passierte immer wieder erst lange gar nichts, und dann plötzlich etwas völlig Unerwartetes: Ob er für den Filmkrimi “Banklady” (Kinostart: 27 März 2014) in eine Bad Segeberger Sparkassenfiliale aus dem Jahr 1968 verwandelt wurde und plötzlich ein Hauch von Hollywood samt Platzpatronengeballer durchs trübe Viertel wehte; ob die Hammer ihren alten Laden als Kiez-Kulturzentrum für eine Woche zurückeroberten und darin ein munteres “Hammtrara” entfachten – immer ging es noch ein paar Schnittchen weiter mit der lebenden Leiche des Ünüvar.

Bis zu diesem Mittwoch, als der Bagger anrückte.

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Das musste natürlich so kommen. Sie nennen es Fortschritt. Schon lange hatte es zunächst Gerüchte gegeben, dann Gerüste. Und Bauzäune. Und Dixiklos. Und schließlich offizielle Werbebanden: Hier entstehen ab Herbst 2013 überteuerte Eigentumswohnungen für bis zu einer halben Million Euro mit Blick auf die allerletzte Saufkneipe (nein, in Wahrheit stand es da anders, irgendwas mit “Hammer Lage”). Aber ätsch, der Herbst ist vergangen, und es ist immer noch kein neuer Wohnwürfel im Bau. Ein letzter Punktsieg für den Ünüvar, den verdammt zähen. Nur ewig konnte er das nicht durchhalten. Am Ende war ihm die Gicht durch die offen stehenden Glastüren so in die alten Knochen gefahren, dass er nur noch angetippt werden musste, um endlich in den Tod zu stürzen … wirklich?

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Nein. Denn der Ünüvar, er kämpfte weiter. Gegen eine unbesiegbare, destruktive Übermacht. Es stellte sich heraus, dass eine Menge an Baustahl-Armierungen, Stahltüren und Eisengittern in ihm steckten, denn schließlich musste er schon als Supermarkt wehrhaft gegen Einbrecher sein. Es gab sogar einen kleinen Panzerschrank im Keller, aus dessen finalem Inhalt (ein paar Rabattmarkenheftchen und anderer wertloser Kaufmannskram) ich den offiziellen Ünüvar-Stempel mit Holzknauf geerbt habe.

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Ja, da musste der 1000-PS-Bagger ganz schön zerren am alten Ünüvar. Man kann ja gar nicht anders, als an den guten alten Tyrannosaurus Rex zu denken, der sich Filetstücke aus seinem Gegenüber, dem gutmütigen Brontosaurus reißt. Allerdings muss dieses Filet schon leicht gemüffelt haben, denn aus dem aufgerissenen Ünüvar wirbelten trotz eifrigen Bespritzens mit dem Wasserschlauch immer wieder feuchte Mörtelstaubwölkchen auf, jener typische Alte-Leute-Kellergeruch, der von ungeheizten, unbelebten Gemäuern ausgeht.

Man sieht hier auch, wie unfair das Reduzieren dieses Gebäudes auf eine Verkaufsstelle war: Es gab hier Wohnungen, geräumige, lichte Wohnungen. Und eine psychiatrische Arztpraxis, so ist es ja nicht, hier war durchaus auch akademischer Geist zuhause. In perfekter Hausgemeinschaft mit dem Einzelhandelsgewerbe. Eines Tages waren alle diese Menschen weg, geräuschlos, über Nacht. Wohin? Man weiß es nicht. Nur die Arztpraxis hat ihre neue Adresse am Bauzaun hinterlassen.

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Doch, es gehört schon einiges Können dazu, sogar Kunst, mit so einem Abrissbagger so elegant umzugehen wie dieser Facharbeiter. Im besten Fall wirkt es wie ein Tanz, er und die nicht zu bremsende Fressmaschine im schwingenden, mehrdimensionalen Gleichtakt. Simultan dreht sich das, hebt und senkt es sich, zieht und zerrt, schwenkt und robbt sich noch einen Meter tiefer in das Fleisch des todgeweihten Wesens hinein. Der Tyrannosaurus Rex – übrigens mit wandelbarer Kauleiste, mal Reißzähne, mal Spitzzange – gehorcht seinem Reiter aufs Wort und grunzt vergnügt.

Würde er einen großen Fehler machen, dann schützte den Baggerführer sein extra verstärkter Metallkäfig und die zusätzliche Stahlplatte als Kabinendach. Doch er macht keine Fehler. Er trägt vorsichtig ab, Stück für Stück, nichts Tragendes, bevor nicht das darauf Lastende abgeräumt ist. Bewundernswertes Zerstörungswerk. Keine zackig aufragende Seitenwand hat auch nur die Chance, unkontrolliert einzustürzen, bevor er seine stählerne Hand anlegt.

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Stück für Stück, Scherbe für Scherbe bricht dem Ünüvar zackig aus der Krone. Aber er lässt sie sich auch nur Stück für Stück herausbrechen. Wenn der Bagger ein besonders schweres Betonteil aus der Ladendecke bricht und es zerbröselnd zu Boden donnert, dann bebt selbst auf dem Bürgersteig noch die Erde. Dann beulen sich die großen Frontscheiben des früheren Schaufensters, wo vor Weihnachten immer die billigen Plastikchristbäumchen auf der Fensterbank standen, nach außen unter der Druckwelle.

Aber noch halten sie, noch geht zumindest nach vorn weg nichts zu Bruch. One face to the customer! Dem Kunden gegenüber mit einer Stimme sprechen, Verbindlichkeit ausstrahlen, gute Miene zum bösen Spiel machen, das hat der alte Ünüvar immer noch drauf. Und gottseidank, auch nebenan fällt keine Scheibe aus den Alurahmen des verglasten Wendeltreppenhauses. Noch ist es nicht an der Reihe. Noch nicht. Noch nicht.

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Es ist Winter, ganz kurz vor der längsten Nacht des Jahres. Die Dunkelheit kommt, bei Nieselregenwetter, gegen 15 Uhr 30. Doch auch danach geht das Ringen um die Kapitulation des Ünüvar weiter. Drei grelle Scheinwerfer hat der Bagger, die Rückbaufirma – das ist politisch korrektes Deutsch für Abrissunternehmen – hat als Slogan: “Geht nicht, gibt’s nicht.” Und das beweist sie auch: Finsternis? Nicht mit uns!

Vom schwingenden, wippenden, zerrenden Baggerflutlicht werden bizarr tanzende Schatten an die Wände des Verkaufsraums geworfen, als die Mordsmaschine von hinten, wo mal das Lager war, in den durch Säulen gestützten Verkaufsraum eindringt. Ungefähr da, wo über den schon lange Blasen schlagenden Putz das Poster geklebt war: “Hier wird täglich frisch für Sie gebacken.” Es erinnert an “The Shining”, wenn Jack Nicholson mit dem irren Schlachtruf “Here’s Johnny” und einer scharfen Axt durch die Hintertür gebrochen kommt. Note to Mr. Kubrick: In dieser Beleuchtung wäre die Szene noch eindrucksvoller gewesen.

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Aber die Männer, die hier ihren Job tun, wirken gar nicht wie Psychopathen, warum auch. Sympathisch sogar. Gelassen, aber bei der Sache. Systematisch vorgehend und den Überblick wahrend im Chaos, das sie minütlich zu vergrößern scheinen. Tun sie aber gar nicht: Zwischendurch wird vom erstaunlichen feinfühligen Baggergreifarm immer mal wieder aufgeräumt, verbogenes Metall herausgefischt, umgeschichtet, weggeschafft. Das Schlachtfeld wird zum Recyclinghof. Und außerdem schaffen sie sich so ihre neue Geschäftsgrundlage, die Arbeiter: Nur auf glattgebügeltem Schutt kann der Bagger sicher weiter vordringen.

