Knapp über der Wasserkante

Written By: Oliver Driesen - Sep• 29•13

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Ginge es nach den Hamburg-Touristen, bräuchte man eigentlich die Elbfähren gar nicht. Denn Hamburg endet für 90 Prozent aller Besucher am Nordufer des Stroms, bei den Landungsbrücken, am St.Pauli-Fischmarkt oder in Blankenese. Diese innere Landkarte teilen sie übrigens mit vielen “echten” Hamburgern, wenn sie von ihrer “schönsten Stadt der Welt” schwärmen: Drüben, auf der anderen Seite der Elbe, muss auch irgendwas sein, aber das sieht bedrückend nach Arbeit oder “einfachen Verhältnissen” aus. Man erinnert sich an ruckelnde Schwarzweißfilme der 1920er Jahre, Menschen mit Schiebermützen schufteten damals auf Werften und Docks.

Immer noch sind dort drüben, auf Europas größter Flussinsel mitten in der Elbe, Hafenanlagen, aber was da geschieht, weiß man nicht so recht und will es auch gar nicht wissen. Irgendwas mit Containern. (Natürlich sind die Elbfähren trotzdem eine Attraktion und an Wochenenden überfüllt – aber sie schaukeln die Touris im Wesentlichen nur an drei oder vier Haltepunkten des malerischen Nordufers entlang. Von wo sie aus sicherer Entfernung den Blick auf Kräne und Containerterminals genießen. Es ist aber eigentlich gar nicht Sinn und Zweck einer Fähre, auf der einen Seite zu bleiben.)

Manche müssen rüber

Allerdings gibt es Menschen, die mit den Fähren sogar täglich übersetzen. Zwecks Broterwerb, zum Airbuswerk beispielsweise, denn Luftfahrtindustrie ist ja auch noch in Hamburg. Und neuerdings gibt es aufgrund eines heiß umstrittenen Behördenbeschlusses sogar Hunderte, die als Verwaltungskräfte auf die Wilhelmsburger Elbinsel müssen. Denn dort wurde der Political Correctness wegen der Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt platziert. Man will ja Wilhelmsburg endlich salonfähig machen. War das ein Trara, als man auf diese Weise stolze Hamburger des Nordens zwang, sich wochentäglich zu den Schmuddelkindern auf die Insel bemühen zu müssen, wo es Migranten gibt und “soziale Brennpunkte” und Hafenarbeiter, die eine Aura von Schweröl verströmen! Es kam dann so wie mit dem Rauchverbot: Irgendwann wurde es hingenommen, zähneknirschend.

Nur mit der Fähre können sie nicht dorthin. Zwar fährt die Linie 73 ab Landungsbrücken bis zur Ernst-August-Schleuse, womit man schon den Boden der doch recht weitläufigen Terra Incognita erreicht. Dort aber ist Schluss, Ende, Aus. Bis in die Wilhelsburger City müsste man sich jetzt mit einem selten verkehrenden Bus quälen – unzumutbar, natürlich.

Jetzt aber gab es für kurze Zeit etwas Neues. Studenten des “Urban Design” haben im Rahmen eines Uni-Projekts eine Anschlussverbindung auf Wasserwegen hergestellt, von besagter Schleuse bis ins Herz Wilhelmsburgs, zum Bürgerhaus. Gar nicht weit weg von S-Bahn und BSU-Neubau. Dazu geht es insgesamt etwa drei Kilometer weit über den Ernst-August-Kanal und dann, scharfe Linkskehre, den Assmannkanal. Das dauert etwa 15 Minuten und man staunt, denn selbst mit dem Fahrrad wäre man nicht sehr viel schneller da.

Pionierin mit 91 Jahren

Eigentlich sollte es diese Verbindung inzwischen sogar als feste Größe im Netz des HVV geben, so war es zumindest anlässlich von Internationaler Bauausstellung und Gartenschau geplant gewesen. Doch aus Angst vor Unterauslastung forderten die Fährbetreiber städtische Garantien, die Stadt weigerte sich, und folgerichtig geschah nichts – bis sich jetzt die Studenten ans Forschen machten: Könnte es gehen? Würde es sich lohnen?

Eine Woche lang konnten sie dank großzügigem Sponsoring ein sehr charmantes Bötchen samt Kapitän für ihren Pendeldienst nutzen: die 1922 erbaute Barkasse “Togo”. Sie war tatsächlich schon mal in den afrikanischen Staat verschlagen worden, aber auf verschlungenen Wegen zurückgekehrt und ist dank der Arbeit eines gemeinnützigen Vereins erhalten geblieben. Ich bin einmal mitgetuckert mit der “Togo”, einige bewegte Impressionen können Sie am Schluss dieses Beitrags sehen und hören. Spaß hat’s gemacht, diese Wasserwelten auf der Elbinsel zu entdecken und ganz neue Perspektiven von Hamburg geboten zu bekommen.

Und? Würde es funktionieren? An guten Tagen zählten die Studenten 50 bis 100 Fahrgäste, immerhin. Und das, obwohl kaum jemand von den Verbindungen wusste. Allerdings waren die Fahrten kostenlos. Wie es bei einer Fahrpreispflicht aussähe, bleibt offen. Ich jedenfalls würde gern wieder an Bord gehen. Allein das Gudda-gudda-gudda-gudda des 70-PS-Dreizylinder-Schiffsdiesels ist es wert.

Arno Schmidt. Sei bereit für den Wahnsinn der Welt.

Written By: Oliver Driesen - Sep• 11•13

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Die Lüneburger Heide und ihre Randgebiete sind bei der Generation <47 einigermaßen in Vergessenheit geraten, weil sie als spießig und gestrig gelten. Allerdings hat die Generation <47 keine Ahnung, was ihr ohne Kenntnis dieser Region an literarischer, künstlerischer und ja, auch Herzens-Bildung entgeht. Ich sage mal nur: Kunststätte Bossard. Los, Ihr Thirty- und Fourtysomethings, wikipediat das mal!

Die Lüneburger Heide als eines der extremsten Beispiel norddeutscher Landschafts-Verflachung bietet nämlich verschrobene Künstler-Existenzen aus vergangenen Jahrhunderten zuhauf. Menschen, die einsam sein wollten und Einsamkeit fanden, um ihrer Vorstellung von Kunst zu fröhnen und daraufhin noch wunderlicher zu werden und in Wunderlichkeit zu sterben. Ein beneidenswertes Schicksal! Beneidenswerter jedenfalls als ein langsamer Aufstieg zum Vice President Senior Marketing Communications and Global Customer Relations in einem deutschen Weltkonzern.

Was ich erzählen wollte. Arno Schmidt war einer aus dieser Schublade. Jaja, kann man auch googlen, den Mann. Ein Schriftsteller aus Hamburg-Hamm, meinem Stadtteil. Wenn auch aus Untenhamm. Das ist jenseits der Social Divide, sieben Meter tiefergelegt im Vergleich zu Obenhamm, wo ich wohne, aufgrund einer eiszeitlichen Verschiebungsgeschichte des Urstromtals der Elbe, die man auch Geesthang nennt.

Egal. Arno Schmidt (1914 – 1979), Hamburger Weltliterat aus kleinen Verhältnissen. Opus magnum: “Zettel’s Traum”. Dazu später. Goethepreisträger. Großschriftsteller, der eine Mitgliedschaft in der erlesenen “Gruppe 47″ wegen eigener sozialer Inkompetenz ausschlug. Sowie Autor einer Studie, die im Werk Karl Mays eine latente Homosexualität anprangerte. Nahezu alles, was man im Zusammenhang mit Arno Schmidt erfährt und erlebt, ist mehr oder weniger verrückt, unglaublich, absurd. Das ist mehr, als die meisten von uns jemals zustande bringen werden.

Hochsitze en gros und en détail

Wer sich auf Spurensuche macht, um dem Alterswerk Schmidts nachzuforschen, kann sicher sein, auf bizarre Charaktere zu stoßen und ebenso bizarre Anblicke. Alles echt, alles lebendig, alles real – und alles heute, im 21. Jahrundert. Los geht es am Bahnhof von Eschede (ja, das ICE-Unglück, hat aber nichts zu tun mit A.S.). Das ist der Bahnhof, der Schmidts letztem Wohn- und Arbeitssitz am nächsten liegt: dem etwa zwölf Kilometer entfernten Bargfeld, Gemeinde Eldingen, Landkreis Celle. Von Eschede an gehn wa zu Fuß. Warum? Weil Schmidt im kommenden Januar 100 Jahre alt geworden sein werden gewürdet … wäre.  Und deshalb soll es 2014 eine offizielle Arno-Schmidt-Wanderung geben, zu deren Vorbereitungswandergruppe ich zu gehören die Ehre hatte … geworden. Habt.

