Arbeit, Struktur und der Tod eines anderen

Written By: Oliver Driesen - Aug• 02•13

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Wolfgang Herrndorf lebt öffentlich auf sein Ende zu – und bringt seine Leser dabei immer wieder in verfahrene bis hochnotpeinliche Situationen

Der Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist auf die Zielgerade eingebogen. Das ist ohne Zweifel ein geschmackloser Satz angesichts des Umstands, dass sein Leben mehr als drei Jahre nach der Diagnose eines unheilbaren Hirntumors laut ärztlicher Einschätzung wahrscheinlich in den nächsten Monaten zu Ende geht. Schließlich hat Herrndorf, 48 Jahre alt, dieses Rennen gegen einen unbesiegbaren Gegner nicht freiwillig angetreten und seine Zielmarke nicht selbst gesetzt. Und dennoch drängt sich dieser Eingangssatz bei fortdauernder Lektüre seines introspektiven Blogs Arbeit und Struktur auf. Warum das so ist und was das über Lesererwartungen, über Voyeurismus und Exhibitionismus im Internetzeitalter aussagt, darüber grüble ich seit beinahe ebenso langer Zeit, wie Herrndorf sein eigenartig bewegendes Netztagebuch schreibt – nämlich seit eben jener ausweglosen Diagnose, die ihn traf.

Im Blog, das ursprünglich nur seinen engen Vertrauten offen stehen sollte und das er dann doch auch für ihm völlig Unbekannte wie mich öffentlich stellte, setzt sich der Autor der Erfolgsromane “Tschick” und “Sand” alle paar Tage aufs Neue mit seiner Krankengeschichte und der Aussicht auf den baldigen Tod auseinander – schonungslos gegen sich selbst und seine Umwelt. Es dient ihm aber nicht nur als emotionales Überdruckventil, sondern auch zum Sortieren der Gedanken, zur Konzentration aufs literarische Schreiben. Arbeit und Struktur eben.

Irre, Idioten

Es ist mit diesem Unterfangen längst selbst Literatur geworden, phasenweise sogar ausgesprochen starke Literatur – für die derzeit denn wohl auch die posthumen Druckrechte geregelt werden; Rowohlt soll hier am Zuge sein. Die Qualität dieses Blogs verdankt sich zum einen der editorischen Sorgfalt bei der Niederschrift, die der Autor nie dem Zufall oder dem Impuls überlässt, sondern vor Veröffentlichung jedes Eintrags penibel be- und überarbeitet. Und zum anderen eben der Schonungslosigkeit, die bis hin zu formaljuristischen Beleidigungen geht (was hat man zu verlieren in dieser Situation?). Etwa, wenn missionierende Stalker geschildert werden, die Herrndorf ihre todsicheren Krebstherapien mittels Pendeln oder Bachblüten aufdrängen wollen. Oder religiös Vernarrte, nicht zufrieden, solange sie diese verlorene Seele nicht doch noch zum Herrn bekehrt haben. “Irre” oder “Idioten” zählt da noch zu Herrndorfs sanfteren Repliken.

In diesen Passagen entstehen aus dem blanken Existenzialismus oft hochkomische und treffend satirische Miniaturen, wie sie Ausweis vieler Tagebücher oder Briefwechsel sind, die zu Klassikern wurden; Mark Twains kürzlich erst erschienene “geheime Autobiographie” kommt in den Sinn. Aber dass vor dem Hintergrund der aufziehenden Schwärze soziale Rücksichtnahmen über Bord gehen, ist nicht das eigentlich Aufwühlende an diesem Blog.  ist vielmehr die Tatsache, dass Herrndorf uns Leser durch die Mitleidlosigkeit im Umgang mit seinen eigenen Ängsten, Zornes- und anderen Gefühlen im langen Schatten des Todes auf eine Reise mitnimmt, die uns pausenlos mit der eigenen Fragilität und Sterblichkeit konfrontiert.

Er tut das bisweilen auf eine fast wissenschaftlich nüchterne, bisweilen auf eine zum Heulen menschliche Weise, die uns keinerlei Deckung lässt, weder Versteck noch Ausflucht. Und wenn wir es zulassen und ertragen können, setzt Herrndorf sich und uns auch noch weiteren Sinnfragen aus: Wie halten wir es mit der Distanzlosigkeit des Internets? Dürfen wir tatsächlich in “Echtzeit” Anteil am Sterben eines uns fremden Menschen nehmen? Also am neben der Liebe Intimsten, das zumindest in der Alten Welt des Vor-Internets existierte? Und gehen wir nicht, wenn wir das bejahen, eine merwürdig symbiotische Paarung aus Exhibitionist (Erzähler) und Voyeur (Leser) ein?

Wir User und Spanner

Denn der Konsum dieses Live-Ablebens ist Voyeurismus, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wann sonst hat man schon Gelegenheit, durchs Schlüsselloch eines virtuellen und doch realen Sterbezimmers zu schauen? Wo sonst gibt es einen Todgeweihten, der sich selbst zum Thema macht und dadurch die Lizenz zum Mit-Leiden erteilt – noch dazu als ein Autor, der solch präzisen Journalismus in eigener Sache zu liefern vermag? Was für ein Glücksfall, möchte man fast rufen, doch für wen? Für einen selbst als “User” dieses Formats? Als zukünftig auch einmal Sterbender? Als Krückstock für die Bilanz eines Verlags? Als Meilenstein für die Literaturgeschichte?

Wer “Arbeit und Struktur” liest, abonniert unwillkürlich einen Fortsetzungsroman. Zwar ist dies eigentlich das ganze Gegenteil, “the real thing”, eine authentische Dokumentation – doch kann Herrndorf gar nicht anders, als seiner Ich-Erzähltung eine höchst dramatische Form mit immer wieder auf- und abwallenden Spannungsbögen zuzubilligen. Sie würde ja sonst dem wirklichen Leben und seinem Ende nicht im Ansatz gerecht.

