Ünüvar – Ende eines Supermarkts (6)

Written By: Oliver Driesen - Jun• 05•13

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Regelmäßige Zeilensturm-Leser wissen, dass ich an dieser Stelle seit anderthalb Jahren immer mal wieder das traurige, aber auch bizarre und immer kurioser werdende Ende des EDEKA-Supermarks der türkischen Familie Ünüvar dokumentiere, der (noch) schräg gegenüber meiner Wohnung leersteht. Seit dem Auszug des Supermarkts Ende 2011 hat seine leere bauliche Hülle eine beharrliche Kraft bewiesen, einfach immer weiter zu existieren – zwischenzeitlich auch als Filmkulissen-Bankfiliale aus dem Jahr 1968. Danach verfiel das Gebäude wieder in einen trügerischen Dornröschenschlaf. Und nun tut sich hinter den noch teilweise mit den Sichtblenden der Filmschaffenden verkleideten Schaufensterscheiben erneut etwas Erstaunliches im Ünüvar. In wenigen Tagen wird er sich einmal mehr verwandeln – für zwei Wochenenden in den Schauplatz einer “Sozialen Skulptur”. Sie besteht aus einem Kartonpappen-Labyrinth, das im Groben den Stadtteil darstellt und von den Besuchern mit Bildern und Texten zu Hamm bedeckt werden soll.

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Die Aktion trägt den beinahe schon genialischen Namen Hammtrara. Weil wir ja im Stadtteil Hamm wohnen, einer roten Backsteinsiedlungswohnwüste, der normalerweise jedes hippe Trara abgeht. Gerade das aber macht den Charme des Quartiers aus, wie man merkt, wenn man hier gefühlte 78,5 Jahre gewohnt hat. Nein, im Ernst: Das gar nicht mal so wenige Tolle, das wir hier haben (John Neumeier, Baderanstalt, Stadtveränderer, Buchladen Seitenweise, Café May , Hammer Park und noch ein paar Highlights mehr), das zählt alles doppelt und dreifach so viel wie anderswo. Andererseits droht unserem Kiez auch Gentrifizierung, also rasant steigende Miet- und Immobilienpreise mit allen sozialen Folgen. Familien fehlt eine kindgerechte Verkehrsinfrastruktur und viele Ältere fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt. Davon und von vielem mehr soll Hammtrara erzählen.

Die Initiatoren von Hammtrara beschreiben sich am besten selbst:

Die Gruppe Raum für Ideen entwickelt Ansätze, die Wahrnehmung und Aneignung von Hamm durch die Bewohner zu fördern, die dem Stadtteil mehr Identität geben, die Lebendigkeit des Stadtteils zu entwickeln, das kreative Potenzial zu aktivieren und Menschen im Stadtteil zusammenzuführen. Im ersten Schritt geht es darum den Blick auf Hamm zu schärfen und den Stadtteil zu entdecken.

Hinter Hammtrara verbirgt sich ein komplettes Kulturprogramm. Am kommenden Freitag, dem 7.6., ist ab 19.30 Uhr Vernissage im Ünüvar, Horner Weg Ecke Caspar-Voght-Straße. Alle Hammerinnen und Hammer sind eingeladen, ihre Gäste aus Harvestehude und Blankenese vermutlich auch. Es werden auch Hammer Geschichten gelesen.

Und ich bringe eine Videokamera mit für die Aktion: EinSatz in Hamm! Wer mitmachen will, darf sich dann wie Doreen auf dem Bild unten den pinken Bilderrahmen schnappen und vor der Kamera den Satz vollenden:

Hamm … !

 

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Was Hamm ist, wird dann demnächst hintereinander weg auf diesem Sender ausgestrahlt. Kommt alle! Trara!

