Programmhinweis: Maximilian Buddenbohm

Written By: Oliver Driesen - Mrz• 17•13

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Maximilian Buddenbohm ist der lebende Beweis dafür, dass Blogger auch Buchmacher Buchautoren sein können. Genau genommen hat er erst gebloggt – nämlich die vom milden Wahnsinn des Ehe- und Familienalltags gespeisten Herzdamengeschichten –  und ist dann und deswegen von Verlagen entdeckt worden. Aus seinen ersten drei Büchern wissen wir zum Beispiel, wie man eine Strandjugend übersteht, wie man eine Familie wird und wie man Kinder erzieht, ohne ganze Stadtviertel in Schutt und Asche zu legen.

In seinem  vierten Buch “Marmelade im Zonenrandgebiet” geht es ums Erwachsenwerden. Das muss man nämlich auch in Norddeutschland, aber als Lektüre ist es alles andere als eine Pflichtübung. «Die Kombination aus kluger Beobachtungsgabe, trockenem Humor, feingeschliffener Sprache und Warmherzigkeit macht Maximilian Buddenbohms Texte einfach unwiderstehlich.» (Kerstin Gier)

Am 24. März, das ist kommenden Sonntag, liest Maximilian Buddenbohm aus “Marmelade im Zonenrandgebiet”: um 15 Uhr bei den “Stadtveränderern” in Hamburg-Hamm, Hammer Steindamm 62 (wer sich auskennt: das Haus mit der “Baderanstalt”). Und ich moderiere und interviewe ein wenig. Eintritt 8 Euro. Kommt alle!

Stein der Reichen, Stein der Weisen

Written By: Oliver Driesen - Feb• 19•13

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Und dann war da noch, gestern in den Tagesthemen, jenes alte russische Mütterchen aus Tscheljabinsk. Es hatte einen taubeneigroßen Bruchteil des Meteoriten im Schnee gefunden, der vor ein paar Tagen krachend über der Region niedergegangen war.

Solche Meteoritentrümmer sind extrem selten und offenbar bei Sammlern sehr begehrt, bei Ebay werden Riesensummen geboten. Auch in Russland weiß das spätestens seit dem Tscheljabinsk-Ereignis jeder.

Was aber sagte die alte, ärmlich wirkende Frau, das schwarz verschmorte Steinchen in ihrer Handfläche wiegend und wägend, auf die Reporterfrage, ob sie ihren Fund nun gewinnbringend verkaufen wolle?

“Wir sind hier in der Gegend noch nie reich gewesen. Und wir werden jetzt nicht damit anfangen!”

 

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Meteoritenbruchstück aus Tscheljabinsk, Quelle: Wikipedia
 
 

Durst

Written By: Oliver Driesen - Feb• 07•13

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Das “Alsterhaus” am Jungfernstieg ist für Karstadt in Hamburg das, was das KaDeWe in Berlin ist: das Flaggschiff der gehobenen Warenhaus-Kultur und des bürgerlichen Savoir Vivre. Im Obergeschoss gibt es ein “Gourmet-Paradies”, wo stark geschminkte Pelzfregatten im vorgerückten Alter zu jeder Tageszeit die Champagnerbars besegeln – Postkartenhamburg eben. Eine Nische dort ist dem Wasser gewidmet. Die Wände sind mit Botschaften des Tenors verziert, dass Wasser “ein besonderes Element” sei, Quell allen Lebens etc. Was Marketinglyrikern eben spontan durch den Sinn schießt.

Und dann läuft man auf das Verkaufsregal zu. Dort stehen die Wasserflaschen diverser Marken so aufgereiht, wie man es auch vom Weinregal kennt: unten der Ramsch, in Augenhöhe die Margenbringer, ganz oben die Ware, die man dem Kunden besser nicht unbegleitet vom Personal in die Hand gibt. Arbeiten wir uns von unten nach oben vor.

