A No got shot on the spot

Written By: Oliver Driesen - Jan• 03•13

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Die derzeitige Langzeitkampagne von Marlboro “Don’t be a Maybe” ist eine besonders perfide, hintertückische Art der Zigarettenwerbung.

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Bevor ich das begründe, ist also zunächst einmal allerhöchstes Lob an die Kreativen der Agentur fällig: Perfekte Arbeit! Sehr gut gemacht! Völlig pervers und gewissenlos natürlich, aber dafür seid ihr ja Werber. Ihr würdet auch den Syrern Teppichbomben verkaufen, und ihr würdet es verteufelt gut machen, schon klar.

Warum ist also “Don’t be a Maybe” auf so destruktive Art genial bzw. auf so geniale Art destruktiv? Zunächst einmal, weil die Kampagne gar nicht fürs Rauchen wirbt. Auf keinem der verschiedenen Motive sieht man einen glücklichen Menschen mit Rauchfahne, das wäre meines Wissens auch gar nicht mehr erlaubt in der Werbung. Da ist lediglich am Rand eine relativ kleine Zigarettenpackung abgebildet, aber die hätte man zur Not auch noch weglassen und diesen Teil auf den bloßen Schriftzug Marlboro reduzieren können.

Die Kampagne setzt stattdessen auf Luther. “Deine Sprache sei ein Ja oder Nein, alles dazwischen ist von Übel”, hat er sinngemäß gesagt und sich damit gegen die Schwafler und Laumänner, die Unverbindlichen und Opportunisten gewandt. Es geht hier vermeintlich um eine Haltung – zu allem, zum Leben. Ja oder Nein. Sie kennen unsere Sehnsüchte, die Werber: Die Welt muss wieder einfacher werden. Blockbildung ist angesagt. Gut gegen Böse, und dann auf der richtigen Seite stehen. Klare Sache, und damit hopp. Sympathisch, eigentlich. Sexy, auch. In diesen Zeiten der Schwafler und Laumänner, der Unverbindlichen und Opportunisten, fast 500 Jahre nach Luther. Bis hierhin alles gut, sogar irgendwie progressiv, auf eine konservative Weise. Also schon wieder reaktionär. Ach, egal, darum geht es nicht.

Es geht um eine Pseudo-Alternative, die den Anbieter des Suchtmittels reinwäscht. Jedem Kritiker dieser Kampagne kann der Tabakkonzern blauäugig entgegnen: Wieso? Wir werben doch nur für eine Lebenseinstellung, nämlich nicht lau und unverbindlich zu sein. Und dabei lassen wir sogar die Wahl, Ja oder Nein zu sagen, also eben auch Nein! Total demokratisch, total individuell, total frei. Diese Werbung ist längst über die plumpe Botschaft “Rauchen macht frei” aus dem faschistoid-paradiesischen Marlboro Country hinweg. Sie macht nicht den Fehler, den Claim “Sei kein Frosch!” oder “Bissu Mann oder Maus, Alder?” zu bringen. Sie ermöglicht ein Nein, um es dadurch erst recht zu ächten.

Denn der genial böse Schachzug ist dieser: Die plakatierten Typen mit den Ecken und Kanten, die Geschichte geschrieben haben, diese Pioniere, die Unerschrockenen, die Revolutionen angezettelt oder Popsongs komponiert haben – diese Typen, die wir, je jünger und unerfahrener und orientierungssuchender wir sind, selber sein wollen, die haben eben nicht Nein gesagt. Sondern Ja. Denen klang ein Nein sogar noch viel laumannmäßiger als ein Vielleicht. Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns, ist das Motto aller Revolutionäre. Nur ein Ja ist ein Ja. Ein klares Nein gehört erschossen.

A maybe never made history (but a no got shot on the spot). Schon irre, was alles da steht, ohne da zu stehen.

Es nützt realistisch betrachtet nichts, etwa von Jugendlichen in einer Gruppe und in dieser Zwangslage ein klares lutherisches Nein zu erwarten. Das einzige Gegengift gegen diese Nikotinverabreichungsstrategie, ohne das Gesicht zu verlieren: Sag Vielleicht. Sei ein Laumann. Winde dich raus, gewinne Zeit – und lass die Erpresser weiterziehen.