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Jetzt werden in den offenen Eingeweiden des Hauses Details sichtbar, die nie für fremde Augen bestimmt waren. Heizkörpergerippe, Badezimmerkacheln, Sechzigerjahre-Dekor. Wo mal die Wohnungen waren, im ersten Stock, haben sich offenbar noch kurz vor dem Abbruch Sprayer Zutritt verschafft. Sie mussten dazu ja auch nur einen lächerlichen Bauzaun überwinden, dann standen alle Türen offen. An eine Wohnzimmerwand hat jemand “Peanuts” gesprüht. Warum tut einer das? Sind die niedlichen, arglosen Cartoon-Kinder von Charles M. Schulz gemeint? Oder die abfälligen Bemerkungen eines Deutsche-Bank-Chefs über das Geld kleiner Leute?

Und dann steht da noch, an der anderen Wand, wo vielleicht mal ein Esstisch stand: “Invaders must die!” Kann das wirklich funktionieren? Kann ein Fluch von hier aus auf die Abbruchunternehmer und Immobilienwucherer dieser Welt niedergehen? Muss Baggerfahrer Willibald nun sterben? In den ägyptischen Pyramiden haben Bannflüche in Hieroglyphen Schlimmes angerichtet, wie Grabräuber erfahren mussten.

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Der Bagger geht auch über diese Fragen hinweg, Tyrannosaurus Rex hat es nicht so mit semantischen Diskursen. Zurück bleiben Trümmer, die schon deswegen nicht an die nahe liegenden alliierten Bomberangriffe auf Hamm erinnern (“Es sah aus wie im Krieg!”), weil sie ebenfalls mit Graffiti besprüht worden waren, bevor sie sich von einer Hausfassade in Hausfassadenbrocken verwandelten. Street Art, nunmehr dekonstruktiviert. Merkwürdiger Weise ist es mit ihnen wie mit einem Hologramm: Vom Inhalt geht durchs Zerbröseln nichts verloren. Es war schon vorher keine Botschaft da, außer vielleicht: Moribundi te salutant. Wir, die Todgeweihten, grüßen dich. In Geheimschrift.

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Zurück bleibt, für heute, ein beachtlicher Haufen gratigen, verbogenen Metallschutts in der Dezemberdunkelheit. Und eine Nachricht vom alten Haus. Keine weiße Flagge, sondern störrische Standhaftigkeit: Die Schaufensterfront, wo die rot-weiß gestreifte Markise noch im Sommer beim “Hammtrara” für italienische Gefühle sorgte, sie steht immer noch. Dem Treppenhaus fehlt keine Wendel und keine Scheibe, während ihm der Hinterleib wie ein Furunkel geöffnet wurde. Mit einem Messer im Rücken geh’n wir noch lange nicht nach Haus. Das Haus, dieses Haus, es möchte mit den Füßen voran aus demselben getragen werden.

Und wer weiß: Vielleicht hält es eine allerletzte Pointe bereit. Denn wenn der Bagger hier durch ist, wenn alles eingeebnet ist bis Oberkante Kellerdecke, dann geht es erstmal nicht mehr weiter mit dem “Rückbau”. Dann muss erst der Kampfmittelräumdienst kommen, denn Hamm, wie gesagt, war im Weltkrieg bevorzugtes Bombenabwurfgebiet. Heute liegt es deshalb in der roten Zone: kein Neubau ohne Abklären der Blindgänger-Situation.

Wenn dann was piept bei der Begehung mit Metalldetektoren – dann erhält diese Serie eine weitere Folge. Oder der Herr Zeilensturm eine neue Wohnung.

Demnächst: Böllinghaus – Profile eines Walzwerks

Written By: Oliver Driesen - Nov• 26•13

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Es war einmal ein Schweinemetzger. Der Metzger hieß Hermann Böllinghaus und lebte im Jahr 1889 in Remscheid im Bergischen Land. Dem Metzger ging es gut, er hatte einen florierenden Schlachtbetrieb, ein hübsches Haus, eine junge Frau und nicht wenig Geld. Doch dann beschloss die Stadtverwaltung von Remscheid, aus hygienischen Gründen einen modernen städtischen Schlachthof in Betrieb zu nehmen, in dem fortan alle Metzger der aufstrebenden Industriestadt per Polizeiverordnung hübsch kontingentiert ihr Vieh schlachten und verarbeiten mussten. Weg war der lange Zeit unangefochtene Wettbewerbsvorteil für Böllinghaus. Doch resgnierte er? Nicht doch! Lamentierte er? Kaum. Stattdessen beschloss er etwas, das uns gerade heute, in dieser Zeit der erstarrten Strukturen und scheinbaren Alternativlosigkeiten, Respekt abnötigen sollte. Er beschloss: Da werd ich doch einfach Stahlunternehmer. Und ziehe innerhalb weniger Monate ein Walzwerk für Werkzeugprofilstahl hoch.

Denn Remscheid entwickelte sich gerade zum Zentrum der deutschen Werkzeugindustrie, und für Werkzeuge brauchte man Profile, also längliche Vorprodukte aus glühend in Form gewalztem Stahl, aus denen dann später z.B. Feilen geschmiedet wurden. Und Deutschland brauchte viele, viele Feilen damals. Auch Sägen oder Schlittschuhkufen. Ein neuer, äußerst lukrativer Markt entstand da gerade.

Wie aber wird ein Metzger zum Stahlexperten? Indem er sich Sachverstand einkauft. Zum Beispiel in Form von Louis Härtel, der das kaufmännische Wissen draufhatte, das ein Walzwerksunternehmer brauchte. Frohgemut gingen beide an den Start. Und so war alles bereitet, damit ich, knapp 125 Jahre später, eine actiongeladene Unternehmenschronik der Böllinghaus Steel GmbH vorlegen kann. Beauftragt vom dritten Nachfolger des späteren Unternehmenseigners Louis, dem heutigen Böllinghaus-Chef Hartwig Härtel. Denn er hatte meine Biografie über den badischen Stahlbaron Willy Korf gelesen. Wir lernen: Geschichte ist, wenn eins ins andere greift.

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Nun werden Menschen mit scharfem Blick für die Realität schnell bemerken: Der Himmel über diesem Firmenschild von Böllinghaus ist viel zu blau für das eher trübe Remscheid. Und sie haben Recht. Hier sind wir nämlich in Portugal, genauer gesagt in Vieira de Leiria, einem ehemaligen Industriestädtchen an der Atlantikküste. Ehemalig, weil dort irgendwann fast die ganze Werkzeugindstrie als leere Ruine herumstand, darunter auch ein altes, bankrottes Walzwerk. Bis 1996 Hartwig Härtel kam. Sein Remscheider Walzwerk war ebenfalls in der Krise, in Deutschland ließen sich Stahlprofile nicht mehr kostendeckend produzieren. Aber Härtel wäre kein Nachfolger von Hermann Böllinghaus gewesen, wenn er nicht eine kühne Entscheidung getroffen hätte: Das Werk in Portugal wurde gekauft und wieder flott gemacht, das in Remscheid 2001 geschlossen. Seither wird hier produziert, wo es vom Meer her nach Kiefernholz und Salzwasser riecht – was einen Stahltouristen wie mich auf dem Werksgelände sensorisch erst einmal kräftig durcheinander brachte.

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Es ist immer wieder faszinierend, rotglühende Stahlstäbe durch die Walzen so eines Werkes rasen zu sehen, während kühlender Wasserdampf brodelt und Funken stieben. Auf dem unteren Bild blicken wir in die Werkstatt, wo die Walzen gelagert werden, die rund 10.000 Euro teuren Herzstücke solch eines Werks. Was man indes nicht sieht, sind die Leidenschaft und der Stolz, die in all dieser grob anmutenden Technologie stecken. In Wahrheit kommt es hier nämlich auf höchste Präzision an – und auf ein entsprechend geöltes “Räderwerk” portugiesischer und deutscher Mitarbeiter. Das wiederum ist eine Geschichte für sich: wie sich hier, in einem Familienbetrieb, seit dem großen Culture Clash von 1996 jene internationale Mischkultur herausbildet, die z.B. Daimler und Chrysler bei ihrer gescheiterten Fusion nie hinbekommen haben. Gut, es läuft vielleicht nicht immer ganz nach Plan, dafür aber menschlich, und das ist entscheidend, wenn es funktionieren soll.

