Selten schön: Hamburg-Hamm

Written By: Oliver Driesen - Nov• 19•12

Die Urfassung des folgenden Textes steht drüben bei Buddenbohm, der bloß, weil er neuen Wohnraum außerhalb von St.Georg in Betracht zieht, vor einigen Tagen einen leichtsinnigen Aufruf in sein Blog gestellt hat: Wir sollten Notizen über unseren jeweiligen Hamburger Stadtteil schicken oder online stellen. Es folgte ein Feuerwerk von Beiträgen zu Quartieren zwischen Helgoland und München. Dies hier ist die ergänzte und leicht korrigierte Version meines kleinen Essays über Hamburg-Hamm. Ein paar zentrale und schlichtweg vergessene Attraktionen mussten einfach noch mit rein. Und Bilder natürlich. 

Architektonische Leichtigkeit im Hammer Park
 
Ich will nicht angeben, aber ich lebe in Hamm. Hamburg-Hamm. Fragt mich nicht, wie ich es damals, vor zehn Jahren, geschafft habe, diese Genossenschaftswohnung zu bekommen, groß genug für Mann, Frau und – wie sich herausstellen sollte – zwei Kinder. Es gibt eben Menschen, die fallen mit dem Arsch voran ins pralle Glück.

Hamburg-Hamm. Ja, genau der sagenumwobene Glamour-Stadtteil für die Hardcore-Bohème, drei U-Bahn-Stationen östlich vom Hauptbahnhof. Standort der berühmten Ballettschule von John Neumeier. Ein paar Häuser weiter hält sich seit 100 Jahren ein Laden unklarer Kategorie, wahrscheinlich Drogerie, aber eigentlich Kramladen. Man kann ihn kaum betreten vor Zeugs. Vielen anderen dieser bescheidenen Krimskramsläden ist in letzer Zeit der Garaus gemacht worden. Ersatz ist nicht in Sicht.

Hamm, Wiege des allerersten Ur-Café May, und das auch noch in meinem Rotklinkerblock, wo auch der Café-Gründer hauste. Statt in einem der anderen 500 Rotklinkerblocks. Bis er in anderen Ecken Hamburgs so viele weitere Café Mays geklont gegründet hatte, dass er vor Geld nicht mehr laufen konnte und wegziehen musste. Vielleicht in einen von diesen Langweiler-Stadtteilen westlich der Alster, Eppendorf oder Pöseldorf oder Blankenese, was weiß ich, der Ärmste.

Hamm, das man auch das Hollywood des Ostens nennt, seit hier im vergangenen Sommer die blutigsten Teile des wunderbaren Kinofilms „Banklady“ gedreht wurden, weshalb der alte Türken-Supermarkt Ünüvar schräg gegenüber meiner Wohnung zur 60er-Jahre-Bankfiliale umdekoriert wurde. Unser dauerhaftes Stadtteil-Design verbilligte die Kulissenbauten.

Der Ünüvar als Film-Sparkasse
 

Hamm, wo Kristian Bader seine legendäre Baderanstalt unterhält und bizarre Konzerte, Lesungen (auch ein Herr Buddenbohm soll dort schon zu Gast gewesen sein) oder Trinkgelage veranstaltet. Und wo Buchhändlerin Elke Ehlert von „Seitenweise“ den Stadtteil mit Volksbildung überzieht, ob er will oder nicht. Etwa, wer Arno Schmidt war, der sein größtenteils unverständliches, unles- und -verfilmbares Werk bei uns, in Hamm, geschaffen hat. Genauer gesagt, und diese ebenso feine wie sprachlich hölzerne Unterscheidung ist eine bemerkenswerte Parallele zum Gebrauch im Nachbarstadtteil: Er schuf es in Unten-Hamm.

Ich dagegen wohne in Oben-Hamm. Was bei Isa in Borgfelde erst zaghaft anfängt, nämlich dass die eine Wohngegend etwas höher liegt als die andere, das erlebt man erst bei uns, zwei Kilometer weiter, in seiner ganzen sozial brisanten Konsequenz: Oben-Hamm liegt auf dem Geestrücken, an die zehn Meter höher als der Teil, auf den wir herabblicken. Weil wir nämlich die Gewinner der letzten Eiszeit sind: Damals schob sich die Endmoräne nur bis zur Hammer Dreifaltigkeitskirche. So was kommt von so was her, aufgestanden, Platz vergangen.