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Zum Preis von 8,50 Euro die 0,75-Liter-Flasche ist Elsenham Sparkling aus England natürlich nicht ernst zu nehmen. Wahrscheinlich wurde es nicht einmal durch Halbedelsteine filtriert, das will man gar nicht wissen. Servieren Sie so etwas, wenn Sie daheim ein Diner geben, bitte dem Personal im Nebenzimmer. Oder senden Sie zu Weihnachten einen Karton an ein Waisenhaus im Südsudan. Lassen Sie sich aber ein Belegfoto des Glanzes in den Kinderaugen übermitteln, wenn Emotionen für Sie ein Assett darstellen.

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Evian by Courreges für nicht einmal elf Euro pro Flasche gehört ebenfalls zu jenen vulgären Marken, für die meines Wissens sogar Fernsehwerbung gemacht wird. Dass das billig gestaltete Gefäß zum kleinbürgerlichen “Pfandsystem” zu rechnen ist – 25 Cent, mehr muss man nicht sagen -, entzieht es von selbst dem abwägenden Blickfeld des Kenners.

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Bei “Gize” kommen wir mit 18 Euro allmählich in den Bereich des Wertzuschätzenden. Goldfiltriert, zeichnet dieses Sparkling Water dennoch ein gewisses Understatement aus, das dem Hanseaten lieb und teuer ist. Ein Wasser wie ein Audi A8: robust, aber kultiviert. Tipp: Füllen Sie es in die Karaffe “Biarritz” von Flamant um, bevor Sie diesem Wasser seinen Auftritt gönnen.

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Angemessen hoch in der Gunst des Alsterhauses aber steht “Bling” – nämlich im Regal über Kopfhöhe selbst groß gewachsener Gourmets wie mir. So weiß man zumindest, dass nicht jeder hergelaufene Millionär es mit unbehandschuhten Fingern betatscht hat. Die knapp 60 Euro pro Flasche trennen auf angenehm dezente Weise die Spreu vom Weizen, wenn Sie verstehen. Die Flasche ist mit goldglänzenden Swarowski Kristallen besetzt, was mancher für neureich halten wird. Dafür habe ich in Hamburg durchaus Verständnis. Doch mir behagt dieses Designelement durchaus, wird es doch durch ein unterkühltes “H2O” wieder geerdet. Bling wurde vom “Hollywood Creative Executive and visionary” Kevin G. Boyd kreiert. “Inspiriert von allem, was Luxus ist, betrachtete Kevin seine Welt der roten Teppiche und blitzenden Lichter und hatte die Vision einer Produktlinie, die in dieser Umgebung bestehen konnte.” Das Ergebnis: “Eine Flasche Haute Wasser, so schön, dass sie auf den globalen roten Teppichen der Welt allein stehen konnte.”

Es gibt übrigens auch ein Exemplar aus der Dubai Collection mit 10.000 handverlesenen Swarovski-Kristallen zu 2.600 US-Dollar die Flasche. Leider konnte ich sie im Alsterhaus nicht entdecken. Es ist halt doch ein wenig kleinstädtisch, unter uns.

 

 

 

 

Das Märchen vom Märchen von den teuren Mieten

Written By: Oliver Driesen - Jan• 30•13

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“Die Welt” hat einen schweren Betrug am deutschen Volk aufgedeckt. Die SPD nämlich will den Menschen vorgaukeln, sie litten unter zu hohen Mietsteigerungen, und will deswegen den Mietpreisanstieg begrenzen. Das entlarvt die “Welt” als pfiffigen, populistischen PR-Trick der Sozis: “Das Märchen von den teuren Mieten”, betitelt das Blatt seine Enthüllungsgeschichte (in der Printversion, online heißt es “… von den teuren Wohnungsmieten”, um die Zeile volllaufen zu lassen).