Schmidt hatte übrigens auch so eine ganz eigene, persönliche Grammatik und Rechtschreibung: “Eine andere NaturNebenstelle waren die KanalEnden, dicht vor’m BahnDamm: weißer Sand, mit sehr kleinen SchneckenGehäusen darin; einzelne Büschel Grases strandhafertn; die RohrPost kam drübm aus der Erde, überquerte als etwa meterdickes Rohr den Kanal, und verschwand wieder im Sande.” Das war so einer seiner Sätze.

Jedenfalls ist man auf dem Weg zu Schmidt von Eschede aus so etwa zwei Stunden durch den prompt einsetzenden norddeutschen Landregen gewandert, als man unversehens hier vorbeikommt:

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Tja, was ist das? Eine Ausstellung verschiedenartigster Hochsitze für Jägersleute. Vielleicht das offizielle Deutsche Hochsitzmuseum, es steht ja nichts dran. Aber in Deutschland gibt es heutzutage für alles ein Museum, mein bisheriger Favorit war das “Deutsche Zement-Museum” in Hemmoor, noch so eine norddeutsche Flachheit. Aber jetzt ist es dies hier, das (in-)offizielle Deutsche Hochsitzmuseum.

Futter für die Nachfolgekatzen

Und dann ist man auch schon bald am Ziel. Das Ziel ist diese mausgraue Hütte, die Schmidt im Jahr 1958 für 21.000 Mark erstand.

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Auch, wenn es nicht so aussieht: Das Häuschen war damals erst zehn Jahre alt. Schmidt überlegte lange, ob er aus Darmstadt, wohin ihn einige Lebenswirren verschlagen hatten, hierher ziehen sollte. Er fertige eine Pro- und Contra-Liste an, deren entscheidender Punkt es werden sollte, dass im Dörfchen Bargfeld kein Durchgangsverkehr und kein Kirchengeläut drohte (er war strenger Atheist). Und die Landschaft sollte möglichst flach und unspektakulär sein, damit er während seiner 100-Stunden-Woche als Autor möglichst nicht abgelenkt würde. Gut, er hatte auch noch eine Frau, Alice, aber die war nur mit. Sie durfte allerdings auch ihr Urteil abgeben, ebenso wie die Katze, und alles wurde fein säuberlich notiert. Am Ende gab die Ödnis den Ausschlag. Schmidts zogen samt Katze nach Bargfeld um. (Auf dem Bild links unten stehen übrigens einige Näpfe voll Futter für die Nachfolgekatzen.)

Arnos Schreibtisch dort sah zuletzt (in den Siebzigern) so aus, wie ihn seine langjährige Haushälterin Erika Knop für uns bis heute konserviert hat:

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Man beachte die damalige Brillenmode. Ben Wisch und Heinz Kluncker lassen grüßen. (Ich persönlich glaube, dass Zeiten mit einer solchen Brillenmode die solideren Zeiten waren bzw. hoffentlich sein werden.) Dazu muss man sich eine enge, moosgrüne Lederjacke vorstellen, die immer noch an der Garderobe hängt. Und zeitweise eine rote Adidas-Umhängetasche, die heute von den Twentysomethings in der Hamburger Schanze mit Bravour getragen werden würde.

Im Keller lagern die Einmachgläser

Und dann zeigt Frau Knop den Besuchern die etwa sechs Quadratmeter große Küche – samt einem Souvenir, das jemand mal Frau Schmidt mitbrachte (hoffentlich nach Arnos Tod, aber es hätte ihm, dem ästhetisch Anspruchslosen, wahrscheinlich wenig ausgemacht):

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Von da aus ist es nur noch ein kleiner, aber steiler Abstieg über eine Klapptreppe in den muffig feuchten Keller des Eigenheimchens. Dort stehen noch die Original-Einmachgläser, die Herr Schmidt höchstselbst mit Etiketten beschriftet hat:

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Ob das noch essbar wäre? Frau Knop scheint nicht überzeugt, auch wenn die hohe Luftfeuchtigkeit im Keller die Dichtungsgummis bisher schön stramm gehalten hat. Sagen wir so: Ich würde lieber den Inhalt dieser Gläser essen als den Inhalt der Flaschen zu trinken, die angebrochen noch in der Küche bewahrt werden.

Ein Wackerstein wird zum Welterfolg

Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht um Literatur. Deutsche Literatur. Hohe deutsche Literatur. Jan Philipp Reemtsma persönlich hat dem alten und nahezu verarmten (immer schon mehr oder weniger kärglich bemittelten) Schmidt eines Tages einen Scheck in Höhe eines Literaturnobelpreises vorbeigebracht. Just for fun. Weil er nicht wusste, wohin mit seinem Zigarettenerbe, und Schmidt, der bereits schwer herzkrank war, fand er gut. Denn Schmidt hatte neben vielem anderen “Zettel’s Traum” veröffentlicht, einen 1300-Seiten-Wälzer im doppelten Lutherbibelformat – und ab-so-lut unlesbar noch dazu. Einen kleinen Eindruck davon, wie unlesbar dieser Jahrhundertroman war und immer noch ist, bekommt man in den Räumen der nahe gelegenen Arno-Schmidt-Stiftung, natürlich auch von Reemtsma maßgeblich finanziert:

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Wir sprachen in Bargfeld auch mit der sehr belesenen und in der Literaturszene exquisit bewanderten Herausgeberin der aktuellsten Neuausgabe von “Zettel’s Traum”. Susanne Fischer, Geschäftsführerin der Stiftung,  hat das zweifelhafte Vergnügen gehabt, zwei bis drei Jahre ihres Lebens mit der Edition dieses Werks zuzubringen. “In der Zeit habe ich Schmidt gehasst”, sagte sie uns ungeschützt, nicht wissend, dass dieser Satz geblogt werden würde. Aber jetzt kommt’s: Für den Verlag wurde der Wackerstein mit seiner dreispaltigen Erzähltechnik (Handlungsstrom, Gedankenstrom, noch irgendein Strom in Fantasierechtschreibung und parallel zu konsumieren, auf 1300 Seiten genau 24 Stunden erzählend) ein GROSSER ERFOLG. Fast eine Art BESTSELLER. Wobei jedes Exemplar meiner Erinnerung nach deutlich über 200 Euro kostet.

Ja, man muss bereit sein für den Wahnsinn der Welt. Dann lebt es sich herrlich unbeschwert – und nebenbei wird noch Literaturgeschichte geschrieben. Am Rande des Universums, wo keine Kirchenglocken läuten.

Reden ist Gold

Written By: Oliver Driesen - Sep• 09•13

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Kennen Sie das nagend beunruhigende Gefühl, in drei Tagen den Literaturnobelpreis verliehen zu bekommen und immer noch partout nicht zu wissen, was wohl die passenden Dankesworte vor den Mikrophonen der Weltpresse sein könnten? Oder wenn mal wieder eine Rede vor der UN-Vollversammlung ansteht, Sie aber die Furcht plagt, schon wieder dasselbe zu erzählen wie letztes Mal? Oder der Spiegel hat Sie um einen Essay über Quantenphysik gebeten, obwohl Sie eigentlich Experte für Bundesschatzbriefe und Kommunalobligationen sind?

Nun, Ihnen kann geholfen werden. Denn für alles gibt es Spezialisten, man muss nur die richtigen finden. In einer verschwiegenen Branche wie dem Ghostwriting aber ausgerechnet auf Mundpropaganda angewiesen zu sein, wäre sicher nicht von Vorteil.

Kurz: Da gibt es nun eine neue Firma aus Hamburg, die Ihren Worten auf die Sprünge hilft, um nicht zu sagen: Flügel verleiht. Und sich dabei ganz diskret im Hintergrund hält. Es ist diese Firma:

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Und nein: Rufen Sie da nicht an, wenn Sie zu Guttenberg heißen und/oder schnell mal eine Doktorarbeit benötigen. So was können Sie doch viel besser selbst. Gell, Herr Baron?

Wie ich einmal die Deutsche Bahn rettete (2)

Written By: Oliver Driesen - Aug• 27•13

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Was bisher geschah: Zeitungsanzeige “Zugtester gesucht” gelesen, beworben, ausgewählt, im Zug zum “Zuglabor” nach Frankfurt gefahren, unterwegs Drachen getötet und Prinzessinnen befreit Menschen im Gleis und Menschen im Waggon überlebt, mit 32 Minuten Verspätung am Hauptbahnhof angekommen. Keine besonderen Vorkommnisse also.

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Das *****-Hotel befindet sich direkt gegenüber vom Bahnhof. Es heißt auch nicht deshalb *****-Hotel, weil dort eigentlich ein unfreundliches Five-Letter-Word stehen müsste (welches sollte das denn auch sein?), sondern wie sich herausstellt, ist dort wirklich alles *****. Also im Sinne von “wert”. Bis auf das Frühstück am anderen Morgen, als das Rührei erst vergessen wird und dann lauwarm ist und auch kein Pfeffer aufzutreiben, aber hey, dies ist kein Hoteltest, sondern ein Zugtest, genauer gesagt ein Test des “Reisererlebnisses Regionalverkehr”.