Und da nähern wir uns der für uns Leser peinlichsten Folge des Sich-Einlassens auf die bezahlschrankenfreie Achterbahnfahrt in den Tod eines anderen. Wir haben uns allmählich vertraut gemacht mit den dramatis personae, zu denen neben dem Autor Freunde, Ärzte, Künstlerkollegen zählen,  haben halbbewusst Sympathiepunkte vergeben und mit unserem Helden gehadert, wie wir es aus der Welt des Fiktiven gewohnt sind. Wir erlebten das Vor- und Nachher von einer, zwei, drei Hirnoperationen mit, verfolgten Linderungen und Rückschläge, teilten Fatalismus, Hoffnung, Verzweiflung. Ganz wie im archetypischen Roman herrschte kein Mangel an Krisen und Konflikten, Idyllen und Tragödien. Wie denn auch anders, wenn jemand die ganze Zeit über stirbt und aber auch immer noch mit ganzer Kraft lebt.

Bleiben Sie dran!

Dabei ist es geradezu paradox: Wäre dieser Bericht nur Fiktion, dann würde dem Autor trotz aller zwischenzeitlichen Sensationen Unentschlossenheit und Langatmigkeit vorgeworfen werden. Denn der gleich zu Beginn angekündigte Klimax, er steht im 42. Kapitel immer noch bevor. Das Leben mag die ergreifendsten Geschichten schreiben; es gönnt sich aber auch die Grausamkeit, dabei keinem Hollywood-Erfolgsrezept und keinem verfilmbaren Pacing zu folgen. Hier endlich perviertiert die Rezeption dieses Blogs dann vollends: wenn man als Leser in die Lage gerät, “Nun mach doch mal voran!” zu fordern. Der guten alten narrativen Tradition folgend, die uns stets antrieb: “Bleiben Sie dran!”

Diese in uns entfachte Erregung, dieses fast süchtige Gebanntsein vom sich entfaltenden Todespanorama ist einerseits das größte Kompliment, das dem Schriftsteller Herrndorf gemacht werden kann. Und zugleich die den Menschen verachtendste Grobheit. So stürzt er uns, indem er arglos unsere Sucht nach dem Ultimativen bedient und enttarnt, mit seinem letzten literarischen Produkt als Leser in die größtmöglichen Gewissenskonflikte. Und dabei hätte Wolfgang Herrndorf sicher viel lieber seinen gegen alle statistische Vernunft noch begonnenen Roman mit dem Arbeitstitel “Isa” fertiggestellt. Dieses Werk wurde wohl vereitelt, dafür einem anderen aus dem Chaos eindrucksvolle Gestalt abgerungen.

Arbeit und Struktur, sie haben ungewöhnlich lange standgehalten. Nun stehen sie vor der finalen Auflösung – und der Unsterblichkeit.

Der Titanenfurz – ein Nasenzeugenbericht

Written By: Oliver Driesen - Jul• 21•13

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Um es gleich hier schon klipp und klar zu sagen: Es heißt die Titanenwurz, nicht der Titanenwurz. Der Pflanzenname hat nämlich sprachlich dieselbe Wurzel wie, ähem, “die Wurzel”, aber das ist eine rein akademische Spitzfindigkeit. Für die Masse ist es “der Wurz”. Und die Masse liebt ihn, ihren “Wurz”. So, wie sie auch ihren Gorbi und ihre Loki und überhaupt jeden, den sie nur bei einem knuddeligen Schlumpfnamen nennen kann, ohne Prüfung und Rücksicht auf Verluste ins Herz schließt.

Auch und gerade wenn er / sie / es hässlich ist wie die Nacht und stinkt wie der Leibhaftige, bzw. eben wie “der Wurz”, das allerneueste, allerhippeste Hamburger Sommer-Ding. Die Blume, die in dieser Stadt zum ersten Mal seit 1928 blühte. Da wollten sie alle hin. Und schon wieder also muss ich über ein Hamburger Gartenbau-Event bloggen – allerdings diesmal ein erfreulich kostenloses. Und eines mit nicht unbeträchtlichem Absurditäten-Charme, das muss ich zugeben.

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Ort des Volksvergnügens und Ausnahmezustands: das Tropen-Gewächshaus im Stadtpark Planten un Blomen. Da steht also unter Glas der ursprünglich etwa 1,40 Meter hohe Auswuchs einer tropischen Knolle, wie sie etwa in den Regenwäldern Sumatras gedeiht und auch gern mal doppelt so groß wird. Aus Sumatra übrigens war auch jenes Exemplar gekommen, das im Jahr 1928 im “Warmhaus” des  Botanischen Gartens erblühte und schon damals die örtliche Presse zu dem erstaunten Ausruf verführte: “Auf den ersten Blick erscheint es unfasslich, dass dieser gewaltige Klumpen eine einzige Pflanzenknolle darstellt.”

Gut, dass man die Wilden Zwanziger schrieb und noch nicht Adolfs Tausendjähriges Reich der Prüderie. Denn alsbald schob sich aus dem Klumpen ein spitzes, vorwitzig steifes Pimmelchen in den Gewächshaushimmel. Aber selbst diese Erektion Eskalation war noch nichts gegen den wohligen Schauer, als die Titanenwurz ein einzelnes, vielädrig-fleischiges Blütenblatt entwickelte, das sich schließlich für eine Nacht wie ein ledriger Fächer entfaltete. Aufschrei der Presse: “Die Blüte war (…) von durchdringendem Aasgeruch, der durch die Glaswände des Gewächshauses bis zum Dammtorbahnhof hin zu spüren war.” So die Zeitung vor 85 Jahren.

Von da bis zum Jahr des Herrn 2013 haben durchaus schon in vielen deutschen Städten Titanenwurze geblüht – so in Stuttgart, in Berlin, Bonn und Kiel. Doch wo auch immer: Stets war der hässlichen Pflanze jener olfaktorische Triumph gewiss, der die Besucher zu Brechreiz und Begeisterungsstürmen hinreißt, eigentlich aber bestimmten Insekten zwecks Bestäubung vorgaukeln soll, sie hätten den Logenplatz auf einem toten Tier erwischt.

Aus Stummfilmzeiten kommend, evolutionierte “der Wurz” über die Jahre und Jahrzehnte zum stinkenden Sternchen des Internetzeitalters. Video killed the radio star, doch niemand schlug medial die Muffelblume aus dem Feld. Nur ausgerechnet Hamburg musste ein Menschenalter lang bis zur nächsten Show warten – Weltkrieg zwo, Währungsreform, Mauerbau und Wiedervereinigung, Elfter September und Lehman Brothers flossen erst noch die Elbe hinunter.