Zehn Jahre frei

Written By: Oliver Driesen - Dez• 31•12

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Das Jahr 2012 endet, und damit endet für mich auch eine Strecke zehnjähriger Jubiläen. Vor zehn Jahren mein erstes Kind gezeugt, vor zehn Jahren, ähem, geheiratet (seit zehn Jahren immer noch verheiratet). Vor zehn Jahren in diese Wohnung gezogen (merke: Familientaugliche Wohnungen findet man am besten mit hoch schwangerem Bauch!). Und seit zehn Jahren Freiberufler. Das ist nämlich auch ein prägendes Ereignis, das man vielleicht aber nicht viel öfter als einmal braucht: wenn man weiß, jetzt wird man bald Vater, also verantwortlich für eine Familie, und dann erfährt, dass sich das mit der Traum-Festanstellung übrigens auch erledigt hat.

So wurde ich also 2002 “freigesetzt”. Ich weiß noch schemenhaft, dass ich damals einen veritablen Businessplan vorlegen musste, um bestimmte Leistungen für Neu-Selbstständige vom Arbeitsamt zu bekommen. War natürlich ein reiner Schwachsinn, der Businessplan. Wer weiß schon, was in fünf oder gar zehn Jahren ist? Niemand. Und nun die Pointe, die das Leben schrieb: Der Plan, ein reines Phantasieprodukt, ist im Ergebnis vollständig aufgegangen. Ich würde sogar sagen: Ich war wahrscheinlich einer der ganz wenigen meines Jahrgangs, dessen Plan nicht nur entfernt oder annähernd Realität wurde, sondern sich fast schon in DDR-Dimensionen übererfüllte (“Auch in diesem Jahr wurde dank der weitsichtigen Wirtschafts- und Sozialpolitik des ZK der SED die Traktorproduktion um 300 Prozent gesteigert”). Die Produktion wunderbarer Kinder jedenfalls konnte noch um insgesamt 100 Prozent gesteigert werden. Und satt wurden wir alle bis heute auch.

Was sagt mir das alles für die Zukunft? Freiheit aushalten! Die Suche nach Sicherheit als Schimäre begreifen. Zufriedenheit üben. Besitz geringschätzen. Vertrauen wagen. Auch wenn der Weltuntergang mal wieder bevorsteht oder der Euro bald in Scherben fällt oder der allerschönste Plan in sich zusammenbricht. Auch in den schwarzen Nächten, in denen der kalte Angstschweiß auf der Stirn steht, das Herz rast und man sich dabei erwischt, wie man aus dem Bett aufspringt in Richtung Schreibtisch, nur um noch auf der Bettkante zu wissen, dass es jetzt gerade überhaupt keinen Sinn macht, die Horizontale zu verlassen. Hab Vertrauen, auch 2013. Eine alte Frau gab mir, als unser erstes Kind unterwegs war, den Satz mit auf den Weg: “Wem gibt Gott ein Häschen, dem gibt er auch ein Gräschen”. Das sollte bedeuten: Du magst in diese Welt geworfen sein, aber es wird dich auch etwas hindurch tragen. Keine Ahnung, warum. Verdient ist es nur so mittel. Der Rest ist Wundern.

Aber jetzt, kurz vor 2013, lauter zehnjährige Jubiläen im Rücken, zwinkere ich mir einmal kurz zu: Hurra, ich lebe noch, und hoch soll ich leben.

Weiter geht’s. Allen Lesern ein gutes neues Jahr!

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Große Marken auf dem Müll (1)

Written By: Oliver Driesen - Dez• 27•12

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Das Aroma von Teekanne Früchtetee im praktischen Wiederaufgussbeutel erinnert auf der Zunge an Herbstlaub, am Gaumen an längst abgeerntete Brombeersträucher und im Abgang an das Moos ausgedehnter Feuchtgebiete. Gerade in der nasskalten Jahreszeit belebt Teekanne Früchtetee den Geist mit fliederfarbenen Fieberphantasien und wärmt auch das Umwelt-Herz durch sein naturnahes Recycling-Säckchen.