Reklame auf dem Geestrücken

Ach, die Dreifaltigkeitskirche. Das gibt es ja auch in ganz Hamburg nicht noch mal. Eine Architektur wie Alpha (Turm) und Omega (Kirchenschiff). Sensationell. Muss man gesehen haben. Auf dem Kirchhof ein überwucherter Grabstein mit Totenschädel-Relief, in den eingraviert steht: Lernet Sterben! Und innen – in der Kirche, nicht im Grab – wirkt Diemut Kraatz-Lütke, das Kirchenmusikgenie. Meine Frau singt da auch im Chor, und ich will schon wieder nicht angeben, aber Diemut holt aus allen das Letzte raus. Ihr Chor HAMMonie hat über die Grenzen Volksdorfs und Bahrenfelds hinaus einen Ruf wie Donnerhall, und das meine ich ernst. Gerade erst kürzlich wieder dieses dreistündige Mendelsohn-Oratorium – ich hatte ja leider Rücken und musste raus, schade.

Frohe Botschaft im Schatten der Dreifaltigkeitskirche
 

Da wäre natürlich noch der Hammer Park, unsere gartenbautechnisch wie historisch interessante grüne Lunge. Sie verfügt über eine 1A-Todespiste für Wintersportler (in den 60ern soll sich dort tatsächlich ein junger Rodler das Genick gebrochen haben), über einen Schachpavillon, wo unzugängliche Russlanddeutsche ihre Figuren in Blechcontainern bunkern, sowie natürlich über das Mehrzweckstadion, das den örtlichen Fußballclub Hamm United FC beherbergt. Der ist ominöserweise erstens anglophon, spielt zweitens entsprechend körperbetont rustikal und hat drittens einen Bogenschützen im Wappen – verstehe das alles, wer will. Ach ja, und dann gibt es da den Minigolfplatz. Wo selbst Hamburger Blogger schon Turniere ausgetragen haben, in grauer Vorzeit.

Hamm verdanke ich die kathartische Erfahrung, dass man Kultur oder Schönheit oder Inspiration viel toller findet, wenn man sie mit der Lupe suchen muss. Für jüngere Leser: Stellt euch vor, jemand verurteilt euch zu drei Wochen Facebook-Entzug – und dann schmuggelt euch einer für fünf Minuten ein Smartphone in die Zelle.

Ich werde aber den Teufel tun und Hamm weiter preisen. Sonst wollt ihr alle hier hin. Und dann ist nix mehr mit bezahlbaren Mieten, das geht ja jetzt schon los. Also bleibt, wo ihr seid! Ihr mögt doch keinen Rotklinker, keine Sozialrentner, keine Rollatoren und Quartalstrinker. Keine muffeligen Änderungsschneidereien und keine Fahrschulen, die „Fahrszination“ heißen. Ihr mögt es auch nicht, auf manchen aufgewühlten Wegen immer noch verkohlte Knochenstückchen zu finden vom Feuersturm, anno 1943.

Ganz toll szenig, habe ich gehört, soll es ja in der Schanze und im Karoviertel sein. Bitte zieht da hin, lärmt und dreckt alles voll und macht einen weiten Bogen um mein Hamm. Danke!

Ode an eine einfache Gemüsebürste

Written By: Oliver Driesen - Nov• 18•12

Oh Gemüsebürste!
Du reinigend Borstige du!
Nicht Vier-, nicht Drei-, nein: beinah perfektes Zweieck
bist du, das hölzerne Auge
im Sturm des geschrubbten Gemüses:
die Ruhe der Reinigung selbst.
Lässt den Städter von heute
wohlig erschauern, gedenkend der
schwieligen, schrundigen Waschweiberhände
von damals ™. Oh, damals ™!
Zu Lande! Beim Bauern!
Wo salatgrünes Blattzeugs (unschön von Raupen zerfressen)
auf balkigen Tisch kam (wer’s mag),
im letzten Dreckloch, pfui Teufel,
aber halt doch animalisch
dekorativ, du anachronistisches Bürstenvieh.
5,95? Gekauft!

 

 

 

Noch ein Programmhinweis: Ulrike Herrmann

Written By: Oliver Driesen - Nov• 11•12

Wenn etwas im 2. Hinterhof stattfindet, bedeutet das zumeist gerade nicht eine minder interessante Veranstaltung. Sondern, wie Kenner wissen: einen kleinen, aber eingeweihten Kreis.