Deshalb hatte es sich nun das in der Hansestadt staatstragende NDR-Fernsehen nicht nehmen lassen, einen Licht-Spot wie für Ilja Richter in der guten alten TV-“Disco” und eine Webcam im Warmhaus zu installieren, die eine Woche lang alle paar Sekunden ein aktuelles Bild vom Wurz und seinen Freunden ins Internet überspielte. Die Freunde, also die Ekeltouristen, waren sich dabei mehrheitlich überhaupt nicht bewusst, dass sie im Web-TV zu sehen waren, wie sie ihm huldigten, dem Wurz, in freudig-erregter Erwartung. Nase im Wind und Kamera im Anschlag. Gleich, gleich wird er stinken! Doch der Wurz ließ sich Zeit.

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Und dann, gestern Nacht, ging plötzlich alles ganz schnell. Zu schnell. Ab etwa 23.30 Uhr stand “der Wurz” für kurze Zeit in voller, fauliger Blüte – nach einem der heißesten Tage des Jahres. Eigens öffente das Gewächshaus heute morgen schon um 7 Uhr seine Pforten für die Menschenmassen. Und alle, alle kamen. Und es war ein Ekel, ein berauschtes Nasezuhalten, ein Anbeten und Staunen in Hamburg.

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Ich gebe zu: Auch ich war dabei. Leider konnte ich mich und meine Familie erst etwa vier Stunden nach dem frühmorgendlichen Startschuss zu diesem sonntäglichen Fahrrad-Ausflug bewegen: “Auf! Auf! Zur Stinkeblume!” Und da war es zu spät. Nur noch äußerst dezenter Aasgeruch hing bei unserer Ankunft in der Luft, keineswegs bis zum Dammtorbahnhof reichend. Das Pimmelchen war derweil in sich zusammengesackt – geradezu “kollabiert”, wie ein erschütterter Herr vor Ort berichtete.

Jene, die das Glück gehabt hatten, schon ganz früh dagewesen zu sein, raunten den Nachzüglern zu: “Um sieben war es unerträglich!” – neidische Blicke trafen diese Augen- und Nasenzeugen. Ein junger Mann mit Smartphone, um die verborgene Web-Kamera wissend, telefonierte aus dem Gedränge mit seiner daheim vor dem Notebook sitzenden Freundin: “Ich bin jetzt beim Wurz, kannst du mich sehen?” Rückte hin, rückte her, mit den eigenen Augen stets das Kamera-Auge suchend und doch nicht findend.

Ein etwas älterer Herr, der wohl schon viel gesehen hatte in seinem Leben, sagte beim Anblick des verbliebenen Pflanzenwracks eher enttäuscht zu seiner Begleiterin: “Sieht aus wie ein Putzlappen”. Und meiner zehnjährigen Tochter war es vorbehalten, dem merkwürdigen Gewächs wie auch dem Medienereignis seinen präzisen, wenn auch nicht wissenschaftlichen Namen zu verleihen: Titanenfurz. Der Titanenfurz.

igs 2013: Vom Elend des Event-Gartenbaus

Written By: Oliver Driesen - Jul• 15•13

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Ich fange jetzt gar nicht noch mal an mit den besucher- und insbesondere familienfeindlichen Eintrittspreisen der Internationalen Gartenschau (igs) Hamburg 2013. Das wurde an berufeneren Stellen schon ausführlich verhandelt, und natürlich ist diese Preisgestaltung der Hauptgrund dafür, dass der igs pro Tag (!) rund 5000 einkalkulierte Besucher fehlen. Ich kann da auch nicht mitreden, denn ich war mit einer kostenlosen Pressekarte da – allein, ohne Familie. Diese mir spendierte Freikarte hat sich für das Management der igs vermutlich nicht ausgezahlt, denn dieser Artikel wird keine Besuchsempfehlung, sondern eher der Bericht von einer Geisterbahnfahrt. Aber das ist Berufsrisiko.

Der Eindruck, der sich auf der Schau herauskristallisiert, ist dieser: Wie die ganze Kulturstadt Hamburg leidet sie unter einer Krankheit namens Eventitis. Es muss pro 500 Quadratmeter mindestens ein Event geben, eine Besonderheit, eine Attraktion – vor allem aber ein Thema. Die ganze igs ist “themed”, wie der Amerikaner sagt. Man weiß nicht immer, welches Thema das gerade ist, denn es wechselt alle paar Meter: Mal sind es die fünf Kontinente, mal die Weltreligionen, mal die Wasserverschwendung und mal die allgemeine Open-Air-Pädagogik.

Dabei hätte doch, wenn man schon Themen braucht, durchaus das Motto “In 80 Gärten um die Welt” gereicht. 80 schöne, einfallsreiche Gärten aus aller Herren Länder, bepflanzt mit exotischen Bäumen, Blumen und Gestrüpp, dazwischen von mir aus diverse Wasserspiele wegen der Sommerhitze – ist es nicht das, was man auf einer Internationalen Gartenschau sehen will?

Nein, sagten sich die Veranstalter, Themen müssen her (neben der allgegenwärtigen Klein- und Großgastronomie). Gut, nichts gegen ein oder zwei Showbühnen des NDR für allerhand Live-Konzerte inmitten duftender Blütenpracht. Aber das reicht eben heute bei weitem nicht mehr. Man braucht Entdeckungen, Erkenntnisse,  jede Menge Botschaften. Lebenslanges Lernen, gerade auch im Garten. Auch eine Prise Esoterik kann da nicht schaden.

Und so hat ein Kopenhagener Landschaftsarchtitekt einen “Landeplatz für Engel” gegärtnert, während anderswo eine künstliche und völlig unbepflanzte “Fata Morgana” aus hässlichen blauen Glasscherben funkelt, gespickt mit silbernen Konservendosen. Oder da: ein riesiges Monopolyfeld, bedruckt mit “amerikanischen Werten”, denn es werden die USA repräsentiert. Das alles wirkt zumeist sehr billig, sehr wenig ästhetisch, zufällig verteilt und beinahe nie wie eine gartenbauliche Meisterleistung.

