100 Quadratmeter Meilchen

Written By: Oliver Driesen - Jun• 12•12

Ich hatte kürzlich das berufliche Privileg, in Dillingen an der Saar übernachten zu dürfen. In Dillingen gibt es die Dillinger Hütte, ein Stahlwerk, das größer scheint als der ganze Ort, zehn Zentimeter dicke Bleche herstellt und geschlagene 325 Jahre alt ist. Ich liebe dicke, alte Stahlwerke, schließlich schreibe ich bisweilen Bücher darüber. Also einen Besuch wert, Dillingen. Und wenn man mal da ist, übernachtet man aus logistischen Gründen am besten in acht Minuten Gehweite vom Bahnhof und fünf Minuten Gehweite von der Hütte. Und genau da gibt es das:

Ein empfehlenswertes, preisgünstiges, blitzsauberes und in keiner Weise über- oder unterkandideltes kleines Hotel, wie sich herausgestellt hat. Oder, wie der Berliner ekstatisch loben würde: Ick hab schon schlechter jepennt, kann man nich meckern, wa? Außerdem: dieser knuddelige Name!

Und weil ich im Dunkeln angereist war, trat ich des Morgens aus der Hoteltür ins gleißende Licht des Tages hinaus und sah zu meiner großen Freude gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite:

Ich rauche zwar nicht, aber allein die Tatsache, diesen Laden weit weniger als ein Meilchen, nämlich nur zehn Meter entfernt zu finden … Die Inhaberin war hingebungsvoll damit beschäftigt, vor ihrer Ladentür Unkraut aus dem Pflaster zu zupfen oder Ameisengift zu streuen – Sauberkeit und Ordnungssinn drüben wie hüben. It runs in the family, sagen die Amerikaner.

Aber wie gewaltig war mein Entzücken, als ich erneut zwanzig Meter weiter am Nachbarhaus vorbei Richtung Stahlwerk schritt:

.

Und da wäre ich doch am liebsten gleich eingetreten und hätte die nächstbeste Flugreise gebucht, nur um nach Bonus-Meilchen fragen zu können. Doch leider hatte ich ja diesen Termin im Stahlwerk von Dillingen, wie heißt es doch gleich – Meilchenhütte?

Trostpüschel

Written By: Oliver Driesen - Jun• 07•12

Ihr Geld wurde zuletzt in Griechenland gesehen?

Sie haben in spanische Bankaktien investiert?

Sie sind britischer Arbeitsloser und haben sich von einer privaten Sicherheitsagentur anheuern lassen, die Sie ohne Bezahlung beim Thronjubiläum der Queen eingesetzt hat, wobei Sie laut Weisung die Nacht zuvor unter der London Bridge zu schlafen hatten?

Sie sind Hamburger Buchladenbetreiber und Ihre Miete soll um 290 Prozent nach oben korrigiert werden?

Sie finden die Stichworte “Arbeit” und “Wirtschaft” gerade nicht sehr unterhaltsam?

Fahren Sie nach Remscheid / Nordrhein-Westfalen, gehen Sie über eine stinknormale Kreuzung, halten Sie die Augen offen – und alles ist wieder gut!

 

Update, 12. Juni 2012: Wie ich erst jetzt erfahre, könnte der surreale Anblick hiermit zu tun haben.

Ausschüttung (Hohn ist das neue Geld)

Written By: Oliver Driesen - Mai• 30•12

Sie leihen der Bank Geld. Das Geld legen Sie für die Zukunft Ihrer Kinder an, die Bank darf solange damit wirtschaften (sprich: Ihr Geld ohne ausreichende Deckungsgrundlage verwetten, das wissen Sie aber zu dem Zeitpunkt noch nicht). Im Gegenzug sichert die Bank Ihnen zu, dass Sie das Geld täglich abheben können und dabei noch Zinsen kassieren, dass es also sicher und ertragreich angelegt ist. Jahre später stellt sich heraus: Nichts von alledem hat gestimmt. Wer ist schuld? Nicht die Bank natürlich, sondern die “Finanzkrise”: Das konnte ja niemand … Da hätte ja keiner … Da muss man Verständnis …

Pustekuchen. Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht um das kleine Extraportiönchen Hohn, das die Bank zum Schluss noch über die ganze Misere ausschüttet, damit die Anleger wenigstens diese eine Ausschüttung sehen.