Einem solchen inner circle können Sie am kommenden Mittwoch, dem 14. November angehören. Um 19.30 Uhr kommt dann nämlich die Wirtschaftskorrespondentin der taz, Ulrike Herrmann, in den Kulturladen Hamburg-Hamm, Carl-Petersen-Straße 76 (2. Hinterhof, da haben Sie’s). Herrmann hat ein wichtiges Buch geschrieben, das kürzlich auch als Paperback erschienen ist und uns Wirtschaftswunderenkelkindern Illusionen nimmt: “Hurra, wir dürfen zahlen” räumt auf mit dem Selbstbetrug der Mittelschicht, die sich irgendwie immer noch privilegiert und nahe an der “Elite” wähnt. Die Wahrheit ist laut Herrmann viel schmuckloser: Die Mitte wird langsam ausgeweidet, weil sie sowohl das wachsende Heer der Armen alimentieren muss als auch die Steuerflucht jener immer zahlreicheren Wohlhabenden und Superreichen, die gerade der Mittelschicht aus gutem Grund den Sand der Illusion ins Auge träufeln. Wie der (Selbst-)betrug funktioniert und wie der Spuk zu verscheuchen wäre, das dürfte eine interessante Buchvorstellung und Diskussion ergeben.

Angezettelt hat das ganze mal wieder die Bürgerinitiative “Hamm’se Zivilcourage”. Nie weit entfernt sind dabei die tollen Buchhändlerinnen Elke Ehlert und Bea Holzmann von “Seitenweise”, der Hammer Buchhandlung. Und ich moderiere. Also: Willkommen im 2. Hinterhof!

Ulrike Herrmann

Programmhinweis: Reden wir über das Risiko!

Written By: Oliver Driesen - Okt• 29•12

Wenn Baukonzerne bauen, bleibt oft kein Fettnäpfchen unbetreten. Flughafen BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Stadtschloss Berlin, Jade-Weser-Port … die Liste der Großprojekte mit ungewissem Ausgang und bösen Überraschungen für Steuerzahler ließe sich noch ein Weilchen fortsetzen. Deutschlands größter Baudienstleister, HOCHTIEF, steht als ein Hauptakteur im Lande naturgemäß häufiger im Brennpunkt der diesbezüglichen Kritik – auch wenn sich die Schuldfrage oft alles andere als eindimensional darstellt.

Wie aber geht es besser? Wie kommunizieren Bauträger und -unternehmen ihre Vorhaben publikumsgerecht? Wie wird Transparenz hergestellt? Wie kann PR glaubwürdig bleiben bzw. werden? Zu all diesen Fragen habe ich den Kommunikationschef von HOCHTIEF, Dr. Bernd Pütter, für eine Veranstaltung an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg gewinnen können. Ich selbst werde dabei einführend erzählen, wie ich als Chefredakteur des HOCHTIEF-Magazins “concepts” diese und andere Kommunikationsaufgaben zu unterstützen versuche. Leitung: Prof. Dominik Pietzcker. Die Veranstaltung ist schon übermorgen, also am Mittwoch, dem 31.10., um 18 Uhr in der MHMK, Gertrudenstraße 3. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter info.hh@mhmk wird gebeten.

 

 

An alle creativen Consorten in Hamburg!

Written By: Oliver Driesen - Okt• 20•12

Du bist frei. Du bist jung (at heart). Du brauchst das Geld, kannst aber trotzdem 200 Euro Miete bezahlen. Du bist der/die, vor dem/der dich deine Eltern immer gewarnt haben. Und du willst es doch auch! Nämlich: in einer Lebens- Glaubens- Bürogemeinschaft von Freiberuflern in Sankt Pauli arbeiten. Teil eines Menschengemischs sein, “wie man das sonst nur in der U-Bahn treffen kann” (Carl Undehn). Ich habe das nun zweieinhalb Jahre lang getan und, ja, es ist mir irgendwie ans Herz gewachsen. Daher ist mein Platz nur in gute, vielleicht ja sogar weibliche Hände abzugeben.

Und wenn du selbst nicht die gesuchte Person bist, teile gerne den Link!