Ja wirklich: Reiseerlebnis Regionalverkehr. Erklären Sie diesen Begriff bitte einem beliebigen Afrikaner. Ich habe dazu keine Zeit, ich muss jetzt nämlich zunächst zum gemeinsamen Einstimmungs-Abendessen der Bahnfreunde, -mitarbeiter und -tester. Was ich aufgrund der gerade noch realitätskompatiblen Verspätung der Bahn gerade noch schaffe.

Der Most macht uns alle gleich

Das Abendessen findet in einem gemütlichen, authentischen, historischen Frankfurter Äppelwoi-Wirtshaus statt. Womit ich nicht gerechnet habe: Nicht nur werden hier Bahntester aus allen Schichten der Bevölkerung (außer Kindern und Rollstuhlfahrern) auf das morgige Reiseerlebnis Regionalverkehr eingestimmt, nein, die Hälfte der Menschen an meinem langen Wirtshaustisch sind Kundenbetreuer  – früher sagten schlichte Gemüter wie ich: Schaffner – der Deutschen Bahn, die tagsüber in Regionalverkehrszügen Dienst tun.

Auch sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung (außer Kindern und Rollstuhlfahrern). Einer ist dabei, der seine Ausbildung noch bei der Reichsbahn in der Ex-DDR erhalten hat, und zwar als “Bester der drei Nordbezirke”. Da er sich aufgrund seiner langjährigen Berufspraxis in Nahverkehrszügen einer hervorragenden Menschenkenntnis rühmt, bin ich ihm gleich suspekt. Doch das lässt sich im Laufe des Abends mit zunehmender Äppelwoi-Dichte leidlich einrenken. Der Most macht uns, von Ost bis West, alle gleich.

Nachdem wir Tester schließlich gut abgefüllt, gesättigt und korrumpiert in unsere kostenlosen *****-Betten gefallen sind, träume ich von: keine Ahnung. Moment, sagte ich “korrumpiert”? Das stimmt natürlich nicht. Erstens müssen wir ja morgen noch unbestechlich und unbezahlt arbeiten, und zweitens haben wir überhaupt keine Flachbildfernseher (google: “Hoyzer-Affäre”) zum Verbleib erhalten. Wir sind einfach nur mit landesüblich demokratischen 32 Minuten Verspätung sehr komfortabel 1. Klasse von HH nach FFM transportiert worden, in meinem Fall zumindest. Und das war ja auch nur das Reiseerlebnis Fernverkehr, also kein Interessenskonflikt erkennbar. Compliance verpiss dich, keiner vermisst dich!

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Der Morgen des Testtags. Unser roter, doppelstöckiger, durchaus schon ganz leicht verschrammter Original-Regionalzug steht auf Gleis 1a. Um hinein zu gelangen, muss man erst mal an einer Art mobilem Counter einchecken, erhält ein Gebamsel mit Namensschild um den Hals und eine Art Hüfthalter für das einsteckbare Sendeteil eines ansteckbaren Mikrofons. Denn jedes Wort wird fortan aufgezeichnet und anschließend sogar “verschriftlicht”!  Ich mache eine Sprechprobe und begrüße die mithörenden NSA-Agenten: “Allahu Akbar!” Keine Antwort. Mein Arabisch muss ich noch verbessern.

Niedlicherweise erhalten wir auch jeder eine Fahrkarte nach Heidelberg (“via Mannheim”), obwohl sich unser Zug ja die ganze Zeit keinen Meter fortbewegen wird. Schon gar nicht nach Heidelberg via Mannheim. Aber Eisenbahn spielen macht halt so viel Spaß.

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Viel interessanter ist jedoch im Moment, was am Nachbargleis abgeht. Selbst die Fotografen und Kameraleute, die im Auftrag der Marktforscher bzw. der Bahn fast jede unserer Bewegungen aufnehmen werden, vergessen uns hoffnungsvolle Tester einfach minutenlang. Sie richten ihre Objektive auf das alte Schnauferl von Lokomotive, das da gerade voll unter Dampf zischt und brodelt, um in irgendein Eisenbahnmuseum zu rollen. Wollen wir nicht lieber das Reiseerlebnis Musealverkehr testen? Nein? Schade.

In unserer Testergruppe sind wir zu sechst. Zwei Pädagogen darunter, männlich wie weiblich erkennbar daran, dass sie Begriffe wie “Falschgleisfahrt” oder “Triebfahrzeugführer” zur Hand haben. Desweiteren ein Rentner, dann ein noch jüngerer Mann als ich selbst und einer, der trotz seiner geradezu kindlichen 21 Jahre schon mal Funktionär bei einem “Fahrgastverband” war. Alle, nicht nur das Lehrpersonal, können sich bedrohlich präzise artikulieren und machen auch reichlich Gebrauch davon, bis auf den Rentner aus Niedersachsen, der sich aufs Notwendigste beschränkt.

Zunächst wird im Großraumwagen unter Anleitung eines Moderators vom Marktforschungsinsititut einfach nur diskutiert. Was stört am Reiseerlebnis Regionalverkehr? Was könnte man besser machen? Es ist ein ganz klein wenig unspektakulär.

Palim-palim!

Doch dann betritt unvermittelt ein älterer, uniformierter Schaff… Kundenbetreuer den Wagen. “Guten Tag, die Fahrkarten bitte!” Als gute Deutsche sind wir alle erleichtert, dass wir unsere Kindereisenbahnfahrkarten dabei haben – da ist es völlig egal, dass man im Grunde weiß, es handelt sich hier nur um eine “Szene”, die uns dargeboten wird, um realitätsnäher über das Kartenzangenabdruckerlebnis im Regionalverkehr sprechen zu können. Und gesprochen wird dann auch: War der Mann freundlich genug? Hat er genügend Dienst am Kunden geleistet? Stimmte das spontane Smalltalk-Erlebnis? War es unangenehm, dass er unser “Reiseziel” Heidelberg lauthals dem ganzen Wagen verkündet hat?

Und während wir noch darüber diskutieren, kommt er ein zweites Mal, jetzt hat es schon etwas von einer Nummernrevue oder dem alten Didi-Hallervorden-Sketch “Palim-Palim”. Diesmal ist er kürzer angebunden, formaljuristisch. Und umso froher sind wir über unsere Kinderspielzeugbahnfahrkarten. Als wir auch das wieder alles ausführlich besprechen und unser Marktforscher dabei wie zufällig seine beschuhten Füße auf einer der Sitzflächen ruhen lässt, ist der Bahner schon wieder zur Stelle: “Nehmen Sie bitte Ihre Füße vom Sitz!” Und geht ab. Aber hätte er nicht eine Begründung liefern müssen? Wenn es nach unserem Oberstudienrat ginge, dann nein. Dem war das Delikt nämlich bereits derart unangenehm aufgefallen, dass ihm  jede Strafe auch ohne Gerichtsverhandlung angemessen erschienen wäre. Bis auf den Rauswurf bei voller Fahrt vielleicht.

Das aber hält den Mann vom Marktforschungsinstitut nicht davon ab, die Füße schon wieder aufs Polster zu schieben. Sofortiger Kurzauftritt Schaffner: “Hallo! Zweite und letzte Ermahnung!” Und das findet auch in diesem Bademeister-Ton die vollste Zustimmung unserer pädagogisch dominierten Gruppe. Allerdings: Wie könnte die letzte Eskalationsstufe aussehen? Ein gewisser Zugzwang hat sich eingestellt. Knisternde Krimispannung liegt in der mittlerweile abgestandenen Luft.

Nicht vorgesehen: Kunden als Kampfsportler 

Gerade als ich glaube, das könne hier im Labor alles nicht noch spannender und realistischer  werden, drängen plötzlich fünf junge Männer in den Wagen. Der erste gleich hat einen Ghetto-Blaster auf der Schulter, aus dem etwas röhrt, das entfernt an sehr schlimme Musik erinnert. Der zweite schleppt eine Kiste Bier. Der dritte trinkt, und für alle gilt: Sie bedrängen uns wie aus dem Lehrbuch. So mit anfassen und “Alder-Digger-was-geht-ab-haste-mal-Feuer-oder-haste-ein-Problem?” und ganz nah auf die Pelle rücken und richtig Stress suchen. Dinge, die man wirklich, wirklich nicht in einem Regionalzug erleben will (aber in Teilen erst neulich tatsächlich erlebt hat). Die einzige Dame in unserer Gruppe ist mittlerweile zwei bis drei Schattierungen blasser.

