Im Zustand der Migration

Meine unmittelbare Nachbarschaft in diesen Tagen. Kleinbürgerliche Wohngegend, Genossenschaftssiedlungen, Rotklinkerblocks. Szenen und Brennpunkte jeder Art sind anderswo.

Zelt auf dem Bürgersteig, darin ein Schlafsack, auf dem Schlafsack ein Schreiben mit dem Logo der Stadt Hamburg. Seit Tagen ist dort niemand anwesend – aber seit Tagen baut auch niemand das Zelt wieder ab.
Zwei Zelte auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche, am Fuß des Mausoleums von Karl Sieveking (Hamburger Politiker, Mäzen und Philantrop, 1787-1847). Nach zwei Tagen sind die Zelte verschwunden.

In unserem Viertel, sagte C. einmal zur Migrationsdebatte, habe sich doch gar nichts geändert. Das allerdings ist schon länger her.

Als Großstädter lernt man, das „Andere“ nach Möglichkeit zu ignorieren, um selbst das Privileg zu behaupten, nach Möglichkeit ignoriert zu werden. Dies hier aber bleibt mir vor Augen. Hat die Kirche Asyl gewährt? Die Zeltenden dort sind ebenso abwesend wie der an der Straße, hundert Meter weiter. Der Pfarrer, um Auskunft gebeten, weiß von nichts.

Ich versuche, mich in die Welt von Menschen zu versetzen, die – auf der Durchreise? als Einwandernde? – solche Lagerplätze wählen. Es gelingt mir nur zum Teil. Und selbst dieser Teil wirft neue Fragen auf, die nicht rhetorischer Natur sind.

Was sagen diese Zelte mir?

Was sagen sie über das Funktionieren des Systems Stadt?
Was über Staat und Gesellschaft?
Was über die Bewohner der Zelte?
Was über Eigenverantwortung und Scheitern?
Was über öffentliche und private Räume?
Was über Eigentum und Bürgertum?
Was über Gebräuche und Gewohnheit?
Was über Heimat und Zuhause?
Was über meine Toleranzgrenze?
Was über Hilfebedürfnis und Hilfsbereitschaft?
Was über meine Ängste?
Was über Träume und Albträume?
Was über Recht und Unrecht und das Empfinden dafür?
Was über Kapitalismus und Profit?
Was über Voyeurismus?
Was über unsere Zukunft als Land?

Und warum verstören mich diese zeitgleichen Anblicke so?

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Update 1: Nach etwa fünf Tagen ist inzwischen auch das Zelt auf dem Bürgersteig abgebaut worden.

Update 2: Ein Leser hat angemerkt, die Zelter könnten auch einheimische Obdachlose gewesen sein. Stimmt. Wobei die Migrationskrise die Lebensbedingungen für diese Gruppe stark erschwert: Sie bindet z.B. erhebliche Kapazitäten von Tafeln und Notunterkünften und zwingt die Betroffenen damit verstärkt zurück auf die Straße. Sie produziert zudem neue Obdachlose, indem sie die Konkurrenz um den letzten bezahlbaren Wohnraum zusätzlich verschärft. Insgesamt nimmt das wohnsitzlose Umherziehen (Migrieren) damit weiter zu, wie sich jetzt eben auch in meiner Nachbarschaft zeigt.

Ausstieg in Fahrtrichtung links

Sten Nadolny, Autor des Weltbestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“, über die unaufhaltsame Verwandlung des Landes und des Lebens. Ein Interview in vollen Zügen, während 37 Jahre am Abteilfenster vorbeiziehen.

Zwei Jahre vor seiner „Entdeckung der Langsamkeit“ debütierte Sten Nadolny 1981 mit dem Roman „Netzkarte“. Darin erkundet der Lehramtsanwärter Ole Reuter mit der Bundesbahn die alte Bundesrepublik ­– eine kleine Nation, die noch ganz bei sich ist.

Wiedervereinigung, Internet, Neoliberalismus und Migrationskrise haben das Land seither radikal verändert. Was würde Ole Reuter heute, fast vier Jahrzehnte später, beim Blick aus dem Zugfenster auffallen? Für die Literarische Welt bin ich mit dem „Netzkarte“-Autor noch einmal Bahn gefahren: im ICE von Berlin Richtung München.

Foto (C): O. Driesen

Herr Nadolny, „Netzkarte“ spielt überwiegend im Jahr 1976. Ole Reuter trifft überall auf Schülerinnen, Studentinnen und anderen Reisebekanntschaften, mit denen er überraschend umstandslos im Bett landet. Wäre die heutige Netzkarte, die BahnCard 100, immer noch ein Geheimtipp für schnellen Sex?

Nadolny: Das glaube ich nicht. Ich muss Ihnen leider gestehen, dass das schon damals gelogen war. Ich wäre zwar mit allerlei Frauen gerne im Bett gewesen, war es indes nicht, habe es aber dann sehr gerne so geschrieben. Es gibt einen Ausdruck dafür, wenn einer derart übertreibt mit seinen Eroberungen: Rodomontaden. Heldentaten, die nur in der Phantasie stattfinden.