Denn so ein Walzwerk ist kein “Asset”, kein totes Kapital, über das ein Unternehmer beliebig verfügen kann. Es ist selbst eine Art Lebewesen, das zischt und dampft und dröhnt und rattert. Sein Puls schlägt immer, auch wenn gerade wenig oder keine Arbeiter zu sehen sind. Doch ohne sie im Hintergrund gäbe es diesen Pulsschlag nicht. Es gibt ihn aber, lauter denn je, und gesteuert wird er mittlerweile aus Hilden bei Düsseldorf. Dorthin zog die kleine Verwaltung von Böllinghaus vor einigen Monaten um. Remscheid, wo das Unternehmen 123 Jahre lang seinen Sitz hatte, ist nämlich wirtschaftlich leider ziemlich auf dem absteigenden Ast. Das Leben geht dennoch weiter, nur eben anderswo, darin ist es hartnäckig.

Von alledem handelt das von mir verfasste Buch Böllinghaus – Profile eines Walzwerks. Eine Zeitreise durch 125 Jahre, das im Juli kommenden Jahres bei Pro Heraldica in Stuttgart erscheinen wird. Und sozusagen als Trailer zu dieser Walzstahl-Saga gibt es hier schon einmal ein paar mit dem Handy gefilmte Impressionen aus dem stählernen Bauch des Produktionsbetriebs. Denken Sie an diese Bilder, wenn Sie demnächst eine Feile aus Ihrem Werkzeugkasten holen (auch wenn aus Böllinghaus-Profilen heute viel kompliziertere Dinge gefertigt werden).

Tebartz-van Elst und die Folgen

Written By: Oliver Driesen - Okt• 20•13

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Gesehen am Öjendorfer See, Hamburg

 

Eine kurze, traurige Geschichte

Written By: Oliver Driesen - Okt• 11•13

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Dies ist eine traurige Geschichte. Bloß eine Kurzgeschichte, genau genommen, eine traurige Kurzgeschichte. Sie hat sich heute vor meinen Augen zugetragen, aber alles ging in solcher Kürze und Geschwindigkeit vor sich, dass nicht einmal ein richtiger Schock zurückbleibt, es reichte nur für eine Anwandlung, die irgendwo zwischen tragisch und grotesk und eben todtraurig oszilliert. Der Ort des Geschehens ist so unbedeutend und einer Tragödie so unverdächtig, dass ich seinen Namen beim Aufschreiben schon wieder vergessen hatte und erst nachschauen musste: Bredstedt, ein Kaff in Schleswig-Holstein. Ein Kaff mit einer Tankstelle und als kulturellem Highlight einer McDonald’s-Filiale in der Tankstelle – und mit einer Bahnstation.

Eine Bahnstation mit ganzen zwei Bahnsteigen. Auf einem der beiden wartete ich als Transitreisender, der aus keinem anderen Grund als dem des Verkehrsmittelwechsels jemals hier warten würde, auf den Zug nach Hamburg. Das hatte ich schon eine sehr lange Dreiviertelstunde getan, und dann kam er auch endlich, mit fünf Minuten Verspätung, wurde vom Punkt am schnurgeraden Horizont zum Fleck am schnurgeraden Horizont zum mit Gedröhn sich nähernden Zug, beileibe nicht mehr am Horizont, sondern wie an der Schnur gezogen schon fast am Bahnsteig. Und das war der Moment, als ich ihn sah:

Wintergoldhaehnchen

Ich habe sehr wenig Ahnung von unseren heimischen Vogelarten, im Zweifel kann ich eine Amsel von einer Kohlmeise unterscheiden, das war es auch schon. Und ich hatte weiß Gott andere Dinge im Kopf, profane Dinge wie die möglichst baldige Ankunft am Ziel meiner Reise in Hamburg nach sehr frühem Aufstehen auf einer Hallig in der Nordsee. Aber zuverlässige Quellen im Internet haben im Nachhinein ergeben, dass es sich um ein Wintergoldhähnchen handelte, nebenbei der kleinste Vogel Europas, sagt Wikipedia. Ausgewachsen gerade mal acht bis neun Zentimeter lang, und dieses Exemplar hier war ein Jungtier. Vielleicht sechs Zentimeter, optimistisch geschätzt. Und es saß auf meinem Bahnsteig, wie aus dem Nest gefallen.

Ich hatte noch nie in meinem Leben bewusst ein Wintergoldhähnchen gesehen. Sie brüten nicht auf Bahnsteigen, sie bevorzugen dafür Kiefernwälder, wenig überraschend. Hier war weit und breit kein Kiefernwald. Aber hier war ein Wintergoldhähnchen. Ab dem Moment, in dem ich verstand, dass dieses kleine Flauschbällchen da vor meinen Füßen ein lebender Vogel war, ereignete sich alles im Sekundentakt.

Der Zug hat den Bahnsteig fast erreicht. Ich reiße meine Reisetasche auf und entnehme ihr wiederum die Umhängetasche mit meiner Kamera, von der ich nicht gedacht hatte, dass ich sie heute nach der Abreise von der Hallig Langeneß noch brauchen würde.

Der Zug ist jetzt am Bahnsteig angekommen.

In die wenigen Wartenden kommt Bewegung, die Bewegung zielt einheitlich in Richtung der Abteiltüren.

Ich reiße nun auch die Kameratasche auf, entnehme ihr die Kamera, schalte sie ein, entferne die Verchlusskappe vom Objektiv.

Der Zug kommt zum Stillstand.

Ich gehe auf dem Bahnsteig auf die Knie, etwa 50 Zentimeter vom Jungtier entfernt, und beginne es zu fotografieren. Man kann im Nachhinein sagen: Warum fotografiert der, warum setzt er das Tier nicht einfach dahin, wo es sicherer ist? Das kann man fragen, aber wenn man wie ich sehr, sehr gerne fotografiert, dann fragt man in solchen Momenten eben nicht. Dann nimmt man auch keine Gefahr wahr – was nicht nach Krisengebietsfotografie mit schusssicherer Weste klingen soll, es geht ja nicht um Gefahren für mich als Fotografen. Sondern man freut sich an dem ungewöhnlich hübsch gemusterten Federkleid und der insgesamt sehr putzigen kleinen Gestalt. So viel ist ja nun auch wirklich nicht los am Bahnhof von, ähm, Bredstedt.

Das Vögelchen bewegt sich nicht von der Stelle, es ruckelt nur ein wenig mit dem Kopf. Ich mache fünf, sechs Aufnahmen in schneller Folge, die Schärfe stimmt aber nicht exakt. Zu wenig Zeit.

Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass kaum jemand aussteigt – wer will nach, wie hieß das, Bredstedt? -, dass aber die ersten einzusteigen beginnen und ich nur noch wenige Sekunden Zeit habe, mein Zeug zusammenzuraffen. Ich will ja hier nicht zurück bleiben, ganz bestimmt nicht.

Ich komme also wieder hoch und beginne mich meinen Taschen zuzuwenden. Das Vögelchen sitzt weiter starr am Ort. Die Sichthöhe ist sehr knapp über dem Pflaster dort unten, man hat keinen Überblick und wird mit sechs Zentimetern Länge über alles seinerseitsschon gar nicht gesehen.

In diesem Moment stapft ein gedrungener Rentner mit weißen Haarkranz und Nickelbrille eiligen Schritts aus dem Hintergrund des Bahnsteigs auf die noch immer offene Abteiltür zu. Er hat einen Tunnelblick, er sieht nur die Tür. Auch er will nicht hier zurückgelassen werden. Er will mit. Dazu muss er an mir vorbei, an der Stelle, wo ich vor Sekunden noch auf Knien etwas offensichtlich sehr Kleines fotografiert habe, was er nicht wahrgenommen hat, weil ihn nur sein Zug interessiert.

