Der Mann mit der Röntgenkamera

Written By: Oliver Driesen - Jun• 29•13

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Steve McCurry ist der vielfach preisgekrönte Fotograf, der uns im Auftrag des National Geographic bereits in den 1980-er Jahren das Leid Afghanistans in einzigartigen Aufnahmen nahebrachte, als die Menschen dort noch gegen die Russen kämpften. Sein vielleicht berühmtestes Foto ist ein Titelbild aus dem Jahr 1985, das die Angst in den Augen eines vielleicht zwölfjährigen Mädchens zeigt.

Dieses Bild begegnet uns jetzt wieder – in der Retrospektive “Steve McCurry – Überwältigt vom Leben” des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe (MKG, bis 29. September). Ich war zur Presse-Vorpremiere dort und habe mit McCurry ein Videointerview geführt, das zugleich einen kleinen Einblick in die Schau bietet. Einige der Aussagen McCurrys über gutes Fotografieren fand ich in ihrer Prägnanz und  Unumwundenheit dann doch überraschend:

Das Key Visual, also das plakative Werbefoto der Ausstellung selbst, ist hier im Original zu sehen. Es zeigt verhüllte Frauen auf einem Bazar, die wie farbige Stoffbahnen selbst zu den dargebotenen Waren zu gehören scheinen. McCurry berichtete auf der Pressekonferenz der Ausstellung, dass es für ihn durchaus riskant war, das Bild der Gruppe zu schießen. “Ein Bruder oder Ehemann einer der Frauen hätte mich töten können, wenn er es bemerkt hätte, weil ich in seinen Augen die Ehre der Frauen verletzt hätte.”

Wodurch verletzt? Im weitgehend analphabetischen Afghanistan ist der Glaube weit verbreitet, die West-Menschen hätten “Röntgenkameras”, die durch Gewänder hindurchfotografieren. Und wenn man genauer drüber nachdenkt, ist die Vermutung weniger absurd, als sie zunächst anmutet. “Sie glauben das, weil wir schließlich auch Drohnen haben, mit denen wir sie aus heiterem Himmel töten”, erklärt McCurry. Warum sollten Menschen, die überlegene Technologie auf diese Weise demonstrieren, nicht auch bösartig mit Röntgenstrahen fotografieren?

Allerdings ist McCurry in vielerlei Hinsicht wirklich der Mann mit der Röntgenkamera. Seine Bilder von fremden Kulturen und spannungsgeladenen oder gottverlassenen Orten scheinen mehr einzufangen, als für uns Sterbliche auf den ersten Blick sichtbar ist. Da sind immer noch weitere Ebenen und Schwingungen der Wahrheit, da fügen sich Gestalten, Gefühle, Licht und Schatten zu ganz neuen und kraftvollen Eindrücken zusammen.

Nicht wenige seiner Aufnahmen zeigen “Tragik und Humor zugleich”, wie er sie nach eigener Aussage etwa an Kriegsschauplätzen gefunden hat. Auch Schönheit ist fast immer Teil seiner Bilder, selbst wenn sie eine in der Ölpest des Kuwaitkrieges verendende Ente zeigen.

Dabei ist das alles nicht bewusst komponiert: “You are not thinking when you’re shooting”, sagt McCurry. Einmal bemerkte er in einem Krisengebiet auf der Jagd nach Motiven erst viel zu spät, dass er sich mit seinem Jeep längst mitten in einem ausgedehnten Minenfeld befand. Er wendete einfach und fuhr in derselben Spur zurück.

Auch, wenn ich hier erst kürzlich über eine andere Ausstellung des MKG lobend geschrieben habe und in den (unbegründeten) Verdacht der Museums-PR gerate: Ich kann “Überwältigt vom Leben” im MKG nur empfehlen.

