Billiger Urlaubslacher

Written By: Oliver Driesen - Mai• 12•13

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Ein zufälliger Einblick in die Ökonomie des Massentourismus. Ich würde ja verstehen, wenn die Manager unseres italienischen Hotels ihre Botschaft mangels Deutschkenntnissen durch ein Google- oder anderes Übersetzungsprogramm gejagt hätten. Aber dass so eine Software das Wort “Wassel” ausspuckt, kann ich nicht glauben. Oder auch, dass sie “auffrischen” sowohl als Verb als auch substantivisch verwenden würde.

Jedenfalls bestand der Auffrischen aus zwei Wasserkränen an der (Innen-)Wand des Speisesaals, aus denen zu den Abfütterungszeiten wahlweise Weiß- oder Rotwein gezapft werden konnte, bis der Arzt kam. Manchmal schäumte der Rotwein verdächtig beim Zapfen, aber andererseits ist das blasenfreie Rotweinzapfen aus verborgenen Alkoholtanks wohl auch ebenso wenig verbrieftes Recht des deutschen Pauschalurlaubers im Ausland wie das Konsumieren von Wein und Wassel, wann der Auffrischen ist nicht offen.

P.S. In Bezug auf die massenweise Verabfolgung von Flüssignahrung wäre “Tränken” wahrscheinlich das agrarindustriell korrektere Wort als “Abfütterung”. Also Tränkzeiten. Oder Labzeiten? Das Deutsche hat da jene berüchtigte Lücke, die auch beim Gegenstück zum Wort “satt” auf der Flüssigseite klafft. Insofern ist der Auffrischen nicht einmal schlecht. Wirklich gar nicht mal so verkehrt. Der Auffrischen. Passt!

P.P.S. Da fällt mir ein, Isa: Könntest du für die ganzen Medienheinis bitte mal in deiner Deutschstunde den Unterschied zwischen “Explosion” und “Detonation” klarmachen? Danke.

Rätsel um William S. Burroughs

Written By: Oliver Driesen - Apr• 15•13

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Das hier ist die Schreibmaschine von William S. Burroughs (1914-1997). Ich stand ihr am Wochenende bei der Langen Nacht der Museen gegenüber, denn sie ist Teil der Burroughs-Schau in der überhaupt ja sehr zu empfehlenden Sammlung Falckenberg.  Zur Erinnerung, Burroughs, das war der, der seine Frau beim Versuch, im Drogenrausch Wilhelm Tell zu spielen, aus Versehen erschoss. Später wurde er vom US-Präsidenten für seine Leistungen, also seine sonstigen, mit einem wichtigen Orden behängt.

Jedenfalls. Das hier war also seine Schreibmaschine. Wenn man das Bild zweimal anklickt, dann sollte es deutlich größer erscheinen. Und da stellt sich nun Betrachtern mit einer sehr genauen Beobachtungsgabe ein Rätsel. Genau genommen gleich zwei, denn wenn man das erste entdeckt, dann wirft das gleich noch eine weitere Frage auf. Deswegen vertraue ich hier auf die berüchtigte Schwarmintelligenz der Zeilensturm-Leser und sachdienliche Hinweise zu folgenden Herausforderungen:

1. Was stimmt hier nicht?

2. Aber wie hat er dann überhaupt seine Bücher schreiben können?

Schwärm aus, du Schwarm! Lösungen demnächst an dieser Stelle.

+++++++++++

Nachtrag 26.4.: Hier also die versprochenen Lösungen.

zu 1.: Nein, es ist nicht das “ß”, das auf der US-Tastatur fehlt. Und es ist auch nicht das Farbband, das ja jederzeit leicht ersetzbar wäre. Tatsächlich fehlt die Taste für die Ziffer 1.  Und das ist doch äußerst merkwürdig, zumal die anderen Zifern alle da sind, wo sie sein sollten. Die 1 aber dürfte auch im Englischen nicht so ohne weiteres verzichtbar sein.

zu 2: Es sei denn, sie wird einfach durch die hochgestellte Taste für den Buchstaben “I” ersetzt. Nachweislich verwendete Burroughs die Ziffer 1 in seinen Romanen nicht seltener als andere. Also wird er’s wohl auf diese Weise gelöst haben. Aber bizarr bleibt es doch – so wie der ganze Kerl.