Sein Blick ist starr auf die Tür geheftet.

Und dann ist es auch schon geschehen und er besteigt, immer noch starren Blicks, den Zug, dessen Tür sich schließt und der losfährt und der auch mich an Bord hat, und hat nichts mitbekommen und weiß es nicht und hat keine Gewissensbisse und keine anderen Sorgen als noch vor wenigen Sekunden.

Und ich habe ein Foto gemacht von einem Lebewesen, das vor Sekunden noch lebte und hübsch war und hilflos und geradezu kitschverdächtig niedlich und die Zukunft noch vor sich hatte und nun tot ist.

So habe ich gelernt, was ein Wintergoldhähnchen ist und dass Menschen über Leichen gehen, um pünktlich in Hamburg zu sein. Oder für ein Foto.

Boulevard der verblassenden Autoträume

Written By: Oliver Driesen - Okt• 06•13

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Jede Großstadt kennt sie, die Ausfallstraßen, wo sich Möbelhaus an Tankstelle an Kentucky Fried Chicken reiht. Meist wirft der Mischmasch unansehnlicher Branchenvertretungen die Frage auf, ob es nicht besser Abfall- oder Anfallstraßen heißen müsste. Die Süderstraße in Hamburg-Hamm, nicht weit vom Hafen, ist wenigstens konsequent auf einen Wirtschaftssektor fokussiert: Sie versammelt auf etwa zwei Kilometern Länge Dutzende Autosalons, Autoteilehänder, Gebrauchtwagenverkäufer und -exporteure, den TÜV, die Zulassungsstelle, Autoschilderhändler und Autovermietungen. Sonntags aber haben die käuflichen Träume vom glanzvollen automobilen Leben Ruhetag – und die Leere dieser Illusion wird greifbar. Eine Fotoreportage in 15 Bildern.

 

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Ein Pappkamerad zeigt mit seinem groben Werkzeug an, was hier geboten wird: Kleinere Reparaturen und Reifenwechsel gibt es in der Süderstraße fast an jeder Ecke – ob bei großen Werkstattketten oder beim iranischen Schrauber in der Eck-Garage.

 

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“Service bis 18 Uhr” – aber nicht sonntags. Dann sind die Showrooms der Autohändler erstarrt und die Bürgersteige der Süderstraße verwaist. Bis auf wenige Passanten aus der Nachbarschaft kommt niemand hierher, der nicht von Berufs wegen unbeingt muss. Apropos Beruf: Auch ein Autostrich gehört zu den Mobilitäts-Dienstleistungen in der Süderstraße, doch die Damen nehmen sich am Sonntagnachmittag ebenfalls frei.

 

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Am Rande der so genannten City Süd, einer unwirtlichen Ansammlung von Betonklötzen, Vertreterhotels und Bürokomplexen, verströmt die Süderstraße wie kaum eine andere Hauptverkehrsstraße Hamburgs eine Aura von urbaner Tristesse, ästhetisch indifferenter Funktionalität und – gerade am Sonntag – spätkapitalistischer Depression.

 

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Sieht aus wie ein Pit Stop beim Rennen in Monza, ist aber Süderstraße: Ein Reifenhandel nutzt die Abwesenheit von Liefer- und Parksuchverkehr am Wochenende, um seine nicht mehr verkäuflichen Altbestände open air zwischenzulagern – bis am Montag der Truck kommt, der alles dem Recycling zuführt. Oder möchte jemand eine kostenlose Pflanzenschale für den Vorgarten?

 

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Die Schilderhändler der Süderstraße hängen alle am Tropf der Autozulassungsstelle gleich gegenüber. Sie verstehen es durchaus, den Filmplakatmalern früherer Zeiten Konkurrenz zu machen – zumindest was die grellen Farben und großen Formate angeht. Das Ganze gibt es auch auf Kyrillisch und in weiteren Sprachen der Autowelt. Ganz großes Kino aber wird hier eher selten geboten.

 

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Dieser Händler versucht wenigstens, einen Hauch von Hollywood und ein wenig gespannte Erwartung auf seinen neuesten Neuwagen zu produzieren. An diesem Sonntag ist hier sogar bis 17 Uhr geöffnet – jedoch “keine Beratung, kein Verkauf!”. Was das Ganze fast noch ein wenig trauriger macht. Wozu sich herbemühen? Um mit der Hand über das rote Samt-Imitat der Faltgarage zu streichen und dann doch nicht gucken zu dürfen – geschweige denn fahren?

 

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Da mag der Nummernschildverkäufer optisch schreien und mit Discounttarifen um sich werfen, wie er will: Diese beiden in Ehren ergrauten Gesellen geben sich keiner noch so bescheidenen Illusion von Mobilität mehr hin.

 

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Auch wenn die “Light Aufbereitung” des Blechpflegebetriebs für 39 Euro viel mehr verspricht als eine handelsübliche Autowäsche (Abledern, Türeinstiege säubern, Felgenreinigung inklusive): Sonntags kann die ihrer einzigen Funktion beraubte Architektur entlang des Boulevards nur eines nahelegen: Flucht. Nach links, nach rechts, egal. Nur weg. Doch gerade diesen Instinkt zu bekämpfen, um nur ein einziges Mal genauer hinzusehen, hat seinen besonderen Reiz.

 

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Einst war er der Traum jedes anständigen Deutschen: der Wagen mit dem Stern. Heute scheint es in der Süderstraße, als ob der Zauber der Marke nur noch zu einigen Menschen südländischer Herkunft spräche. Zumindest treiben manche von ihnen einen schwunghaften Handel mit ausgemusterten Wagen dieses Typs, bevorzugt auch nach Übersee. Was für ein exotisches Nummernschild wohl diesen hier als nächstes zieren wird?

 

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Was verband man nicht damals, zu Mercedes-Glanzzeiten, alles mit dem Automobil: Strahlend auf dem Weltmarkt tätige Aktiengesellschaften, die nach Made in Germany dufteten. In der Süderstraße geht es auch eine Nummer bescheidener, als GmbH. Oder noch bescheidener, als offene Handelsgesellschaft. Oder noch, noch bescheidener: als Great Cars GbR. Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts als Nukleus allen Wirtschaftens: als Einmanngesellschaft. Hier kehrt das Automobil zu seinen Anfängen in der Garage zurück – ohne aber deshalb auf das Steve Jobs’sche “Great” verzichten zu wollen.

 

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Ja, das Klima und das Auto – sie können nicht mit und nicht ohne einander. Wichtig ist aber doch auch ein Vertrauen erweckendes Verkaufsklima. Dieser Wieder-, Wieder-, Wiederverkäufer sorgt jedenfalls für Ordnung auf dem Kontakthof: Plastikstühle auf den Stapel, Autofelgen hübsch ins Hängeregal.

 

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Was zur Sicherheit eigens hinter Gittern gehalten wird, das muss wohl über Mehrwert verfügen. Mehrwert durch Extras. Schade, dass man dieses Nummernschild im egalitären, jeder Extravaganz abholden Deutschland nicht fahren darf – in den USA wäre das gegen einen geringen Aufpreis möglich.

 

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Aber auch andere wilde Tiere werden in der Süderstraße weggesperrt. Ob der Freiheitsdrang dieses Kraftprotzes wohl groß genug wäre, Sonntagnachts zur Geisterstunde den Zaun einfach niederzuwalzen?

 

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Am Ende läuft die automobile Welt der Süderstraße in größtmöglicher Bescheidenheit und Beschaulichkeit aus. Sonnenblumen im Verein mit der sonnengelb getünchten Fassade verleihen diesem Ort im herbstgrauen Hamburg etwas Südfranzösisches, vielleicht auch Toskanisches. Die Liebe zum gärtnerischen Detail taucht die Straßenfront der “Arja Autoverwertung Annahmestelle An- und Verkauf” in ein milde stimmendes Sonntagabendlicht. Und verrät, dass hier noch andere Werte kultiviert werden als nur automobile Alliterationen. Ein Leben jenseits des Autos? Geht doch!

