Der Mensch greift in die Natur ein – jeden Tag, jede Stunde. Das liegt in seiner Natur, schließlich wurde ihm gleich zu Anfang gesagt: “Wachset und mehret euch!” Daraus entsteht dann wahlweise Zerstörung oder Zivilisation, gerne auch so genannte Kulturlandschaft. Man kann es bedauern, bejubeln, bestaunen, nur beenden kann man es nicht. Fotografen haben noch eine weitere Möglichkeit: Sie können es belichten. Sprich: in Bilder fassen. Was fasziniert uns fotografisch an der Kollision der beiden so schwer vereinbaren Welten des Natürlichen und des Künstlichen? Das Destruktive? Das Konstruktive? Oder das Surreale? Das erforschen und diskutieren die Mitglieder der neuen Flickr-Fotogruppe Natur und Technik, die ich hiermit zur zahlreichen Benutzung freigebe und empfehle.
Das weiße Gold des Nordens
Ich wusste ja bis zum vergangenen Wochenende nicht, wie man Læsø buchstabiert – und ehrlich gesagt nicht einmal, dass diese Insel ganz oben im Nordosten Dänemarks existiert. Nun war ich dort, und wie das mit dem Reisen so ist: Es bildet. Es bildet Salzkrusten an den Fingern – wenn man sich in Hütten wie die unten abgebildete begibt, in denen über Jahrhunderte Salz gesiedet wurde. Wegen seiner Knappheit und daraus folgenden Kostbarkeit hieß dieses Mineral auch das weiße Gold des Nordens. Derlei Hütten gab es früher hunderte, in jeder loderten Holzfeuer, so dass die einst waldreiche Insel im Mittelalter schließlich komplett baumlos war. Daraufhin verschütteten Sandstürme ganze Dörfer (Partywissen für Klimatologen: Læsø gehört zum “dänischen Wüstengürtel”), bis das Salzsieden 1652 von der UNO-Klimakonferenz verboten wurde. In unserer Zeit, in der wir alle total klima-sensibel sind, qualmen die Schlote wieder, denn Tourismus ist das neue Gold des Nordens. Auch meine Kinder haben sich an der alten Kunst und Öko-Sauerei versucht und ein Säckchen Salz nach Hause exportiert. Das Læsø-Salz wird heute wieder in ganz Dänemark vertrieben, begehrt weniger in der Küche als vielmehr in der Therapie gegen Schuppenflechte.
Der Grund für den Salzrausch liegt im Grundwasser: Auf Læsø sprudelt eine Solequelle, Wasser mit 15 Prozent Salzgehalt – das ist ungefähr halb so viel wie der des Toten Meeres. Mit windgetriebenen Pumpen wurde es zutage gefördert, über Verdunstungsgestelle geleitet (Bild unten) und anschließend als bereits stark angereichertes Salzwasser in die Siedebecken gefüllt.
Im Innern der Hütten, bei den Siedebecken, bieten sich Fotografen die spektakulärsten Dampf-, Licht- und Schattenspiele. Alles ist mit dicken Salzkrusten überzogen, es suppt, brodelt, zischt, prasselt, schwallt und funkelt kristallin im Halbdunkel, während draußen das unvergleichliche Sommerlicht des Nordens gleißt.
Die Ausbeute der Siedereien ist beachtlich: Aus den mit gelblicher Sole gefüllten Becken wird körbeweise Salz gewonnen, das seine flockige Struktur allerdings erst nach längeren Trocknungsprozessen erhält.
Und wenn man genau hinsieht und das Nachmittagslicht, scharfkantig wie Laserstrahlen, im richtigen Winkel durch die Ritzen der Bretterbuden fällt, dann trifft es in den Körben auf einzelne Salzkristalle. Für Sekundenbruchteile flammt dabei das weiße Gold des Nordens tatsächlich golden auf, als ob es im Innern der gehäuften Hügel brennen würde. Es ist dann nicht mehr schwer, den über Jahrhunderte beinahe magischen Wert des heutigen 29-Cent-Massenprodukts nachzufühlen. Es sollen ja Menschen getötet haben für Salz. Fragen Sie die Lüneburger.
Notiz am Rande: Ab 1920 wurde Læsø wieder aufgeforstet. Das war allerdings nicht unumstritten: Mangels Salz-Einkünften hatten sich die Bewohner auf Strandpiraterie verlegt, und die neuen Bäume verstellten das Sichtfeld auf gestrandete Schiffe. So eine Volkswirtschaft ist doch ein ziemlich komplexes System.