Die Bank ist die Privatkundensparte der SEB, inzwischen übernommen von der Santander Bank. Die Geldanlage ist der offene Immobilienfonds SEB Immoinvest, der von der Bank erst zwei Jahre lang geschlossen wurde (so dass man sein Geld nicht zurückholen konnte) und nun aufgelöst wird, weil der Bargeldanteil des Fonds mangels Deckung nicht ausreicht, alle rückzugswilligen Kunden auszuzahlen. Der Anlager bin: ich.

Seit zwei Jahren hatte ich keine Chance, an mein “täglich verfügbares” Geld zu kommen. Dann öffnete die Bank den Fonds wieder – einen Vormittag lang, um zu sehen, ob mehr als 30 Prozent der gut sechs Milliarden Euro darin von den Anlegern abgezogen würden. Und ja, es waren mehr. Sehr viel mehr. Weil niemand mehr Vertrauen in eine solche Bank und einen solchen Fonds hat. Für den Fall hatte die Bank schon mal vorgewarnt: Dann bekomme eben an dem Tag gar keiner seine Anteile ausgezahlt. Dann werde der Fonds eben innerhalb der nächsten fünf Jahre aufgelöst, man dürfe im Zuge dessen eventuell mit der Zuteilung irgenwelcher Geldbeträge an irgendwelchen Stichtagen rechnen. Das sei ja wohl auf diese Weise ein höchst demokratisches, transparentes Verfahren.

Und nun bekomme ich noch einen Brief dieser Bank. Im Umschlag steckt nur ein kleines Tütchen mit ein paar Gramm Salz – und der Gebrauchsanweisung, sich das bitte noch selbst in die Wunden zu streuen. Nein, das war bloß eine Metapher. Im Umschlag steckt in Wahrheit ein Text, in dem wörtlich steht:

Wir möchten uns an dieser Stelle ausdrücklich für Ihren vielseitigen Zuspruch, Ihre Unterstützung und das an vielen Stellen gezeigte Engagement bedanken.

Natürlich, so wird das ausgesehen haben. Bei der Bank gingen waschkörbeweise Solidaritätsadressen von Anlegern ein: “Lasst euch nicht unterkriegen! Wir wissen, die Zeiten sind schwer, aber haltet durch! Wir sehen doch, wie gut Ihr unser Geld mit allen Kräften nach bestem Wissen und Gewissen verwaltet!” So viel zum “Zuspruch”. Worin aber mag die “Unterstützung” durch uns Anleger bestanden haben? Im guten Glauben an die garantierten Konditionen, die uns vor Jahren hat einzahlen lassen? In der finanziellen Zukunft unserer Kinder, die wir ihnen übertragen haben? Ich weißt nur, wie das zitierte “Engagement” aussieht. Zumindest meines. Ich habe mir einige sehr engagierte Gedanken an die Adresse der SEB Asset Management gemacht. Ich würde sie hier gerne wiedergeben, aber dann würde ich mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Deshalb nur so viel als Antwort auf den netten Brief:

Ich hab’s gern gegeben!

Pfingstliches Sprachrätsel

Written By: Oliver Driesen - Mai• 27•12

Pfingsten – war das nicht, wo sie alle mit so Flammenzungen sprachen und einander plötzlich verstanden?

Pfingstsonntag am Strand von St. Peter-Ording: Aufmerksame Beobachter entdecken in diesem Bild eine komplette Geschichte – allerdings auch eine klaffende Lücke in der Logik der deutschen Sprache. Flammenzungen hin oder her.

Die Geschichte ist natürlich die, dass der Strandkorbvermieter gar nicht alle Strandkörbe ausverkauft hat, wie das Schild behauptet, sondern er hat für heute alle Strandkörbe vermietet. Nun will er das weithin sichtbar verkünden, denn sein Büro steht auf zehn Meter hohen Pfählen und kann von Strandkorbheischenden nur mühsam über eine lange und steile Treppe erreicht werden.