Die Wahrheit nämlich sieht ganz anders aus. “Inflationsbereinigt” bezahlen die Deutschen heute weniger fürs Wohnen als vor 20 Jahren, 1992. Und zwar im bundesweiten Durchschnitt 22,8 Prozent weniger, in den besonders attraktiven “Top-10-Städten” immer noch 19,8 Prozent, also ein Fünftel. Ein Fünftel weniger als vor 20 Jahren. Was heißt eigentlich “inflationsbereinigt”? Gemeint ist hier wohl: wenn man die Mietpreisentwicklung damit vergleicht, wie sich die übrige Preis- und Lohnentwicklung in diesem Zeitraum verhalten hat. Man sollte meinen, dass die Mieten so gesehen allerhöchstens langsamer gestiegen sein könnten als die übrigen Preise, obwohl auch das kaum denkbar erscheint. Nur Öl, Benzin, Gas und Strom könnten sich in den letzten Jahren noch stärker verteuert haben. Aber nein: Die Mieten, auch in den attraktivsten Städten, sind im Vergleich 1992 um rund ein Fünftel gesunken.

In Berlin, wo die Mietpreisdiskussion besonders hohe Wellen schlägt, sind die Menschen sogar besonders undankbar. Denn dort, so die Zeitung, “müssen Verbraucher monatlich immer noch 28 Prozent weniger an ihren Vermieter überweisen als 1992, unter Berücksichtigung des zwischenzeitlichen Kaufkraftverlustes liegen die Mieten sogar um die Hälfte unter dem Wert von vor 20 Jahren.”

Das heißt, 28 Prozent weniger ohne Inflationsbereinigung, brutto sozusagen. Mit Inflationsbereinigung hat also jemand 1992, sagen wir, umgerechnet 500 Euro für seine Wohnung im Wedding bezahlt, und hat heute so viel Kaufkraft, als ob er 250 Euro für dieselbe Wohnung im Wedding zahlte. Weil er selber so viel mehr verdient. Oder weil das Leben in so vielen anderen Bereichen so viel billiger geworden ist. Glaubt das jemand?

Aber das ist die Welt in der Worten der “Welt”. Alle Daten dieses Wunders entnimmt die “Welt” übrigens einer Studie des IVD. Das ist der Interessenverband der Makler, Verwalter und Sachverständigen Deutschlands. IVD-Vizepräsident Jürgen Schick erklärt dem Blatt zusammenfassend, dass es Mietsteigerungen statistisch gar nicht gibt: „Wir erkennen trotz unbestrittener Ausreißer in einzelnen Stadtteilen insgesamt eine große Stabilität”, zitiert die “Welt” Schick.

In einzelnen Stadtteilen. Kritische Fragen oder Kommentare angesichts der offensichtlichen Diskrepanzen zur Wirklichkeit: keine.

Selbst, wenn wir tollkühn davon ausgingen, dass die Zahlen dieser “Studie” nicht verbogen und verdreht sind, wie’s grad gefällt: Was könnte der Grund dafür sein, dass die Menschen in Berlin durchschnittlich um die Hälfte weniger fürs Wohnen bezahlen als 1992? Obwohl die Reallöhne, also die inflationsbereinigten Einkommen, seit dieser Zeit nach allen seriösen Quellen statistisch kaum gestiegen sind. Obwohl es eine Explosion der Mietnebenkosten, etwa für Strom und Gas, gab und gibt. Das alles könnte nur einen einzigen Schluss zulassen: Es hat eine solche Verdrängung ärmerer Schichten aus der Stadt und einen Zuzug extrem wohlhabender Menschen in die City gegeben, dass diese wenigen Wohlhabenden tatsächlich nur einen Bruchteil ihrer Einkommen für Mieten ausgeben – ein schöner Triumph für die Gilde der Makler.

Wer wäre ich, daran zu zweifeln. Es ist eine “Studie”. Und es steht in der “Welt”.