20 Hefte, zehn Jahre, ein Team

Written By: Oliver Driesen - Okt• 05•13

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Das hier würde man bei einer Treibjagd die “Strecke” nennen:

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Diese Strecke allerdings entspricht schon fast einer Epoche. Ende September hat “concepts”, das Konzernmagazin von Deutschlands größtem Baukonzern HOCHTIEF,  sein 20. Heft herausgebracht. Im Herbst 2003 sind wir an den Start gegangen, Anfang 2004 zum ersten Mal erschienen.

Bei halbjährlicher Erscheinungsweise ist es mir mithilfe eines Taschenrechners relativ leicht gelungen herauszufinden, dass ich damit nun seit zehn Jahren Chefredakteur bin. Bei einem Blatt, das unterwegs 44 Preise und Auszeichnungen eingesammelt hat, davon dreimal in Folge Gold bei Europas renommiertestem Wettbewerb für Corporate Publishing, dem BCP Award. Concepts war zugleich das erste Unternehmensmagazin, dass in die “Hall of Fame” des BCP Einzug halten durfte.

Echt: zehn Jahre? Gott, war ich jung damals. Heute kann ich sagen: Es stimmt, zehn Chefredakteursjahre entsprechen 20 Hundejahren – nein, halt, wie war das Sprichwort noch? Egal.

Jedenfalls gilt es an dieser Stelle zu danken: zufördert den vielen Reportern und Fotografen in aller Welt, die uns das HOCHTIEF-Universum durch ihre Augen und Linsen zum Faszinosum gemacht haben. Viele von Ihnen sind ja nun schon in Ehren mit uns mitgealtert. Dann natürlich dem Team um Birgit Jambor in Essen, ohne dessen geduldige und vertrauensvolle Hintergrundarbeit und Strippenzieherei keines dieser Hefte je entstanden wäre. Sowie, ebenso selbstverständlich, den kreativen Gestalte(r)n bei Dirk Linkes ringzwei und den Verlagsprofis (hi Frank!) bei Hoffmann und Campe Corporate Publishing.

Womit klar genug geworden sein sollte: Guter Journalismus geht nur als Team. Und so eines wie dieses muss man andernorts erst mal finden.

Zur aktuellen Ausgabe von concepts geht es übrigens hier entlang.

Knapp über der Wasserkante

Written By: Oliver Driesen - Sep• 29•13

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Ginge es nach den Hamburg-Touristen, bräuchte man eigentlich die Elbfähren gar nicht. Denn Hamburg endet für 90 Prozent aller Besucher am Nordufer des Stroms, bei den Landungsbrücken, am St.Pauli-Fischmarkt oder in Blankenese. Diese innere Landkarte teilen sie übrigens mit vielen “echten” Hamburgern, wenn sie von ihrer “schönsten Stadt der Welt” schwärmen: Drüben, auf der anderen Seite der Elbe, muss auch irgendwas sein, aber das sieht bedrückend nach Arbeit oder “einfachen Verhältnissen” aus. Man erinnert sich an ruckelnde Schwarzweißfilme der 1920er Jahre, Menschen mit Schiebermützen schufteten damals auf Werften und Docks.

Immer noch sind dort drüben, auf Europas größter Flussinsel mitten in der Elbe, Hafenanlagen, aber was da geschieht, weiß man nicht so recht und will es auch gar nicht wissen. Irgendwas mit Containern. (Natürlich sind die Elbfähren trotzdem eine Attraktion und an Wochenenden überfüllt – aber sie schaukeln die Touris im Wesentlichen nur an drei oder vier Haltepunkten des malerischen Nordufers entlang. Von wo sie aus sicherer Entfernung den Blick auf Kräne und Containerterminals genießen. Es ist aber eigentlich gar nicht Sinn und Zweck einer Fähre, auf der einen Seite zu bleiben.)

Manche müssen rüber

Allerdings gibt es Menschen, die mit den Fähren sogar täglich übersetzen. Zwecks Broterwerb, zum Airbuswerk beispielsweise, denn Luftfahrtindustrie ist ja auch noch in Hamburg. Und neuerdings gibt es aufgrund eines heiß umstrittenen Behördenbeschlusses sogar Hunderte, die als Verwaltungskräfte auf die Wilhelmsburger Elbinsel müssen. Denn dort wurde der Political Correctness wegen der Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt platziert. Man will ja Wilhelmsburg endlich salonfähig machen. War das ein Trara, als man auf diese Weise stolze Hamburger des Nordens zwang, sich wochentäglich zu den Schmuddelkindern auf die Insel bemühen zu müssen, wo es Migranten gibt und “soziale Brennpunkte” und Hafenarbeiter, die eine Aura von Schweröl verströmen! Es kam dann so wie mit dem Rauchverbot: Irgendwann wurde es hingenommen, zähneknirschend.

Nur mit der Fähre können sie nicht dorthin. Zwar fährt die Linie 73 ab Landungsbrücken bis zur Ernst-August-Schleuse, womit man schon den Boden der doch recht weitläufigen Terra Incognita erreicht. Dort aber ist Schluss, Ende, Aus. Bis in die Wilhelsburger City müsste man sich jetzt mit einem selten verkehrenden Bus quälen – unzumutbar, natürlich.

Jetzt aber gab es für kurze Zeit etwas Neues. Studenten des “Urban Design” haben im Rahmen eines Uni-Projekts eine Anschlussverbindung auf Wasserwegen hergestellt, von besagter Schleuse bis ins Herz Wilhelmsburgs, zum Bürgerhaus. Gar nicht weit weg von S-Bahn und BSU-Neubau. Dazu geht es insgesamt etwa drei Kilometer weit über den Ernst-August-Kanal und dann, scharfe Linkskehre, den Assmannkanal. Das dauert etwa 15 Minuten und man staunt, denn selbst mit dem Fahrrad wäre man nicht sehr viel schneller da.

Pionierin mit 91 Jahren

Eigentlich sollte es diese Verbindung inzwischen sogar als feste Größe im Netz des HVV geben, so war es zumindest anlässlich von Internationaler Bauausstellung und Gartenschau geplant gewesen. Doch aus Angst vor Unterauslastung forderten die Fährbetreiber städtische Garantien, die Stadt weigerte sich, und folgerichtig geschah nichts – bis sich jetzt die Studenten ans Forschen machten: Könnte es gehen? Würde es sich lohnen?

Eine Woche lang konnten sie dank großzügigem Sponsoring ein sehr charmantes Bötchen samt Kapitän für ihren Pendeldienst nutzen: die 1922 erbaute Barkasse “Togo”. Sie war tatsächlich schon mal in den afrikanischen Staat verschlagen worden, aber auf verschlungenen Wegen zurückgekehrt und ist dank der Arbeit eines gemeinnützigen Vereins erhalten geblieben. Ich bin einmal mitgetuckert mit der “Togo”, einige bewegte Impressionen können Sie am Schluss dieses Beitrags sehen und hören. Spaß hat’s gemacht, diese Wasserwelten auf der Elbinsel zu entdecken und ganz neue Perspektiven von Hamburg geboten zu bekommen.

Und? Würde es funktionieren? An guten Tagen zählten die Studenten 50 bis 100 Fahrgäste, immerhin. Und das, obwohl kaum jemand von den Verbindungen wusste. Allerdings waren die Fahrten kostenlos. Wie es bei einer Fahrpreispflicht aussähe, bleibt offen. Ich jedenfalls würde gern wieder an Bord gehen. Allein das Gudda-gudda-gudda-gudda des 70-PS-Dreizylinder-Schiffsdiesels ist es wert.

Arno Schmidt. Sei bereit für den Wahnsinn der Welt.