++++++++++++

Nachtrag, 30.4.13: Der nachträgliche güldende Hauptpreis für unbezahlte Recherche geht aber an den Leser (und Kollegen) A. Beerlage, der folgendes mitteilt:

Im Angelsächsischen wird die handschriftliche EINS ja nur als Strich und ohne den oberen halben Dachwinkel geschrieben, den wir so gerne nutzen.Die Remingtons zumindest haben wohl aus diesem Grund alle keine 1 gehabt (s.u.).

standardtastatur

RP-Betribesanleitung

Fazit: Alle US- und UK-Schriftsteller sind (oder waren) ein bisschen Burroughs. Grund ist aber nur die primitive Technologie Ihrer mechanischen Schreibgeräte.

 

Kugel zu vergeben

Written By: Oliver Driesen - Apr• 12•13

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Gesehen in Hamburg Str.Georg. Ich klammere mich jetzt mal an die Hoffnung, dass dieses Gesuch ein Fake ist, eine subversive Aktion gegen den in dieser Stadt grassierenden Wohnungsmarkt-Wahnsinn. Denn es passt ja offensichtlich gar nichts zusammen: Jemand, der mit “Dringlichkeitsschein” eine Sozialwohnung sucht, weil er eben gerade nur ein sehr begrenztes Budget hat, soll bereit sein, 15.000 Euro “Vermieterprovision” locker zu machen?  Notfalls für eine 1,5-Zimmer-Wohnung in irgendeinem Hamburger Außenstadtteil, sofern er nur U- oder S-Bahn-Anschluss hat?

Andererseits.

Könnte es wahr sein? Könnte diese neue Stufe des gesamtgesellschaftlichen Irrsinns in unserer Stadt schon erreicht sein? In St.Georg werden für unspektakuläre Altbauwohnungen inzwischen Mieten gefordert, für die die Bezeichnung “unanständig” noch geschönt erscheint. Es entstehen in Hamburg Neubauwohnungen in “Bestlage”, die für 3.000.000 Euro verkauft sind, bevor noch eine Kelle Mörtel verstrichen wurde. Und für den Schmuddelstadtteil Wilhelmsburg auf der Elbinsel hat ein Vertreter der Handelskammer folgende Vision, wo doch jetzt durch die Neubauprojekte der IBA vor allem auch Besserverdienende dort hinziehen werden:  „Die Zusammensetzung der Bevölkerung wird höherwertiger sein, als die Segmente, die sich in der bisherigen Bevölkerungsstruktur abgebildet haben.“ Diesen Satz bitte ausschneiden, vertonen und mehrmals täglich im Chor vor dem Haupteingang der Handelskammer absingen.

Sagen wir, es sei kein Fake. Sagen wir, dass da tatsächlich alle Zettelchen mit der Telefonnummer von potenziellen Vermietern abgerissen wurden, die ihr Glück kaum fassen konnten. Und stellen wir uns eine alleinerziehende Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter vor, die auf diese Weise ihre Traumwohnung unterm Dach in einem Rahlstedter Rotklinkerbau findet. Und stellen wir uns vor, wie der Vermieter an ihre Tür klopft und freundlich sagt: “Übrigens, die Treppe muss noch geputzt werden – und hier auf diesem Zettel steht meine Kontonommer für die 15 Mille, aber bitte noch diese Woche, ja? Schönen Tag noch!”

Stellen wir uns das alles vor und geben wir uns – oder noch besser dem Vermieter – die Kugel.

 

Hilf dir selbst

Written By: Oliver Driesen - Apr• 06•13

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Programmhinweis: Maximilian Buddenbohm

Written By: Oliver Driesen - Mrz• 17•13

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BuddenbohmBuddenbohmMarmelade

Maximilian Buddenbohm ist der lebende Beweis dafür, dass Blogger auch Buchmacher Buchautoren sein können. Genau genommen hat er erst gebloggt – nämlich die vom milden Wahnsinn des Ehe- und Familienalltags gespeisten Herzdamengeschichten –  und ist dann und deswegen von Verlagen entdeckt worden. Aus seinen ersten drei Büchern wissen wir zum Beispiel, wie man eine Strandjugend übersteht, wie man eine Familie wird und wie man Kinder erzieht, ohne ganze Stadtviertel in Schutt und Asche zu legen.