Sankt Florian in den Gängen

Written By: Oliver Driesen - Jan• 27•13

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Die Entwicklung des von Künstlern erst besetzten und dann legalisierten Hamburger Gängeviertels habe ich immer mit Sympathie verfolgt. “Recht auf Stadt”, öffentliche Räume für alle, bezahlbare Mieten für Künstler und Erhalt des städtebaulichen Erbes Hamburgs – das alles konnte ich unterschreiben. Es fällt mir nicht schwer, die Kreativität und Originalität der Kunst und der Lebensweise als Bereicherung Hamburgs zu sehen. Aber neuerdings scheint durch die Gänge ein merkwürdiger Wind zu wehen:

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Verstehe ich das richtig? Graffiti sind falsch, wenn sie von durchziehenden Crash-Kids oder anderen von der Szene angezogenen Gestalten angebracht werden, die sich nicht um die Ästhetik der Bewohner scheren. Denn sie verunstalten die schützenswerte Idylle der Künstler mit ihren hirnlosen Tags.

Aber wenn sich dieselben Kids mit denselben sinnlosen, kunstlosen Graffiti an den “umliegenden Glas- und Betonfassaden” austoben, dann ist das OK, weil Ausdruck revolutionärer Gesinnung und praktizierter Klassenkampf?

Nun könnte es ja sein, dass auch hinter den Glas- und Betonfassaden Menschen leben oder arbeiten, die auf diesen Vandalismus eher allergisch reagieren würden. Ich zum Beispiel. Und noch ein paar andere, die ich kenne. Aber wir sind ja Spießer, wir haben nichts anderes verdient.

Was hier zum Ausdruck kommt, sind ein paar sehr deutsche Eigenschaften:

Nach dem Sankt-Florians-Prinzip (“verschon mein Haus, zünd’s andere an”) ist ein Übel nur solange eins, wie es mich betrifft und nicht den Nachbarn.

Der jeweils andere, der nicht so ist wie ich, muss auf jeden Fall unbesehen dem feindlichen Lager zugerechnet werden und gehört entsprechend bekämpft.

Denn was die einzig “richtige” Ideologie oder Architektur ist, entscheide immer noch ich bzw. meinesgleichen.

Dazu passt auch die unter den Gänge-Bewohnern bereits intern kontrovers diskutierte, zunehmende Intoleranz gegen geführte Begehungen dieser Straßenzüge, die bis heute mit dem Slogan “Komm in die Gänge” werben. Angeblich ist es nicht OK, wenn kommerzielle Fremdenführer für diese Arbeit Geld nehmen wie für jede andere Touristentour auch. Warum? Weil sie eine autonome Zone des Antikapitalismus betreten, innerhalb deren Grenzen die Zwänge eines Lebensunterhalts nicht mehr gelten? Nein, dies ist öffentlicher, pluralistischer Raum – so war er zumindest anfänglich mal definiert.

Vielleicht begünstigt ein historisch bedingt enges und lichtloses Wohnumfeld ja bei manchen Menschen auch eine Verengung und Verdunkelung des ideologischen Horizonts. Es wäre schade um die bislang einladend offene Gegenkultur des Gängeviertels.

 

A No got shot on the spot

Written By: Oliver Driesen - Jan• 03•13

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Die derzeitige Langzeitkampagne von Marlboro “Don’t be a Maybe” ist eine besonders perfide, hintertückische Art der Zigarettenwerbung.

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Bevor ich das begründe, ist also zunächst einmal allerhöchstes Lob an die Kreativen der Agentur fällig: Perfekte Arbeit! Sehr gut gemacht! Völlig pervers und gewissenlos natürlich, aber dafür seid ihr ja Werber. Ihr würdet auch den Syrern Teppichbomben verkaufen, und ihr würdet es verteufelt gut machen, schon klar.