Doch der uniformierte Bahner, inzwischen als Law-and-Order-Mann etabliert, ist wie durch ein Wunder schon wieder zur Stelle. Und regelt den Verkehr. Beruhigt die Gemüter, komplimentiert aus dem Wagen (der ja gottseidank steht), gibt noch guten Rat mit auf den Weg. Ausschließlich kraft seiner Bahn-Autorität. Merkwürdig nur, dass wohl keiner von uns sich darauf im echten Leben verlassen würde. Hinterher verrät unser Helden-Schaffner, pardon Kundenbetreuer, dass in einer der vorigen Testgruppen einer der Test-Fahrgäste Kampfsportler war. Das war im Skript nicht vorgesehen gewesen. Die Schauspielschüler, die die Chaoten mimten, sind danach vermutlich durch neue ersetzt worden. Und die Tester durch uns.

Jedenfalls kann die Deutsche Bahn mitnehmen, dass wir jetzt gerade sehr, sehr gern mehr Schutz und dazu ausgebildetes Personal hätten. Besonders, wenn wir Frau und Lehrerin sind. Hoffen wir, es hilft was.

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Kaum ist der ganze Schrecken überstanden, werden wir zur Müll- und Verwahrlosungsbegutachtung ins nächste Abteil geführt. Es geht mit harmlosen Krümeln auf Sitzpolstern los, mit potenziell herumrollenden Bierflaschen am Boden weiter, über Haarfettabdrücke an Fensterscheiben und Brandflecken auf Polstern munter weiter hinauf in der Ekel-Hitparade. Alles sehr hübsch von kundiger Hand hindrapiert.

Schon wieder Gründe, grün und weiß im Gesicht zu werden. Die Frage: Was finden wir noch erträglich? Was geht gar nicht mehr? Zum Glück werden die wirklich harten Fälle, angefangen bei klebrig-verschmierten Müllbehältern und endend bei Dingen, die andere Fahrgäste schon mal im Mund oder Verdauungstrakt mit sich trugen, nur auf Originalfotos präsentiert. Danke, das genügt. Wir einigen uns darauf, dass alles, was im weitesten Sinne fettig oder flüssig ist und auf das wir uns setzen müssten, dem Reiseerlebnis Regionalverkehr eher abträglich wäre.

Ein gutes Gefühl

Und kaum haben wir auch noch die Qualität und Verständlichkeit von Durchsagen begutachtet (“Meine Damen und Herren, wir erreichen als nächstes brpflgrpfgrmgrgerkjpfz!”), ist der Test auch schon vorbei. Drei Stunden sind nicht wie im Flug vergangen, wir sind hier ja nicht bei der Lufthansa, sondern in vollen Zügen durchlebt und durchlitten worden. Erstaunlicherweise aber mit dem bleibend guten Gefühl, der Deutschen Bahn ein wenig weitergeholfen zu haben. Und uns selbst damit auch, auf mittlere Sicht. Ein wirklich gutes Gefühl.

Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass das Thema Toiletten ausgeklammert blieb.

Wie ich einmal die Deutsche Bahn rettete (1)

Written By: Oliver Driesen - Aug• 26•13

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Dass ich mal für die Deutsche Bahn arbeiten würde, ward mir auch nicht an der Wiege gesungen. Am Anfang stand ein Inserat im Abendblatt: Zugtester für den Regionalverkehr gesucht. Und weil ich viel und im Grunde tatsächlich sehr gerne Bahn fahre und noch lieber einige dringend notwendige Verbesserungen sehen würde, Pünktlichkeit und Kundenorientiertheit zum Beispiel, dacht ich mir: Da helf ich doch gern.

Zumal an einem Samstag eine Freifahrt erster Klasse im ICE nach Frankfurt winkt, nebst Gratisübernachtung in einem Spitzenhotel und einem Abendessen mit anderen Bahnfreunden und Zugtestern. Am folgenden Sonntagmorgen dann der eigentliche Test im “Zuglabor”. Drei Stunden lang. Danach Freizeit und touristische Vergüngungen nach Wahl in der Mainmetropole, schließlich erster Klasse zurück nach Hamburg. Also bewerbe ich mich mit drei bis fünf Zeilen und dem Verweis darauf, dass ich schon einige Male über das Bahnwesen im Allgemeinen und meine Bahn-Abenteuer im Besonderen gebloggt habe. Es soll niemand sagen, er sei nicht vor mir gewarnt worden.

Tage später eine Mail der fürs Organisatorische verantwortlichen PR-Agentur: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ausgewählt! Aber, Überraschung: Der von uns zu testende Regionalzug wird bei alledem keinen Meter zurücklegen. Sondern die ganze Zeit unbewegt im Frankfurter Hauptbahnhof stehen. Es geht nämlich um das “Reiseerlebnis”. In einem Labor, in dem die Marktforscher optimale Versuchsbedingungen vorfinden – statt einer notorisch unzuverlässigen Landschaft, durch die man sich bewegen muss. Landschaft wird ohnehin grob überbewertet. Stattdessen wird man uns Testern u. a. Szenen vorführen, wie man sie auf Reisen erlebt. Aha. Heißt das, jemand torkelt mit einer offenen Bierflasche durch den Waggon, simuliert auf Höhe meines Sitzplatzes die Fliehkräfte einer scharfen Kurvenfahrt und kippt mir das Gesöff in den Schoß?

La-Lüüü-La!

Aber die verschärftesten Versuchsbedingungen diktiert immer noch das richtige Leben, in dem sich Landschaften und Situationen verändern, während man in ihnen unterwegs ist. Auf der Hinfahrt im ICE nach Frankfurt, ich bin noch gar nicht im Tester-Modus programmiert, ertönt schon kurz vor Hannover aus dem Bordlautsprecher das berüchtigte “La-Lüüü-La”. Mit Betonung auf “Lüüüü”. Bahn-Veteranen wie ich erkennen daran, dass wir auf ein ernsthaftes Problem zurauschen. Und richtig: Wir werden langsamer und langsamer, dann pendeln wir uns auf mäßig ambitioniertes Radfahrer-Tempo ein. Schließlich Durchsage: “Es sollen sich Personen im Gleis befinden”. Herrliches Bahndeutsch: im Gleis. Das ist so wie der Zug, der den Bahnhof  “aus Gleis 15 verlässt”. Oder der berühmte Wagen “mit der Ordnungsnummer 8″.

Jedenfalls werden uns die Personen im Gleis “etwa fünf Kilometer” lang schleichen lassen, so dass wir “möglicherweise etwas später in Hannover eintreffen”. Da wird eine komplexe  Kausalität kundenfreundlich transparent gemacht: langsamer fahren = später ankommen. Möglicherweise. “Aber der Zug in Gegenrichtung ist doch gerade ganz normal schnell gefahren”, merkt eine aufmerksame Passagierin an. Wahrscheinlich ist die Erklärung einfach: Betrunkene dürfen hier nur einspurig über die Gleise torkeln.

Ankunft in Hannover: 20 Minuten Verspätung. Die Liste der Anschlusszüge, die alle “leider nicht warten konnten”, ist ellenlang. Eigentlich hat überhaupt keiner gewartet. Der tättowierte Berliner mit dem durchdringenden Ballina-Organ zwei Plätze hinter mir, der das Bahnperson jovial duzt, erklärt einem Menschen am anderen Ende seiner Telefonverbindung dennoch unverdrossen zum zweiten Mal, Bahnreisen seien “dreimal besser wie Fliegen. Hat man Beinfreiheit und so. Ick mach ja da immer 1. Klasse, wa!” Doof ist aus seiner Sicht nur, dass das Internet nicht kostenlos ist. Da muss die Schaffnerin aushelfen. Atze haut sie gleich mal an: “Kannste mir die Bundesliga durchsagen, wa!”

Lauwarm wie die Republik

Im Wagen sind übrigens ausnahmslos alle freien Plätze mit “ggf. freigeben” gekennzeichnet. Darin drückt sich die ganze lauwarme Unentschiedenheit der Berliner Republik aus: Seit wann ist ein Platz nicht mehr schlicht entweder “vergeben” oder “frei”?  Seit wann gibt es selbst hier ein “sowohl als auch, wenn und aber, möglicherweise vielleicht oder eher doch nicht, aber ohne Gewähr? Versicherungsrechtliche Gründe, bestimmt. Auch so ein schönes Wort.

Göttingen. “Hier besteht Anschluss …”, ruft der Schaffner exaltiert, nahezu euphorisch. Kleine Wiedergutmachung für vorhin, was? Verspätungsstatus dennoch: nicht spürbar reduziert. Mache mir Sorgen um das Bahnfreunde-Abendessen nachher im Hotel. Der Ballina macht sich weiterhin nur Sorgen um die Fußball-Zwischenstände.

In Göttingen gibt es überdies eine Premiere: nicht nur Anschluss, sondern Anschluss an eine “Regiotram” nach Kassel. Regiotram? Ich bin schon viel Bahn gefahren in meinem Leben, ich habe sogar das Schild “Osnabrück, Zentrum des Osnabrücker Landes” am dortigen Hauptbahnhof  bestaunt, aber im Leben noch keine Regiotram. Was kommt als nächstes? Der “Regiokopter” nach Fulda?