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Economia Siciliana

Written By: Oliver Driesen - Okt• 16•12

Bei uns ist alles ist Wirtschaft, immer und überall ist Geld im Spiel. Meist verdrängen wir diese erschütternde Erkenntnis, weil das Leben sonst allzu trübe wäre – wer will schon jeden Kuss und jede andere Art von Dummheit mit dem Gebührenzähler vor dem geistigen Auge abrechnen. Noch besser ist es, Urlaub zu machen und in den südlichsten Zipfel Europas zu fliehen, ins Land der familienbewussten Paten und arglosen Oliven-Pflanzer.

Aber ach: Die Rechnung folgt trotzdem immer auf dem Fuß. Es ist nur eine etwas andere Art von Ökonomie: die Economia Siciliana.

Jungen in Castelbuono spielen Fußball auf dem Kirchhof

Der italienische Fußballprofi Fabio Piscane erhielt im Jahr 2011 ein unmoralisches Angebot: 50.000 Euro dafür, dass er mit seinem Club AC Lumezzane absichtlich verlieren sollte. Piscane lehnte ab, zeigte den Täter an und half so, den italienischen Fußball-Wettskandal aufzudecken. Seither wurde der Abwehrspieler vom Gegner auf fremden Plätzen schon mal als “Buscetta” beschimpft. Tommaso Buscetta war der  bekannteste Kronzeuge gegen die sizilianische Mafia.

Liebesbotschaft an einer einer Haustür in der Altstadt von Cefalú

Die ältesten Graffiti Italiens befinden sich in der Grotte von Addaura bei Palermo: 14.000 Jahre alte Höhlenzeichnungen, die Konturen von Menschen und Tieren auf Felswänden zeigen. Diese Wandmalereien inspirierten findige Geschäftsleute zur Eröffnung des nahe gelegenen Restaurants “Graffiti”. Eigenwerbung: “Unsere Köche realisieren traditionelle und kreative Gerichte.” Und zwar mit einer “Kombination von Geschmäckern, Gerüchen und Farben natürlicher Zutaten”. Moderate Preise, rechnen Sie mit stark färbenden Saucen.

Die “Vulcanelli”, kleine Schlammvulkane in der Nähe von Agrigent, lassen selbst ein Kind wie einen Riesen erscheinen.

Die Besichtigung des etwa einen Quadratkilometer großen Areals der Vulcanelli war im Oktober kostenlos, der improvisierte Kassen-Pavillon einer Naturschutzgesellschaft verwaist. Nennenswerte, teilweise sogar eruptive Umsätze macht hingegen der Ätna-Tourismus: Bei einem Ausbruch im Jahr 2010 waren in der gesamten Provinz Catania die Hotelbetten ausgebucht, viele Anfragen mussten abgelehnt werden. Beliebtes Souvenir in den umliegenden Ortschaften: Aschenbecher aus Lava.

Ein Altstadtbewohner in Cefalú hat sein Mofa längerfristig geparkt

Die sizilianische Polizei entlarvte im Frühjahr 16 Männer , die alle vom selben Arzt als blind eingestuft worden waren und seither eine staatliche Blindenrente erhielten. Allerdings fuhren sie Mofa und arbeiteten als Fremdenführer. Nun wird nicht nur gegen sie ermittelt, sondern auch gegen den Arzt.

Urlauber genießen trotz einer Bauruine das Sonnenbad am Strand von Realmonte

Das Schweizer Fernsehen ermittelte 2008 die sizilianische Kleinstadt Giarre als Hauptstadt unvollendeter öffentlicher Großbauten. Ein fast fertiges Hallenbad scheiterte in den 90er Jahren am Konkurs der Bauunternehmung, die zuvor fast 5 Millionen Euro von Stadt und Region kassiert hatte. Auch das Parkhaus der Stadt blieb ein Rohbau: Es hatte nur eine statt der gesetzlich zwei vorgeschriebenen Zufahrtsrampen. Im Polostadion von Giarre, fast fertig errichtet für 8 Millionen Euro und dann Wind und Wetter überlassen, trainieren immerhin zweimal die Woche junge Fußballer. Nur die Tribünen können nicht für das Publikum freigegeben werden: Sie wurden viel zu steil gebaut. Insgesamt gibt es zwölf unvollendete öffentliche Bauten in der kleinen Stadt. Keines dieser Projekte führte je zu Verfahren gegen die zuständigen Baufirmen, Architekten und Stadtpolitiker.