Warum ist also “Don’t be a Maybe” auf so destruktive Art genial bzw. auf so geniale Art destruktiv? Zunächst einmal, weil die Kampagne gar nicht fürs Rauchen wirbt. Auf keinem der verschiedenen Motive sieht man einen glücklichen Menschen mit Rauchfahne, das wäre meines Wissens auch gar nicht mehr erlaubt in der Werbung. Da ist lediglich am Rand eine relativ kleine Zigarettenpackung abgebildet, aber die hätte man zur Not auch noch weglassen und diesen Teil auf den bloßen Schriftzug Marlboro reduzieren können.

Die Kampagne setzt stattdessen auf Luther. “Deine Sprache sei ein Ja oder Nein, alles dazwischen ist von Übel”, hat er sinngemäß gesagt und sich damit gegen die Schwafler und Laumänner, die Unverbindlichen und Opportunisten gewandt. Es geht hier vermeintlich um eine Haltung – zu allem, zum Leben. Ja oder Nein. Sie kennen unsere Sehnsüchte, die Werber: Die Welt muss wieder einfacher werden. Blockbildung ist angesagt. Gut gegen Böse, und dann auf der richtigen Seite stehen. Klare Sache, und damit hopp. Sympathisch, eigentlich. Sexy, auch. In diesen Zeiten der Schwafler und Laumänner, der Unverbindlichen und Opportunisten, fast 500 Jahre nach Luther. Bis hierhin alles gut, sogar irgendwie progressiv, auf eine konservative Weise. Also schon wieder reaktionär. Ach, egal, darum geht es nicht.

Es geht um eine Pseudo-Alternative, die den Anbieter des Suchtmittels reinwäscht. Jedem Kritiker dieser Kampagne kann der Tabakkonzern blauäugig entgegnen: Wieso? Wir werben doch nur für eine Lebenseinstellung, nämlich nicht lau und unverbindlich zu sein. Und dabei lassen wir sogar die Wahl, Ja oder Nein zu sagen, also eben auch Nein! Total demokratisch, total individuell, total frei. Diese Werbung ist längst über die plumpe Botschaft “Rauchen macht frei” aus dem faschistoid-paradiesischen Marlboro Country hinweg. Sie macht nicht den Fehler, den Claim “Sei kein Frosch!” oder “Bissu Mann oder Maus, Alder?” zu bringen. Sie ermöglicht ein Nein, um es dadurch erst recht zu ächten.

Denn der genial böse Schachzug ist dieser: Die plakatierten Typen mit den Ecken und Kanten, die Geschichte geschrieben haben, diese Pioniere, die Unerschrockenen, die Revolutionen angezettelt oder Popsongs komponiert haben – diese Typen, die wir, je jünger und unerfahrener und orientierungssuchender wir sind, selber sein wollen, die haben eben nicht Nein gesagt. Sondern Ja. Denen klang ein Nein sogar noch viel laumannmäßiger als ein Vielleicht. Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns, ist das Motto aller Revolutionäre. Nur ein Ja ist ein Ja. Ein klares Nein gehört erschossen.

A maybe never made history (but a no got shot on the spot). Schon irre, was alles da steht, ohne da zu stehen.

Es nützt realistisch betrachtet nichts, etwa von Jugendlichen in einer Gruppe und in dieser Zwangslage ein klares lutherisches Nein zu erwarten. Das einzige Gegengift gegen diese Nikotinverabreichungsstrategie, ohne das Gesicht zu verlieren: Sag Vielleicht. Sei ein Laumann. Winde dich raus, gewinne Zeit – und lass die Erpresser weiterziehen.

Zehn Jahre frei

Written By: Oliver Driesen - Dez• 31•12

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Das Jahr 2012 endet, und damit endet für mich auch eine Strecke zehnjähriger Jubiläen. Vor zehn Jahren mein erstes Kind gezeugt, vor zehn Jahren, ähem, geheiratet (seit zehn Jahren immer noch verheiratet). Vor zehn Jahren in diese Wohnung gezogen (merke: Familientaugliche Wohnungen findet man am besten mit hoch schwangerem Bauch!). Und seit zehn Jahren Freiberufler. Das ist nämlich auch ein prägendes Ereignis, das man vielleicht aber nicht viel öfter als einmal braucht: wenn man weiß, jetzt wird man bald Vater, also verantwortlich für eine Familie, und dann erfährt, dass sich das mit der Traum-Festanstellung übrigens auch erledigt hat.