Written By: Oliver Driesen - Sep• 11•13

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Die Lüneburger Heide und ihre Randgebiete sind bei der Generation <47 einigermaßen in Vergessenheit geraten, weil sie als spießig und gestrig gelten. Allerdings hat die Generation <47 keine Ahnung, was ihr ohne Kenntnis dieser Region an literarischer, künstlerischer und ja, auch Herzens-Bildung entgeht. Ich sage mal nur: Kunststätte Bossard. Los, Ihr Thirty- und Fourtysomethings, wikipediat das mal!

Die Lüneburger Heide als eines der extremsten Beispiel norddeutscher Landschafts-Verflachung bietet nämlich verschrobene Künstler-Existenzen aus vergangenen Jahrhunderten zuhauf. Menschen, die einsam sein wollten und Einsamkeit fanden, um ihrer Vorstellung von Kunst zu fröhnen und daraufhin noch wunderlicher zu werden und in Wunderlichkeit zu sterben. Ein beneidenswertes Schicksal! Beneidenswerter jedenfalls als ein langsamer Aufstieg zum Vice President Senior Marketing Communications and Global Customer Relations in einem deutschen Weltkonzern.

Was ich erzählen wollte. Arno Schmidt war einer aus dieser Schublade. Jaja, kann man auch googlen, den Mann. Ein Schriftsteller aus Hamburg-Hamm, meinem Stadtteil. Wenn auch aus Untenhamm. Das ist jenseits der Social Divide, sieben Meter tiefergelegt im Vergleich zu Obenhamm, wo ich wohne, aufgrund einer eiszeitlichen Verschiebungsgeschichte des Urstromtals der Elbe, die man auch Geesthang nennt.

Egal. Arno Schmidt (1914 – 1979), Hamburger Weltliterat aus kleinen Verhältnissen. Opus magnum: “Zettel’s Traum”. Dazu später. Goethepreisträger. Großschriftsteller, der eine Mitgliedschaft in der erlesenen “Gruppe 47″ wegen eigener sozialer Inkompetenz ausschlug. Sowie Autor einer Studie, die im Werk Karl Mays eine latente Homosexualität anprangerte. Nahezu alles, was man im Zusammenhang mit Arno Schmidt erfährt und erlebt, ist mehr oder weniger verrückt, unglaublich, absurd. Das ist mehr, als die meisten von uns jemals zustande bringen werden.

Hochsitze en gros und en détail

Wer sich auf Spurensuche macht, um dem Alterswerk Schmidts nachzuforschen, kann sicher sein, auf bizarre Charaktere zu stoßen und ebenso bizarre Anblicke. Alles echt, alles lebendig, alles real – und alles heute, im 21. Jahrundert. Los geht es am Bahnhof von Eschede (ja, das ICE-Unglück, hat aber nichts zu tun mit A.S.). Das ist der Bahnhof, der Schmidts letztem Wohn- und Arbeitssitz am nächsten liegt: dem etwa zwölf Kilometer entfernten Bargfeld, Gemeinde Eldingen, Landkreis Celle. Von Eschede an gehn wa zu Fuß. Warum? Weil Schmidt im kommenden Januar 100 Jahre alt geworden sein werden gewürdet … wäre.  Und deshalb soll es 2014 eine offizielle Arno-Schmidt-Wanderung geben, zu deren Vorbereitungswandergruppe ich zu gehören die Ehre hatte … geworden. Habt.

Schmidt hatte übrigens auch so eine ganz eigene, persönliche Grammatik und Rechtschreibung: “Eine andere NaturNebenstelle waren die KanalEnden, dicht vor’m BahnDamm: weißer Sand, mit sehr kleinen SchneckenGehäusen darin; einzelne Büschel Grases strandhafertn; die RohrPost kam drübm aus der Erde, überquerte als etwa meterdickes Rohr den Kanal, und verschwand wieder im Sande.” Das war so einer seiner Sätze.

Jedenfalls ist man auf dem Weg zu Schmidt von Eschede aus so etwa zwei Stunden durch den prompt einsetzenden norddeutschen Landregen gewandert, als man unversehens hier vorbeikommt:

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Tja, was ist das? Eine Ausstellung verschiedenartigster Hochsitze für Jägersleute. Vielleicht das offizielle Deutsche Hochsitzmuseum, es steht ja nichts dran. Aber in Deutschland gibt es heutzutage für alles ein Museum, mein bisheriger Favorit war das “Deutsche Zement-Museum” in Hemmoor, noch so eine norddeutsche Flachheit. Aber jetzt ist es dies hier, das (in-)offizielle Deutsche Hochsitzmuseum.

Futter für die Nachfolgekatzen

Und dann ist man auch schon bald am Ziel. Das Ziel ist diese mausgraue Hütte, die Schmidt im Jahr 1958 für 21.000 Mark erstand.

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Auch, wenn es nicht so aussieht: Das Häuschen war damals erst zehn Jahre alt. Schmidt überlegte lange, ob er aus Darmstadt, wohin ihn einige Lebenswirren verschlagen hatten, hierher ziehen sollte. Er fertige eine Pro- und Contra-Liste an, deren entscheidender Punkt es werden sollte, dass im Dörfchen Bargfeld kein Durchgangsverkehr und kein Kirchengeläut drohte (er war strenger Atheist). Und die Landschaft sollte möglichst flach und unspektakulär sein, damit er während seiner 100-Stunden-Woche als Autor möglichst nicht abgelenkt würde. Gut, er hatte auch noch eine Frau, Alice, aber die war nur mit. Sie durfte allerdings auch ihr Urteil abgeben, ebenso wie die Katze, und alles wurde fein säuberlich notiert. Am Ende gab die Ödnis den Ausschlag. Schmidts zogen samt Katze nach Bargfeld um. (Auf dem Bild links unten stehen übrigens einige Näpfe voll Futter für die Nachfolgekatzen.)

Arnos Schreibtisch dort sah zuletzt (in den Siebzigern) so aus, wie ihn seine langjährige Haushälterin Erika Knop für uns bis heute konserviert hat:

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Man beachte die damalige Brillenmode. Ben Wisch und Heinz Kluncker lassen grüßen. (Ich persönlich glaube, dass Zeiten mit einer solchen Brillenmode die solideren Zeiten waren bzw. hoffentlich sein werden.) Dazu muss man sich eine enge, moosgrüne Lederjacke vorstellen, die immer noch an der Garderobe hängt. Und zeitweise eine rote Adidas-Umhängetasche, die heute von den Twentysomethings in der Hamburger Schanze mit Bravour getragen werden würde.

Im Keller lagern die Einmachgläser

Und dann zeigt Frau Knop den Besuchern die etwa sechs Quadratmeter große Küche – samt einem Souvenir, das jemand mal Frau Schmidt mitbrachte (hoffentlich nach Arnos Tod, aber es hätte ihm, dem ästhetisch Anspruchslosen, wahrscheinlich wenig ausgemacht):

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Von da aus ist es nur noch ein kleiner, aber steiler Abstieg über eine Klapptreppe in den muffig feuchten Keller des Eigenheimchens. Dort stehen noch die Original-Einmachgläser, die Herr Schmidt höchstselbst mit Etiketten beschriftet hat:

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Ob das noch essbar wäre? Frau Knop scheint nicht überzeugt, auch wenn die hohe Luftfeuchtigkeit im Keller die Dichtungsgummis bisher schön stramm gehalten hat. Sagen wir so: Ich würde lieber den Inhalt dieser Gläser essen als den Inhalt der Flaschen zu trinken, die angebrochen noch in der Küche bewahrt werden.