Ungewollt gesehen am Venekotensee, Kreis Viersen, Nordrhein-Westfalen

Unterschichten-Weihnachtsglück (mit Warnhinweis)

Written By: Oliver Driesen - Dez• 13•12

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Wenn Sie zum Fest der Liebe für die süße Joyceline oder den kleinen Justin noch etwas besonders Blödes und in jeder Weise Schädliches suchen, dann habe ich da was für Sie:

Das einzige mir bekannte Kinderspielzeug, bei dem der massiv und dauerhaft ausgelöste Effekt schon als Markenname auf der Packung steht. Oder ist es ein Warnhinweis? Jedenfalls: gesehen bei Kaufhof in Hannover.

Selten schön: Hamburg-Hamm

Written By: Oliver Driesen - Nov• 19•12

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Die Urfassung des folgenden Textes steht drüben bei Buddenbohm, der bloß, weil er neuen Wohnraum außerhalb von St.Georg in Betracht zieht, vor einigen Tagen einen leichtsinnigen Aufruf in sein Blog gestellt hat: Wir sollten Notizen über unseren jeweiligen Hamburger Stadtteil schicken oder online stellen. Es folgte ein Feuerwerk von Beiträgen zu Quartieren zwischen Helgoland und München. Dies hier ist die ergänzte und leicht korrigierte Version meines kleinen Essays über Hamburg-Hamm. Ein paar zentrale und schlichtweg vergessene Attraktionen mussten einfach noch mit rein. Und Bilder natürlich. 

Architektonische Leichtigkeit im Hammer Park
 
Ich will nicht angeben, aber ich lebe in Hamm. Hamburg-Hamm. Fragt mich nicht, wie ich es damals, vor zehn Jahren, geschafft habe, diese Genossenschaftswohnung zu bekommen, groß genug für Mann, Frau und – wie sich herausstellen sollte – zwei Kinder. Es gibt eben Menschen, die fallen mit dem Arsch voran ins pralle Glück.

Hamburg-Hamm. Ja, genau der sagenumwobene Glamour-Stadtteil für die Hardcore-Bohème, drei U-Bahn-Stationen östlich vom Hauptbahnhof. Standort der berühmten Ballettschule von John Neumeier. Ein paar Häuser weiter hält sich seit 100 Jahren ein Laden unklarer Kategorie, wahrscheinlich Drogerie, aber eigentlich Kramladen. Man kann ihn kaum betreten vor Zeugs. Vielen anderen dieser bescheidenen Krimskramsläden ist in letzer Zeit der Garaus gemacht worden. Ersatz ist nicht in Sicht.

Hamm, Wiege des allerersten Ur-Café May, und das auch noch in meinem Rotklinkerblock, wo auch der Café-Gründer hauste. Statt in einem der anderen 500 Rotklinkerblocks. Bis er in anderen Ecken Hamburgs so viele weitere Café Mays geklont gegründet hatte, dass er vor Geld nicht mehr laufen konnte und wegziehen musste. Vielleicht in einen von diesen Langweiler-Stadtteilen westlich der Alster, Eppendorf oder Pöseldorf oder Blankenese, was weiß ich, der Ärmste.

Hamm, das man auch das Hollywood des Ostens nennt, seit hier im vergangenen Sommer die blutigsten Teile des wunderbaren Kinofilms „Banklady“ gedreht wurden, weshalb der alte Türken-Supermarkt Ünüvar schräg gegenüber meiner Wohnung zur 60er-Jahre-Bankfiliale umdekoriert wurde. Unser dauerhaftes Stadtteil-Design verbilligte die Kulissenbauten.

Der Ünüvar als Film-Sparkasse
 

Hamm, wo Kristian Bader seine legendäre Baderanstalt unterhält und bizarre Konzerte, Lesungen (auch ein Herr Buddenbohm soll dort schon zu Gast gewesen sein) oder Trinkgelage veranstaltet. Und wo Buchhändlerin Elke Ehlert von „Seitenweise“ den Stadtteil mit Volksbildung überzieht, ob er will oder nicht. Etwa, wer Arno Schmidt war, der sein größtenteils unverständliches, unles- und -verfilmbares Werk bei uns, in Hamm, geschaffen hat. Genauer gesagt, und diese ebenso feine wie sprachlich hölzerne Unterscheidung ist eine bemerkenswerte Parallele zum Gebrauch im Nachbarstadtteil: Er schuf es in Unten-Hamm.