Von der Versorgung des Pöbels
Dies ist der Überrest eines von 40 “Schieberhäusern” der Trinkwasser-Filtrieranlage auf der Hamburger Elbinsel Kaltehofe. Die Anlage wurde 1893 eröffnet und erstreckte sich mit ihren Bauwerken und Wasserbecken fast über die gesamte Insel. Sie diente der hygienischen Trinkwasserversorgung der stark wachsenden Großstadt und stellte 12.000 Tonnen gereinigtes Elbwasser pro Tag bereit (1990 wurde sie von den Hamburger Wasserwerken außer Dienst gestellt).
Allerdings kam sie etwas spät. Nur ein Jahr zuvor, 1892, hatte eine Cholera-Epidemie in den berüchtigten Gängevierteln fast 9000 Menschen – Proletarier, Hafenarbeiter und ihre Familien – das Leben gekostet. Die lichtlosen, unbeheizten und übervölkerten Gängeviertel waren aus Kostengründen nicht an das Trinkwassernetz der Hansestadt angeschlossen. Laut Wikipedia urteilte der Mediziner Ferdinand Hueppe im Jahr nach der Inbetriebnahme von Kaltehofe:
Die Ratsherren der reichen Hansestadt, die nur an Profit dachten, deren Blicke immer nach draußen, aufs Meer und übers Meer gerichtet waren, hatten keine Zeit zum Nachdenken über die Notwendigkeit hygienischer Maßnahmen, trotzdem bereits 1873 die Reinigung des verschmutzten Elbwassers durch Sandfiltration gefordert worden war.
Wir leben heute natürlich in ganz anderen Zeiten. Korruption, Raffgier und Borniertheit der so genannten Eliten sind seit genau 119 Jahren komplett ausgestorben. Im Hintergrund des Bildes oben ist – in architektonisch reizvollem Kontrast – das 1993 eröffnete Vattenfall-Kombikraftwerk Tiefstack zu sehen, das auch uns Plebejer aus den ärmeren Vierteln anstandslos mit Wärme und Strom mitversorgt. Und wir werden dafür vom Monopolisten nicht einmal sehr viel mehr ausgenommen als unbedingt notwendig.
Die “Wasserkunst Kaltehofe” einschließlich eines Hygienemuseums und eines sehr angenehmen Cafés kann man übrigens besichtigen und wie einen Wasserpark erwandern – ein Muss für Fotoamateure.
Ünüvar – Ende eines Supermarkts (3)
Die vermeintlich nur trostlose Fortsetzungsgeschichte vom Ende des türkischen EDEKA-Markts Ünüvar in meiner Nachbarschaft nimmt eine überraschende Wendung. Denn eines Tages im Juni parkt ein klappriger Transporter vor dem Schaufenster des komplett ausgeräumten und schon arg mit Graffiti verschmierten Sechziger-Jahre-Baus.
Heraus springen Männer und Frauen, die nicht aussehen, als wollten sie hier den nächsten Lebensmittelmarkt eröffnen, aber auch nicht wie Makler oder Abrissunternehmer wirken. Sehr bald stehen da noch weitere Lieferwagen. Alles verspricht viel mehr einen Handwerker-Großeinsatz, und das trifft auch zu, wie sich bald herausstellt. Aber warum stehen da keine Namen von Handwerksfirmen auf ihren Vehikeln?
Drinnen herrscht bald schon ein erhebliches Gewusel. Malerfolie, Tapeziertische, Bohrmaschinen und vor allem jede Menge Sperrholz. Was wollen die mit so viel Sperrholz? Das ist der Moment, in dem ich in meiner inzwischen erprobten Autorität Eigenschaft als Ünüvar-Dokumentar nicht länger an mich halten kann und den ehemaligen Laden betrete. Was denn hier bitte los sei? Man habe doch gedacht, hier passiere gar nichts mehr? Es sei dies doch das Mausoleum einer rund fünfzigjährigen, stolzen Hammer Handelsgeschichte, die einst mit einer Niederlassung des Konsum-, Bau- und Sparvereins “Produktion” begonnen habe – und nun werde die Grabesruhe mit reichlich Sperrholz entweiht? Und überhaupt: Was solle denn dieses billige – wenn auch ausgesprochen überzeugend wirkende – Mahagoni-Imitat, das hier in Massen auf die Schnelle angefertigt werde?
Graffiti werden von den Scheiben und selbst von den grauen Elektro-Schaltkästen auf dem Bürgersteig entfernt. Glaser setzen eine neue Schaufensterscheibe ein, wo die alte vor Tagen von einem Steinwurf durchlöchert worden war. Eine auffällig dünne und funktionslose, geradezu fadenscheinige Zwischenwand wird im Innenraum eingezogen, wo vor einem halben Jahr noch die Milch- und Joghurt-Kühltheke stand. Und dann bringen weitere Arbeiter aus einem weiteren unmarkierten Lastwagen eine Tür für das Loch in dieser Wand, die auch irgendwie nicht ganz ernst gemeint wirkt.