So wurde ich also 2002 “freigesetzt”. Ich weiß noch schemenhaft, dass ich damals einen veritablen Businessplan vorlegen musste, um bestimmte Leistungen für Neu-Selbstständige vom Arbeitsamt zu bekommen. War natürlich ein reiner Schwachsinn, der Businessplan. Wer weiß schon, was in fünf oder gar zehn Jahren ist? Niemand. Und nun die Pointe, die das Leben schrieb: Der Plan, ein reines Phantasieprodukt, ist im Ergebnis vollständig aufgegangen. Ich würde sogar sagen: Ich war wahrscheinlich einer der ganz wenigen meines Jahrgangs, dessen Plan nicht nur entfernt oder annähernd Realität wurde, sondern sich fast schon in DDR-Dimensionen übererfüllte (“Auch in diesem Jahr wurde dank der weitsichtigen Wirtschafts- und Sozialpolitik des ZK der SED die Traktorproduktion um 300 Prozent gesteigert”). Die Produktion wunderbarer Kinder jedenfalls konnte noch um insgesamt 100 Prozent gesteigert werden. Und satt wurden wir alle bis heute auch.

Was sagt mir das alles für die Zukunft? Freiheit aushalten! Die Suche nach Sicherheit als Schimäre begreifen. Zufriedenheit üben. Besitz geringschätzen. Vertrauen wagen. Auch wenn der Weltuntergang mal wieder bevorsteht oder der Euro bald in Scherben fällt oder der allerschönste Plan in sich zusammenbricht. Auch in den schwarzen Nächten, in denen der kalte Angstschweiß auf der Stirn steht, das Herz rast und man sich dabei erwischt, wie man aus dem Bett aufspringt in Richtung Schreibtisch, nur um noch auf der Bettkante zu wissen, dass es jetzt gerade überhaupt keinen Sinn macht, die Horizontale zu verlassen. Hab Vertrauen, auch 2013. Eine alte Frau gab mir, als unser erstes Kind unterwegs war, den Satz mit auf den Weg: “Wem gibt Gott ein Häschen, dem gibt er auch ein Gräschen”. Das sollte bedeuten: Du magst in diese Welt geworfen sein, aber es wird dich auch etwas hindurch tragen. Keine Ahnung, warum. Verdient ist es nur so mittel. Der Rest ist Wundern.

Aber jetzt, kurz vor 2013, lauter zehnjährige Jubiläen im Rücken, zwinkere ich mir einmal kurz zu: Hurra, ich lebe noch, und hoch soll ich leben.

Weiter geht’s. Allen Lesern ein gutes neues Jahr!

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Große Marken auf dem Müll (1)

Written By: Oliver Driesen - Dez• 27•12

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Das Aroma von Teekanne Früchtetee im praktischen Wiederaufgussbeutel erinnert auf der Zunge an Herbstlaub, am Gaumen an längst abgeerntete Brombeersträucher und im Abgang an das Moos ausgedehnter Feuchtgebiete. Gerade in der nasskalten Jahreszeit belebt Teekanne Früchtetee den Geist mit fliederfarbenen Fieberphantasien und wärmt auch das Umwelt-Herz durch sein naturnahes Recycling-Säckchen.

Ungewollt gesehen am Venekotensee, Kreis Viersen, Nordrhein-Westfalen

Unterschichten-Weihnachtsglück (mit Warnhinweis)

Written By: Oliver Driesen - Dez• 13•12

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Wenn Sie zum Fest der Liebe für die süße Joyceline oder den kleinen Justin noch etwas besonders Blödes und in jeder Weise Schädliches suchen, dann habe ich da was für Sie:

Das einzige mir bekannte Kinderspielzeug, bei dem der massiv und dauerhaft ausgelöste Effekt schon als Markenname auf der Packung steht. Oder ist es ein Warnhinweis? Jedenfalls: gesehen bei Kaufhof in Hannover.