Tagesbefehl für Freitag

Written By: Oliver Driesen - Jun• 27•13

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Gesehen an der Kattwyk-Hubbrücke, Hamburg

Geschmack ist keine Glückssache

Written By: Oliver Driesen - Jun• 15•13

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Es gibt doofe Dinge, und es gibt schlimme Dinge. Letztere unterscheiden sich von den einfach nur doofen dadurch, dass sie einen Platz im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe verdient haben. “Schlimme Dinge” ist eine wirklich lohnende kleine Ausstellung (noch bis 15. September), in der ich ruckzuck anderthalb Stunden verbracht habe –  mit erstickten Lachanfällen und großem Erkenntnisgewinn. Denn es geht bei schlimmen Dingen nicht nur vulgär darum, dass sie noch etwas hässlicher sind als die anderen Zumutungen. Man kann das Ganze auch wissenschaftlich aufziehen. Die Frage ist dann: Warum sind sie besonders hervorstechend? Und: Gibt es dafür objektive Kategorien?

Eine erste Ahnung vom Unterschied zwischen doof und schlimm bekommt man schon im Eingangsbereich, wo auf einem langen weißen Tisch Dinge liegen, die Besucher der Ausstellung dort hinterlassen haben. Es ist eine Tauschbörse, ähnlich dem gefürchteten Horror-Wichteln in der Vorweihnachtszeit, bei dem man die allerscheußlichsten Staubfänger und Andenken, die man in den hintersten Kellerecken versteckt hatte, mit bösartiger Freude jemand anderem “schenkt” und nach dem Zufallsprinzip etwas ähnlich Entsetzliches zurück bekommt. Allerdings hängen an den Besuchergaben im MKG nach schönster Museums-Methodik kleine Zettel mit Inventarnummern, auf denen der Spender eine Begründung für die Spende hinterlassen muss.

Das hier ist so ein schlimmes Ding. Mich hat es spontan an den berüchtigten Loriot’schen “Familienbenutzer” erinnert – vollkommen zweckfrei, insbesondere befreit von dem Zweck, dekorativ zu sein, dafür aber mit maximaler Staubfang-Kapazität:

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Mir fällt nicht mal ein halbwegs deskriptiver Name für dieses Etwas ein. “Schneckenhaufen”?  “Muschelbatzen”? Vor Schreck habe ich sogar vergessen, auf dem Begründungszettel des Spenders nachzulesen, aber intuitiv versteht man auch so: Es musste weg, einfach nur weg.

Dann gab es da auf dem Tisch auch noch eines dieser abscheulich gerahmten Riffelbildchen, die beim Dran-Entlanggehen die Perspektive zu wechseln scheinen. Darauf war ein sehr farbenfroher Hahn abgebildet, auf einem Kiefernzweig (!) sitzend vor Sonnenuntergang (!!) am südchinesischen Meer (!!!). Da hatte der Geber drangeschrieben: “Weil es das verdammt noch mal hässlichste 3D-Bild der Welt ist”. Wo er Recht hat …  Aber reicht das? Sind Muschelbatzen und Sonnenuntergangs-Hähne nur hässlich oder schon schlimm? Begeben wir uns in die eigentliche, durchaus zeithistorische Ausstellung.

Bild 3

Diese beiden sind zwei offiziell schlimme Dinge. Und wer jetzt glaubt, sie seien vor einigen Wochen auf dem Open-Air-Polenmarkt in irgend einer Grenzregion der Republik gekauft worden: Sie sind beide um 1900 entstanden, und sie waren damals durchaus funktional gedacht. Der eine als Streichholzhalter, der andere als Tintenfass.

Mit diesen Eigenschaften zählen sie zu den etwa 800 noch erhaltenen Design-Beispielen der so genannten Pazaurek-Sammlung des Landesmuseums Württemberg aus Stuttgart. Gustav Pazaurek, Leiter des Stuttgarter Gewerbemuseums, gehörte dem “Werkbund” an, einer sehr einflussreichen Vereinigung deutscher Künstler, Designer und Kulturpolitiker. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und noch bis etwa 1960 suchte sie Ethik und Ästhetik von Alltagsgegenständen zu definieren und zu optimieren.

Exponate wie die beiden Totenschädel trug der Werkbund schon damals zu einer Art Schock-Ausstellung zusammen, um die Öffentlichkeit durch besonders abschreckende Beispiele zu einem besseren Gestalt-Empfinden zu erziehen. Das tat er nicht wahllos, sondern er ersann eine ganze Reihe Kategorien des Grauens, in die er seine Horrorshow unterteilte. Und er begründete stets penibel, was mit Materialauswahl, Farbgebung, Musterung, Ergonomie, Verwendungszweck oder Herstellungsmotiv schief gelaufen war.