Also denkt er: Was schreib ich da jetzt drauf? “Strandkörbe vermietet”? Schreckt nicht genügend ab. Könnten ja noch welche am Lager sein. “Strandkörbe ausvermietet”? Mandy, gibt es ausvermietet? Was? Gibt es nicht? Ja und warum gibt es das jetzt nicht? –

Weil es, ruft Mandy vom Treppenabsatz zurück, im Deutschen auch kein die ausreichende Flüssigkeitszufuhr bezeichnendes Äquivalent für “satt” gibt, also für den Zustand, wenn man nicht mehr durstig ist!

Donnerschlag, denkt da der Strandkorbvermieter, und Moment mal: Wäre ich ein Strandkorbverkäufer, hätte ich jetzt alle Körbe ausverkauft. Das verstehen die Leute trotzdem, weil Pfingsten ist: Hier obe nix gut, bleibe unte!

And f*** you too, Gesellschaft für deutsche Sprache!

 

Komplett Impressionen Exotische Energie

Written By: Oliver Driesen - Apr• 25•12

Guten Tag, ich hätte gern die blend-a-med complete impressions Exotic Energy, haben Sie die?

Mein Herr, wir sind ein Starbucks Coffee Shop, bei uns können Sie einen Starbucks Java Chip Choclate Cream Frappuccino bekommen!

Mag sein, doch ich möchte gerne bei der Dame meines Herzens complete impressions hinterlassen mit meiner Exotic Energy. Kann Ihr … Dings das?

Da empfehle ich Ihnen eher den Starbucks Discovery Qandi Latte Caramel. Wegen Latte, zwinker!

 

Zurückzwinker! Aber hat der auch den aufregenden tropischen Geschmack von Ananas, Mango, Pfirsich und Cupuaçu für ein prickelndes, frisches Gefühl in ihrem beziehungsweise meinem Mund?

Cupu … was?

Cupuaçu. Eine Pflanzenart aus der Gattung Theobroma in der Familie der Malvengewächse. Reife Früchte verströmen einen starken, angenehmen Duft. Sie sind braun und dicht mit einem Flaum kurzer Haare bedeckt.

Ähm. Wie gesagt: Wir sind ein Starbucks Coffee Shop und unser Starbucks Discovery Qandi …

Ohne U?

Wie bitte?

Qandi ohne U nach dem Q! Das verstößt gegen die deutsche Rechtschreibnormung. Was ist das überhaupt?

Ein Ready To Drink Take Away Easy To Use Full Flavor Low Fat Milchmischgetränk.

Gut, o.k., packen Sie’s ein. Und einen Kaffee zum Mitnehmen.

Ham wa nich. Das wär’s dann? Nächster!

Ein Wochenende auf Zollfrei

Written By: Oliver Driesen - Apr• 16•12

Preisfrage: Welche deutsche Insel zeigt dieses Foto? Antwort: natürlich Helgoland. Deutschlands einzige Hochseeinsel ist aus Gründen, die kein Mensch nachvollziehen kann, zoll- und mehrwertsteuerbefreit. Sie gehört somit steuerrechtlich nicht nur nicht zu Deutschland, sondern nicht einmal zur EU. Das hat für eine einzigartige Wirtschaftsstruktur gesorgt. Es ist ein wenig wie mit dem Kleinen Gallischen Dorf (TM), in dem die eine Hälfte der Bevölkerung Hinkelsteine haut und die andere Hälfte Wildschweine fängt, um die Hinkelsteinhauer zu ernähren, die wiederum mit Hinkelsteinen für diesen Service bezahlen. Auf Helgoland bauen die Menschen Parfum, Schnaps und Zigaretten an. Jedes Geschäft bietet eine vollkommen identische Palette dieser Güter feil, der Abwechslung halber zusätzlich auch Schneekugeln sowie Plüschrobben.