In seinem  vierten Buch “Marmelade im Zonenrandgebiet” geht es ums Erwachsenwerden. Das muss man nämlich auch in Norddeutschland, aber als Lektüre ist es alles andere als eine Pflichtübung. «Die Kombination aus kluger Beobachtungsgabe, trockenem Humor, feingeschliffener Sprache und Warmherzigkeit macht Maximilian Buddenbohms Texte einfach unwiderstehlich.» (Kerstin Gier)

Am 24. März, das ist kommenden Sonntag, liest Maximilian Buddenbohm aus “Marmelade im Zonenrandgebiet”: um 15 Uhr bei den “Stadtveränderern” in Hamburg-Hamm, Hammer Steindamm 62 (wer sich auskennt: das Haus mit der “Baderanstalt”). Und ich moderiere und interviewe ein wenig. Eintritt 8 Euro. Kommt alle!

Stein der Reichen, Stein der Weisen

Written By: Oliver Driesen - Feb• 19•13

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Und dann war da noch, gestern in den Tagesthemen, jenes alte russische Mütterchen aus Tscheljabinsk. Es hatte einen taubeneigroßen Bruchteil des Meteoriten im Schnee gefunden, der vor ein paar Tagen krachend über der Region niedergegangen war.

Solche Meteoritentrümmer sind extrem selten und offenbar bei Sammlern sehr begehrt, bei Ebay werden Riesensummen geboten. Auch in Russland weiß das spätestens seit dem Tscheljabinsk-Ereignis jeder.

Was aber sagte die alte, ärmlich wirkende Frau, das schwarz verschmorte Steinchen in ihrer Handfläche wiegend und wägend, auf die Reporterfrage, ob sie ihren Fund nun gewinnbringend verkaufen wolle?

“Wir sind hier in der Gegend noch nie reich gewesen. Und wir werden jetzt nicht damit anfangen!”

 

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Meteoritenbruchstück aus Tscheljabinsk, Quelle: Wikipedia
 
 

Durst

Written By: Oliver Driesen - Feb• 07•13

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Das “Alsterhaus” am Jungfernstieg ist für Karstadt in Hamburg das, was das KaDeWe in Berlin ist: das Flaggschiff der gehobenen Warenhaus-Kultur und des bürgerlichen Savoir Vivre. Im Obergeschoss gibt es ein “Gourmet-Paradies”, wo stark geschminkte Pelzfregatten im vorgerückten Alter zu jeder Tageszeit die Champagnerbars besegeln – Postkartenhamburg eben. Eine Nische dort ist dem Wasser gewidmet. Die Wände sind mit Botschaften des Tenors verziert, dass Wasser “ein besonderes Element” sei, Quell allen Lebens etc. Was Marketinglyrikern eben spontan durch den Sinn schießt.

Und dann läuft man auf das Verkaufsregal zu. Dort stehen die Wasserflaschen diverser Marken so aufgereiht, wie man es auch vom Weinregal kennt: unten der Ramsch, in Augenhöhe die Margenbringer, ganz oben die Ware, die man dem Kunden besser nicht unbegleitet vom Personal in die Hand gibt. Arbeiten wir uns von unten nach oben vor.

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Zum Preis von 8,50 Euro die 0,75-Liter-Flasche ist Elsenham Sparkling aus England natürlich nicht ernst zu nehmen. Wahrscheinlich wurde es nicht einmal durch Halbedelsteine filtriert, das will man gar nicht wissen. Servieren Sie so etwas, wenn Sie daheim ein Diner geben, bitte dem Personal im Nebenzimmer. Oder senden Sie zu Weihnachten einen Karton an ein Waisenhaus im Südsudan. Lassen Sie sich aber ein Belegfoto des Glanzes in den Kinderaugen übermitteln, wenn Emotionen für Sie ein Assett darstellen.

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Evian by Courreges für nicht einmal elf Euro pro Flasche gehört ebenfalls zu jenen vulgären Marken, für die meines Wissens sogar Fernsehwerbung gemacht wird. Dass das billig gestaltete Gefäß zum kleinbürgerlichen “Pfandsystem” zu rechnen ist – 25 Cent, mehr muss man nicht sagen -, entzieht es von selbst dem abwägenden Blickfeld des Kenners.

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Bei “Gize” kommen wir mit 18 Euro allmählich in den Bereich des Wertzuschätzenden. Goldfiltriert, zeichnet dieses Sparkling Water dennoch ein gewisses Understatement aus, das dem Hanseaten lieb und teuer ist. Ein Wasser wie ein Audi A8: robust, aber kultiviert. Tipp: Füllen Sie es in die Karaffe “Biarritz” von Flamant um, bevor Sie diesem Wasser seinen Auftritt gönnen.