Ich dagegen wohne in Oben-Hamm. Was bei Isa in Borgfelde erst zaghaft anfängt, nämlich dass die eine Wohngegend etwas höher liegt als die andere, das erlebt man erst bei uns, zwei Kilometer weiter, in seiner ganzen sozial brisanten Konsequenz: Oben-Hamm liegt auf dem Geestrücken, an die zehn Meter höher als der Teil, auf den wir herabblicken. Weil wir nämlich die Gewinner der letzten Eiszeit sind: Damals schob sich die Endmoräne nur bis zur Hammer Dreifaltigkeitskirche. So was kommt von so was her, aufgestanden, Platz vergangen.

Reklame auf dem Geestrücken

Ach, die Dreifaltigkeitskirche. Das gibt es ja auch in ganz Hamburg nicht noch mal. Eine Architektur wie Alpha (Turm) und Omega (Kirchenschiff). Sensationell. Muss man gesehen haben. Auf dem Kirchhof ein überwucherter Grabstein mit Totenschädel-Relief, in den eingraviert steht: Lernet Sterben! Und innen – in der Kirche, nicht im Grab – wirkt Diemut Kraatz-Lütke, das Kirchenmusikgenie. Meine Frau singt da auch im Chor, und ich will schon wieder nicht angeben, aber Diemut holt aus allen das Letzte raus. Ihr Chor HAMMonie hat über die Grenzen Volksdorfs und Bahrenfelds hinaus einen Ruf wie Donnerhall, und das meine ich ernst. Gerade erst kürzlich wieder dieses dreistündige Mendelsohn-Oratorium – ich hatte ja leider Rücken und musste raus, schade.

Frohe Botschaft im Schatten der Dreifaltigkeitskirche
 

Da wäre natürlich noch der Hammer Park, unsere gartenbautechnisch wie historisch interessante grüne Lunge. Sie verfügt über eine 1A-Todespiste für Wintersportler (in den 60ern soll sich dort tatsächlich ein junger Rodler das Genick gebrochen haben), über einen Schachpavillon, wo unzugängliche Russlanddeutsche ihre Figuren in Blechcontainern bunkern, sowie natürlich über das Mehrzweckstadion, das den örtlichen Fußballclub Hamm United FC beherbergt. Der ist ominöserweise erstens anglophon, spielt zweitens entsprechend körperbetont rustikal und hat drittens einen Bogenschützen im Wappen – verstehe das alles, wer will. Ach ja, und dann gibt es da den Minigolfplatz. Wo selbst Hamburger Blogger schon Turniere ausgetragen haben, in grauer Vorzeit.

Hamm verdanke ich die kathartische Erfahrung, dass man Kultur oder Schönheit oder Inspiration viel toller findet, wenn man sie mit der Lupe suchen muss. Für jüngere Leser: Stellt euch vor, jemand verurteilt euch zu drei Wochen Facebook-Entzug – und dann schmuggelt euch einer für fünf Minuten ein Smartphone in die Zelle.

Ich werde aber den Teufel tun und Hamm weiter preisen. Sonst wollt ihr alle hier hin. Und dann ist nix mehr mit bezahlbaren Mieten, das geht ja jetzt schon los. Also bleibt, wo ihr seid! Ihr mögt doch keinen Rotklinker, keine Sozialrentner, keine Rollatoren und Quartalstrinker. Keine muffeligen Änderungsschneidereien und keine Fahrschulen, die „Fahrszination“ heißen. Ihr mögt es auch nicht, auf manchen aufgewühlten Wegen immer noch verkohlte Knochenstückchen zu finden vom Feuersturm, anno 1943.

Ganz toll szenig, habe ich gehört, soll es ja in der Schanze und im Karoviertel sein. Bitte zieht da hin, lärmt und dreckt alles voll und macht einen weiten Bogen um mein Hamm. Danke!