Frankfurt sollen wir jetzt um 18.12 Uhr erreichen – das wäre ja, das wäre ja … fast undenkbar nah an pünktlich! Müssen, werden wir uns dazu selbst überholen?

Es wird leider immer schwieriger, die rotbackige badische Mutter schräg gegenüber zu überhören, die ihre beiden kleinen niedlichen Mädchen im Vorschulalter zutextet, fast ununterbrochen. Aber wie so viele Eltern, die mit Kleinkindern reisen, redet sie eigentlich gar nicht mit ihrem Nachwuchs, sondern meint in Wirklichkeit alle Umsitzenden: Schaut her, ich kümmere mich um meine Kinder, um meine tollen, hochbegabten Kinder, ich bin nicht so eine Mutter, die einfach ein Buch liest und die Kleinen ihrem Spiel oder um Gotteswillen sich selbst überlässt. Dann würden sie ja nichts lernen, nicht vorankommen im Leben, und vor allem könnten sie möglicherweise für die Sitznachbarn lästig werden.

Mutti wird penetrant

Also wird Mutti lieber selbst sehr, sehr penetrant und lästig: “Lisa, jetzt schreib den Buchstaben dahin! Gib dir mal Mühe! Dieser Strich da ist nicht dick genug! Victoria, ich will von dir gar nichts hören! Du weißt gar nichts! Nicht vorsagen! Denkst du, ich hör das nicht?” Noch eine knappe Stunde. Noch eine knappe Stunde.

Noch eine halbe Stunde. Es geht nicht mehr. Ich kann das pädagogische Trommelfeuer der badischen Übermutter in einem ansonsten längst apathisch schweigenden Großraumwagen, dessen gesamte Belegschaft sie allein terrorisiert, nicht mehr ertragen. Da suche ich mir doch einfach einen anderen Platz im beinahe voll besetzten Zug. Und noch bevor ich damit Erfolg habe, ist es wieder da: “La-Lüüü-La”! Ladies and Gentlemen: The shit has hit the fan. Bremsen, Kriechfahrt, Stillstand. “Meine Damen und Herren, aufgrund einer Weichenstörung ….” Man kann kann ja über die längst verstorbene Deutsche Bundesbahn sagen, was man will: Den Begriff Weichenstörung kannte damals kein Normalsterblicher. Heute ist er so vertraut wie der Wagen mit der Ordnungsnummer acht. Neue Verspätung: 32 Minuten. Bahnfreunde-Abendessen um 19 Uhr, quo vadis?

Wird unser Tester aus der Mitte der Bevölkerung das geheime Bahnlabor just in time erreichen? Wird er noch die Kraft haben, Simulation von Realität zu unterscheiden? Wird er in einen abschließbaren Waggon voller Fahrgäste aus der Hölle gesteckt? Oder wird am Ende alles gut?

Schalten Sie auch nächstes Mal ein, wenn es wieder heißt: “La-Lüüü-La!”

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“Gut 1500 Meter Höhe sind am besten”

Written By: Oliver Driesen - Aug• 14•13

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Nur ein paar schrecklich friedliche Bilder – und die Frage, was der Drohnenkrieg mit Ihnen in Bad Münstereifel zu tun hat

Ein kleiner Junge fährt auf einem BMX-Rad über eine staubige Wüstenpiste. Wir schauen ihm dabei von oben auf den Kopf, aus einer gefühlten Höhe von vielleicht 20 Metern. Auf den hoch auflösenden Filmbildern erkennen wir deutlich seine Haarfarbe, seine Kleidung. Es wirkt fast wie eine Fernsehübertragung von einer Querfeldein-Meisterschaft. Der Junge bekommt davon nichts mit, fühlt sich offensichtlich unbeobachtet. Denn in Wahrheit zieht die Kamera viel, viel höher über ihm ihre langsame Bahn. “Gut 1500 Meter Höhe sind am besten”, erklärt nachher ein Experte mit einem aus gutem Grund unkenntlich gemachtem Gesicht. “Aus dieser Höhe kann er (am Boden) weder etwas hören noch sehen.”

Die Kamera zieht auf, immer mehr Umfeld wird sichtbar, und als der Junge mit dem Rad plötzlich eine Wohnsiedlung mit akkurat geschnittenen Vorgartenrasen und sauber asphaltierten Autostraßen erreicht, wird klar: Dies ist kein Wüstenstaat im Armutsgürtel der Welt, sondern eine friedliche amerikanische Vorort-Idylle, das perfekte Suburbia, mitten im US-Wüstenstaat Nevada.

Der Schauplatz ist kein Zufall, denn von Nevada aus steuern Spezialisten des US-Militärs per Intranet die unbemannten Drohnen, mit deren Bordraketen sie in Pakistan oder Afghanistan “feindliche Kombattanten” ermorden, ohne dass es dazu auch nur den Hauch einer juristischen bzw. völkerrechtlichen Legitimation gäbe. Es sei denn natürlich, man betrachtet als solche die Tatsache, dass kein Geringerer als US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama in seinen berühmten “Dienstagsrunden” die Freigabe zum Abschuss der jeweils neuesten Shortlist von Namen erteilt.

In diesem Fall aber hat der Drohnen-Fernlenker sein Gerät nur einen kleinen Demonstrationsflug machen lassen, um vorzuführen, was die Navigation und die bordeigene Videotechnik kann. Zum Beispiel bei Dunkelheit auch Live-Wärmebilder lebender Körper übertragen, die als weiße Flecken selbst dort für einige Sekunden zurückbleiben, wo ein Mensch gerade noch auf einem nächtlich-kühlen Bordstein gesessen hat. Oder als “gewaltige Fackeln” auflodern, wo sich jemand eine Zigarette anzündet.

Temporäre Lebensversicherung

Dass er in Nevada zuhause ist, darf man derzeit als Lebensversicherung für den kleinen Jungen ansehen, denn wäre er mit seinem BMX-Rad am Stadtrand von Islamabad unterwegs gewesen, hätte ihn möglicherweise vor den Augen der Zuschauer eine Hellfire-Rakete pulverisiert. Zum Beispiel in dem Fall, dass zufällig vor oder hinter ihm ein SUV mit möglicherweise hochrangigen al-Qaida-Funktionären gefahren wäre, dem die vom anderen Ende der Welt aus gezündete Rakete gegolten hätte.

Da kommt es in zahlreichen Fällen zu “Kollateralschäden”. Dem Council on Foreign Relations zufolge hat der US-Senator Lindsay Graham im Februar die bisherige Strecke dieser Menschenjagd so beziffert: “Wir haben 4.700 getötet. Manchmal trifft es Unschuldige, und ich hasse das, aber wir sind im Krieg und wir haben einige sehr hochrangige al-Qaida-Mitglieder kaltgemacht.” (Er sagte wörtlich “we have taken out”. Wohlwollend kann man das auch mit “wir haben ausgeschaltet” übersetzen. Aber ich bin nicht wohlwollend.)

Ja, manchmal trifft es Unschuldige. Bis zu 40 Prozent der illegalen Drohnenopfer sind Unbeteiligte, Passanten, Familienmitglieder, ganze Hochzeitsgesellschaften, kleine Kinder. Wobei wie gesagt selbst die “Schuldigen”, die “Richtigen” unter den Opfern ohne Gerichtsverfahren, Beweisaufnahme, Verteidigung oder irgendeine rechtliche Legitimation zielgerichtet getötet, d.h. ermordet werden. Im Falle eines Kindes ist es lediglich besonders augenfällig, dass hier etwas Ungeheuerliches geschieht. Bloß für den Drohnen-Piloten nicht, der sich ohnehin wie in einem “seit Jahren immer wiederholten Videospiel” fühlt. Auch dies ist ein Originalzitat aus dem beängstigenden Film “What the drone saw” des Dokumentar-Künstlers Omer Fast, der einige dieser anonymen Akteure interviewen konnte.

Der Drohnen-Massenmord, auf den die demokratische Supermacht USA in ihrem inzwischen zum Selbstzweck und Teil der nationalen Folklore gewordenen “War on Terror” so stolz ist, hat also mittlerweile die Dimensionen des größten Terroranschlags der jüngeren Geschichte vom 11. September 2001 (mehr als 3000 Tote) deutlich überschritten. Man hat in Sachen Rechtlosigkeit und Verrohung längst mit dem Gegner gleichgezogen und ist sozusagen mehr als quitt. Aber das heißt nicht, dass das Tele-Morden nicht fortgesetzt, weiter institutionalisiert und perfektioniert würde. Dazu ist es viel zu verführerisch – finanziell, geopolitisch, propagandistisch.

Ein Gedankenspiel

Deshalb ist es ein äußerst nützliches, erhellendes Gedankenspiel, sich folgendes vorzustellen: In einigen Jahren, vielleicht zehn, vielleicht fünfzig, sind die USA zu einer perfekten Hightech-Diktatur herangereift. Bitte, das klingt heute noch für viele unerhört, da wir doch hier über unsere “Freunde” sprechen, wie wir es jahrzehntelang gelernt haben. Aber hätten wir uns vor zehn Jahren vorstellen können, was mit Überwachungs- und Drohnentechnik heute schon an Grundrechtsveletzungen auf elementarster Ebene und in industriellen Dimensionen Alltag geworden ist? Hätten wir uns vorstellen können, dass die Demokratie dermaßen implodiert?