Schon gar nicht die zehn Meter hoch gestapelten industriellen Wassertanks, die als Labyrinth in ihrer Mitten einen VW auf platten Reifen bergen. Die erschlagende Botschaft hier: 450.000 Liter werden für die Produktion eines einzigen Volkswagens verschwendet. Ein angenehm nagendes schlechtes Gewissen scheint heute zum Gegenwert eines teuren Tickets zu gehören.

Wie gewollt und nicht gelungen das meiste davon ist, lässt sich an fünf der “80 Gärten” nacherzählen. Dieses Fünferpaket nennt sich verlockend “Naturwelten” und besteht aus fünf blickdicht eingezäunten Abteilungen, die man nacheinander entlang eines Knüppeldamms durchläuft. Das ambitionierte Unterfangen, statt einfach nur Naturwelten zu zeigen: Hier gibt es “mit einem Augenzwinkern visionäre Bilder der Natur”. Humor als Naturphänomen? Wäre mir neu, aber gehen wir mal los. Abteilung 1: “Fliegende Erbeeren”.

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Bitte fragen Sie nicht, warum, wo oder wohin hier Erdbeeren fliegen. Ich habe nur schwimmende gesehen, in wassergefüllten Plexiglaskolben. Ähnlich appetitlich wie auf dem Bild wirkten sie auch in echt. Ansonsten war das Abteil weit gehend leer, bis auf zahlreiche am Boden wachsende Erbeeren. Ja nun, ein Erdbeergarten. Hübsch. Bzw. eben nicht hübsch, sondern wie das industrielle Freilandlabor eines bösen Gentechnikkonzerns. Schnell weiter.

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Das hier ist das zweite Abteil, “Der rettende Strohhalm. Zwischen Dürre und drohender Flut.” Oh. Aha: Klimakatstrophe, ja? Wir müssen alle umdenken, uns neu erfinden? Aber was sind das für merkwürdige Wogen da im Hintergrund? Ach ja, die Flut. Und diese ausgerechnet türkis eingefärbte Bodenstreu – ist dann die drohende Dürre? Offenbar, denn Pflanzen gibt es in diesem Gartenschau-Garten gar nicht. Dafür am anderen Ende eine Gummi-Rettungsinsel. Gegen die Flut. Hmpf. In den Strohhalmen sind übrigens kleine Sichtfensterchen, in denen irgendwelche symbolhaften Gegenstände bamseln. Manche kann man erkennen (kleine Windräder, die uns wahrscheinlich retten werden). Manche bamseln völlig unergründlich vor sich hin, so wie das kleine Spachtelchen, das leider überhaupt keinen Sinn ergab. Merke: Nirgends, nirgends gibt es sachdienliche Hinweise in Form von Erklärngen. Bitte weitergehen.

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Drittens: “Gärtnern auf dem Mars”. Denn wir sind so frei, uns jetzt einfach mal auf einen anderen Planenten zu hallzuinieren. Ehrlich gesagt: Hier wachen ein paar sehr irdische Blümchen am Wegesrand, und dann sind da noch diese drei Stachelkugeln, das sind “Samenkapselwerfer”. Der koreanische (!) Planer Joon-ho Shin teilt uns per Schild immerhin mit: “Im Verlauf des Pfades mildert sich das Klima und die Samenkapseln beginnen zu keimen, eine junge Wiese erblüht auf kargem Grund.” Nein, tut sie nicht. Ich war da. Ich war auf dem Mars, und die Samenkapseln … ach, was soll’s. “Guck mal, Gärtnern auf dem Mars!”, versucht ein Vater seinen sechsjährigem Sohn mit gespielter Begeisterung zu, äh, begeistern. “Ist doch egal”, antwortet der Sohn und drängt weiter.

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Man muss dazu sagen, diese fünf Gartenvisionshumorgefängnisse sind mitten in eine wogende Landschaft aus Schilfgras gesetzt worden. Aber auch diese Schilfgraswiese war da nicht immer, sondern ehemals – vor der igs – gab es hier Kleingärten mit Gartenzwergen und Gartenlauben. Also Gärten. Richtige Gärten. Man stelle sich die früheren Pächter vor, vor die heutige Alternative gestellt.

Von der nächsten “Naturwelt” gibt es wegen unzureichender Lichtverhältnisse keine Bilder, aber dafür ist sie eine besondere Frechheit. Der “erfundene Garten” ist in Wahrheit ein düsterer Baucontainer, durch den man sich beinahe tasten muss und dabei möglichst nicht an die zahlreichen von der Decke hängenden Periskoprohre stößt. Schaut man hinein in die Röhren, sieht man 360-Grad-Aufnahmen wirklich schöner Gärten, die nur eben leider gar nicht da sind. Die Auflösung dieses Rätsels gibt es am Ausgang, wo Prospekte der “Region Niederösterreich” verraten, dass man diese Gärten in ihr findet und am besten schon mal den entsprechenden Urlaub bucht. An der Stelle angekommen, ist man aber schon wirklich ungehalten und nicht in Ferienlaune. Mit anderen Worten: reif für Naturwelt Nr. 5.

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Solche Röhren kennen wir doch schon? Richtig, von der Erdbeerbowle am Anfang. Nun aber sind sie hochgradig aktive, brodelnde Reagenzgefäße. Noch wissen wir nicht, wofür oder wogegen. Auf dem  Eingangsschild stand orakelhaft: “Alveolus – Quallenschnitzel und Algensalat.” Und auch die Tonbandstimme der Reiseleiterin in der Einschienenbahn, die immer rund um die Gartenschau kurvt, hatte an dieser Stelle von hoch oben herab versprochen: “Hier werden Ihnen Quallenschnitzel und Algensalat gereicht.”

Es geht also irgendwie um die Ernährungsindustrie der Zukunft, die nicht nur fliegende Erbeeren produzieren wird. Tatsächlich gibt es in diesem Abteil sogar mehrere Hinweisschilder mit Auskünften darüber, was in den Röhrchen und Bottichen da so alles heranreift: Algen jeder Art und Farbe, die weltweit angeblich ökonomisch immer wichtiger und zu allerhand nützlichen Ess- und Pflegeprodukten verarbeitet werden.