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TEDx Hamburg: in 18 Minuten die Welt retten (mit Rhetorik-Tipps)

Written By: Oliver Driesen - Jun• 05•13

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Gestern TEDx Hamburg, mehr als ein Dutzend “ideas worth spreading” auf der Bühne der Laiesz-Halle. Ein langer Tag, 10 bis 18 Uhr, wenn auch mit großzügigen Pausen. Mehr als ein Dutzend Mal ging es darum, mit Hilfe von Technologie, Entertainment und Design (daher TED) und in maximal 18 Minuten Redezeit die Welt zu retten. Oder doch zumindest die Mega-Cites der Welt ein Stück lebenswerter zu machen. Zum Beispiel mit aus “Müll”, in Wahrheit weggeworfenem Rohstoff, designter Kleidung. Oder mit viel mehr Rampen über Treppenstufen, damit Rollstuhlfahrer am Stadtleben teilhaben können. Und viele dieser Ideen oder Projekte, deren Träger von den Organisatoren im Vorfeld handverlesen worden waren, haben wirklich Wert. Vielleicht sogar alle, wenn da nicht … aber dazu gleich.

Mein Favorit war Reinier de Graf vom berühmten Architekturbüro OMA (Rem Koolhaas), dessen Think Tank die Aussagekraft von Zukunftsprognosen aus allen möglichen Lagern und Zeiten empirisch untersucht hat. Eine erwartbare, aber nun statistisch bestätigte Kernaussage: Ökonomen haben ziemlich oft danebengelegen, und nur eine Bevölkerungsgruppe schafft es, so gut wie immer falsch zu visionieren: Politiker. Da waren sogar die Glaubensfanatiker besser, wenn auch nicht mit den alle zwei Jahre auftauchenden Weltuntergangsterminen. Fazit: Eine Prophezeiung ist im Guten wie im Schlechten meist eher ein Kommentar gegenwärtiger Verhältnisse. Und je weniger der Prophet beruflich mit seinem Thema zu tun hatte, desto richtiger liegt er tendenziell  mit der Prophezeiung. Da mal weiter drüber nachdenken.

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Hübsch auch diese Rand-Notiz im wörtlichen Sinne: Jedes Chart ist das handgezeichnete Protokoll eines ganzen Vortrags – während er gehalten wird. Das ist das Geschäftsmodell von Mathias Weitbrecht, seines Zeichens “Visual Facilitator” bzw. “Graphic Recorder”. Ihn buchen auch Firmen für ihre Schulungsseminare, weil ja bekanntlich niemand jemals einen Blick in nachträglich verschickte Sitzungsprotokolle wirft – wohl aber auf eine gut gemachte Infografik mit allen Kerninhalten. Ein Bild sagt eben auch hier mehr als tausend sehr langweilige Zeilen.

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Dann war da noch, als Vertreterin des “E” in “TED”, die Hamburger Sängerin Cäthe, die mit ihrer Band demnächst ihr erstes Album rausbringt, konsequent auf Deutsch. Denn “das ist die Sprache, in der ich liebe” – und das ist ja nun ein schlagendes Argument. Ist sicher alles Geschmacksache, aber mir haben die drei Stücke vom Tage gut gefallen.

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Mittags suchte die Crowd dann die oberen Etagen der ehrwürdigen Halle heim, zwecks Nahungs- und Kontaktaufnahme. Es hilft, wenn gute Ideen nicht immer nur in schäbigem Mensa-Ambiente ventiliert werden müssen, sondern auch mal im Spigelsaal von Versailles.

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Das hier ist Boris Blank, die eine Hälfte des einflussreichen Schweizer Elektronic-Music-and-Art-Duos Yello. Er stellte die App “Yellofier” vor, mit deren Hilfe jeder aus Alltagsgeräuschen musikalische Loops und ganze Stücke zusammenklöppeln kann. Rettet nicht die Welt, aber manchmal sicher den Tag.

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Repräsentant “meines” Büros auf der Bühne: Julian Petrin von Nexthamburg, der über Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung und Crowdsourcing in der Stadtplanung berichtete.  Im Prinzip natürlich auch ein Brüller, wenngleich Julian das Pech hatte, als letzter von über einem Dutzend Speakern auf die Bühne zu müssen.