Also, Zeitreise: Da ist nun diese Hightech-Diktatur mit einer perfekten Überwachungs- und “Sicherheits”-Infrastruktur, finanziert, gekauft und ferngesteuert von vollkommen entgrenzt agierenden Konzernen. Nicht wie damals bei Adolf, viel anonymer, viel smarter. Die “befreundeten” Staaten dieses Regimes haben ähnlich autokratische und der globalen Führungselite absolut hörige Strukturen. Es ist in diesem Dystopia nicht mehr notwendig, Staatsterror auf Weltregionen ohne Schutz und Lobby zu beschränken. Nein, jetzt ist auch Deutschland als Schlachtfeld freigegeben, schließlich geht es um maximale “Sicherheit” für friedliebende Bürger. Und da kommen Sie ins Spiel.

Ja, Sie da mit dem zehnjährigen Sohn in Bad Münstereifel oder Norderstedt! Es ist nämlich leider so: Während Ihr Sohn durch das friedliche Wohngebiet radelt, überholt ihn ein unscheinbarer SUV. Hinter den getönten Scheiben sitzt ein böser Mensch. Ein Mensch, dessen E-Mail- und Telefonverkehr zuvor – wie Ihrer auch – gründlich ausgewertet wurde und der seither auf einer schwarzen Liste steht. Die Abarbeitung dieser Liste wurde offiziell in einer Dienstagsrunde freigegeben. Und während Ihr Sohn nur noch 200 Meter von Ihrem hübschen Einamilienhaus entfernt ist, drückt in Nevada jemand auf einen Knopf. Den Rest malen Sie sich jetzt bitte in möglichst realistischen Farben aus.

Und wenn Sie damit fertig sind, sagen Sie bitte laut den Satz: “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.”

Was vom Sommer übrig blieb

Written By: Oliver Driesen - Aug• 08•13

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Ab jetzt an Weihnachten denken! Sonst wird es wieder so ein knappes Rennen …

Die beiden Bürgungsbilder

Written By: Oliver Driesen - Aug• 06•13

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Wie “Marx” und “Brille” wieder einmal meinen Tag machten

Manchmal, wenn es im Büro allzu tumultös hergeht, legt es meine Arbeit als Autor nahe, mir einen ruhigeren Ort zum Schreiben zu suchen. Dann weiche ich aus alter Gewohnheit gerne in die Universitäts- und Staatsblibilothek aus.

Auf diese Weise sind zwei meiner Bücher zu großen Teilen dort entstanden, wo mich nebenbei Millionen Bände Fachliteratur durch ihr Vorhandensein in Reichweite beruhigen. Ich liebe die konzentrierte und höchstens mal durch ein schuldbewusstes Wispern gestörte  Stille der Lesesäle. Am schönsten wird sie übrigens in Wim Wenders’ wunderbarem Schwarzweißfilm “Himmel über Berlin” gewürdigt: wenn die Kamera über den Reihen der Lesenden und Lernenden einer Berliner Bibliothek dahinschwebt und all das Wissen, das aus den bedruckten Seiten in die Köpfe wandert, während dieser Kamerafahrt kurz als geflüsterter Text hörbar wird.

Und ich mag es, ein kleines Café nur eine Treppe weit entfernt zu wissen. In der “StaBi” ist es das Café Libretto. Ein Stück Lebensqualität, vor allem dann, wenn Hochsommer ist und die Hälfte der Studierenden weiblich, ja doch, das Autorenleben hat trotz Zeitungskrise durchaus attraktive Aussichten. Aber was ich eigentlich berichten wollte:

Das alles wird noch übertroffen durch ein Schauspiel, das von allen Universitäts- und Staatsbibliotheken Deutschlands wahrscheinlich nur die Hamburger StaBi zu bieten hat. Ich war etwa ein Jahr lang nicht mehr an diesem Ort gewesen und deshalb ein klein wenig in Sorge, sie könnten nicht mehr da sein. Doch so sicher wie das Amen in der Kirche waren sie da, geradewegs im Libretto, wie immer am Tisch mit Blick auf die an der Kasse vorbeidefilierenden Studentinnen-Rückseiten.

C’est une Universitätsbibliothek, n’est pas?

Es handelt sich um zwei Herren in den, hm, besten Jahren? Falls die späten Sechziger die besten Jahre sind. Jedenfalls sicher jenseits der Pensionierungsgrenze, wenn auch vermutlich nicht emeritiert mangels jemals erlangter Professorenwürde. Auf mich wirken sie eher wie ergraute Privatdozenten. Oder enge Freunde des vor zehn Jahren verstorbenen Hausmeisters. Man weiß es nicht.

Der eine von ihnen sieht mit weißer Mähne und Wallebart aus wie Karl Marx persönlich. Der andere, mit starker Brille und fast glatzköpfig, wetteifert mit ihm um den perfekt zylindrischen Körper, doch dieser interne Wettbewerb hält ihn nicht vom Tragen knielanger Funktionshosen in Beige ab. Der mit der Brille hat meist eine “Monde Diplomatique” dabei, und er scheint sie nicht als Tarnung oder Alibi zu benutzen, sondern tatsächlich willens und in der Lage zu sein, darin zu lesen. Ich meine, es ist eine Universitätsbibliothek, n’est pas?

Er kommt aber meist nicht lange zum Lesen, sondern es tritt eben schon früh am Vormittag Karl Marx hinzu, und dann wird diskutiert. Den ganzen lieben langen akademischen Tag lang, weitestgehend ohne etwas Materielles zu konsumieren. Warum auch, wenn es so viel Geistiges gibt: Weltpolitik, Militärgeschichte, Holocaust-Forschung, Matthias Claudius, Rommel, Heisenberg, eins gibt das andere, es ist ja unglaublich.

“… es ist ja unglaublich, was für eine jahrzehntelange Misswirtschaft die Bremer SPD zu verantworten hat …”

Und 18 Sekunden später, ungelogen, ich saß daneben:

“… das ist Teil der Hannoverschen evangelischen Kirche, da gibt es keine Mönche mehr …”

Und erneut ein Augenzwinkern danach:

“… genau wie dieser Fußballer, Müller, der kommt aus der Ecke, wo sich das Bayerische, Fränkische und Alemannische treffen …”

Jedes dieser Themen wird immer kurz gegenseitig bestätigt und abgenickt, “jaja, nicht?”, so dass klar ist, dass man im Großen und Ganzen derselben akademischen Schule angehört, alles in Ordnung also, keine Feindseligkeiten. Der Redestrom aber nimmt und nimmt kein Ende, Stunde um Stunde. Und an nie vorhersehbaren Stellen wird herzlich gelacht, das heißt weniger herzlich als einvernehmlich, oder vielmehr freudlos akademisch, denn dies war soeben eine kleine intellektuelle Pointe, jaja, nicht?

Nur habe ich die leider wieder nicht verstanden, also akustisch jetzt, obwohl ich mich zum Zweck dieser Niederschrift am Nachbartisch von Karl Marx platziert habe. Aber sie wenden sich halt einander zu und nicht mir. Deshalb fange ich nur Fragmente auf – wie über die Jahre hinweg schon immer, wenn diese beiden in der Nähe des Tisches hockten, an dem ich mit meinem Kaffee saß.

Schikorsky, sagen die Russen

Nun geht Marx mal eben fort, und der Kollege sitzt allein da, greift ansatzlos zum ebenfalls mitgeführten Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und muss angesichts des Aufmacherbildes, einer Szene von Hieronymus Bosch, auf einmal schallend laut und etwas höhnisch lachen, ganz für sich allein.

Aber da ist Marx auch schon wieder zurück hat nun bezauberner Weise eine ausfaltbare Wanderkarte des Mittelweserraums dabei, so dass man übergangslos vom mittelalterlichen Maler her kommend den Flussverlauf studiert, worauf der mit der Brille aber wiederum ohne Umwege auf Bakunin kommt und ich die Herleitung schon wieder nicht richtig mitbekommen habe, könnt ihr nicht mal deutlicher parlieren, mon dieu? Zur Hölle auch, Espressomaschine! Wenn ihr Studenten in der Kassenschlange bitte einfach Fanta bestellen wollt! Seid überhaupt mal leise, wenn Erwachsene sich unterhalten und ich mitzuschreiben versuche!