Okay, Algen. ABER WO SIND DIE VERDAMMTEN QUALLENSCHNITZEL? HÄ?? ICH WILL SOFORT MEIN QUALLENSCHNITZEL!! KEINE SPUR VON EUCH! ICH HABE DAFÜR TEUER GELD BEZAHLT – ach nein, habe ich ja gar nicht, aber ich hätte, wenn ich gehabt hätte, nur hätte ich eben nicht, denn für so was zahle ich nicht, DIESEN QUATSCH BEZAHLE ICH NICHT!  DU HÄSSLICHE, BILLIGE MISSGEBURT VON EINEM ALGENMONSTER, DU!!!

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Gemächlich brodelnd schaut die Alge mich mit tausend tastenden Tentakeln an und zeigt weiter keine Regung. Ratlos verlasse ich die Naturwelten. Ich habe mich schon artgerechter ge- und unterhalten gefühlt als auf der igs Hamburg 2013.

Die Alge sich wahrscheinlich auch.

Der Mann mit der Röntgenkamera

Written By: Oliver Driesen - Jun• 29•13

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Steve McCurry ist der vielfach preisgekrönte Fotograf, der uns im Auftrag des National Geographic bereits in den 1980-er Jahren das Leid Afghanistans in einzigartigen Aufnahmen nahebrachte, als die Menschen dort noch gegen die Russen kämpften. Sein vielleicht berühmtestes Foto ist ein Titelbild aus dem Jahr 1985, das die Angst in den Augen eines vielleicht zwölfjährigen Mädchens zeigt.

Dieses Bild begegnet uns jetzt wieder – in der Retrospektive “Steve McCurry – Überwältigt vom Leben” des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe (MKG, bis 29. September). Ich war zur Presse-Vorpremiere dort und habe mit McCurry ein Videointerview geführt, das zugleich einen kleinen Einblick in die Schau bietet. Einige der Aussagen McCurrys über gutes Fotografieren fand ich in ihrer Prägnanz und  Unumwundenheit dann doch überraschend:

Das Key Visual, also das plakative Werbefoto der Ausstellung selbst, ist hier im Original zu sehen. Es zeigt verhüllte Frauen auf einem Bazar, die wie farbige Stoffbahnen selbst zu den dargebotenen Waren zu gehören scheinen. McCurry berichtete auf der Pressekonferenz der Ausstellung, dass es für ihn durchaus riskant war, das Bild der Gruppe zu schießen. “Ein Bruder oder Ehemann einer der Frauen hätte mich töten können, wenn er es bemerkt hätte, weil ich in seinen Augen die Ehre der Frauen verletzt hätte.”

Wodurch verletzt? Im weitgehend analphabetischen Afghanistan ist der Glaube weit verbreitet, die West-Menschen hätten “Röntgenkameras”, die durch Gewänder hindurchfotografieren. Und wenn man genauer drüber nachdenkt, ist die Vermutung weniger absurd, als sie zunächst anmutet. “Sie glauben das, weil wir schließlich auch Drohnen haben, mit denen wir sie aus heiterem Himmel töten”, erklärt McCurry. Warum sollten Menschen, die überlegene Technologie auf diese Weise demonstrieren, nicht auch bösartig mit Röntgenstrahen fotografieren?

Allerdings ist McCurry in vielerlei Hinsicht wirklich der Mann mit der Röntgenkamera. Seine Bilder von fremden Kulturen und spannungsgeladenen oder gottverlassenen Orten scheinen mehr einzufangen, als für uns Sterbliche auf den ersten Blick sichtbar ist. Da sind immer noch weitere Ebenen und Schwingungen der Wahrheit, da fügen sich Gestalten, Gefühle, Licht und Schatten zu ganz neuen und kraftvollen Eindrücken zusammen.

Nicht wenige seiner Aufnahmen zeigen “Tragik und Humor zugleich”, wie er sie nach eigener Aussage etwa an Kriegsschauplätzen gefunden hat. Auch Schönheit ist fast immer Teil seiner Bilder, selbst wenn sie eine in der Ölpest des Kuwaitkrieges verendende Ente zeigen.

Dabei ist das alles nicht bewusst komponiert: “You are not thinking when you’re shooting”, sagt McCurry. Einmal bemerkte er in einem Krisengebiet auf der Jagd nach Motiven erst viel zu spät, dass er sich mit seinem Jeep längst mitten in einem ausgedehnten Minenfeld befand. Er wendete einfach und fuhr in derselben Spur zurück.

Auch, wenn ich hier erst kürzlich über eine andere Ausstellung des MKG lobend geschrieben habe und in den (unbegründeten) Verdacht der Museums-PR gerate: Ich kann “Überwältigt vom Leben” im MKG nur empfehlen.

Tagesbefehl für Freitag

Written By: Oliver Driesen - Jun• 27•13

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Gesehen an der Kattwyk-Hubbrücke, Hamburg

Geschmack ist keine Glückssache

Written By: Oliver Driesen - Jun• 15•13

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Es gibt doofe Dinge, und es gibt schlimme Dinge. Letztere unterscheiden sich von den einfach nur doofen dadurch, dass sie einen Platz im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe verdient haben. “Schlimme Dinge” ist eine wirklich lohnende kleine Ausstellung (noch bis 15. September), in der ich ruckzuck anderthalb Stunden verbracht habe –  mit erstickten Lachanfällen und großem Erkenntnisgewinn. Denn es geht bei schlimmen Dingen nicht nur vulgär darum, dass sie noch etwas hässlicher sind als die anderen Zumutungen. Man kann das Ganze auch wissenschaftlich aufziehen. Die Frage ist dann: Warum sind sie besonders hervorstechend? Und: Gibt es dafür objektive Kategorien?

Eine erste Ahnung vom Unterschied zwischen doof und schlimm bekommt man schon im Eingangsbereich, wo auf einem langen weißen Tisch Dinge liegen, die Besucher der Ausstellung dort hinterlassen haben. Es ist eine Tauschbörse, ähnlich dem gefürchteten Horror-Wichteln in der Vorweihnachtszeit, bei dem man die allerscheußlichsten Staubfänger und Andenken, die man in den hintersten Kellerecken versteckt hatte, mit bösartiger Freude jemand anderem “schenkt” und nach dem Zufallsprinzip etwas ähnlich Entsetzliches zurück bekommt. Allerdings hängen an den Besuchergaben im MKG nach schönster Museums-Methodik kleine Zettel mit Inventarnummern, auf denen der Spender eine Begründung für die Spende hinterlassen muss.