Selten schön: Hamburg-Hamm

Written By: Oliver Driesen - Nov• 19•12

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Die Urfassung des folgenden Textes steht drüben bei Buddenbohm, der bloß, weil er neuen Wohnraum außerhalb von St.Georg in Betracht zieht, vor einigen Tagen einen leichtsinnigen Aufruf in sein Blog gestellt hat: Wir sollten Notizen über unseren jeweiligen Hamburger Stadtteil schicken oder online stellen. Es folgte ein Feuerwerk von Beiträgen zu Quartieren zwischen Helgoland und München. Dies hier ist die ergänzte und leicht korrigierte Version meines kleinen Essays über Hamburg-Hamm. Ein paar zentrale und schlichtweg vergessene Attraktionen mussten einfach noch mit rein. Und Bilder natürlich. 

Architektonische Leichtigkeit im Hammer Park
 
Ich will nicht angeben, aber ich lebe in Hamm. Hamburg-Hamm. Fragt mich nicht, wie ich es damals, vor zehn Jahren, geschafft habe, diese Genossenschaftswohnung zu bekommen, groß genug für Mann, Frau und – wie sich herausstellen sollte – zwei Kinder. Es gibt eben Menschen, die fallen mit dem Arsch voran ins pralle Glück.

Hamburg-Hamm. Ja, genau der sagenumwobene Glamour-Stadtteil für die Hardcore-Bohème, drei U-Bahn-Stationen östlich vom Hauptbahnhof. Standort der berühmten Ballettschule von John Neumeier. Ein paar Häuser weiter hält sich seit 100 Jahren ein Laden unklarer Kategorie, wahrscheinlich Drogerie, aber eigentlich Kramladen. Man kann ihn kaum betreten vor Zeugs. Vielen anderen dieser bescheidenen Krimskramsläden ist in letzer Zeit der Garaus gemacht worden. Ersatz ist nicht in Sicht.

Hamm, Wiege des allerersten Ur-Café May, und das auch noch in meinem Rotklinkerblock, wo auch der Café-Gründer hauste. Statt in einem der anderen 500 Rotklinkerblocks. Bis er in anderen Ecken Hamburgs so viele weitere Café Mays geklont gegründet hatte, dass er vor Geld nicht mehr laufen konnte und wegziehen musste. Vielleicht in einen von diesen Langweiler-Stadtteilen westlich der Alster, Eppendorf oder Pöseldorf oder Blankenese, was weiß ich, der Ärmste.

Hamm, das man auch das Hollywood des Ostens nennt, seit hier im vergangenen Sommer die blutigsten Teile des wunderbaren Kinofilms „Banklady“ gedreht wurden, weshalb der alte Türken-Supermarkt Ünüvar schräg gegenüber meiner Wohnung zur 60er-Jahre-Bankfiliale umdekoriert wurde. Unser dauerhaftes Stadtteil-Design verbilligte die Kulissenbauten.

Der Ünüvar als Film-Sparkasse
 

Hamm, wo Kristian Bader seine legendäre Baderanstalt unterhält und bizarre Konzerte, Lesungen (auch ein Herr Buddenbohm soll dort schon zu Gast gewesen sein) oder Trinkgelage veranstaltet. Und wo Buchhändlerin Elke Ehlert von „Seitenweise“ den Stadtteil mit Volksbildung überzieht, ob er will oder nicht. Etwa, wer Arno Schmidt war, der sein größtenteils unverständliches, unles- und -verfilmbares Werk bei uns, in Hamm, geschaffen hat. Genauer gesagt, und diese ebenso feine wie sprachlich hölzerne Unterscheidung ist eine bemerkenswerte Parallele zum Gebrauch im Nachbarstadtteil: Er schuf es in Unten-Hamm.