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Angemessen hoch in der Gunst des Alsterhauses aber steht “Bling” – nämlich im Regal über Kopfhöhe selbst groß gewachsener Gourmets wie mir. So weiß man zumindest, dass nicht jeder hergelaufene Millionär es mit unbehandschuhten Fingern betatscht hat. Die knapp 60 Euro pro Flasche trennen auf angenehm dezente Weise die Spreu vom Weizen, wenn Sie verstehen. Die Flasche ist mit goldglänzenden Swarowski Kristallen besetzt, was mancher für neureich halten wird. Dafür habe ich in Hamburg durchaus Verständnis. Doch mir behagt dieses Designelement durchaus, wird es doch durch ein unterkühltes “H2O” wieder geerdet. Bling wurde vom “Hollywood Creative Executive and visionary” Kevin G. Boyd kreiert. “Inspiriert von allem, was Luxus ist, betrachtete Kevin seine Welt der roten Teppiche und blitzenden Lichter und hatte die Vision einer Produktlinie, die in dieser Umgebung bestehen konnte.” Das Ergebnis: “Eine Flasche Haute Wasser, so schön, dass sie auf den globalen roten Teppichen der Welt allein stehen konnte.”

Es gibt übrigens auch ein Exemplar aus der Dubai Collection mit 10.000 handverlesenen Swarovski-Kristallen zu 2.600 US-Dollar die Flasche. Leider konnte ich sie im Alsterhaus nicht entdecken. Es ist halt doch ein wenig kleinstädtisch, unter uns.

 

 

 

 

Das Märchen vom Märchen von den teuren Mieten

Written By: Oliver Driesen - Jan• 30•13

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“Die Welt” hat einen schweren Betrug am deutschen Volk aufgedeckt. Die SPD nämlich will den Menschen vorgaukeln, sie litten unter zu hohen Mietsteigerungen, und will deswegen den Mietpreisanstieg begrenzen. Das entlarvt die “Welt” als pfiffigen, populistischen PR-Trick der Sozis: “Das Märchen von den teuren Mieten”, betitelt das Blatt seine Enthüllungsgeschichte (in der Printversion, online heißt es “… von den teuren Wohnungsmieten”, um die Zeile volllaufen zu lassen).

Die Wahrheit nämlich sieht ganz anders aus. “Inflationsbereinigt” bezahlen die Deutschen heute weniger fürs Wohnen als vor 20 Jahren, 1992. Und zwar im bundesweiten Durchschnitt 22,8 Prozent weniger, in den besonders attraktiven “Top-10-Städten” immer noch 19,8 Prozent, also ein Fünftel. Ein Fünftel weniger als vor 20 Jahren. Was heißt eigentlich “inflationsbereinigt”? Gemeint ist hier wohl: wenn man die Mietpreisentwicklung damit vergleicht, wie sich die übrige Preis- und Lohnentwicklung in diesem Zeitraum verhalten hat. Man sollte meinen, dass die Mieten so gesehen allerhöchstens langsamer gestiegen sein könnten als die übrigen Preise, obwohl auch das kaum denkbar erscheint. Nur Öl, Benzin, Gas und Strom könnten sich in den letzten Jahren noch stärker verteuert haben. Aber nein: Die Mieten, auch in den attraktivsten Städten, sind im Vergleich 1992 um rund ein Fünftel gesunken.

In Berlin, wo die Mietpreisdiskussion besonders hohe Wellen schlägt, sind die Menschen sogar besonders undankbar. Denn dort, so die Zeitung, “müssen Verbraucher monatlich immer noch 28 Prozent weniger an ihren Vermieter überweisen als 1992, unter Berücksichtigung des zwischenzeitlichen Kaufkraftverlustes liegen die Mieten sogar um die Hälfte unter dem Wert von vor 20 Jahren.”

Das heißt, 28 Prozent weniger ohne Inflationsbereinigung, brutto sozusagen. Mit Inflationsbereinigung hat also jemand 1992, sagen wir, umgerechnet 500 Euro für seine Wohnung im Wedding bezahlt, und hat heute so viel Kaufkraft, als ob er 250 Euro für dieselbe Wohnung im Wedding zahlte. Weil er selber so viel mehr verdient. Oder weil das Leben in so vielen anderen Bereichen so viel billiger geworden ist. Glaubt das jemand?