Bringt der linke Nachbar dem rechten Plüschrobben auf den Teller, entlohnt der rechte den linken dafür mit Seife, wahlweise Bommerlunder, und zum Nachtisch gibt’s Schneekugeln. Beliebt ist auch der Austausch von drei Tosca-Fläschchen gegen eine Pulle Stroh-Rum. Alkoholtechnisch ist man dann in etwa auf dem gleichen Level und kann dem nationalen Lieblingshobby nachgehen, dem Rumgröhlen in nächtlicher Stille. Denn Helgoland ist auch die stillste deutsche Insel. Man hat dort nicht nur Autos verboten, sondern sogar Fahrräder, so dass das geräuscharme nächtliche Funkeln der Sterne nicht einmal vom Quietschen schlecht geölter Tretlager unterbrochen wird. Sondern eben vom Rumgröhlen, das aber auf der Insel ein Anbetungsritual der allgegenwärtigen Schöpfung darstellt. Schon das Wort Helgoland kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet “Heiliges Land”. Die Wallfahrten dorthin hießen früher Butterfahrten, aber bei manchen Pilgern stellte sich trotzdem keine Erleuchtung ein:

 

Über so viel Unglaube können die Einheimischen natürlich nur lachen. Sie halten sich an die feste Regel: Wo eine (Plüsch-)Robbe drauf ist, gibt es was zu essen. Wo eine Flasche drin ist, gibt es was zu trinken – oder Parfum. Damit sollst du Handel treiben! Alles dazwischen ist von Übel (Festland).

So spielt sich denn das wirtschaftliche Leben auf Helgoland zwischen Ober- und Unterland ab. Die Warenströme werden dabei zum großen Teil über eine Freitreppe zwischen beiden Insel-Niveaus abgewickelt. Auf halbem Weg steht ein Fahnenmast. Um die merkwürdigen Gäste aus dem fernen Europa zu begrüßen, hisst die Bevölkerung hier jeden Morgen die fremdartige Flagge. Das heißt, eine kräftige ältere Dame vom Balkan in einer Kittelschürze tut das für sie. Ich weiß das, weil ich dabei war, als sie abends aufmarschierte, die Flagge wieder einholte und in eine EDEKA-Plastiktüte stopfte, mit der sie treppab nach Hause schlurfte. “Jeden Tag zweimal”, steufzte sie mir in den nicht vorhandenen Notizblock. Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben auf Helgoland. Man kann nur hoffen, dass zuhause eine Plüschrobbe auf die Dame wartete.

P.S.

Nun besteht aber Helgoland auch noch aus viel Rot, Grün und vor allem Blau – mit anderen Worten: aus ebenso unverkäuflicher wie entzückender Natur. Ein empfehlenswertes Hotel, um das herauszufinden, ist dieses. Dort gibt es zum Frühstück weder Robbe noch Tosca, sondern durchaus schmackhafte kontinentale Esswaren. Es müssen also versteckte Handelsströme mit diesem “Europa” existieren, von dem man jetzt immer so viel hört.

Kein Flausch

Written By: Oliver Driesen - Apr• 16•12

Dies ist kein Blog, das für Katzen- und andere Flauschfotos bekannt wäre. Es geht hier eigentlich um den größtmöglichen Kontrast zu Flaum und Kulleraugen: um Wirtschaft und deren Einfluss auf unser aller Leben. Warum also diese Bilder schnäbelnder Basstölpel auf den berühmten Vogelfelsen von Helgoland?

Vordergründig, weil ich am Wochenende mit einem ganzen Rudel Hamburger und anderer Blogger dort war. Was es für das arglose Eiland in Deutschlands hohem Nordwesten bedeutet, wenn Anhänger des Online-Kults über seine Felsen hereinbrechen, darüber haben Berufenere aus der Reisegruppe schon geschrieben, zum Beispiel hier und hier. Es ist überwiegend kurios, meistens unschädlich, gründlich bewusstseinserweiternd und daher durchaus nachahmenswert. Doch bei diesen Fotos hier geht es um etwas anderes. Im folgenden zum Beispiel um ein rötliches bzw. gräuliches Gewölle, das aussieht wie ein Knäuel aus Nähgarn und auf dem die Basstölpel sitzen.