Der mit der Brille nimmt diese jetzt ab und sieht dadurch aus wie ein in Ehren gealterter Preisboxer, nur ohne Preise. Genau betrachtet und belauscht ist er es, der für 90 Prozent des Wortschwalls verantwortlich zeichnet:

“… von Nordirland kommend, hat er Italien christianisiert …”

“… das lässt sich alles erforschen …”

“… als deutsches Bundesland ist es in der Tat, wann, 1920, jaja, nicht, Sachsen war übrigens einer der ersten deutschen Staaten, der braun wurde …”

” … die NSA hat ihm das kaputtgehauen, die wollten verhindern, dass…”

Karl Marx bleibt oft nicht viel mehr übrig, als – jaja, nicht? – ganze Komplexe abzunicken und durchzuwinken. Eine ungewohnt passive Rolle, die damals dem Weltkommunismus vielleicht einen ganz anderen Verlauf verliehen hätte.

“… jetzt hat er eine Klage eingereicht bei der Bundesstaatsanwaltschaft …” (Stimme bedeutungsvoll gesenkt, keine Chance für NSA-Lauscher wie mich) … die Franzosen … de Gaulle … Merkel hat ja immer … Mascolo beim SPIEGEL … der Kampf gegen den Terrorismus ist ja nichts anderes als eine Propagandaveranstaltung, die George Bush … jaja, nicht?”

“… es gibt einen Hubschrauberkonstrukteur, Sikorsky, Schikorsky sagen die Russen, der …”

“… der Euro wird gespalten, das ist völlig klar, und jetzt wird folgendes passieren …”

Als ob die Bücher undicht wurden

Das alles in höchstens 15 Minuten Echtzeit. Es ist so herrlich. Auch so herrlich hermeneutisch, jaja, nicht? Das Bildungsbürgerblubberkondensat eines halben Jahrhunderts wird hier ausgewrungen wie ein nicht mehr ganz frischer Lappen. So spritzfidel, so wunderbar beliebig in alle Richtungen mäandernd, als seien die Bücher in den Magazinen über uns undicht geworden und durch eine geheime Leckage-Leitung mit den beiden Denk- und Sprechapparaten verbunden, aus denen nun der stete Überfluss sprudelt.

Der Tag geht, Karl Marx auch. Brille wendet sich aufs Neue dem lachhaften SZ-Feuilleton zu. Doch es war heute wieder eine große Show. Das perfekte Geschwurbel bei maximaler Souveränität und Selbstbezogenheit dieses Pärchens macht aus “Marx” und “Brille” etwas, das noch weit über Bildungsbürger hinausgeht. Ich würde so weit gehen zu sagen: Es sind Bürgungsbilder.

Jaja, nicht?

Arbeit, Struktur und der Tod eines anderen

Written By: Oliver Driesen - Aug• 02•13

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Wolfgang Herrndorf lebt öffentlich auf sein Ende zu – und bringt seine Leser dabei immer wieder in verfahrene bis hochnotpeinliche Situationen

Der Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist auf die Zielgerade eingebogen. Das ist ohne Zweifel ein geschmackloser Satz angesichts des Umstands, dass sein Leben mehr als drei Jahre nach der Diagnose eines unheilbaren Hirntumors laut ärztlicher Einschätzung wahrscheinlich in den nächsten Monaten zu Ende geht. Schließlich hat Herrndorf, 48 Jahre alt, dieses Rennen gegen einen unbesiegbaren Gegner nicht freiwillig angetreten und seine Zielmarke nicht selbst gesetzt. Und dennoch drängt sich dieser Eingangssatz bei fortdauernder Lektüre seines introspektiven Blogs Arbeit und Struktur auf. Warum das so ist und was das über Lesererwartungen, über Voyeurismus und Exhibitionismus im Internetzeitalter aussagt, darüber grüble ich seit beinahe ebenso langer Zeit, wie Herrndorf sein eigenartig bewegendes Netztagebuch schreibt – nämlich seit eben jener ausweglosen Diagnose, die ihn traf.

Im Blog, das ursprünglich nur seinen engen Vertrauten offen stehen sollte und das er dann doch auch für ihm völlig Unbekannte wie mich öffentlich stellte, setzt sich der Autor der Erfolgsromane “Tschick” und “Sand” alle paar Tage aufs Neue mit seiner Krankengeschichte und der Aussicht auf den baldigen Tod auseinander – schonungslos gegen sich selbst und seine Umwelt. Es dient ihm aber nicht nur als emotionales Überdruckventil, sondern auch zum Sortieren der Gedanken, zur Konzentration aufs literarische Schreiben. Arbeit und Struktur eben.

Irre, Idioten

Es ist mit diesem Unterfangen längst selbst Literatur geworden, phasenweise sogar ausgesprochen starke Literatur – für die derzeit denn wohl auch die posthumen Druckrechte geregelt werden; Rowohlt soll hier am Zuge sein. Die Qualität dieses Blogs verdankt sich zum einen der editorischen Sorgfalt bei der Niederschrift, die der Autor nie dem Zufall oder dem Impuls überlässt, sondern vor Veröffentlichung jedes Eintrags penibel be- und überarbeitet. Und zum anderen eben der Schonungslosigkeit, die bis hin zu formaljuristischen Beleidigungen geht (was hat man zu verlieren in dieser Situation?). Etwa, wenn missionierende Stalker geschildert werden, die Herrndorf ihre todsicheren Krebstherapien mittels Pendeln oder Bachblüten aufdrängen wollen. Oder religiös Vernarrte, nicht zufrieden, solange sie diese verlorene Seele nicht doch noch zum Herrn bekehrt haben. “Irre” oder “Idioten” zählt da noch zu Herrndorfs sanfteren Repliken.

In diesen Passagen entstehen aus dem blanken Existenzialismus oft hochkomische und treffend satirische Miniaturen, wie sie Ausweis vieler Tagebücher oder Briefwechsel sind, die zu Klassikern wurden; Mark Twains kürzlich erst erschienene “geheime Autobiographie” kommt in den Sinn. Aber dass vor dem Hintergrund der aufziehenden Schwärze soziale Rücksichtnahmen über Bord gehen, ist nicht das eigentlich Aufwühlende an diesem Blog.  ist vielmehr die Tatsache, dass Herrndorf uns Leser durch die Mitleidlosigkeit im Umgang mit seinen eigenen Ängsten, Zornes- und anderen Gefühlen im langen Schatten des Todes auf eine Reise mitnimmt, die uns pausenlos mit der eigenen Fragilität und Sterblichkeit konfrontiert.

Er tut das bisweilen auf eine fast wissenschaftlich nüchterne, bisweilen auf eine zum Heulen menschliche Weise, die uns keinerlei Deckung lässt, weder Versteck noch Ausflucht. Und wenn wir es zulassen und ertragen können, setzt Herrndorf sich und uns auch noch weiteren Sinnfragen aus: Wie halten wir es mit der Distanzlosigkeit des Internets? Dürfen wir tatsächlich in “Echtzeit” Anteil am Sterben eines uns fremden Menschen nehmen? Also am neben der Liebe Intimsten, das zumindest in der Alten Welt des Vor-Internets existierte? Und gehen wir nicht, wenn wir das bejahen, eine merwürdig symbiotische Paarung aus Exhibitionist (Erzähler) und Voyeur (Leser) ein?

Wir User und Spanner

Denn der Konsum dieses Live-Ablebens ist Voyeurismus, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wann sonst hat man schon Gelegenheit, durchs Schlüsselloch eines virtuellen und doch realen Sterbezimmers zu schauen? Wo sonst gibt es einen Todgeweihten, der sich selbst zum Thema macht und dadurch die Lizenz zum Mit-Leiden erteilt – noch dazu als ein Autor, der solch präzisen Journalismus in eigener Sache zu liefern vermag? Was für ein Glücksfall, möchte man fast rufen, doch für wen? Für einen selbst als “User” dieses Formats? Als zukünftig auch einmal Sterbender? Als Krückstock für die Bilanz eines Verlags? Als Meilenstein für die Literaturgeschichte?

Wer “Arbeit und Struktur” liest, abonniert unwillkürlich einen Fortsetzungsroman. Zwar ist dies eigentlich das ganze Gegenteil, “the real thing”, eine authentische Dokumentation – doch kann Herrndorf gar nicht anders, als seiner Ich-Erzähltung eine höchst dramatische Form mit immer wieder auf- und abwallenden Spannungsbögen zuzubilligen. Sie würde ja sonst dem wirklichen Leben und seinem Ende nicht im Ansatz gerecht.

Und da nähern wir uns der für uns Leser peinlichsten Folge des Sich-Einlassens auf die bezahlschrankenfreie Achterbahnfahrt in den Tod eines anderen. Wir haben uns allmählich vertraut gemacht mit den dramatis personae, zu denen neben dem Autor Freunde, Ärzte, Künstlerkollegen zählen,  haben halbbewusst Sympathiepunkte vergeben und mit unserem Helden gehadert, wie wir es aus der Welt des Fiktiven gewohnt sind. Wir erlebten das Vor- und Nachher von einer, zwei, drei Hirnoperationen mit, verfolgten Linderungen und Rückschläge, teilten Fatalismus, Hoffnung, Verzweiflung. Ganz wie im archetypischen Roman herrschte kein Mangel an Krisen und Konflikten, Idyllen und Tragödien. Wie denn auch anders, wenn jemand die ganze Zeit über stirbt und aber auch immer noch mit ganzer Kraft lebt.