Ode an eine einfache Gemüsebürste

Written By: Oliver Driesen - Nov• 18•12

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Oh Gemüsebürste!
Du reinigend Borstige du!
Nicht Vier-, nicht Drei-, nein: beinah perfektes Zweieck
bist du, das hölzerne Auge
im Sturm des geschrubbten Gemüses:
die Ruhe der Reinigung selbst.
Lässt den Städter von heute
wohlig erschauern, gedenkend der
schwieligen, schrundigen Waschweiberhände
von damals ™. Oh, damals ™!
Zu Lande! Beim Bauern!
Wo salatgrünes Blattzeugs (unschön von Raupen zerfressen)
auf balkigen Tisch kam (wer’s mag),
im letzten Dreckloch, pfui Teufel,
aber halt doch animalisch
dekorativ, du anachronistisches Bürstenvieh.
5,95? Gekauft!

 

 

 

Noch ein Programmhinweis: Ulrike Herrmann

Written By: Oliver Driesen - Nov• 11•12

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Wenn etwas im 2. Hinterhof stattfindet, bedeutet das zumeist gerade nicht eine minder interessante Veranstaltung. Sondern, wie Kenner wissen: einen kleinen, aber eingeweihten Kreis.

Einem solchen inner circle können Sie am kommenden Mittwoch, dem 14. November angehören. Um 19.30 Uhr kommt dann nämlich die Wirtschaftskorrespondentin der taz, Ulrike Herrmann, in den Kulturladen Hamburg-Hamm, Carl-Petersen-Straße 76 (2. Hinterhof, da haben Sie’s). Herrmann hat ein wichtiges Buch geschrieben, das kürzlich auch als Paperback erschienen ist und uns Wirtschaftswunderenkelkindern Illusionen nimmt: “Hurra, wir dürfen zahlen” räumt auf mit dem Selbstbetrug der Mittelschicht, die sich irgendwie immer noch privilegiert und nahe an der “Elite” wähnt. Die Wahrheit ist laut Herrmann viel schmuckloser: Die Mitte wird langsam ausgeweidet, weil sie sowohl das wachsende Heer der Armen alimentieren muss als auch die Steuerflucht jener immer zahlreicheren Wohlhabenden und Superreichen, die gerade der Mittelschicht aus gutem Grund den Sand der Illusion ins Auge träufeln. Wie der (Selbst-)betrug funktioniert und wie der Spuk zu verscheuchen wäre, das dürfte eine interessante Buchvorstellung und Diskussion ergeben.

Angezettelt hat das ganze mal wieder die Bürgerinitiative “Hamm’se Zivilcourage”. Nie weit entfernt sind dabei die tollen Buchhändlerinnen Elke Ehlert und Bea Holzmann von “Seitenweise”, der Hammer Buchhandlung. Und ich moderiere. Also: Willkommen im 2. Hinterhof!

Ulrike Herrmann

Programmhinweis: Reden wir über das Risiko!

Written By: Oliver Driesen - Okt• 29•12

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Wenn Baukonzerne bauen, bleibt oft kein Fettnäpfchen unbetreten. Flughafen BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Stadtschloss Berlin, Jade-Weser-Port … die Liste der Großprojekte mit ungewissem Ausgang und bösen Überraschungen für Steuerzahler ließe sich noch ein Weilchen fortsetzen. Deutschlands größter Baudienstleister, HOCHTIEF, steht als ein Hauptakteur im Lande naturgemäß häufiger im Brennpunkt der diesbezüglichen Kritik – auch wenn sich die Schuldfrage oft alles andere als eindimensional darstellt.

Wie aber geht es besser? Wie kommunizieren Bauträger und -unternehmen ihre Vorhaben publikumsgerecht? Wie wird Transparenz hergestellt? Wie kann PR glaubwürdig bleiben bzw. werden? Zu all diesen Fragen habe ich den Kommunikationschef von HOCHTIEF, Dr. Bernd Pütter, für eine Veranstaltung an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg gewinnen können. Ich selbst werde dabei einführend erzählen, wie ich als Chefredakteur des HOCHTIEF-Magazins “concepts” diese und andere Kommunikationsaufgaben zu unterstützen versuche. Leitung: Prof. Dominik Pietzcker. Die Veranstaltung ist schon übermorgen, also am Mittwoch, dem 31.10., um 18 Uhr in der MHMK, Gertrudenstraße 3. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter info.hh@mhmk wird gebeten.

 

 

An alle creativen Consorten in Hamburg!