Es sind teils haarfeine, aber kaum zerreißbare Nylonfäden von Fischernetzen. Und sie bringen die Vögel um. Denn die picken die todbringenden Maschen, die für uns nur Plastikmüll sind, an den Stränden als Nistmaterial auf und erhängen oder erwürgen sich dann damit, wenn sie in den roten Felsen von Helgoland zu Tausenden ihre Nester bauen. Mit einem guten Fernglas kann man zwischen den nistenden und brütenden Seevögeln hunderte tote Tiere in unterschiedlichen Stadien der Verwesung entdecken.

Es ist dies hier eben ein Blog über Wirtschaft: Wie sie uns immer wieder einholt, selbst im vermeintlichen Natur-Idyll, das Helgoland ja andererseits durchaus auch ist. Wie wir eingreifen und an uns raffen und vereinnahmen und später ohne Rücksicht auf Verluste wegwerfen, was uns wertlos oder lästig geworden ist, und wie wir uns damit am Ende selbst am gründlichsten berauben. Das ist der Teufel, der im Detail lauert – nicht nur in Fotos von den Klippen von Helgoland.

Titanic: Trau keinem Eisberg über 100

Written By: Oliver Driesen - Apr• 14•12

Dies ist angeblich der Eisberg, den heute um 23.40 Uhr vor genau 100 Jahren die Titanic gerammt haben soll (Quelle: Wikipedia). Das Foto machte nach Angaben der Online-Enyklopädie am folgenden Morgen der Chefsteward des Dampfers Prinz Adalbert wenige Kilometer südlich der Unglücksstelle. Er hatte am Eisberg nahe der Wasserlinie rote Farbspuren entdeckt, die er für Lacksplitter der Titanic hielt.

Doch das kann nicht sein. Denn wie wir alle wissen, ist das Schiff damals wohlbehalten in New York angekommen und erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem es zum alliierten Truppentransporter umfunktioniert wurde, so zerschossen gewesen, dass es 1946 im Hafen von Hong Kong abgewrackt wurde. Zumindest erinnert sich der 104-jährige Ex-Passagier Billy Sloman, der in der Eisberg-Nacht als Kleinkind an Bord war, an keine Kollision. Dafür sehr deutlich daran, vom Deck der Titanic aus die Freiheitsstatue bewundert zu haben.

Da sieht man mal wieder, welch unvorhersehbaren Verlauf die Weltgeschichte bisweilen nimmt.

Wirtschaftswunderbilder (15)

Written By: Oliver Driesen - Apr• 11•12

Wenn ich ein Tattoo-Studio hätt’, wüsst’ ich nicht, ob diese Nadel mein ideales Aushängeschild wär’ …

Andererseits: Dit is Ballin (Friedrichshain). Da muss dit so, weeßte …

Mein Leben als Geist

Written By: Oliver Driesen - Apr• 10•12

Es gibt diese Szene aus einem älteren Woody-Allen-Film, in dem Allen als Familienvater an dem Problem leidet, sich zunehmend in einen Schemen zu verwandeln: Er wird im wörtlichen Sinne immer unschärfer und transparenter, bis er nur noch vage vor sich hin flimmert. Seine Kinder finden das gar nicht schockierend, sondern lustig und aufregend, sie rufen angesichts ihres blässlich-verwischten Vaters begeistert im Chor: “Daddy’s out of focus! Daddy’s out of focus!” Dasselbe passiert mir gerade – im noch weiter fortgeschrittenen Stadium.

Ich bin zum Geist geworden. Zum Ghostwriter eines Buches. Das bedeutet: Mich gibt es gar nicht. Es gibt die bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, in deren Namen ich das Buch verfasse. Es ist das Buch dieser Persönlichkeit, ihr Name wird auf dem Cover stehen. Ihre Gedanken werden darin zum Ausdruck kommen. Es sind gute, wichtige Gedanken, es ist ein wichtiges Buch. Aber wer spricht dort eigentlich? Das ist verwirrend, selbst für einen Geist.