Die beiden Schädel fallen in die nicht ganz so eingängige Sparte “Konstruktionsattrappen und Künstlerscherze”. Humor im Design war damals offenbar stets etwas Anrüchiges – und vielleicht nicht einmal zu Unrecht, denn in unverrückbare Gestalt gegossen ermüdet er schnell, während das Objekt ja noch jahrelang funktionieren oder erfreuen soll. Konstruktionsattrappen waren sie einfach insofern, als das konstruierte Ding – ein Schädel – nur Trugbild und eben nicht das Original aus Knochen war. Eine interessante Kategorie des Schlimmen stellten Pazaurek und der Werkbund auch hiermit vor:

Bild 2

Dies ist “Hurra-Kitsch” der Kaiserzeit. Man wagt nicht sich vorzustellen, wogegen oder wofür diese Creme geholfen haben soll. Ein Gleitmittel für Nationalisten? Sozusagen die Vaseline des Schützen Arsch?  Ach, schlimm … Aber eben keineswegs bloß schlimm von gestern. Denn das ist die wortwörtlich andere Seite der Hamburger Ausstellung “Schimme Dinge”: Stets gegenüber den alten Vitrinen gibt es Regale mit Hängungen heutiger Exponate, die zur jeweiligen – offensichtlich zeitlos gültigen – Kategorie des Werkbunds passen. Beweis gefällig, sagen wir für die Kategorie “Unpassende Schmuckmotive”? Bitte sehr:

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Na gut, werden Sie sagen, ein Einzelstück wahrscheinlich, die Handarbeit eines islamistischen Teppichknüpfers. Was belegt das schon? Und die normative Kategorie “unpassend” ist natürlich auch problematisch, denn diese moralisierende Wertung hält wissenschaftlicher Empirie eher nicht stand. Da müssen schon größere Stückzahlen in die Welt gesetzt werden und zwischen 1 und 1 Million immer dieselbe zerstörerische Wirkung auf unseren Geschmackssinn entfalten. Aber bitte, so geschieht das heute, im Zeitalter der Plastik-Massenproduktion, natürlich auch. Vorreiter auf diesem Gebiet ist japanisches und chinesisches Spielzeug wie das hier:

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Zweck des Spiels “Choke-a-Duck” ist es, die Plastikente so lange zu würgen, bis sie aufhört, mit den Stummelflügeln zu schlagen (“incredible choking sound effect!”). Für Design- und Geschäftsabgründe wie diesen hat das MKG probehalber neue, heutige Kategorien des Schlimmen zu denen des Werkbunds hinzugefügt. Dazu zählen etwa Ressourcenverschwendung, Kinderarbeit oder – wie in diesem Fall – Förderung von Gewaltakzeptanz.

Man kann vom belehrenden Duktus des Werkbunds und der aus allen Vitrinen hervorstechenden Zeigefingerpädagogik halten, was man will. Aber erstens wirken die “abscheulichen Exempel”, die damals statuiert wurden, heute teilweise zum Brüllen komisch. Das wollüstige Schaudern angesichts von purer Scheußlichkeit gehört ja durchaus zu den verdienten Privilegien der sich über schlechten Geschmack erhaben Fühlenden.

Zweitens regen die schlimmen Dinge wirklich zum genauren Hinsehen und Be-Greifen an – möglichst schon vor dem Kauf. Und drittens täte uns etwas mehr Pädagogik, die gut begründet sein müsste und ja auch sein kann, gerade in Geschmacksdingen heute sehr gut. Wo Anything Goes als Dogma gilt, wo jedem Scheiß eine Existenzberechtigung zugebilligt wird, wünscht man sich bisweilen heimlich eine gut bewaffnete Geschmackspolizei herbei.

Nicht nur, weil wir all diese grauenhaften Plastikerzeugnisse samt ihren giftigen Inhaltsstoffen schon bald in den Müllstrudeln von kontinentalen Ausmaßen wiederfinden werden, die auf den Ozeanen treiben.

Anything goes? I don’t think so.

Hamm – Gesichter eines Stadtteils

Written By: Oliver Driesen - Jun• 10•13

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Einige Fotos von “Hammtrara”, dem Schauplatz des Filmbeitrags, finden Sie übrigens hier!