Ein älterer Mann flämmt eine abgeblätterte Lackschicht von der Tür seines Hauses ab

Der Umgang mit Feuer ist in Sizilien recht freizügig. Fast jeden Abend lag während meines Urlaubs Rauchgeruch in der Luft, weil im trockenen Hinterland jenseits der relativ grünen Küsten karge Felder illegal brandgerodet wurden. Manchmal weiten sich solche Feuer durch den gefürchteten Scirocco unkontrollierbar aus und vernichten Stallungen oder Häuser. Manchmal steckt auch finstere Absicht dahinter: Im Juni brannten fünf Hektar einer Olivenplantage in Lentini bei Catania nieder. Sachschaden: 100.000 Euro. Das Grundstück hatte zuvor einer enteigneten Mafia-Familie gehört.

 

Altar in einer Hausfassade in der Altstadt von Cefalú

Mit Religion ist in Sizilien immer noch viel Geld zu machen. Die Wallfahrtskirche  Il Santuario della Madonna Nera in Tindari etwa ist umlagert von Buden, in denen katholische Devotionalien verkauft werden. Gipsfigürchen der “Schwarzen Madonna” sind schon ab 1 Euro zu haben, es gibt sie in allen Formen und Größen. Allerdings sind auch Pumpguns aus Plastik für die Kinder im Angebot, das nimmt man nicht so genau. Der örtliche Parkplatzbetreiber am Fuß des hohen Felsens, auf dem die Kirche steht, schafft es durch ein ausgeklügeltes System von Warnschildern und sogar ein abgestelltes Polizeifahrzeug, dass man obrigkeitsfürchtig sein gebührenpflichtiges Angebot nutzt. Zu spät stellt man fest, dass man an den “Sperren” ganz legal hätte vorbei und bis fast ganz nach oben fahren dürfen.

Eine Piaggio Ape 50 Pianale, Dreirad-Transporter mit offener Pritsche

“Ape” heißt “Biene”. Der Dreirad-Transporter kam ein Jahr nach ihrer „Schwester“, der Vespa (“Wespe”), auf den Markt. Der Urtyp der Ape von 1947 ist eigentlich eine Vespa mit Ladefläche mit einer Nutzlast von 200 Kilogramm. Es gibt nichts, was nicht auf diese immer wieder modernisierte Pritsche passen würde. Jugendliche dürfen die Ape schon ab 14 Jahren fahren. Dann wird meist ganz schnell frisiert und der 50-ccm-Motor durch einen mit bis zu 133 ccm ersetzt, den spezialisierte Tuningfirmen anbieten. Besonders in den Dörfern der Bergregionen werden regelrechte Tuningschlachten geschlagen. Allerdings kostet schon die Grundausführung mehr als 4000 Euro.

Ältere Männer beim Kartenspiel in der Altstadt von Cefalú

Hier könnte etwas über Glücksspielgewinne oder zur Abwechslung etwas über die Mafia stehen. Aber diese Männer sitzen einfach in der Nachmittagssonne und spielen. So scheint es jedenfalls von weitem. Und wer bin ich, diesen Menschen in die Karten schauen zu wollen.

 

Klimawandel ist Fakt. Wie passen wir uns an?

Written By: Oliver Driesen - Okt• 07•12

Das hat die Menschheit sauber gründlich hinbekommen: Der Klimawandel ist bis auf weiteres nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das Eis der Pole schmilzt in nie dagewesenem Tempo, der Meeresspiegel steigt, die Temperaturen auch – und zwar mindestens noch jahrzehntelang, selbst wenn wir heute mit der CO2-Vermeidung ernst machen würden. Einer der renommiertesten deutschen Klimaforscher, Professor Mojib Latif vom Kieler GEOMAR, hat mir in einem Interview die Folgen für unsere bislang so gemäßigte Region beschrieben. Wir sprachen aber auch darüber, wie man durch angepasste Bauweisen von Gebäuden und Infrastruktur mit den drastischen Wetterphänomenen leben lernen kann, die unsere neue Normalität werden. Das Interview finden Sie hier, (bitte Teaser anklicken oder S.30 aufschlagen). Die Betonung auf Baumaßnahmen ist kein Zufall: Abgedruckt ist das Gespräch in der neuen Ausgabe des Magazins concepts von Hochtief. Und dass der größte deutsche Baukonzern sich fragt, welche Marktchancen der unaufhaltsame Klimawandel mit sich bringt – well, that’s capitalism, isn’t it?