Ich dagegen wohne in Oben-Hamm. Was bei Isa in Borgfelde erst zaghaft anfängt, nämlich dass die eine Wohngegend etwas höher liegt als die andere, das erlebt man erst bei uns, zwei Kilometer weiter, in seiner ganzen sozial brisanten Konsequenz: Oben-Hamm liegt auf dem Geestrücken, an die zehn Meter höher als der Teil, auf den wir herabblicken. Weil wir nämlich die Gewinner der letzten Eiszeit sind: Damals schob sich die Endmoräne nur bis zur Hammer Dreifaltigkeitskirche. So was kommt von so was her, aufgestanden, Platz vergangen.

Reklame auf dem Geestrücken

Ach, die Dreifaltigkeitskirche. Das gibt es ja auch in ganz Hamburg nicht noch mal. Eine Architektur wie Alpha (Turm) und Omega (Kirchenschiff). Sensationell. Muss man gesehen haben. Auf dem Kirchhof ein überwucherter Grabstein mit Totenschädel-Relief, in den eingraviert steht: Lernet Sterben! Und innen – in der Kirche, nicht im Grab – wirkt Diemut Kraatz-Lütke, das Kirchenmusikgenie. Meine Frau singt da auch im Chor, und ich will schon wieder nicht angeben, aber Diemut holt aus allen das Letzte raus. Ihr Chor HAMMonie hat über die Grenzen Volksdorfs und Bahrenfelds hinaus einen Ruf wie Donnerhall, und das meine ich ernst. Gerade erst kürzlich wieder dieses dreistündige Mendelsohn-Oratorium – ich hatte ja leider Rücken und musste raus, schade.

Frohe Botschaft im Schatten der Dreifaltigkeitskirche
 

Da wäre natürlich noch der Hammer Park, unsere gartenbautechnisch wie historisch interessante grüne Lunge. Sie verfügt über eine 1A-Todespiste für Wintersportler (in den 60ern soll sich dort tatsächlich ein junger Rodler das Genick gebrochen haben), über einen Schachpavillon, wo unzugängliche Russlanddeutsche ihre Figuren in Blechcontainern bunkern, sowie natürlich über das Mehrzweckstadion, das den örtlichen Fußballclub Hamm United FC beherbergt. Der ist ominöserweise erstens anglophon, spielt zweitens entsprechend körperbetont rustikal und hat drittens einen Bogenschützen im Wappen – verstehe das alles, wer will. Ach ja, und dann gibt es da den Minigolfplatz. Wo selbst Hamburger Blogger schon Turniere ausgetragen haben, in grauer Vorzeit.

Hamm verdanke ich die kathartische Erfahrung, dass man Kultur oder Schönheit oder Inspiration viel toller findet, wenn man sie mit der Lupe suchen muss. Für jüngere Leser: Stellt euch vor, jemand verurteilt euch zu drei Wochen Facebook-Entzug – und dann schmuggelt euch einer für fünf Minuten ein Smartphone in die Zelle.

Ich werde aber den Teufel tun und Hamm weiter preisen. Sonst wollt ihr alle hier hin. Und dann ist nix mehr mit bezahlbaren Mieten, das geht ja jetzt schon los. Also bleibt, wo ihr seid! Ihr mögt doch keinen Rotklinker, keine Sozialrentner, keine Rollatoren und Quartalstrinker. Keine muffeligen Änderungsschneidereien und keine Fahrschulen, die „Fahrszination“ heißen. Ihr mögt es auch nicht, auf manchen aufgewühlten Wegen immer noch verkohlte Knochenstückchen zu finden vom Feuersturm, anno 1943.

Ganz toll szenig, habe ich gehört, soll es ja in der Schanze und im Karoviertel sein. Bitte zieht da hin, lärmt und dreckt alles voll und macht einen weiten Bogen um mein Hamm. Danke!