Und damit bin ich bei den Problemen des Aufmerksamkeitsmanagements, die sich im Laufe eines solchen Tages herauskristallisieren. Mit jeder Minute herausfordernder wurde zum einen die stickige, schwülfeuchte Luft im Theater. Irgendwann hätte auch Martin Luther King im Duett mit Mahatma Ghandi einen Schuhplattler auf die Bühne legen können – bei akutem Sauerstoffmangel wäre es kein Welterfolg geworden. Und es war nicht einmal ein heißer Sommertag.

Unabhängig vom Mikroklima aber gibt es für jeden Speaker (und auch Sie könnten ja demnächst einmal in die Verlegenheit kommen!) ein paar Tabus, die man besser nicht bricht, wenn man sein Publikum wirklich fesseln will. Das allerschlimmste, die nicht enden wollende Rede, war hier ja schon durch die 18-Minuten-Regel ausgeschlossen. Darüber hinaus offenbarten sich im Lauf des Tages folgende:

- Nie über die eigenen Pointen lachen, schon gar nicht als einziger.

- Aber bitte trotzdem welche einbauen. Die Leute finden sie schon, keine Angst.

- Bitte keine kleinteilig beschrifteten x/y-Achsendiagramme in die Präsentation hineinfrickeln, die ab Reihe zwei niemand lesen kann und ohnehin auch nicht will.

- Bitte gerne ein guter Mensch sein, aber möglichst nicht bis hinein in den Tonfall alle Klischees desselben erfüllen.

- Sich bitte nicht in den technischen Details von WLAN-Netzen verlieren, wenn Menschen 119 Euro Eintritt bezahlt haben und es sich um keine Jahrestagung von Elektroingenieuren handelt.

- Wenn alle auf Englisch präsentieren, man sich aber in Deutschland befindet, ist ein penetrant zur Schau gestellter Akzent von wo auch immer eher kontraproduktiv. Das gilt vor allem für Native Speaker. Hey, lupenreines Schulenglisch hat echt Vorzüge!

- Und bitte nicht 23 verschiedene Projektbeispiele in 18 Minuten unterbringen. Man möchte sich doch mal kurz irgendwo auf dieser verrückten Welt zuhause fühlen.

Nichts schlimmer, als wenn am Ende der Moderator mit getragener Stimme in die Stille hinein sagt: Well, thank you for this inspiring idea …

Aber ich habe natürlich gut  “reden”, aus der sicheren Blog-Perspektive. Vor mehr als 300 zahlenden Gästen die Bühne zu rocken, ist für niemanden eine Kleinigkeit. Und alles in allem rockte es gestern durchaus.

Programmhinweis: TEDxHamburg 2013

Written By: Oliver Driesen - Mai• 29•13

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Am kommenden Dienstag wird die Welt gerettet die Stadt neu erfunden. Und zwar bei der TEDx Hamburg 2013. Einen ganzen Tag lang breiten in der  Laieszhalle viele kreative Geister ihre Ideen vor geladenem bzw. zahlendem Publikum aus, aber gottseidank niemand über 18 Minuten lang. Einer davon gibt in diesem Video schon mal einen kleinen Vorgeschmack. Wer nicht vor Ort ist, kann später auf der TEDx-Seite alle Referate auf Video schauen. Es lohnt sich! Oder soll vielleicht alles so bleiben, wie es ist? Na also.

Tagestipp

Written By: Oliver Driesen - Mai• 24•13

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iPray

Written By: Oliver Driesen - Mai• 22•13

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Dieses elektrisch betriebene Gerät ähnelt überraschend einer abgespeckten Ausgabe des legendären Zuse Z3, des historischen Urmodells heutiger Desktopcomputer. Jedoch handelt es sich um kein Rechnersystem, sondern vielmehr um eine Techno-Version des guten alten Opferstocks. Ich entdeckte dieses Modell im katholischen Kirchlein meines Urlaubsdorfs auf Sardinien. Ein Hersteller-Logo war nicht auffindbar, als Baujahr schätze ich grob 1962. Nennen wir die Apparatur, die demnach rund 60 Jahre pausenlos und ohne Austausch wesentlicher Komponenten in Betrieb sein dürfte, der Einfachheit halber iPray.