Das D-Wort

Written By: Oliver Driesen - Sep• 30•12

Höflichkeit wird unterschätzt in Deutschland. Wir sind eine Rempel-Kultur, ein Volk sprachloser Ellenbogenleistungssportler. “Entschuldung”? Begriff unbekannt, bitte wählen Sie einen anderen Begriff. “Bitte”? Begriff unbekannt, bitte wählen Sie einen anderen Begriff! “Danke”? Begriff unbekannt, bitte wählen Sie …

Ach, der Dank! Brotloses D-Wort! Weder am Mutter- noch am Vatertag noch am Tag der Deutschen Einheit  danken wir den “Müttern und Vätern unseres Grundgesetzes”. Wobei es wahrscheinlich überhaupt gar keine Mütter des Grundgesetzes gab, die Phrase “Mütter und Väter” verwenden wir diesbezüglich nur aus neuerdings antrainierter Gender-Korrektheit und auch das nur theoretisch, denn wie gesagt: Wir danken niemandem für nichts. Auch wenn es kostenlos wäre: Solange der Return on Investment nicht erwiesen ist, sparen wir uns das lieber.

Aber heute wollen wir mit diesem bösen Brauch brechen – bzw. mit diesem brutalen Brauch, der dreifachen Alliteration wegen. Der Anlass ist ein minderer, das macht die Geste doppelt nobel: Zeilensturm geht für eine kleine Weile in Urlaub. Und da dachte ich und alsbald brach es aus mir heraus: Danke, Leser! Danke, dass du dir das hier immer aufs Neue antust! Danke, dass du darbend wartest, bis der Autor seine Sinnblockaden gelöst und wieder etwas zu Blog gebracht hat! Danke! Ich danke auch den Müttern und Vätern unseres Grundgesetzes und dem Marienkäfer am Fenster, dass er immer da ist, wenn ich ihn nicht brauche. Danke auch euch!

Wofür der Besitzer dieses Verkehrspollers am Nordrand der Lüneburger Heide dankt, weiß ich nicht, aber auch er wird seinen Grund für Demut gehabt haben. Danke, dass Sie nicht gegen meinen Poller gebollert sind! Danke, dass ihr Hund hier gewohnheitsmäßig seine Notdurft verrichtet! Danke, dass Sie meine mangelhaften gärtnerischen Fähigkeiten feinfühlig zu kommentieren vermeiden! Oder auch nur: Danke, dass dies hier das Ende der bekannten Welt ist und es dahinter nur besser werden kann!

Jedenfalls, Leser: Danke! Von Herzen. Und bis bald.

 

 

 

Einsicht, Weitsicht, Zuversicht

Written By: Oliver Driesen - Sep• 21•12

Wer Zeilensturm regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich im Zweifel gegen Wortspiele bin. Sie sind einfach überreizt, ausgelutscht, wirken allzu leicht penetrant und gewollt. Außer natürlich, sie sind vom Meister selbst. So wie in der aktuellen Ausgabe der “Südseiten”, dem Blatt der Bayerischen Börse München, deren Titelgeschichte über nachhaltige Geldanlagen mit “Einsicht, Weitsicht, Zuversicht” überschrieben ist.

Das nämlich sind die drei Kardinaltugenden sozial- und umweltbewusster Kapitalanleger – die leider von der Mehrheit der Geldgeilen in Grund und Boden ignoriert werden. Dabei stimmt die Rendite  bei ersteren bisweilen weitaus mehr als bei letzteren, wie in der Geschichte erklärt wird. Jedenfalls fiel mir diese Zeile ein, als ich meine Recherchen zum Thema abgeschlossen und die Geschichte in die Tastatur getippt hatte. Also setzte ich sie oben drüber. Dann schickte ich das Ganze an die Redaktion. Was ich nicht ahnen konnte: Offenbar hat der Dreiklang aus verwandten Begriffen beim Layout des Heftes eine Saite angeschlagen, so dass sie kurzerhand vier Farbseiten aus drei Wörtern gemacht haben – ein bis heute wahrscheinlich unerreichter Rekord an bildlicher Textausbeute. Und an dieser gelungenen Übertragung ins (Typo-)Grafische möchte ich meine Leser hier optisch teilhaben lassen. Man beachte auch, was ein findiger Schlussredakteur  in die drei doch recht schlichten Worte noch an neuen semantischen Zusammenhängen hineingemogelt hat. Mir gefällt’s!