Ein Wackerstein wird zum Welterfolg

Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht um Literatur. Deutsche Literatur. Hohe deutsche Literatur. Jan Philipp Reemtsma persönlich hat dem alten und nahezu verarmten (immer schon mehr oder weniger kärglich bemittelten) Schmidt eines Tages einen Scheck in Höhe eines Literaturnobelpreises vorbeigebracht. Just for fun. Weil er nicht wusste, wohin mit seinem Zigarettenerbe, und Schmidt, der bereits schwer herzkrank war, fand er gut. Denn Schmidt hatte neben vielem anderen “Zettel’s Traum” veröffentlicht, einen 1300-Seiten-Wälzer im doppelten Lutherbibelformat – und ab-so-lut unlesbar noch dazu. Einen kleinen Eindruck davon, wie unlesbar dieser Jahrhundertroman war und immer noch ist, bekommt man in den Räumen der nahe gelegenen Arno-Schmidt-Stiftung, natürlich auch von Reemtsma maßgeblich finanziert:

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Wir sprachen in Bargfeld auch mit der sehr belesenen und in der Literaturszene exquisit bewanderten Herausgeberin der aktuellsten Neuausgabe von “Zettel’s Traum”. Susanne Fischer, Geschäftsführerin der Stiftung,  hat das zweifelhafte Vergnügen gehabt, zwei bis drei Jahre ihres Lebens mit der Edition dieses Werks zuzubringen. “In der Zeit habe ich Schmidt gehasst”, sagte sie uns ungeschützt, nicht wissend, dass dieser Satz geblogt werden würde. Aber jetzt kommt’s: Für den Verlag wurde der Wackerstein mit seiner dreispaltigen Erzähltechnik (Handlungsstrom, Gedankenstrom, noch irgendein Strom in Fantasierechtschreibung und parallel zu konsumieren, auf 1300 Seiten genau 24 Stunden erzählend) ein GROSSER ERFOLG. Fast eine Art BESTSELLER. Wobei jedes Exemplar meiner Erinnerung nach deutlich über 200 Euro kostet.

Ja, man muss bereit sein für den Wahnsinn der Welt. Dann lebt es sich herrlich unbeschwert – und nebenbei wird noch Literaturgeschichte geschrieben. Am Rande des Universums, wo keine Kirchenglocken läuten.

Reden ist Gold

Written By: Oliver Driesen - Sep• 09•13

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Kennen Sie das nagend beunruhigende Gefühl, in drei Tagen den Literaturnobelpreis verliehen zu bekommen und immer noch partout nicht zu wissen, was wohl die passenden Dankesworte vor den Mikrophonen der Weltpresse sein könnten? Oder wenn mal wieder eine Rede vor der UN-Vollversammlung ansteht, Sie aber die Furcht plagt, schon wieder dasselbe zu erzählen wie letztes Mal? Oder der Spiegel hat Sie um einen Essay über Quantenphysik gebeten, obwohl Sie eigentlich Experte für Bundesschatzbriefe und Kommunalobligationen sind?

Nun, Ihnen kann geholfen werden. Denn für alles gibt es Spezialisten, man muss nur die richtigen finden. In einer verschwiegenen Branche wie dem Ghostwriting aber ausgerechnet auf Mundpropaganda angewiesen zu sein, wäre sicher nicht von Vorteil.

Kurz: Da gibt es nun eine neue Firma aus Hamburg, die Ihren Worten auf die Sprünge hilft, um nicht zu sagen: Flügel verleiht. Und sich dabei ganz diskret im Hintergrund hält. Es ist diese Firma:

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Und nein: Rufen Sie da nicht an, wenn Sie zu Guttenberg heißen und/oder schnell mal eine Doktorarbeit benötigen. So was können Sie doch viel besser selbst. Gell, Herr Baron?

Wie ich einmal die Deutsche Bahn rettete (2)

Written By: Oliver Driesen - Aug• 27•13

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Was bisher geschah: Zeitungsanzeige “Zugtester gesucht” gelesen, beworben, ausgewählt, im Zug zum “Zuglabor” nach Frankfurt gefahren, unterwegs Drachen getötet und Prinzessinnen befreit Menschen im Gleis und Menschen im Waggon überlebt, mit 32 Minuten Verspätung am Hauptbahnhof angekommen. Keine besonderen Vorkommnisse also.

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Das *****-Hotel befindet sich direkt gegenüber vom Bahnhof. Es heißt auch nicht deshalb *****-Hotel, weil dort eigentlich ein unfreundliches Five-Letter-Word stehen müsste (welches sollte das denn auch sein?), sondern wie sich herausstellt, ist dort wirklich alles *****. Also im Sinne von “wert”. Bis auf das Frühstück am anderen Morgen, als das Rührei erst vergessen wird und dann lauwarm ist und auch kein Pfeffer aufzutreiben, aber hey, dies ist kein Hoteltest, sondern ein Zugtest, genauer gesagt ein Test des “Reisererlebnisses Regionalverkehr”.

Ja wirklich: Reiseerlebnis Regionalverkehr. Erklären Sie diesen Begriff bitte einem beliebigen Afrikaner. Ich habe dazu keine Zeit, ich muss jetzt nämlich zunächst zum gemeinsamen Einstimmungs-Abendessen der Bahnfreunde, -mitarbeiter und -tester. Was ich aufgrund der gerade noch realitätskompatiblen Verspätung der Bahn gerade noch schaffe.

Der Most macht uns alle gleich

Das Abendessen findet in einem gemütlichen, authentischen, historischen Frankfurter Äppelwoi-Wirtshaus statt. Womit ich nicht gerechnet habe: Nicht nur werden hier Bahntester aus allen Schichten der Bevölkerung (außer Kindern und Rollstuhlfahrern) auf das morgige Reiseerlebnis Regionalverkehr eingestimmt, nein, die Hälfte der Menschen an meinem langen Wirtshaustisch sind Kundenbetreuer  - früher sagten schlichte Gemüter wie ich: Schaffner – der Deutschen Bahn, die tagsüber in Regionalverkehrszügen Dienst tun.

Auch sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung (außer Kindern und Rollstuhlfahrern). Einer ist dabei, der seine Ausbildung noch bei der Reichsbahn in der Ex-DDR erhalten hat, und zwar als “Bester der drei Nordbezirke”. Da er sich aufgrund seiner langjährigen Berufspraxis in Nahverkehrszügen einer hervorragenden Menschenkenntnis rühmt, bin ich ihm gleich suspekt. Doch das lässt sich im Laufe des Abends mit zunehmender Äppelwoi-Dichte leidlich einrenken. Der Most macht uns, von Ost bis West, alle gleich.

Nachdem wir Tester schließlich gut abgefüllt, gesättigt und korrumpiert in unsere kostenlosen *****-Betten gefallen sind, träume ich von: keine Ahnung. Moment, sagte ich “korrumpiert”? Das stimmt natürlich nicht. Erstens müssen wir ja morgen noch unbestechlich und unbezahlt arbeiten, und zweitens haben wir überhaupt keine Flachbildfernseher (google: “Hoyzer-Affäre”) zum Verbleib erhalten. Wir sind einfach nur mit landesüblich demokratischen 32 Minuten Verspätung sehr komfortabel 1. Klasse von HH nach FFM transportiert worden, in meinem Fall zumindest. Und das war ja auch nur das Reiseerlebnis Fernverkehr, also kein Interessenskonflikt erkennbar. Compliance verpiss dich, keiner vermisst dich!

Bild 3

Der Morgen des Testtags. Unser roter, doppelstöckiger, durchaus schon ganz leicht verschrammter Original-Regionalzug steht auf Gleis 1a. Um hinein zu gelangen, muss man erst mal an einer Art mobilem Counter einchecken, erhält ein Gebamsel mit Namensschild um den Hals und eine Art Hüfthalter für das einsteckbare Sendeteil eines ansteckbaren Mikrofons. Denn jedes Wort wird fortan aufgezeichnet und anschließend sogar “verschriftlicht”!  Ich mache eine Sprechprobe und begrüße die mithörenden NSA-Agenten: “Allahu Akbar!” Keine Antwort. Mein Arabisch muss ich noch verbessern.

Niedlicherweise erhalten wir auch jeder eine Fahrkarte nach Heidelberg (“via Mannheim”), obwohl sich unser Zug ja die ganze Zeit keinen Meter fortbewegen wird. Schon gar nicht nach Heidelberg via Mannheim. Aber Eisenbahn spielen macht halt so viel Spaß.