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Die Funktionsweise des iPray ist vergleichsweise einfach: Beliebige Münze oder Hosenknopf in den vorn zentral angebrachten Schlitz einwerfen, ebenso beliebige Taste drücken – und für eine Weile funzelt die damit individuell verdrahtete E-Kerze mehr oder weniger hell vor sich hin.  In der Zeit Gebet sprechen, fest dran glauben, fertig.

Bei seiner Markteinführung stellte der iPray in Bezug auf die Systemsicherheit eine konsequente Weiterentwicklung des Vorgängermodells dar, dessen Prozessoren noch auf Kerzenwachs basierten. Die Zahl der Kirchenbrände durch umgekippte Opferkerzen nahm deutlich ab, auch Küsterstellen für die System-Wartung konnten wegrationalisiert werden. Mit zunehmender Betriebsdauer ohne Update ist das Brandschutz-Feature allerdings mittlerweile zum Bug geworden: Inzwischen droht die Brandgefahr durch Kurzschlüsse. Hier ist ein Relaunch überfällig, und tatsächlich wollen Insider bereits funktionsfähige Exemplare des iPrayPro gesehen haben.

Kaum etwas ändern dürfte der Hersteller aber an der überragend intuitiven Benutzeroberfläche, die das Modell vom Start weg auch bei der wichtigen Zielgruppe der über 80-Jährigen populär gemacht hatte. Leider handelt es sich bei dieser User Group inzwischen um die 140-Jährigen, wie überhaupt das Mit-Altern der Fangemeinde heute eines der größten Probleme des Konzerns darstellt. Gerade an einer barrierefreien Ergonomie des iPray müsste in dieser Hinsicht noch gearbeitet werden. Eindeutig wurden hier durch das Management die letzten fünf bis zehn Innovationszyklen verpasst.

Interessant ist, dass sich der iPray trotz völlig fehlender Firewall als nahezu immun gegen jede Art von Malware erwiesen hat. Experten schreiben das seiner mit geradezu religiösem Eifer gepflegten, elitären Marktnischenposition zugute.

Vielleicht hat Beten ja doch sehr viel mehr mit Informatik zu tun, als man meinen sollte. Der “direkte Draht zum lieben Gott” bekommt hier eine ganz neue Dimension.

Billiger Urlaubslacher

Written By: Oliver Driesen - Mai• 12•13

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Ein zufälliger Einblick in die Ökonomie des Massentourismus. Ich würde ja verstehen, wenn die Manager unseres italienischen Hotels ihre Botschaft mangels Deutschkenntnissen durch ein Google- oder anderes Übersetzungsprogramm gejagt hätten. Aber dass so eine Software das Wort “Wassel” ausspuckt, kann ich nicht glauben. Oder auch, dass sie “auffrischen” sowohl als Verb als auch substantivisch verwenden würde.

Jedenfalls bestand der Auffrischen aus zwei Wasserkränen an der (Innen-)Wand des Speisesaals, aus denen zu den Abfütterungszeiten wahlweise Weiß- oder Rotwein gezapft werden konnte, bis der Arzt kam. Manchmal schäumte der Rotwein verdächtig beim Zapfen, aber andererseits ist das blasenfreie Rotweinzapfen aus verborgenen Alkoholtanks wohl auch ebenso wenig verbrieftes Recht des deutschen Pauschalurlaubers im Ausland wie das Konsumieren von Wein und Wassel, wann der Auffrischen ist nicht offen.