Am kommenden Wochenende ist noch einmal “Hammtrara”. Dabei lesen am Sonnabend, dem 15.6., um 15 Uhr Stefan Kraschon und Sindy Heine aus Hammer Geschichten: Es gibt Auszüge aus den Texten “Aschberg” und ‘Ne Geschichte über Hamm?”, mit denen die beiden den 1. Hammer Literaturwettbewerb der Buchhandlung Seitenweise gewonnen haben. Der Eintritt ist frei. (Ort: Alter EDEKA-Supermarkt, Horner Weg Ecke Caspar-Voght-Straße.)

Ünüvar – Ende eines Supermarkts (6)

Written By: Oliver Driesen - Jun• 05•13

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Regelmäßige Zeilensturm-Leser wissen, dass ich an dieser Stelle seit anderthalb Jahren immer mal wieder das traurige, aber auch bizarre und immer kurioser werdende Ende des EDEKA-Supermarks der türkischen Familie Ünüvar dokumentiere, der (noch) schräg gegenüber meiner Wohnung leersteht. Seit dem Auszug des Supermarkts Ende 2011 hat seine leere bauliche Hülle eine beharrliche Kraft bewiesen, einfach immer weiter zu existieren – zwischenzeitlich auch als Filmkulissen-Bankfiliale aus dem Jahr 1968. Danach verfiel das Gebäude wieder in einen trügerischen Dornröschenschlaf. Und nun tut sich hinter den noch teilweise mit den Sichtblenden der Filmschaffenden verkleideten Schaufensterscheiben erneut etwas Erstaunliches im Ünüvar. In wenigen Tagen wird er sich einmal mehr verwandeln – für zwei Wochenenden in den Schauplatz einer “Sozialen Skulptur”. Sie besteht aus einem Kartonpappen-Labyrinth, das im Groben den Stadtteil darstellt und von den Besuchern mit Bildern und Texten zu Hamm bedeckt werden soll.

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Die Aktion trägt den beinahe schon genialischen Namen Hammtrara. Weil wir ja im Stadtteil Hamm wohnen, einer roten Backsteinsiedlungswohnwüste, der normalerweise jedes hippe Trara abgeht. Gerade das aber macht den Charme des Quartiers aus, wie man merkt, wenn man hier gefühlte 78,5 Jahre gewohnt hat. Nein, im Ernst: Das gar nicht mal so wenige Tolle, das wir hier haben (John Neumeier, Baderanstalt, Stadtveränderer, Buchladen Seitenweise, Café May , Hammer Park und noch ein paar Highlights mehr), das zählt alles doppelt und dreifach so viel wie anderswo. Andererseits droht unserem Kiez auch Gentrifizierung, also rasant steigende Miet- und Immobilienpreise mit allen sozialen Folgen. Familien fehlt eine kindgerechte Verkehrsinfrastruktur und viele Ältere fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt. Davon und von vielem mehr soll Hammtrara erzählen.

Die Initiatoren von Hammtrara beschreiben sich am besten selbst:

Die Gruppe Raum für Ideen entwickelt Ansätze, die Wahrnehmung und Aneignung von Hamm durch die Bewohner zu fördern, die dem Stadtteil mehr Identität geben, die Lebendigkeit des Stadtteils zu entwickeln, das kreative Potenzial zu aktivieren und Menschen im Stadtteil zusammenzuführen. Im ersten Schritt geht es darum den Blick auf Hamm zu schärfen und den Stadtteil zu entdecken.

Hinter Hammtrara verbirgt sich ein komplettes Kulturprogramm. Am kommenden Freitag, dem 7.6., ist ab 19.30 Uhr Vernissage im Ünüvar, Horner Weg Ecke Caspar-Voght-Straße. Alle Hammerinnen und Hammer sind eingeladen, ihre Gäste aus Harvestehude und Blankenese vermutlich auch. Es werden auch Hammer Geschichten gelesen.

Und ich bringe eine Videokamera mit für die Aktion: EinSatz in Hamm! Wer mitmachen will, darf sich dann wie Doreen auf dem Bild unten den pinken Bilderrahmen schnappen und vor der Kamera den Satz vollenden:

Hamm … !