Aber das ist die Welt in der Worten der “Welt”. Alle Daten dieses Wunders entnimmt die “Welt” übrigens einer Studie des IVD. Das ist der Interessenverband der Makler, Verwalter und Sachverständigen Deutschlands. IVD-Vizepräsident Jürgen Schick erklärt dem Blatt zusammenfassend, dass es Mietsteigerungen statistisch gar nicht gibt: „Wir erkennen trotz unbestrittener Ausreißer in einzelnen Stadtteilen insgesamt eine große Stabilität”, zitiert die “Welt” Schick.

In einzelnen Stadtteilen. Kritische Fragen oder Kommentare angesichts der offensichtlichen Diskrepanzen zur Wirklichkeit: keine.

Selbst, wenn wir tollkühn davon ausgingen, dass die Zahlen dieser “Studie” nicht verbogen und verdreht sind, wie’s grad gefällt: Was könnte der Grund dafür sein, dass die Menschen in Berlin durchschnittlich um die Hälfte weniger fürs Wohnen bezahlen als 1992? Obwohl die Reallöhne, also die inflationsbereinigten Einkommen, seit dieser Zeit nach allen seriösen Quellen statistisch kaum gestiegen sind. Obwohl es eine Explosion der Mietnebenkosten, etwa für Strom und Gas, gab und gibt. Das alles könnte nur einen einzigen Schluss zulassen: Es hat eine solche Verdrängung ärmerer Schichten aus der Stadt und einen Zuzug extrem wohlhabender Menschen in die City gegeben, dass diese wenigen Wohlhabenden tatsächlich nur einen Bruchteil ihrer Einkommen für Mieten ausgeben – ein schöner Triumph für die Gilde der Makler.

Wer wäre ich, daran zu zweifeln. Es ist eine “Studie”. Und es steht in der “Welt”.

Sankt Florian in den Gängen

Written By: Oliver Driesen - Jan• 27•13

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Die Entwicklung des von Künstlern erst besetzten und dann legalisierten Hamburger Gängeviertels habe ich immer mit Sympathie verfolgt. “Recht auf Stadt”, öffentliche Räume für alle, bezahlbare Mieten für Künstler und Erhalt des städtebaulichen Erbes Hamburgs – das alles konnte ich unterschreiben. Es fällt mir nicht schwer, die Kreativität und Originalität der Kunst und der Lebensweise als Bereicherung Hamburgs zu sehen. Aber neuerdings scheint durch die Gänge ein merkwürdiger Wind zu wehen:

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Verstehe ich das richtig? Graffiti sind falsch, wenn sie von durchziehenden Crash-Kids oder anderen von der Szene angezogenen Gestalten angebracht werden, die sich nicht um die Ästhetik der Bewohner scheren. Denn sie verunstalten die schützenswerte Idylle der Künstler mit ihren hirnlosen Tags.

Aber wenn sich dieselben Kids mit denselben sinnlosen, kunstlosen Graffiti an den “umliegenden Glas- und Betonfassaden” austoben, dann ist das OK, weil Ausdruck revolutionärer Gesinnung und praktizierter Klassenkampf?

Nun könnte es ja sein, dass auch hinter den Glas- und Betonfassaden Menschen leben oder arbeiten, die auf diesen Vandalismus eher allergisch reagieren würden. Ich zum Beispiel. Und noch ein paar andere, die ich kenne. Aber wir sind ja Spießer, wir haben nichts anderes verdient.

Was hier zum Ausdruck kommt, sind ein paar sehr deutsche Eigenschaften:

Nach dem Sankt-Florians-Prinzip (“verschon mein Haus, zünd’s andere an”) ist ein Übel nur solange eins, wie es mich betrifft und nicht den Nachbarn.

Der jeweils andere, der nicht so ist wie ich, muss auf jeden Fall unbesehen dem feindlichen Lager zugerechnet werden und gehört entsprechend bekämpft.

Denn was die einzig “richtige” Ideologie oder Architektur ist, entscheide immer noch ich bzw. meinesgleichen.

Dazu passt auch die unter den Gänge-Bewohnern bereits intern kontrovers diskutierte, zunehmende Intoleranz gegen geführte Begehungen dieser Straßenzüge, die bis heute mit dem Slogan “Komm in die Gänge” werben. Angeblich ist es nicht OK, wenn kommerzielle Fremdenführer für diese Arbeit Geld nehmen wie für jede andere Touristentour auch. Warum? Weil sie eine autonome Zone des Antikapitalismus betreten, innerhalb deren Grenzen die Zwänge eines Lebensunterhalts nicht mehr gelten? Nein, dies ist öffentlicher, pluralistischer Raum – so war er zumindest anfänglich mal definiert.