P.S. In Bezug auf die massenweise Verabfolgung von Flüssignahrung wäre “Tränken” wahrscheinlich das agrarindustriell korrektere Wort als “Abfütterung”. Also Tränkzeiten. Oder Labzeiten? Das Deutsche hat da jene berüchtigte Lücke, die auch beim Gegenstück zum Wort “satt” auf der Flüssigseite klafft. Insofern ist der Auffrischen nicht einmal schlecht. Wirklich gar nicht mal so verkehrt. Der Auffrischen. Passt!

P.P.S. Da fällt mir ein, Isa: Könntest du für die ganzen Medienheinis bitte mal in deiner Deutschstunde den Unterschied zwischen “Explosion” und “Detonation” klarmachen? Danke.

Rätsel um William S. Burroughs

Written By: Oliver Driesen - Apr• 15•13

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Das hier ist die Schreibmaschine von William S. Burroughs (1914-1997). Ich stand ihr am Wochenende bei der Langen Nacht der Museen gegenüber, denn sie ist Teil der Burroughs-Schau in der überhaupt ja sehr zu empfehlenden Sammlung Falckenberg.  Zur Erinnerung, Burroughs, das war der, der seine Frau beim Versuch, im Drogenrausch Wilhelm Tell zu spielen, aus Versehen erschoss. Später wurde er vom US-Präsidenten für seine Leistungen, also seine sonstigen, mit einem wichtigen Orden behängt.

Jedenfalls. Das hier war also seine Schreibmaschine. Wenn man das Bild zweimal anklickt, dann sollte es deutlich größer erscheinen. Und da stellt sich nun Betrachtern mit einer sehr genauen Beobachtungsgabe ein Rätsel. Genau genommen gleich zwei, denn wenn man das erste entdeckt, dann wirft das gleich noch eine weitere Frage auf. Deswegen vertraue ich hier auf die berüchtigte Schwarmintelligenz der Zeilensturm-Leser und sachdienliche Hinweise zu folgenden Herausforderungen:

1. Was stimmt hier nicht?

2. Aber wie hat er dann überhaupt seine Bücher schreiben können?

Schwärm aus, du Schwarm! Lösungen demnächst an dieser Stelle.

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Nachtrag 26.4.: Hier also die versprochenen Lösungen.

zu 1.: Nein, es ist nicht das “ß”, das auf der US-Tastatur fehlt. Und es ist auch nicht das Farbband, das ja jederzeit leicht ersetzbar wäre. Tatsächlich fehlt die Taste für die Ziffer 1.  Und das ist doch äußerst merkwürdig, zumal die anderen Zifern alle da sind, wo sie sein sollten. Die 1 aber dürfte auch im Englischen nicht so ohne weiteres verzichtbar sein.

zu 2: Es sei denn, sie wird einfach durch die hochgestellte Taste für den Buchstaben “I” ersetzt. Nachweislich verwendete Burroughs die Ziffer 1 in seinen Romanen nicht seltener als andere. Also wird er’s wohl auf diese Weise gelöst haben. Aber bizarr bleibt es doch – so wie der ganze Kerl.

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Nachtrag, 30.4.13: Der nachträgliche güldende Hauptpreis für unbezahlte Recherche geht aber an den Leser (und Kollegen) A. Beerlage, der folgendes mitteilt:

Im Angelsächsischen wird die handschriftliche EINS ja nur als Strich und ohne den oberen halben Dachwinkel geschrieben, den wir so gerne nutzen.Die Remingtons zumindest haben wohl aus diesem Grund alle keine 1 gehabt (s.u.).

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Fazit: Alle US- und UK-Schriftsteller sind (oder waren) ein bisschen Burroughs. Grund ist aber nur die primitive Technologie Ihrer mechanischen Schreibgeräte.

 

Kugel zu vergeben

Written By: Oliver Driesen - Apr• 12•13

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Gesehen in Hamburg Str.Georg. Ich klammere mich jetzt mal an die Hoffnung, dass dieses Gesuch ein Fake ist, eine subversive Aktion gegen den in dieser Stadt grassierenden Wohnungsmarkt-Wahnsinn. Denn es passt ja offensichtlich gar nichts zusammen: Jemand, der mit “Dringlichkeitsschein” eine Sozialwohnung sucht, weil er eben gerade nur ein sehr begrenztes Budget hat, soll bereit sein, 15.000 Euro “Vermieterprovision” locker zu machen?  Notfalls für eine 1,5-Zimmer-Wohnung in irgendeinem Hamburger Außenstadtteil, sofern er nur U- oder S-Bahn-Anschluss hat?