 

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Was Hamm ist, wird dann demnächst hintereinander weg auf diesem Sender ausgestrahlt. Kommt alle! Trara!

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TEDx Hamburg: in 18 Minuten die Welt retten (mit Rhetorik-Tipps)

Written By: Oliver Driesen - Jun• 05•13

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Gestern TEDx Hamburg, mehr als ein Dutzend “ideas worth spreading” auf der Bühne der Laiesz-Halle. Ein langer Tag, 10 bis 18 Uhr, wenn auch mit großzügigen Pausen. Mehr als ein Dutzend Mal ging es darum, mit Hilfe von Technologie, Entertainment und Design (daher TED) und in maximal 18 Minuten Redezeit die Welt zu retten. Oder doch zumindest die Mega-Cites der Welt ein Stück lebenswerter zu machen. Zum Beispiel mit aus “Müll”, in Wahrheit weggeworfenem Rohstoff, designter Kleidung. Oder mit viel mehr Rampen über Treppenstufen, damit Rollstuhlfahrer am Stadtleben teilhaben können. Und viele dieser Ideen oder Projekte, deren Träger von den Organisatoren im Vorfeld handverlesen worden waren, haben wirklich Wert. Vielleicht sogar alle, wenn da nicht … aber dazu gleich.

Mein Favorit war Reinier de Graf vom berühmten Architekturbüro OMA (Rem Koolhaas), dessen Think Tank die Aussagekraft von Zukunftsprognosen aus allen möglichen Lagern und Zeiten empirisch untersucht hat. Eine erwartbare, aber nun statistisch bestätigte Kernaussage: Ökonomen haben ziemlich oft danebengelegen, und nur eine Bevölkerungsgruppe schafft es, so gut wie immer falsch zu visionieren: Politiker. Da waren sogar die Glaubensfanatiker besser, wenn auch nicht mit den alle zwei Jahre auftauchenden Weltuntergangsterminen. Fazit: Eine Prophezeiung ist im Guten wie im Schlechten meist eher ein Kommentar gegenwärtiger Verhältnisse. Und je weniger der Prophet beruflich mit seinem Thema zu tun hatte, desto richtiger liegt er tendenziell  mit der Prophezeiung. Da mal weiter drüber nachdenken.

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Hübsch auch diese Rand-Notiz im wörtlichen Sinne: Jedes Chart ist das handgezeichnete Protokoll eines ganzen Vortrags – während er gehalten wird. Das ist das Geschäftsmodell von Mathias Weitbrecht, seines Zeichens “Visual Facilitator” bzw. “Graphic Recorder”. Ihn buchen auch Firmen für ihre Schulungsseminare, weil ja bekanntlich niemand jemals einen Blick in nachträglich verschickte Sitzungsprotokolle wirft – wohl aber auf eine gut gemachte Infografik mit allen Kerninhalten. Ein Bild sagt eben auch hier mehr als tausend sehr langweilige Zeilen.

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Dann war da noch, als Vertreterin des “E” in “TED”, die Hamburger Sängerin Cäthe, die mit ihrer Band demnächst ihr erstes Album rausbringt, konsequent auf Deutsch. Denn “das ist die Sprache, in der ich liebe” – und das ist ja nun ein schlagendes Argument. Ist sicher alles Geschmacksache, aber mir haben die drei Stücke vom Tage gut gefallen.

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Mittags suchte die Crowd dann die oberen Etagen der ehrwürdigen Halle heim, zwecks Nahungs- und Kontaktaufnahme. Es hilft, wenn gute Ideen nicht immer nur in schäbigem Mensa-Ambiente ventiliert werden müssen, sondern auch mal im Spigelsaal von Versailles.

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Das hier ist Boris Blank, die eine Hälfte des einflussreichen Schweizer Elektronic-Music-and-Art-Duos Yello. Er stellte die App “Yellofier” vor, mit deren Hilfe jeder aus Alltagsgeräuschen musikalische Loops und ganze Stücke zusammenklöppeln kann. Rettet nicht die Welt, aber manchmal sicher den Tag.

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Repräsentant “meines” Büros auf der Bühne: Julian Petrin von Nexthamburg, der über Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung und Crowdsourcing in der Stadtplanung berichtete.  Im Prinzip natürlich auch ein Brüller, wenngleich Julian das Pech hatte, als letzter von über einem Dutzend Speakern auf die Bühne zu müssen.