Bleiben Sie dran!

Dabei ist es geradezu paradox: Wäre dieser Bericht nur Fiktion, dann würde dem Autor trotz aller zwischenzeitlichen Sensationen Unentschlossenheit und Langatmigkeit vorgeworfen werden. Denn der gleich zu Beginn angekündigte Klimax, er steht im 42. Kapitel immer noch bevor. Das Leben mag die ergreifendsten Geschichten schreiben; es gönnt sich aber auch die Grausamkeit, dabei keinem Hollywood-Erfolgsrezept und keinem verfilmbaren Pacing zu folgen. Hier endlich perviertiert die Rezeption dieses Blogs dann vollends: wenn man als Leser in die Lage gerät, “Nun mach doch mal voran!” zu fordern. Der guten alten narrativen Tradition folgend, die uns stets antrieb: “Bleiben Sie dran!”

Diese in uns entfachte Erregung, dieses fast süchtige Gebanntsein vom sich entfaltenden Todespanorama ist einerseits das größte Kompliment, das dem Schriftsteller Herrndorf gemacht werden kann. Und zugleich die den Menschen verachtendste Grobheit. So stürzt er uns, indem er arglos unsere Sucht nach dem Ultimativen bedient und enttarnt, mit seinem letzten literarischen Produkt als Leser in die größtmöglichen Gewissenskonflikte. Und dabei hätte Wolfgang Herrndorf sicher viel lieber seinen gegen alle statistische Vernunft noch begonnenen Roman mit dem Arbeitstitel “Isa” fertiggestellt. Dieses Werk wurde wohl vereitelt, dafür einem anderen aus dem Chaos eindrucksvolle Gestalt abgerungen.

Arbeit und Struktur, sie haben ungewöhnlich lange standgehalten. Nun stehen sie vor der finalen Auflösung – und der Unsterblichkeit.

Der Titanenfurz – ein Nasenzeugenbericht

Written By: Oliver Driesen - Jul• 21•13

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Um es gleich hier schon klipp und klar zu sagen: Es heißt die Titanenwurz, nicht der Titanenwurz. Der Pflanzenname hat nämlich sprachlich dieselbe Wurzel wie, ähem, “die Wurzel”, aber das ist eine rein akademische Spitzfindigkeit. Für die Masse ist es “der Wurz”. Und die Masse liebt ihn, ihren “Wurz”. So, wie sie auch ihren Gorbi und ihre Loki und überhaupt jeden, den sie nur bei einem knuddeligen Schlumpfnamen nennen kann, ohne Prüfung und Rücksicht auf Verluste ins Herz schließt.

Auch und gerade wenn er / sie / es hässlich ist wie die Nacht und stinkt wie der Leibhaftige, bzw. eben wie “der Wurz”, das allerneueste, allerhippeste Hamburger Sommer-Ding. Die Blume, die in dieser Stadt zum ersten Mal seit 1928 blühte. Da wollten sie alle hin. Und schon wieder also muss ich über ein Hamburger Gartenbau-Event bloggen – allerdings diesmal ein erfreulich kostenloses. Und eines mit nicht unbeträchtlichem Absurditäten-Charme, das muss ich zugeben.

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Ort des Volksvergnügens und Ausnahmezustands: das Tropen-Gewächshaus im Stadtpark Planten un Blomen. Da steht also unter Glas der ursprünglich etwa 1,40 Meter hohe Auswuchs einer tropischen Knolle, wie sie etwa in den Regenwäldern Sumatras gedeiht und auch gern mal doppelt so groß wird. Aus Sumatra übrigens war auch jenes Exemplar gekommen, das im Jahr 1928 im “Warmhaus” des  Botanischen Gartens erblühte und schon damals die örtliche Presse zu dem erstaunten Ausruf verführte: “Auf den ersten Blick erscheint es unfasslich, dass dieser gewaltige Klumpen eine einzige Pflanzenknolle darstellt.”

Gut, dass man die Wilden Zwanziger schrieb und noch nicht Adolfs Tausendjähriges Reich der Prüderie. Denn alsbald schob sich aus dem Klumpen ein spitzes, vorwitzig steifes Pimmelchen in den Gewächshaushimmel. Aber selbst diese Erektion Eskalation war noch nichts gegen den wohligen Schauer, als die Titanenwurz ein einzelnes, vielädrig-fleischiges Blütenblatt entwickelte, das sich schließlich für eine Nacht wie ein ledriger Fächer entfaltete. Aufschrei der Presse: “Die Blüte war (…) von durchdringendem Aasgeruch, der durch die Glaswände des Gewächshauses bis zum Dammtorbahnhof hin zu spüren war.” So die Zeitung vor 85 Jahren.

Von da bis zum Jahr des Herrn 2013 haben durchaus schon in vielen deutschen Städten Titanenwurze geblüht – so in Stuttgart, in Berlin, Bonn und Kiel. Doch wo auch immer: Stets war der hässlichen Pflanze jener olfaktorische Triumph gewiss, der die Besucher zu Brechreiz und Begeisterungsstürmen hinreißt, eigentlich aber bestimmten Insekten zwecks Bestäubung vorgaukeln soll, sie hätten den Logenplatz auf einem toten Tier erwischt.

Aus Stummfilmzeiten kommend, evolutionierte “der Wurz” über die Jahre und Jahrzehnte zum stinkenden Sternchen des Internetzeitalters. Video killed the radio star, doch niemand schlug medial die Muffelblume aus dem Feld. Nur ausgerechnet Hamburg musste ein Menschenalter lang bis zur nächsten Show warten – Weltkrieg zwo, Währungsreform, Mauerbau und Wiedervereinigung, Elfter September und Lehman Brothers flossen erst noch die Elbe hinunter.

Deshalb hatte es sich nun das in der Hansestadt staatstragende NDR-Fernsehen nicht nehmen lassen, einen Licht-Spot wie für Ilja Richter in der guten alten TV-“Disco” und eine Webcam im Warmhaus zu installieren, die eine Woche lang alle paar Sekunden ein aktuelles Bild vom Wurz und seinen Freunden ins Internet überspielte. Die Freunde, also die Ekeltouristen, waren sich dabei mehrheitlich überhaupt nicht bewusst, dass sie im Web-TV zu sehen waren, wie sie ihm huldigten, dem Wurz, in freudig-erregter Erwartung. Nase im Wind und Kamera im Anschlag. Gleich, gleich wird er stinken! Doch der Wurz ließ sich Zeit.

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Und dann, gestern Nacht, ging plötzlich alles ganz schnell. Zu schnell. Ab etwa 23.30 Uhr stand “der Wurz” für kurze Zeit in voller, fauliger Blüte – nach einem der heißesten Tage des Jahres. Eigens öffente das Gewächshaus heute morgen schon um 7 Uhr seine Pforten für die Menschenmassen. Und alle, alle kamen. Und es war ein Ekel, ein berauschtes Nasezuhalten, ein Anbeten und Staunen in Hamburg.

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Ich gebe zu: Auch ich war dabei. Leider konnte ich mich und meine Familie erst etwa vier Stunden nach dem frühmorgendlichen Startschuss zu diesem sonntäglichen Fahrrad-Ausflug bewegen: “Auf! Auf! Zur Stinkeblume!” Und da war es zu spät. Nur noch äußerst dezenter Aasgeruch hing bei unserer Ankunft in der Luft, keineswegs bis zum Dammtorbahnhof reichend. Das Pimmelchen war derweil in sich zusammengesackt – geradezu “kollabiert”, wie ein erschütterter Herr vor Ort berichtete.

Jene, die das Glück gehabt hatten, schon ganz früh dagewesen zu sein, raunten den Nachzüglern zu: “Um sieben war es unerträglich!” – neidische Blicke trafen diese Augen- und Nasenzeugen. Ein junger Mann mit Smartphone, um die verborgene Web-Kamera wissend, telefonierte aus dem Gedränge mit seiner daheim vor dem Notebook sitzenden Freundin: “Ich bin jetzt beim Wurz, kannst du mich sehen?” Rückte hin, rückte her, mit den eigenen Augen stets das Kamera-Auge suchend und doch nicht findend.

Ein etwas älterer Herr, der wohl schon viel gesehen hatte in seinem Leben, sagte beim Anblick des verbliebenen Pflanzenwracks eher enttäuscht zu seiner Begleiterin: “Sieht aus wie ein Putzlappen”. Und meiner zehnjährigen Tochter war es vorbehalten, dem merkwürdigen Gewächs wie auch dem Medienereignis seinen präzisen, wenn auch nicht wissenschaftlichen Namen zu verleihen: Titanenfurz. Der Titanenfurz.