Bild 2

Viel interessanter ist jedoch im Moment, was am Nachbargleis abgeht. Selbst die Fotografen und Kameraleute, die im Auftrag der Marktforscher bzw. der Bahn fast jede unserer Bewegungen aufnehmen werden, vergessen uns hoffnungsvolle Tester einfach minutenlang. Sie richten ihre Objektive auf das alte Schnauferl von Lokomotive, das da gerade voll unter Dampf zischt und brodelt, um in irgendein Eisenbahnmuseum zu rollen. Wollen wir nicht lieber das Reiseerlebnis Musealverkehr testen? Nein? Schade.

In unserer Testergruppe sind wir zu sechst. Zwei Pädagogen darunter, männlich wie weiblich erkennbar daran, dass sie Begriffe wie “Falschgleisfahrt” oder “Triebfahrzeugführer” zur Hand haben. Desweiteren ein Rentner, dann ein noch jüngerer Mann als ich selbst und einer, der trotz seiner geradezu kindlichen 21 Jahre schon mal Funktionär bei einem “Fahrgastverband” war. Alle, nicht nur das Lehrpersonal, können sich bedrohlich präzise artikulieren und machen auch reichlich Gebrauch davon, bis auf den Rentner aus Niedersachsen, der sich aufs Notwendigste beschränkt.

Zunächst wird im Großraumwagen unter Anleitung eines Moderators vom Marktforschungsinsititut einfach nur diskutiert. Was stört am Reiseerlebnis Regionalverkehr? Was könnte man besser machen? Es ist ein ganz klein wenig unspektakulär.

Palim-palim!

Doch dann betritt unvermittelt ein älterer, uniformierter Schaff… Kundenbetreuer den Wagen. “Guten Tag, die Fahrkarten bitte!” Als gute Deutsche sind wir alle erleichtert, dass wir unsere Kindereisenbahnfahrkarten dabei haben – da ist es völlig egal, dass man im Grunde weiß, es handelt sich hier nur um eine “Szene”, die uns dargeboten wird, um realitätsnäher über das Kartenzangenabdruckerlebnis im Regionalverkehr sprechen zu können. Und gesprochen wird dann auch: War der Mann freundlich genug? Hat er genügend Dienst am Kunden geleistet? Stimmte das spontane Smalltalk-Erlebnis? War es unangenehm, dass er unser “Reiseziel” Heidelberg lauthals dem ganzen Wagen verkündet hat?

Und während wir noch darüber diskutieren, kommt er ein zweites Mal, jetzt hat es schon etwas von einer Nummernrevue oder dem alten Didi-Hallervorden-Sketch “Palim-Palim”. Diesmal ist er kürzer angebunden, formaljuristisch. Und umso froher sind wir über unsere Kinderspielzeugbahnfahrkarten. Als wir auch das wieder alles ausführlich besprechen und unser Marktforscher dabei wie zufällig seine beschuhten Füße auf einer der Sitzflächen ruhen lässt, ist der Bahner schon wieder zur Stelle: “Nehmen Sie bitte Ihre Füße vom Sitz!” Und geht ab. Aber hätte er nicht eine Begründung liefern müssen? Wenn es nach unserem Oberstudienrat ginge, dann nein. Dem war das Delikt nämlich bereits derart unangenehm aufgefallen, dass ihm  jede Strafe auch ohne Gerichtsverhandlung angemessen erschienen wäre. Bis auf den Rauswurf bei voller Fahrt vielleicht.

Das aber hält den Mann vom Marktforschungsinstitut nicht davon ab, die Füße schon wieder aufs Polster zu schieben. Sofortiger Kurzauftritt Schaffner: “Hallo! Zweite und letzte Ermahnung!” Und das findet auch in diesem Bademeister-Ton die vollste Zustimmung unserer pädagogisch dominierten Gruppe. Allerdings: Wie könnte die letzte Eskalationsstufe aussehen? Ein gewisser Zugzwang hat sich eingestellt. Knisternde Krimispannung liegt in der mittlerweile abgestandenen Luft.

Nicht vorgesehen: Kunden als Kampfsportler 

Gerade als ich glaube, das könne hier im Labor alles nicht noch spannender und realistischer  werden, drängen plötzlich fünf junge Männer in den Wagen. Der erste gleich hat einen Ghetto-Blaster auf der Schulter, aus dem etwas röhrt, das entfernt an sehr schlimme Musik erinnert. Der zweite schleppt eine Kiste Bier. Der dritte trinkt, und für alle gilt: Sie bedrängen uns wie aus dem Lehrbuch. So mit anfassen und “Alder-Digger-was-geht-ab-haste-mal-Feuer-oder-haste-ein-Problem?” und ganz nah auf die Pelle rücken und richtig Stress suchen. Dinge, die man wirklich, wirklich nicht in einem Regionalzug erleben will (aber in Teilen erst neulich tatsächlich erlebt hat). Die einzige Dame in unserer Gruppe ist mittlerweile zwei bis drei Schattierungen blasser.

Doch der uniformierte Bahner, inzwischen als Law-and-Order-Mann etabliert, ist wie durch ein Wunder schon wieder zur Stelle. Und regelt den Verkehr. Beruhigt die Gemüter, komplimentiert aus dem Wagen (der ja gottseidank steht), gibt noch guten Rat mit auf den Weg. Ausschließlich kraft seiner Bahn-Autorität. Merkwürdig nur, dass wohl keiner von uns sich darauf im echten Leben verlassen würde. Hinterher verrät unser Helden-Schaffner, pardon Kundenbetreuer, dass in einer der vorigen Testgruppen einer der Test-Fahrgäste Kampfsportler war. Das war im Skript nicht vorgesehen gewesen. Die Schauspielschüler, die die Chaoten mimten, sind danach vermutlich durch neue ersetzt worden. Und die Tester durch uns.

Jedenfalls kann die Deutsche Bahn mitnehmen, dass wir jetzt gerade sehr, sehr gern mehr Schutz und dazu ausgebildetes Personal hätten. Besonders, wenn wir Frau und Lehrerin sind. Hoffen wir, es hilft was.

Bild 5

Kaum ist der ganze Schrecken überstanden, werden wir zur Müll- und Verwahrlosungsbegutachtung ins nächste Abteil geführt. Es geht mit harmlosen Krümeln auf Sitzpolstern los, mit potenziell herumrollenden Bierflaschen am Boden weiter, über Haarfettabdrücke an Fensterscheiben und Brandflecken auf Polstern munter weiter hinauf in der Ekel-Hitparade. Alles sehr hübsch von kundiger Hand hindrapiert.

Schon wieder Gründe, grün und weiß im Gesicht zu werden. Die Frage: Was finden wir noch erträglich? Was geht gar nicht mehr? Zum Glück werden die wirklich harten Fälle, angefangen bei klebrig-verschmierten Müllbehältern und endend bei Dingen, die andere Fahrgäste schon mal im Mund oder Verdauungstrakt mit sich trugen, nur auf Originalfotos präsentiert. Danke, das genügt. Wir einigen uns darauf, dass alles, was im weitesten Sinne fettig oder flüssig ist und auf das wir uns setzen müssten, dem Reiseerlebnis Regionalverkehr eher abträglich wäre.

Ein gutes Gefühl

Und kaum haben wir auch noch die Qualität und Verständlichkeit von Durchsagen begutachtet (“Meine Damen und Herren, wir erreichen als nächstes brpflgrpfgrmgrgerkjpfz!”), ist der Test auch schon vorbei. Drei Stunden sind nicht wie im Flug vergangen, wir sind hier ja nicht bei der Lufthansa, sondern in vollen Zügen durchlebt und durchlitten worden. Erstaunlicherweise aber mit dem bleibend guten Gefühl, der Deutschen Bahn ein wenig weitergeholfen zu haben. Und uns selbst damit auch, auf mittlere Sicht. Ein wirklich gutes Gefühl.

Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass das Thema Toiletten ausgeklammert blieb.