Das hier ist so ein schlimmes Ding. Mich hat es spontan an den berüchtigten Loriot’schen “Familienbenutzer” erinnert – vollkommen zweckfrei, insbesondere befreit von dem Zweck, dekorativ zu sein, dafür aber mit maximaler Staubfang-Kapazität:

Bild

Mir fällt nicht mal ein halbwegs deskriptiver Name für dieses Etwas ein. “Schneckenhaufen”?  “Muschelbatzen”? Vor Schreck habe ich sogar vergessen, auf dem Begründungszettel des Spenders nachzulesen, aber intuitiv versteht man auch so: Es musste weg, einfach nur weg.

Dann gab es da auf dem Tisch auch noch eines dieser abscheulich gerahmten Riffelbildchen, die beim Dran-Entlanggehen die Perspektive zu wechseln scheinen. Darauf war ein sehr farbenfroher Hahn abgebildet, auf einem Kiefernzweig (!) sitzend vor Sonnenuntergang (!!) am südchinesischen Meer (!!!). Da hatte der Geber drangeschrieben: “Weil es das verdammt noch mal hässlichste 3D-Bild der Welt ist”. Wo er Recht hat …  Aber reicht das? Sind Muschelbatzen und Sonnenuntergangs-Hähne nur hässlich oder schon schlimm? Begeben wir uns in die eigentliche, durchaus zeithistorische Ausstellung.

Bild 3

Diese beiden sind zwei offiziell schlimme Dinge. Und wer jetzt glaubt, sie seien vor einigen Wochen auf dem Open-Air-Polenmarkt in irgend einer Grenzregion der Republik gekauft worden: Sie sind beide um 1900 entstanden, und sie waren damals durchaus funktional gedacht. Der eine als Streichholzhalter, der andere als Tintenfass.

Mit diesen Eigenschaften zählen sie zu den etwa 800 noch erhaltenen Design-Beispielen der so genannten Pazaurek-Sammlung des Landesmuseums Württemberg aus Stuttgart. Gustav Pazaurek, Leiter des Stuttgarter Gewerbemuseums, gehörte dem “Werkbund” an, einer sehr einflussreichen Vereinigung deutscher Künstler, Designer und Kulturpolitiker. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und noch bis etwa 1960 suchte sie Ethik und Ästhetik von Alltagsgegenständen zu definieren und zu optimieren.

Exponate wie die beiden Totenschädel trug der Werkbund schon damals zu einer Art Schock-Ausstellung zusammen, um die Öffentlichkeit durch besonders abschreckende Beispiele zu einem besseren Gestalt-Empfinden zu erziehen. Das tat er nicht wahllos, sondern er ersann eine ganze Reihe Kategorien des Grauens, in die er seine Horrorshow unterteilte. Und er begründete stets penibel, was mit Materialauswahl, Farbgebung, Musterung, Ergonomie, Verwendungszweck oder Herstellungsmotiv schief gelaufen war.

Die beiden Schädel fallen in die nicht ganz so eingängige Sparte “Konstruktionsattrappen und Künstlerscherze”. Humor im Design war damals offenbar stets etwas Anrüchiges – und vielleicht nicht einmal zu Unrecht, denn in unverrückbare Gestalt gegossen ermüdet er schnell, während das Objekt ja noch jahrelang funktionieren oder erfreuen soll. Konstruktionsattrappen waren sie einfach insofern, als das konstruierte Ding – ein Schädel – nur Trugbild und eben nicht das Original aus Knochen war. Eine interessante Kategorie des Schlimmen stellten Pazaurek und der Werkbund auch hiermit vor:

Bild 2

Dies ist “Hurra-Kitsch” der Kaiserzeit. Man wagt nicht sich vorzustellen, wogegen oder wofür diese Creme geholfen haben soll. Ein Gleitmittel für Nationalisten? Sozusagen die Vaseline des Schützen Arsch?  Ach, schlimm … Aber eben keineswegs bloß schlimm von gestern. Denn das ist die wortwörtlich andere Seite der Hamburger Ausstellung “Schimme Dinge”: Stets gegenüber den alten Vitrinen gibt es Regale mit Hängungen heutiger Exponate, die zur jeweiligen – offensichtlich zeitlos gültigen – Kategorie des Werkbunds passen. Beweis gefällig, sagen wir für die Kategorie “Unpassende Schmuckmotive”? Bitte sehr:

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Na gut, werden Sie sagen, ein Einzelstück wahrscheinlich, die Handarbeit eines islamistischen Teppichknüpfers. Was belegt das schon? Und die normative Kategorie “unpassend” ist natürlich auch problematisch, denn diese moralisierende Wertung hält wissenschaftlicher Empirie eher nicht stand. Da müssen schon größere Stückzahlen in die Welt gesetzt werden und zwischen 1 und 1 Million immer dieselbe zerstörerische Wirkung auf unseren Geschmackssinn entfalten. Aber bitte, so geschieht das heute, im Zeitalter der Plastik-Massenproduktion, natürlich auch. Vorreiter auf diesem Gebiet ist japanisches und chinesisches Spielzeug wie das hier:

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Zweck des Spiels “Choke-a-Duck” ist es, die Plastikente so lange zu würgen, bis sie aufhört, mit den Stummelflügeln zu schlagen (“incredible choking sound effect!”). Für Design- und Geschäftsabgründe wie diesen hat das MKG probehalber neue, heutige Kategorien des Schlimmen zu denen des Werkbunds hinzugefügt. Dazu zählen etwa Ressourcenverschwendung, Kinderarbeit oder – wie in diesem Fall – Förderung von Gewaltakzeptanz.

Man kann vom belehrenden Duktus des Werkbunds und der aus allen Vitrinen hervorstechenden Zeigefingerpädagogik halten, was man will. Aber erstens wirken die “abscheulichen Exempel”, die damals statuiert wurden, heute teilweise zum Brüllen komisch. Das wollüstige Schaudern angesichts von purer Scheußlichkeit gehört ja durchaus zu den verdienten Privilegien der sich über schlechten Geschmack erhaben Fühlenden.

Zweitens regen die schlimmen Dinge wirklich zum genauren Hinsehen und Be-Greifen an – möglichst schon vor dem Kauf. Und drittens täte uns etwas mehr Pädagogik, die gut begründet sein müsste und ja auch sein kann, gerade in Geschmacksdingen heute sehr gut. Wo Anything Goes als Dogma gilt, wo jedem Scheiß eine Existenzberechtigung zugebilligt wird, wünscht man sich bisweilen heimlich eine gut bewaffnete Geschmackspolizei herbei.