Auch die gediegene Vertäfelung in der Müsli- und Backpulverecke des Ladens und die extrahellen Neonröhren in den Decken machen mich mehr als misstrauisch. Was? Geht? Hier? Vor? Der investigative Journalist, der ich einmal war, ist aufs Äußerste alarmiert.
Ich bohre nach – und weil ich mittlerweile drohe, durch meine nicht eingeplante Präsenz & Penetranz den ganzen konspirativen Betrieb aufzuhalten, erfahre ich es schließlich: Nichts ist hier, was es scheint. Das Mahagoni kein Mahagoni, die Handwerkerinnen in Wahrheit Kulissenbauerinnen, und aus dem EDEKA-Markt Ünüvar wird: eine Sparkassenfiliale in Bad Segeberg. Denn der Ünüvar kommt ins Kino. Verfilmt wird die Geschichte der “Banklady” (Titel) Gisela Werler, Deutschlands erster Bankräuberin. In den sechziger Jahren überfiel sie zusammen mit ihrem Geliebten Hermann Wittorf Banken und Sparkassen im Großraum Hamburg, als die deutschen Bonnie & Clyde. In der prüden deutschen Nachkriegsgesellschaft konnte die Presse sich nur mit Mühe einen Reim auf solch einen antibürgerlichen weiblichen Lebensentwurf machen, wie dieser Ausschnitt aus der Hamburger Morgenpost vom 30. August 1966 zeigt:
Und nun wird’s halt verfilmt – mit nicht einmal geringem Aufwand. Da spielen Bekanntheiten des deutschen Films mit wie etwa die zauberhafte Nadeshda Brennicke in der Titelrolle oder auch Charly Hübner und Heinz Hoenig. Regie: Christian Alvart.
Immerhin: Ein Anruf bei der Produktions-PR-Firma ZOOM in Berlin bringt mir per Mail die offizielle Autorisierung, die unerwartete Metamorphose des Ünüvar-Markts weiter für Zeilensturm dokumentieren zu dürfen. Und so bin ich nun ein winziger Teil der magisch bunten Illusion namens Kino. Gut, ich prostituiere stelle mich im Gegenzug zur Verfügung, ein wenig Viral-Propaganda fürs Filmprojekt zu treiben. Quid pro quo und so weiter, warum auch nicht, klingt schließlich nach einem spannenden Sujet, wie wir Filmfachleute sagen. Und fällt nicht ein wenig vom Kinoruhm der Location auch auf Hamm, auf den Horner Weg, auf mich? Nein? Auch egal. Es passiert weiß Gott wenig genug Aufregendes hier, da darf man nicht wählerisch sein.
Doch was ist das? Einen Tag später komme ich wieder an den einladend großen Fensterfronten des Ünüvar vorbei, und plötzlich sieht es hier so aus:
Alles verblendet, verklebt, verdunkelt – mit alten Bildzeitungs-Doppelseiten und viel Packpapier! Wo ist sie geblieben, die nachbarschaftliche Transparenz? Wo das freundliche Mitmach-Filmstudio? Wo sind die Kulissenschieber, die Illusionisten, die Stars? Es standen doch schon die Halteverbotsschilder, die auf Dreharbeiten am übernächsten Tag hinwiesen – jetzt liegen sie achtlos im Gebüsch! Und einen weiteren Tag später sind sie komplett wieder weg. Auch in der folgenden Woche keine Fortschritte beim Innenausbau, bei der Verwandlung unserer Kaufladen-Leiche in eine prickelnde Überfallfiliale. Was? Ist? Jetzt? Wieder? Los? Hat die Produktionsfirma Pleite gemacht? Ist Nadeshda Brennicke am Ende blinddarmkrank geworden? Das wäre furchtbar! Andererseits: Was darf man noch glauben in dieser Welt des Scheins in Hamburg-Hamm? Vielleicht nur eine weitere perfekte Illusion aus Hollywood. Wir hoffen, wir bangen – und wir berichten weiter!