Written By: Oliver Driesen - Okt• 20•12

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Du bist frei. Du bist jung (at heart). Du brauchst das Geld, kannst aber trotzdem 200 Euro Miete bezahlen. Du bist der/die, vor dem/der dich deine Eltern immer gewarnt haben. Und du willst es doch auch! Nämlich: in einer Lebens- Glaubens- Bürogemeinschaft von Freiberuflern in Sankt Pauli arbeiten. Teil eines Menschengemischs sein, “wie man das sonst nur in der U-Bahn treffen kann” (Carl Undehn). Ich habe das nun zweieinhalb Jahre lang getan und, ja, es ist mir irgendwie ans Herz gewachsen. Daher ist mein Platz nur in gute, vielleicht ja sogar weibliche Hände abzugeben.

Und wenn du selbst nicht die gesuchte Person bist, teile gerne den Link!

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Economia Siciliana

Written By: Oliver Driesen - Okt• 16•12

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Bei uns ist alles ist Wirtschaft, immer und überall ist Geld im Spiel. Meist verdrängen wir diese erschütternde Erkenntnis, weil das Leben sonst allzu trübe wäre – wer will schon jeden Kuss und jede andere Art von Dummheit mit dem Gebührenzähler vor dem geistigen Auge abrechnen. Noch besser ist es, Urlaub zu machen und in den südlichsten Zipfel Europas zu fliehen, ins Land der familienbewussten Paten und arglosen Oliven-Pflanzer.

Aber ach: Die Rechnung folgt trotzdem immer auf dem Fuß. Es ist nur eine etwas andere Art von Ökonomie: die Economia Siciliana.

Jungen in Castelbuono spielen Fußball auf dem Kirchhof

Der italienische Fußballprofi Fabio Piscane erhielt im Jahr 2011 ein unmoralisches Angebot: 50.000 Euro dafür, dass er mit seinem Club AC Lumezzane absichtlich verlieren sollte. Piscane lehnte ab, zeigte den Täter an und half so, den italienischen Fußball-Wettskandal aufzudecken. Seither wurde der Abwehrspieler vom Gegner auf fremden Plätzen schon mal als “Buscetta” beschimpft. Tommaso Buscetta war der  bekannteste Kronzeuge gegen die sizilianische Mafia.

Liebesbotschaft an einer einer Haustür in der Altstadt von Cefalú

Die ältesten Graffiti Italiens befinden sich in der Grotte von Addaura bei Palermo: 14.000 Jahre alte Höhlenzeichnungen, die Konturen von Menschen und Tieren auf Felswänden zeigen. Diese Wandmalereien inspirierten findige Geschäftsleute zur Eröffnung des nahe gelegenen Restaurants “Graffiti”. Eigenwerbung: “Unsere Köche realisieren traditionelle und kreative Gerichte.” Und zwar mit einer “Kombination von Geschmäckern, Gerüchen und Farben natürlicher Zutaten”. Moderate Preise, rechnen Sie mit stark färbenden Saucen.

Die “Vulcanelli”, kleine Schlammvulkane in der Nähe von Agrigent, lassen selbst ein Kind wie einen Riesen erscheinen.

Die Besichtigung des etwa einen Quadratkilometer großen Areals der Vulcanelli war im Oktober kostenlos, der improvisierte Kassen-Pavillon einer Naturschutzgesellschaft verwaist. Nennenswerte, teilweise sogar eruptive Umsätze macht hingegen der Ätna-Tourismus: Bei einem Ausbruch im Jahr 2010 waren in der gesamten Provinz Catania die Hotelbetten ausgebucht, viele Anfragen mussten abgelehnt werden. Beliebtes Souvenir in den umliegenden Ortschaften: Aschenbecher aus Lava.

Ein Altstadtbewohner in Cefalú hat sein Mofa längerfristig geparkt

Die sizilianische Polizei entlarvte im Frühjahr 16 Männer , die alle vom selben Arzt als blind eingestuft worden waren und seither eine staatliche Blindenrente erhielten. Allerdings fuhren sie Mofa und arbeiteten als Fremdenführer. Nun wird nicht nur gegen sie ermittelt, sondern auch gegen den Arzt.