Nicht nur, weil wir all diese grauenhaften Plastikerzeugnisse samt ihren giftigen Inhaltsstoffen schon bald in den Müllstrudeln von kontinentalen Ausmaßen wiederfinden werden, die auf den Ozeanen treiben.

Anything goes? I don’t think so.

Hamm – Gesichter eines Stadtteils

Written By: Oliver Driesen - Jun• 10•13

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Einige Fotos von “Hammtrara”, dem Schauplatz des Filmbeitrags, finden Sie übrigens hier!

Am kommenden Wochenende ist noch einmal “Hammtrara”. Dabei lesen am Sonnabend, dem 15.6., um 15 Uhr Stefan Kraschon und Sindy Heine aus Hammer Geschichten: Es gibt Auszüge aus den Texten “Aschberg” und ‘Ne Geschichte über Hamm?”, mit denen die beiden den 1. Hammer Literaturwettbewerb der Buchhandlung Seitenweise gewonnen haben. Der Eintritt ist frei. (Ort: Alter EDEKA-Supermarkt, Horner Weg Ecke Caspar-Voght-Straße.)

Ünüvar – Ende eines Supermarkts (6)

Written By: Oliver Driesen - Jun• 05•13

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Regelmäßige Zeilensturm-Leser wissen, dass ich an dieser Stelle seit anderthalb Jahren immer mal wieder das traurige, aber auch bizarre und immer kurioser werdende Ende des EDEKA-Supermarks der türkischen Familie Ünüvar dokumentiere, der (noch) schräg gegenüber meiner Wohnung leersteht. Seit dem Auszug des Supermarkts Ende 2011 hat seine leere bauliche Hülle eine beharrliche Kraft bewiesen, einfach immer weiter zu existieren – zwischenzeitlich auch als Filmkulissen-Bankfiliale aus dem Jahr 1968. Danach verfiel das Gebäude wieder in einen trügerischen Dornröschenschlaf. Und nun tut sich hinter den noch teilweise mit den Sichtblenden der Filmschaffenden verkleideten Schaufensterscheiben erneut etwas Erstaunliches im Ünüvar. In wenigen Tagen wird er sich einmal mehr verwandeln – für zwei Wochenenden in den Schauplatz einer “Sozialen Skulptur”. Sie besteht aus einem Kartonpappen-Labyrinth, das im Groben den Stadtteil darstellt und von den Besuchern mit Bildern und Texten zu Hamm bedeckt werden soll.

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Die Aktion trägt den beinahe schon genialischen Namen Hammtrara. Weil wir ja im Stadtteil Hamm wohnen, einer roten Backsteinsiedlungswohnwüste, der normalerweise jedes hippe Trara abgeht. Gerade das aber macht den Charme des Quartiers aus, wie man merkt, wenn man hier gefühlte 78,5 Jahre gewohnt hat. Nein, im Ernst: Das gar nicht mal so wenige Tolle, das wir hier haben (John Neumeier, Baderanstalt, Stadtveränderer, Buchladen Seitenweise, Café May , Hammer Park und noch ein paar Highlights mehr), das zählt alles doppelt und dreifach so viel wie anderswo. Andererseits droht unserem Kiez auch Gentrifizierung, also rasant steigende Miet- und Immobilienpreise mit allen sozialen Folgen. Familien fehlt eine kindgerechte Verkehrsinfrastruktur und viele Ältere fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt. Davon und von vielem mehr soll Hammtrara erzählen.

Die Initiatoren von Hammtrara beschreiben sich am besten selbst:

Die Gruppe Raum für Ideen entwickelt Ansätze, die Wahrnehmung und Aneignung von Hamm durch die Bewohner zu fördern, die dem Stadtteil mehr Identität geben, die Lebendigkeit des Stadtteils zu entwickeln, das kreative Potenzial zu aktivieren und Menschen im Stadtteil zusammenzuführen. Im ersten Schritt geht es darum den Blick auf Hamm zu schärfen und den Stadtteil zu entdecken.

Hinter Hammtrara verbirgt sich ein komplettes Kulturprogramm. Am kommenden Freitag, dem 7.6., ist ab 19.30 Uhr Vernissage im Ünüvar, Horner Weg Ecke Caspar-Voght-Straße. Alle Hammerinnen und Hammer sind eingeladen, ihre Gäste aus Harvestehude und Blankenese vermutlich auch. Es werden auch Hammer Geschichten gelesen.

Und ich bringe eine Videokamera mit für die Aktion: EinSatz in Hamm! Wer mitmachen will, darf sich dann wie Doreen auf dem Bild unten den pinken Bilderrahmen schnappen und vor der Kamera den Satz vollenden:

Hamm … !

 

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Was Hamm ist, wird dann demnächst hintereinander weg auf diesem Sender ausgestrahlt. Kommt alle! Trara!

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TEDx Hamburg: in 18 Minuten die Welt retten (mit Rhetorik-Tipps)

Written By: Oliver Driesen - Jun• 05•13

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Gestern TEDx Hamburg, mehr als ein Dutzend “ideas worth spreading” auf der Bühne der Laiesz-Halle. Ein langer Tag, 10 bis 18 Uhr, wenn auch mit großzügigen Pausen. Mehr als ein Dutzend Mal ging es darum, mit Hilfe von Technologie, Entertainment und Design (daher TED) und in maximal 18 Minuten Redezeit die Welt zu retten. Oder doch zumindest die Mega-Cites der Welt ein Stück lebenswerter zu machen. Zum Beispiel mit aus “Müll”, in Wahrheit weggeworfenem Rohstoff, designter Kleidung. Oder mit viel mehr Rampen über Treppenstufen, damit Rollstuhlfahrer am Stadtleben teilhaben können. Und viele dieser Ideen oder Projekte, deren Träger von den Organisatoren im Vorfeld handverlesen worden waren, haben wirklich Wert. Vielleicht sogar alle, wenn da nicht … aber dazu gleich.