Wirtschaftswunderbilder (15)
Dies ist der Dienstwagen einer x-beliebigen katholischen Kirchengemeinde vom Lande. Gibt es aber auch in der Großstadt, wie ich mit eigenen Augen gesehen habe. Der Wagen fährt alte Mütterchen zur Messe, Pfadfindergruppen ins Zeltlager und Tonnen von Werbung spazieren. Werbung? Ja, richtig, die ganze Karre ist von A (Aretz, Schreinerei) bis Z (Zahntechnik Gastes) mit Reklame bepflastert. Selbst auf der Radkappe vorn rechts prangt das Logo einer Anwaltskanzlei, wobei das Auto gerade zufällig so geparkt ist, dass das Paragraphenzeichen richtig herum zu lesen ist – oder hat man den Vikar vertraglich verpflichtet, nicht eher sein Fahrzeug zu verlassen, als bis dies gewährleistet ist?
Jedenfalls: Dieser Wagen ist ein Blech gewordenes Armutszeugnis: für den finanziellen und geistigen Zustand der Kirchen, aber auch für den kreuznaiven Glauben der Werbepartner, die tatsächlich meinen, jemand außer mir würde den Schriftzug “Waldnieler Fruchtsaft” interessiert zur Kenntnis nehmen – auf Gottes rollender Litfaßsäule, eingekeilt zwischen den Kontaktdaten mehrerer Sargschreinereien.
Merkwürdig nur, dass der Tankdeckel noch nicht bedruckt ist. Mein Vorschlag: “Fährt mit Spiritus Sanctus!”
20 Jahre Handy: Megageile Volkskrankheit
Das ist ein Screenshot von Spiegel Online, heute:
Und was lernt uns das zum tausendsten Mal? Dass im modernen Lifestyle-Journalismus jeder “Trend”, auch wenn er 20 Jahre alt wird, supergeil und megagefährlich zugleich ist. Dass zum manischen Fressen immer auch gleich die passende Diät geliefert wird, zum Hype die Enthaltung, dass jedem Kult der Kollaps mitläuft. Gerade noch der Jubelperserbeitrag über das iPhone der x-ten Generation, dann die endgültige Titelstory über den drohenen digitalen Exitus, dann die heilsbringende nächste Tablet-Version. Wir leben im Zeitalter der Mono-Poly-Validität: Alles ist jetzt und einzig und wahr, genau wie das Gegenteil von allem. Aber bizarrerweise sieht der Autor von Alpha nie das Omega, das er einem anderen, mental streng abgeschotteten Autor überlässt. Eine perfekte Firewall zwischen den Verfechtern jedes Extrems. Kein Zusammenfinden, keine Synthese möglich. Top und Flop und Hipp und Hopp, sauber getrennt, Schwarz oder Weiß, aber niemals Grau. Es lebe der Spiegel und Spiegel Online, es lebe die redaktionelle Lobotomie.
Das Ding im See
Erst war es nur ein verschwommenes Objekt unter Wasser. Ich bemerkte es, als ich heute das neue Telezoom ausprobierte, vielleicht einen Meter vom befestigten Ufer entfernt auf dem Grund des Öjendorfer Sees. Das Wasser steht an der Stelle kaum 40 Zentimeter hoch. Ein Telezoom mit einer Brennweite bis 300 mm ist für derlei Aufnahmen denkbar ungeeignet, doch das Ding ließ meine Aufmerksamkeit nicht mehr los. Es hatte seltsam vertraute Konturen, die sofort signalisierten: Solch ein Ding gehört keinesfalls an diesen Ort. Nicht wie ein alter Stiefel oder ein Autoreifen, die streng genommen natürlich auch nicht dorthin gehören, sich aber eben doch häufig in irgendwelchen Gewässern finden. Nein, das Ding strahlte in fahlem Gelb unmissverständlich die Botschaft aus, dass es ein Sakrileg war, hierher geraten zu sein. Ob gefallen oder geworfen, ein Sakrileg in jedem Fall.
Allerdings schien das Ding auch zu sagen: Lass mich hier drin liegen, ist eh längst zu spät jetzt. Lüfte mein Geheimnis nicht auf die billige Weise, indem du mich aus dem Wasser fischst. Schau, was du über mich herausfinden kannst, ohne mich zu bergen - was du ohnehin nicht könntest, ohne ziemlich nass zu werden.
Auch die lange Linse meiner Kamera schien jedes Näherkommen oder gar direkten Kontakt zu verbieten, denn statt mich zwecks Fokussierung zu dem Gegenstand hinunter bücken zu können, musste ich im gestreckten Stand den Apparat höher und höher heben, bis ich kaum noch den Suchermonitor im Blick behalten konnte. So rückte ich an das Objekt heran, indem ich mich von ihm wegstreckte. Es war ohne jeden Zweifel ein Buch.