Urlauber genießen trotz einer Bauruine das Sonnenbad am Strand von Realmonte

Das Schweizer Fernsehen ermittelte 2008 die sizilianische Kleinstadt Giarre als Hauptstadt unvollendeter öffentlicher Großbauten. Ein fast fertiges Hallenbad scheiterte in den 90er Jahren am Konkurs der Bauunternehmung, die zuvor fast 5 Millionen Euro von Stadt und Region kassiert hatte. Auch das Parkhaus der Stadt blieb ein Rohbau: Es hatte nur eine statt der gesetzlich zwei vorgeschriebenen Zufahrtsrampen. Im Polostadion von Giarre, fast fertig errichtet für 8 Millionen Euro und dann Wind und Wetter überlassen, trainieren immerhin zweimal die Woche junge Fußballer. Nur die Tribünen können nicht für das Publikum freigegeben werden: Sie wurden viel zu steil gebaut. Insgesamt gibt es zwölf unvollendete öffentliche Bauten in der kleinen Stadt. Keines dieser Projekte führte je zu Verfahren gegen die zuständigen Baufirmen, Architekten und Stadtpolitiker.

Ein älterer Mann flämmt eine abgeblätterte Lackschicht von der Tür seines Hauses ab

Der Umgang mit Feuer ist in Sizilien recht freizügig. Fast jeden Abend lag während meines Urlaubs Rauchgeruch in der Luft, weil im trockenen Hinterland jenseits der relativ grünen Küsten karge Felder illegal brandgerodet wurden. Manchmal weiten sich solche Feuer durch den gefürchteten Scirocco unkontrollierbar aus und vernichten Stallungen oder Häuser. Manchmal steckt auch finstere Absicht dahinter: Im Juni brannten fünf Hektar einer Olivenplantage in Lentini bei Catania nieder. Sachschaden: 100.000 Euro. Das Grundstück hatte zuvor einer enteigneten Mafia-Familie gehört.

 

Altar in einer Hausfassade in der Altstadt von Cefalú

Mit Religion ist in Sizilien immer noch viel Geld zu machen. Die Wallfahrtskirche  Il Santuario della Madonna Nera in Tindari etwa ist umlagert von Buden, in denen katholische Devotionalien verkauft werden. Gipsfigürchen der “Schwarzen Madonna” sind schon ab 1 Euro zu haben, es gibt sie in allen Formen und Größen. Allerdings sind auch Pumpguns aus Plastik für die Kinder im Angebot, das nimmt man nicht so genau. Der örtliche Parkplatzbetreiber am Fuß des hohen Felsens, auf dem die Kirche steht, schafft es durch ein ausgeklügeltes System von Warnschildern und sogar ein abgestelltes Polizeifahrzeug, dass man obrigkeitsfürchtig sein gebührenpflichtiges Angebot nutzt. Zu spät stellt man fest, dass man an den “Sperren” ganz legal hätte vorbei und bis fast ganz nach oben fahren dürfen.

Eine Piaggio Ape 50 Pianale, Dreirad-Transporter mit offener Pritsche

“Ape” heißt “Biene”. Der Dreirad-Transporter kam ein Jahr nach ihrer „Schwester“, der Vespa (“Wespe”), auf den Markt. Der Urtyp der Ape von 1947 ist eigentlich eine Vespa mit Ladefläche mit einer Nutzlast von 200 Kilogramm. Es gibt nichts, was nicht auf diese immer wieder modernisierte Pritsche passen würde. Jugendliche dürfen die Ape schon ab 14 Jahren fahren. Dann wird meist ganz schnell frisiert und der 50-ccm-Motor durch einen mit bis zu 133 ccm ersetzt, den spezialisierte Tuningfirmen anbieten. Besonders in den Dörfern der Bergregionen werden regelrechte Tuningschlachten geschlagen. Allerdings kostet schon die Grundausführung mehr als 4000 Euro.

Ältere Männer beim Kartenspiel in der Altstadt von Cefalú

Hier könnte etwas über Glücksspielgewinne oder zur Abwechslung etwas über die Mafia stehen. Aber diese Männer sitzen einfach in der Nachmittagssonne und spielen. So scheint es jedenfalls von weitem. Und wer bin ich, diesen Menschen in die Karten schauen zu wollen.