Andererseits.

Könnte es wahr sein? Könnte diese neue Stufe des gesamtgesellschaftlichen Irrsinns in unserer Stadt schon erreicht sein? In St.Georg werden für unspektakuläre Altbauwohnungen inzwischen Mieten gefordert, für die die Bezeichnung “unanständig” noch geschönt erscheint. Es entstehen in Hamburg Neubauwohnungen in “Bestlage”, die für 3.000.000 Euro verkauft sind, bevor noch eine Kelle Mörtel verstrichen wurde. Und für den Schmuddelstadtteil Wilhelmsburg auf der Elbinsel hat ein Vertreter der Handelskammer folgende Vision, wo doch jetzt durch die Neubauprojekte der IBA vor allem auch Besserverdienende dort hinziehen werden:  „Die Zusammensetzung der Bevölkerung wird höherwertiger sein, als die Segmente, die sich in der bisherigen Bevölkerungsstruktur abgebildet haben.“ Diesen Satz bitte ausschneiden, vertonen und mehrmals täglich im Chor vor dem Haupteingang der Handelskammer absingen.

Sagen wir, es sei kein Fake. Sagen wir, dass da tatsächlich alle Zettelchen mit der Telefonnummer von potenziellen Vermietern abgerissen wurden, die ihr Glück kaum fassen konnten. Und stellen wir uns eine alleinerziehende Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter vor, die auf diese Weise ihre Traumwohnung unterm Dach in einem Rahlstedter Rotklinkerbau findet. Und stellen wir uns vor, wie der Vermieter an ihre Tür klopft und freundlich sagt: “Übrigens, die Treppe muss noch geputzt werden – und hier auf diesem Zettel steht meine Kontonommer für die 15 Mille, aber bitte noch diese Woche, ja? Schönen Tag noch!”

Stellen wir uns das alles vor und geben wir uns – oder noch besser dem Vermieter – die Kugel.

 

Hilf dir selbst

Written By: Oliver Driesen - Apr• 06•13

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Programmhinweis: Maximilian Buddenbohm

Written By: Oliver Driesen - Mrz• 17•13

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Maximilian Buddenbohm ist der lebende Beweis dafür, dass Blogger auch Buchmacher Buchautoren sein können. Genau genommen hat er erst gebloggt – nämlich die vom milden Wahnsinn des Ehe- und Familienalltags gespeisten Herzdamengeschichten –  und ist dann und deswegen von Verlagen entdeckt worden. Aus seinen ersten drei Büchern wissen wir zum Beispiel, wie man eine Strandjugend übersteht, wie man eine Familie wird und wie man Kinder erzieht, ohne ganze Stadtviertel in Schutt und Asche zu legen.

In seinem  vierten Buch “Marmelade im Zonenrandgebiet” geht es ums Erwachsenwerden. Das muss man nämlich auch in Norddeutschland, aber als Lektüre ist es alles andere als eine Pflichtübung. «Die Kombination aus kluger Beobachtungsgabe, trockenem Humor, feingeschliffener Sprache und Warmherzigkeit macht Maximilian Buddenbohms Texte einfach unwiderstehlich.» (Kerstin Gier)

Am 24. März, das ist kommenden Sonntag, liest Maximilian Buddenbohm aus “Marmelade im Zonenrandgebiet”: um 15 Uhr bei den “Stadtveränderern” in Hamburg-Hamm, Hammer Steindamm 62 (wer sich auskennt: das Haus mit der “Baderanstalt”). Und ich moderiere und interviewe ein wenig. Eintritt 8 Euro. Kommt alle!