Ein Tagebuch, den Kalenderdaten am Kopf beider aufgeschlagener Seiten zufolge. 21. und 22. März 2007. Obwohl: gedruckt, nicht handgeschrieben. Kein Tagebuch, eher ein Almanach, ein Jahrbuch mit Texten für jeden Tag. Ich konnte am Fundort so gerade noch einzelne Wörter entziffern. Wieder zuhause, vergrößerte ich die Aufnahmen bis zum maximal möglichen Format. Und da sah ich es.
“Wen dürstet, der komme! … nehme das Wasser des Lebens umsonst! Offenbarung 22,17″ Darunter, fett gedruckt: “Wasser von ganz besonderer Qualität”. Und der Anfang eines vermutlich recht faden Gleichnisses über eine Gebirgswanderung in der Schweiz bei großer Hitze.
Was für eine Ironie. Christliche Gedanken über das Wasser des Lebens, bedeckt von zwei Handbreit norddeutschem Seewasser, darin langsam vermodernd. Saß hier im Vorfrühling des Jahres 2007 jemand auf der Bank am Ufer und scheiterte bei dem Versuch, Trost aus einer Bibelinterpretation zu ziehen? Warf er oder sie den Band wutentbrannt oder in einem Anflug von Verzweiflung im hohen Bogen ins Wasser? Oder kann das Buch unbeabsichtigt verloren gegangen sein? Dazu müsste der Besitzer fast zwangsläufig im See gestanden haben oder darin auf einer Luftmatratze getrieben sein. Aber es nicht zu bemerken? Und warum sind von mehr als hundert ausgerechnet diese beiden Seiten mit diesen Zeilen aufgeschlagen nach fünf Jahren in der gemächlichen, langsam zersetzenden Strömung?
Was muss ich auch am Rand des langweiligsten Sees der Welt auf der Suche nach Bildern und Geschichten sein, die sich bloggen lassen.
Ünüvar – Ende eines Supermarkts (2)
Regelmäßige Zeilensturm-Leser erinnern sich vielleicht, dass ich vor etwa fünf Monaten von der bevorstehenden Schließung meines lokalen Supermarktes berichtete, der seit zwölf Jahren von der Familie Ünüvar geführt worden war. Seither blicke ich täglich in leere Schaufenster, während Verwahrlosung und Verfall ihre morbide Faszination entfalten. Aber auch dieser Zustand wird nicht mehr lange das Straßenbild prägen. Daher hier eine melanchonlische Fotodokumenation der Situation im Juni 2012.
100 Quadratmeter Meilchen
Ich hatte kürzlich das berufliche Privileg, in Dillingen an der Saar übernachten zu dürfen. In Dillingen gibt es die Dillinger Hütte, ein Stahlwerk, das größer scheint als der ganze Ort, zehn Zentimeter dicke Bleche herstellt und geschlagene 325 Jahre alt ist. Ich liebe dicke, alte Stahlwerke, schließlich schreibe ich bisweilen Bücher darüber. Also einen Besuch wert, Dillingen. Und wenn man mal da ist, übernachtet man aus logistischen Gründen am besten in acht Minuten Gehweite vom Bahnhof und fünf Minuten Gehweite von der Hütte. Und genau da gibt es das:
Ein empfehlenswertes, preisgünstiges, blitzsauberes und in keiner Weise über- oder unterkandideltes kleines Hotel, wie sich herausgestellt hat. Oder, wie der Berliner ekstatisch loben würde: Ick hab schon schlechter jepennt, kann man nich meckern, wa? Außerdem: dieser knuddelige Name!
Und weil ich im Dunkeln angereist war, trat ich des Morgens aus der Hoteltür ins gleißende Licht des Tages hinaus und sah zu meiner großen Freude gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite:
Ich rauche zwar nicht, aber allein die Tatsache, diesen Laden weit weniger als ein Meilchen, nämlich nur zehn Meter entfernt zu finden … Die Inhaberin war hingebungsvoll damit beschäftigt, vor ihrer Ladentür Unkraut aus dem Pflaster zu zupfen oder Ameisengift zu streuen – Sauberkeit und Ordnungssinn drüben wie hüben. It runs in the family, sagen die Amerikaner.
Aber wie gewaltig war mein Entzücken, als ich erneut zwanzig Meter weiter am Nachbarhaus vorbei Richtung Stahlwerk schritt:
Und da wäre ich doch am liebsten gleich eingetreten und hätte die nächstbeste Flugreise gebucht, nur um nach Bonus-Meilchen fragen zu können. Doch leider hatte ich ja diesen Termin im Stahlwerk von Dillingen, wie heißt es doch gleich – Meilchenhütte?





