Vielleicht begünstigt ein historisch bedingt enges und lichtloses Wohnumfeld ja bei manchen Menschen auch eine Verengung und Verdunkelung des ideologischen Horizonts. Es wäre schade um die bislang einladend offene Gegenkultur des Gängeviertels.

 

A No got shot on the spot

Written By: Oliver Driesen - Jan• 03•13

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Die derzeitige Langzeitkampagne von Marlboro “Don’t be a Maybe” ist eine besonders perfide, hintertückische Art der Zigarettenwerbung.

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Bevor ich das begründe, ist also zunächst einmal allerhöchstes Lob an die Kreativen der Agentur fällig: Perfekte Arbeit! Sehr gut gemacht! Völlig pervers und gewissenlos natürlich, aber dafür seid ihr ja Werber. Ihr würdet auch den Syrern Teppichbomben verkaufen, und ihr würdet es verteufelt gut machen, schon klar.

Warum ist also “Don’t be a Maybe” auf so destruktive Art genial bzw. auf so geniale Art destruktiv? Zunächst einmal, weil die Kampagne gar nicht fürs Rauchen wirbt. Auf keinem der verschiedenen Motive sieht man einen glücklichen Menschen mit Rauchfahne, das wäre meines Wissens auch gar nicht mehr erlaubt in der Werbung. Da ist lediglich am Rand eine relativ kleine Zigarettenpackung abgebildet, aber die hätte man zur Not auch noch weglassen und diesen Teil auf den bloßen Schriftzug Marlboro reduzieren können.

Die Kampagne setzt stattdessen auf Luther. “Deine Sprache sei ein Ja oder Nein, alles dazwischen ist von Übel”, hat er sinngemäß gesagt und sich damit gegen die Schwafler und Laumänner, die Unverbindlichen und Opportunisten gewandt. Es geht hier vermeintlich um eine Haltung – zu allem, zum Leben. Ja oder Nein. Sie kennen unsere Sehnsüchte, die Werber: Die Welt muss wieder einfacher werden. Blockbildung ist angesagt. Gut gegen Böse, und dann auf der richtigen Seite stehen. Klare Sache, und damit hopp. Sympathisch, eigentlich. Sexy, auch. In diesen Zeiten der Schwafler und Laumänner, der Unverbindlichen und Opportunisten, fast 500 Jahre nach Luther. Bis hierhin alles gut, sogar irgendwie progressiv, auf eine konservative Weise. Also schon wieder reaktionär. Ach, egal, darum geht es nicht.

Es geht um eine Pseudo-Alternative, die den Anbieter des Suchtmittels reinwäscht. Jedem Kritiker dieser Kampagne kann der Tabakkonzern blauäugig entgegnen: Wieso? Wir werben doch nur für eine Lebenseinstellung, nämlich nicht lau und unverbindlich zu sein. Und dabei lassen wir sogar die Wahl, Ja oder Nein zu sagen, also eben auch Nein! Total demokratisch, total individuell, total frei. Diese Werbung ist längst über die plumpe Botschaft “Rauchen macht frei” aus dem faschistoid-paradiesischen Marlboro Country hinweg. Sie macht nicht den Fehler, den Claim “Sei kein Frosch!” oder “Bissu Mann oder Maus, Alder?” zu bringen. Sie ermöglicht ein Nein, um es dadurch erst recht zu ächten.

Denn der genial böse Schachzug ist dieser: Die plakatierten Typen mit den Ecken und Kanten, die Geschichte geschrieben haben, diese Pioniere, die Unerschrockenen, die Revolutionen angezettelt oder Popsongs komponiert haben – diese Typen, die wir, je jünger und unerfahrener und orientierungssuchender wir sind, selber sein wollen, die haben eben nicht Nein gesagt. Sondern Ja. Denen klang ein Nein sogar noch viel laumannmäßiger als ein Vielleicht. Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns, ist das Motto aller Revolutionäre. Nur ein Ja ist ein Ja. Ein klares Nein gehört erschossen.

A maybe never made history (but a no got shot on the spot). Schon irre, was alles da steht, ohne da zu stehen.

Es nützt realistisch betrachtet nichts, etwa von Jugendlichen in einer Gruppe und in dieser Zwangslage ein klares lutherisches Nein zu erwarten. Das einzige Gegengift gegen diese Nikotinverabreichungsstrategie, ohne das Gesicht zu verlieren: Sag Vielleicht. Sei ein Laumann. Winde dich raus, gewinne Zeit – und lass die Erpresser weiterziehen.