Und damit bin ich bei den Problemen des Aufmerksamkeitsmanagements, die sich im Laufe eines solchen Tages herauskristallisieren. Mit jeder Minute herausfordernder wurde zum einen die stickige, schwülfeuchte Luft im Theater. Irgendwann hätte auch Martin Luther King im Duett mit Mahatma Ghandi einen Schuhplattler auf die Bühne legen können – bei akutem Sauerstoffmangel wäre es kein Welterfolg geworden. Und es war nicht einmal ein heißer Sommertag.

Unabhängig vom Mikroklima aber gibt es für jeden Speaker (und auch Sie könnten ja demnächst einmal in die Verlegenheit kommen!) ein paar Tabus, die man besser nicht bricht, wenn man sein Publikum wirklich fesseln will. Das allerschlimmste, die nicht enden wollende Rede, war hier ja schon durch die 18-Minuten-Regel ausgeschlossen. Darüber hinaus offenbarten sich im Lauf des Tages folgende:

- Nie über die eigenen Pointen lachen, schon gar nicht als einziger.

- Aber bitte trotzdem welche einbauen. Die Leute finden sie schon, keine Angst.

- Bitte keine kleinteilig beschrifteten x/y-Achsendiagramme in die Präsentation hineinfrickeln, die ab Reihe zwei niemand lesen kann und ohnehin auch nicht will.

- Bitte gerne ein guter Mensch sein, aber möglichst nicht bis hinein in den Tonfall alle Klischees desselben erfüllen.

- Sich bitte nicht in den technischen Details von WLAN-Netzen verlieren, wenn Menschen 119 Euro Eintritt bezahlt haben und es sich um keine Jahrestagung von Elektroingenieuren handelt.

- Wenn alle auf Englisch präsentieren, man sich aber in Deutschland befindet, ist ein penetrant zur Schau gestellter Akzent von wo auch immer eher kontraproduktiv. Das gilt vor allem für Native Speaker. Hey, lupenreines Schulenglisch hat echt Vorzüge!

- Und bitte nicht 23 verschiedene Projektbeispiele in 18 Minuten unterbringen. Man möchte sich doch mal kurz irgendwo auf dieser verrückten Welt zuhause fühlen.

Nichts schlimmer, als wenn am Ende der Moderator mit getragener Stimme in die Stille hinein sagt: Well, thank you for this inspiring idea …

Aber ich habe natürlich gut  “reden”, aus der sicheren Blog-Perspektive. Vor mehr als 300 zahlenden Gästen die Bühne zu rocken, ist für niemanden eine Kleinigkeit. Und alles in allem rockte es gestern durchaus.

Programmhinweis: TEDxHamburg 2013

Written By: Oliver Driesen - Mai• 29•13

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Am kommenden Dienstag wird die Welt gerettet die Stadt neu erfunden. Und zwar bei der TEDx Hamburg 2013. Einen ganzen Tag lang breiten in der  Laieszhalle viele kreative Geister ihre Ideen vor geladenem bzw. zahlendem Publikum aus, aber gottseidank niemand über 18 Minuten lang. Einer davon gibt in diesem Video schon mal einen kleinen Vorgeschmack. Wer nicht vor Ort ist, kann später auf der TEDx-Seite alle Referate auf Video schauen. Es lohnt sich! Oder soll vielleicht alles so bleiben, wie es ist? Na also.

Tagestipp

Written By: Oliver Driesen - Mai• 24•13

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iPray

Written By: Oliver Driesen - Mai• 22•13

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Dieses elektrisch betriebene Gerät ähnelt überraschend einer abgespeckten Ausgabe des legendären Zuse Z3, des historischen Urmodells heutiger Desktopcomputer. Jedoch handelt es sich um kein Rechnersystem, sondern vielmehr um eine Techno-Version des guten alten Opferstocks. Ich entdeckte dieses Modell im katholischen Kirchlein meines Urlaubsdorfs auf Sardinien. Ein Hersteller-Logo war nicht auffindbar, als Baujahr schätze ich grob 1962. Nennen wir die Apparatur, die demnach rund 60 Jahre pausenlos und ohne Austausch wesentlicher Komponenten in Betrieb sein dürfte, der Einfachheit halber iPray.