Dass es mich nicht gibt, daran bin ich gewöhnt. Bevor ich zum Geist wurde, war ich ja schon 18 Jahre lang ein Medium. Nicht Medium im Sinne von Schamane, der mit Geistern Verstorbener spricht, sondern Medium im Sinne von Nachrichten-Mittler. Auch der Journalist ist ja persönlich total uninteressant (auch wenn er sich meist für umso interessanter hält). Er soll nur transportieren, was die wirklichen Nachrichtenmacher oder wahlweise seine Verlagsherren zu sagen haben. Man lernt, während man auf diesen Werkzeug-Status reduziert ist, eine Menge Interessantes über die Nachrichtenmacher im wirklichen Leben und im vermittelten Leben, zu dem man beiträgt. Man lernt zunächst genau hinzusehen und zuzuhören, und dann vor allem zwischen den Zeilen zu lesen. Ein Medium ist der perfekte Beobachter und Analytiker. Keine schlechte Voraussetzung für mein Leben als Geist.

Die zweite gute Grundlage: Ich habe schon drei eigene Bücher veröffentlicht. Da wird man dann plötzlich selbst zur Person, man liest öffentlich, man wird interviewt und um seine Einschätzung gefragt, Menschen hören und sehen einem dabei zu, man schreibt für sie sogar seinen Namen mit Füllfederhalter ins Buch, obwohl er schon außen auf dem Cover steht. Seht, da ist ein Autor! Der Mann hat ein Buch verfasst, der muss etwas zu sagen haben! Seltsam – aber so steht es geschrieben. Und gut zu wissen, wie es sich anfühlt.

Doch nun habe ich mich, nach der Evolution vom Werkzeug zur Person, vollständig in meine geistigen Partikel aufgelöst. Puff! Dies ist kein Rückschritt, meine Damen und Herren! Wenn Sie jemals Tucholsky gelesen haben, wissen Sie, dass es sich um das Hinaufschreiten einer Treppe gehandelt hat. Nämlich einer ähnlichen wie der von T. selbst skizzierten:

Wobei: Ich schweige ja gar nicht. Im Gegenteil: Mit der real existierenden Persönlichkeit, in deren Kopf ich seit kurzem wohne, habe ich mir tagelange Wortgefechte geliefert, wie es denn da oben richtig zu ticken habe. Also in meinem Geisterkopf, nicht in ihrem echten. In dem tickt es schon hoch präzise, sonst käme da ja kein interessantes Buchmaterial raus. Aber ich, als vergeistigter Untermieter ihres Kopfes, muss ja erst mal synchron ticken lernen. Darum ging es bei unseren Scharmützeln. Währenddessen genoss ich die wirklich spektakuläre Aussicht aus ihren Bürofenstern und viele Espressi. Am Ende war ein ungefährer Gleichtakt sichergestellt. Jedenfalls glaube ich das. Wie gesagt, der Prozess dauert an.

Aber wer spricht denn dann am Ende aus dem fertigen Buch? Ich würde sagen: 90 Prozent Person X und elf Prozent ich, der Ghost. “Das sind ja zusammen mindestens 121 Prozent!”, rufen jetzt die Skeptiker. Falsch, rufe ich zurück, das eine überschüssige Prozent ist reine Magie! Geister-Mathematik: Die 90 Prozent sind der Gedankenstrom, den Person X sozusagen in mich, ihr Gefäß, hat hineinströmen lassen. Woraufhin es in diesem Gefäß angefangen hat zu reagieren wie in einem Kessel mit Zaubertrank. Zehn Prozent sind meine hartnäckigen Nachfragen, um zu verstehen, welche Essenz da mit welcher Substanz reagiert. Und dieses eine Zusatz-Prozent entsteht, wenn der Ghost sich mit dem Werk der Person, deren Namen auf dem Cover stehen wird, zu identifizieren beginnt, als ob es sein eigenes wäre: Kongruenz. Eine übrigens wunderbare Erfahrung.

Ich könnte jetzt sagen: Kauft das Buch und seht selbst, ob die Rechnung aufgeht! Aber mich gibt es gar nicht. Gäbe es mich, hätte ich ein umfassendes Schweigegelübde abgelegt. Der Agentenfilmsatz “I’m afraid I’m not authorized to discuss this” gehört jetzt zu meinem Berufsethos. Noch beeindruckender fand ich im Kino immer nur “That noise? Oh, that’s just my chopper coming!” und “We’ve got to get out of here!” Das allerdings sind Sätze für Autoren aus Fleisch und Blut. Nicht für mein Leben als Geist.