Mein Favorit war Reinier de Graf vom berühmten Architekturbüro OMA (Rem Koolhaas), dessen Think Tank die Aussagekraft von Zukunftsprognosen aus allen möglichen Lagern und Zeiten empirisch untersucht hat. Eine erwartbare, aber nun statistisch bestätigte Kernaussage: Ökonomen haben ziemlich oft danebengelegen, und nur eine Bevölkerungsgruppe schafft es, so gut wie immer falsch zu visionieren: Politiker. Da waren sogar die Glaubensfanatiker besser, wenn auch nicht mit den alle zwei Jahre auftauchenden Weltuntergangsterminen. Fazit: Eine Prophezeiung ist im Guten wie im Schlechten meist eher ein Kommentar gegenwärtiger Verhältnisse. Und je weniger der Prophet beruflich mit seinem Thema zu tun hatte, desto richtiger liegt er tendenziell  mit der Prophezeiung. Da mal weiter drüber nachdenken.

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Hübsch auch diese Rand-Notiz im wörtlichen Sinne: Jedes Chart ist das handgezeichnete Protokoll eines ganzen Vortrags – während er gehalten wird. Das ist das Geschäftsmodell von Mathias Weitbrecht, seines Zeichens “Visual Facilitator” bzw. “Graphic Recorder”. Ihn buchen auch Firmen für ihre Schulungsseminare, weil ja bekanntlich niemand jemals einen Blick in nachträglich verschickte Sitzungsprotokolle wirft – wohl aber auf eine gut gemachte Infografik mit allen Kerninhalten. Ein Bild sagt eben auch hier mehr als tausend sehr langweilige Zeilen.

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Dann war da noch, als Vertreterin des “E” in “TED”, die Hamburger Sängerin Cäthe, die mit ihrer Band demnächst ihr erstes Album rausbringt, konsequent auf Deutsch. Denn “das ist die Sprache, in der ich liebe” – und das ist ja nun ein schlagendes Argument. Ist sicher alles Geschmacksache, aber mir haben die drei Stücke vom Tage gut gefallen.

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Mittags suchte die Crowd dann die oberen Etagen der ehrwürdigen Halle heim, zwecks Nahungs- und Kontaktaufnahme. Es hilft, wenn gute Ideen nicht immer nur in schäbigem Mensa-Ambiente ventiliert werden müssen, sondern auch mal im Spigelsaal von Versailles.

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Das hier ist Boris Blank, die eine Hälfte des einflussreichen Schweizer Elektronic-Music-and-Art-Duos Yello. Er stellte die App “Yellofier” vor, mit deren Hilfe jeder aus Alltagsgeräuschen musikalische Loops und ganze Stücke zusammenklöppeln kann. Rettet nicht die Welt, aber manchmal sicher den Tag.

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Repräsentant “meines” Büros auf der Bühne: Julian Petrin von Nexthamburg, der über Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung und Crowdsourcing in der Stadtplanung berichtete.  Im Prinzip natürlich auch ein Brüller, wenngleich Julian das Pech hatte, als letzter von über einem Dutzend Speakern auf die Bühne zu müssen.

Und damit bin ich bei den Problemen des Aufmerksamkeitsmanagements, die sich im Laufe eines solchen Tages herauskristallisieren. Mit jeder Minute herausfordernder wurde zum einen die stickige, schwülfeuchte Luft im Theater. Irgendwann hätte auch Martin Luther King im Duett mit Mahatma Ghandi einen Schuhplattler auf die Bühne legen können – bei akutem Sauerstoffmangel wäre es kein Welterfolg geworden. Und es war nicht einmal ein heißer Sommertag.

Unabhängig vom Mikroklima aber gibt es für jeden Speaker (und auch Sie könnten ja demnächst einmal in die Verlegenheit kommen!) ein paar Tabus, die man besser nicht bricht, wenn man sein Publikum wirklich fesseln will. Das allerschlimmste, die nicht enden wollende Rede, war hier ja schon durch die 18-Minuten-Regel ausgeschlossen. Darüber hinaus offenbarten sich im Lauf des Tages folgende:

– Nie über die eigenen Pointen lachen, schon gar nicht als einziger.

– Aber bitte trotzdem welche einbauen. Die Leute finden sie schon, keine Angst.

– Bitte keine kleinteilig beschrifteten x/y-Achsendiagramme in die Präsentation hineinfrickeln, die ab Reihe zwei niemand lesen kann und ohnehin auch nicht will.

– Bitte gerne ein guter Mensch sein, aber möglichst nicht bis hinein in den Tonfall alle Klischees desselben erfüllen.

– Sich bitte nicht in den technischen Details von WLAN-Netzen verlieren, wenn Menschen 119 Euro Eintritt bezahlt haben und es sich um keine Jahrestagung von Elektroingenieuren handelt.

– Wenn alle auf Englisch präsentieren, man sich aber in Deutschland befindet, ist ein penetrant zur Schau gestellter Akzent von wo auch immer eher kontraproduktiv. Das gilt vor allem für Native Speaker. Hey, lupenreines Schulenglisch hat echt Vorzüge!

– Und bitte nicht 23 verschiedene Projektbeispiele in 18 Minuten unterbringen. Man möchte sich doch mal kurz irgendwo auf dieser verrückten Welt zuhause fühlen.

Nichts schlimmer, als wenn am Ende der Moderator mit getragener Stimme in die Stille hinein sagt: Well, thank you for this inspiring idea …

Aber ich habe natürlich gut  “reden”, aus der sicheren Blog-Perspektive. Vor mehr als 300 zahlenden Gästen die Bühne zu rocken, ist für niemanden eine Kleinigkeit. Und alles in allem rockte es gestern durchaus.

Programmhinweis: TEDxHamburg 2013

Written By: Oliver Driesen - Mai• 29•13

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Am kommenden Dienstag wird die Welt gerettet die Stadt neu erfunden. Und zwar bei der TEDx Hamburg 2013. Einen ganzen Tag lang breiten in der  Laieszhalle viele kreative Geister ihre Ideen vor geladenem bzw. zahlendem Publikum aus, aber gottseidank niemand über 18 Minuten lang. Einer davon gibt in diesem Video schon mal einen kleinen Vorgeschmack. Wer nicht vor Ort ist, kann später auf der TEDx-Seite alle Referate auf Video schauen. Es lohnt sich! Oder soll vielleicht alles so bleiben, wie es ist? Na also.