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Die Funktionsweise des iPray ist vergleichsweise einfach: Beliebige Münze oder Hosenknopf in den vorn zentral angebrachten Schlitz einwerfen, ebenso beliebige Taste drücken – und für eine Weile funzelt die damit individuell verdrahtete E-Kerze mehr oder weniger hell vor sich hin.  In der Zeit Gebet sprechen, fest dran glauben, fertig.

Bei seiner Markteinführung stellte der iPray in Bezug auf die Systemsicherheit eine konsequente Weiterentwicklung des Vorgängermodells dar, dessen Prozessoren noch auf Kerzenwachs basierten. Die Zahl der Kirchenbrände durch umgekippte Opferkerzen nahm deutlich ab, auch Küsterstellen für die System-Wartung konnten wegrationalisiert werden. Mit zunehmender Betriebsdauer ohne Update ist das Brandschutz-Feature allerdings mittlerweile zum Bug geworden: Inzwischen droht die Brandgefahr durch Kurzschlüsse. Hier ist ein Relaunch überfällig, und tatsächlich wollen Insider bereits funktionsfähige Exemplare des iPrayPro gesehen haben.

Kaum etwas ändern dürfte der Hersteller aber an der überragend intuitiven Benutzeroberfläche, die das Modell vom Start weg auch bei der wichtigen Zielgruppe der über 80-Jährigen populär gemacht hatte. Leider handelt es sich bei dieser User Group inzwischen um die 140-Jährigen, wie überhaupt das Mit-Altern der Fangemeinde heute eines der größten Probleme des Konzerns darstellt. Gerade an einer barrierefreien Ergonomie des iPray müsste in dieser Hinsicht noch gearbeitet werden. Eindeutig wurden hier durch das Management die letzten fünf bis zehn Innovationszyklen verpasst.

Interessant ist, dass sich der iPray trotz völlig fehlender Firewall als nahezu immun gegen jede Art von Malware erwiesen hat. Experten schreiben das seiner mit geradezu religiösem Eifer gepflegten, elitären Marktnischenposition zugute.

Vielleicht hat Beten ja doch sehr viel mehr mit Informatik zu tun, als man meinen sollte. Der “direkte Draht zum lieben Gott” bekommt hier eine ganz neue Dimension.

Billiger Urlaubslacher

Written By: Oliver Driesen - Mai• 12•13

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Ein zufälliger Einblick in die Ökonomie des Massentourismus. Ich würde ja verstehen, wenn die Manager unseres italienischen Hotels ihre Botschaft mangels Deutschkenntnissen durch ein Google- oder anderes Übersetzungsprogramm gejagt hätten. Aber dass so eine Software das Wort “Wassel” ausspuckt, kann ich nicht glauben. Oder auch, dass sie “auffrischen” sowohl als Verb als auch substantivisch verwenden würde.

Jedenfalls bestand der Auffrischen aus zwei Wasserkränen an der (Innen-)Wand des Speisesaals, aus denen zu den Abfütterungszeiten wahlweise Weiß- oder Rotwein gezapft werden konnte, bis der Arzt kam. Manchmal schäumte der Rotwein verdächtig beim Zapfen, aber andererseits ist das blasenfreie Rotweinzapfen aus verborgenen Alkoholtanks wohl auch ebenso wenig verbrieftes Recht des deutschen Pauschalurlaubers im Ausland wie das Konsumieren von Wein und Wassel, wann der Auffrischen ist nicht offen.

P.S. In Bezug auf die massenweise Verabfolgung von Flüssignahrung wäre “Tränken” wahrscheinlich das agrarindustriell korrektere Wort als “Abfütterung”. Also Tränkzeiten. Oder Labzeiten? Das Deutsche hat da jene berüchtigte Lücke, die auch beim Gegenstück zum Wort “satt” auf der Flüssigseite klafft. Insofern ist der Auffrischen nicht einmal schlecht. Wirklich gar nicht mal so verkehrt. Der Auffrischen. Passt!

P.P.S. Da fällt mir ein, Isa: Könntest du für die ganzen Medienheinis bitte mal in deiner Deutschstunde den Unterschied zwischen “Explosion” und “Detonation” klarmachen? Danke.