Sehen Sie heute auf Ihren Bahnfahrten noch all diese Petitessen, die Reuter damals durchs Zugfenster entdeckte? Die Schilder mit grotesken Hinweisen, die landsmannschaftlichen Eigenarten, die Merkwürdigkeiten in Vorgärten? Hören Sie noch die unfreiwillig komischen Gesprächsfetzen anderer Bahnreisenden?

Nadolny: Zum Älterwerden gehört, dass ich schwerhörig bin und schon deswegen – auch mit Hörhilfen – weniger mitbekomme. Und vermöge meiner vielen Lebensjahre kommen mir auch einige Merkwürdigkeiten nicht mehr so merkwürdig vor. Ich war ja damals sozusagen ein junger Hund, obwohl auch schon über 30, aber ich hatte wohl noch nicht genügend mitbekommen. Jedenfalls war ich auf alles neugierig, hatte einen großen Menschenhunger, stellte die Ohren auf und blickte mich um – natürlich auch unter den Töchtern des Landes. Was heute ebenfalls nicht mehr so vordringlich ist.

Wir erreichen Bitterfeld. Nadolny fällt Gereimtes ein: „Und seh’n wir uns nicht auf dieser Welt, dann seh’n wir uns in Bitterfeld.“ Auf dem Bahnsteig küsst sich ein junges Paar zum Abschied.

Für Reuter ist es mühsam, unterwegs Kontakt zu seiner neuen Flamme Judith zu halten, die er unterwegs kennengelernt hat. Telefonzeiten müssen vorab vereinbart werden, oder man schreibt sich „postlagernd“ Briefe. Einmal erwischt er einen Intercity mit dem schönen Namen „Hölderlin“ und einem besonderen Luxus: „Hölderlin hat Telefon.“ Tut es Beziehungen gut, dass wir heute immer erreichbar und überall mitteilungsfähig sind?

Nadolny: Es ist eigentlich ganz gut, in Verbindung zu bleiben. Ich glaube nicht an den Segen der Nicht-Kommunikation. Ich bin auch kein Doktrinär des Briefeschreibens, sondern finde es ganz praktisch, dass man den anderen anrufen kann: Wo bist du gerade?

Sie lassen Ole Reuter im Jahr 1980 ganz arglos eine „Negerin“ im selben Abteil beobachten („zierliches Kraushaar, breites Näschen“). Der auf erotische Abenteuer erpichte Reuter plant spontan, sich mit ihr anzufreunden, doch schon am nächsten Halt steigt sie aus. Ist Ihnen die Stelle heute peinlich?

Nadolny: Nein, überhaupt nicht. Weil sie in einer Zeit geschrieben wurde, in der man Leute aus Afrika noch ohne weiteres „Neger“ nannte. Das war damals in keiner Weise abfällig. Aber die Political Correctness sucht sich ihre Gegenstände. Man will Zeichen setzen: Wir haben keine Vorurteile gegen Schwarze und wollen sie auch nicht mehr so nennen wie zu Zeiten des Kolonialismus. Heute würde ich deshalb ganz sicher nicht mehr „Negerin“ sagen. Ich halte jedoch wenig davon, eine solche Stelle für eine Neuauflage zu „bereinigen“: Ein Buch aus dem Jahr 1981 ist ein Dokument seiner Zeit. Umschreiben würde es ahistorisch werden lassen.

Eine unserer besten Eigenschaften ist es, uns nicht – mehr oder weniger künstlich – unwohl zu fühlen, wenn wir Menschen begegnen, die anders sind, als wir es bisher gewohnt waren.

In Vorortzügen herrscht seit der Migrationskrise ein babylonisches Sprachengewirr. Es gibt Deutsche, die dabei Fremdheit im eigenen Land empfinden. Würden Sie Ole Reuter dieses Gefühl thematisieren lassen, wenn Sie die „Netzkarte“ heute schrieben?

Nadolny: Dem Thema würde ich wahrscheinlich nicht entgehen. Aber da würde sehr stark mein Standpunkt einfließen: Man hat das gefälligst auszuhalten! Schon der Begriff „im eigenen Land“ ist diskussionswürdig. Ich finde, eine unserer besten Eigenschaften ist es, uns auf Situationen und Notwendigkeiten einstellen zu können und keine Ressentiments zu pflegen. Uns nicht – mehr oder weniger künstlich – unwohl zu fühlen, wenn wir Menschen begegnen, die anders sind, als wir es bisher gewohnt waren. Wenn in einer Bahn um mich herum Gespräche in anderen Sprachen stattfinden, habe ich damit auch kein Problem, denn ich bin kein Lauscher. Solange derjenige nicht direkt mit mir spricht, muss ich ja gar nicht verstehen, was er sagt.

Halle an der Saale. Wie alle Bahnhöfe seit Berlin war dieser hier noch vor weniger als 30 Jahren für westdeutsche Bahnreisende ein weißer Fleck auf der Landkarte: terra incognita.

Ole Reuter fuhr auf Transitstrecken von Westberlin durch die damalige DDR nach Westdeutschland. Er passierte dabei eine massiv gesicherte deutsche Grenze, die sich niemand zurückwünscht. Weniger als 40 Jahre später gilt schon die bloße Idee von Grenzsicherung vielen als inakzeptabel – Ihnen auch?

Nadolny: Das offizielle Weltbild der DDR, sich gegen „aggressive Invasoren“ aus dem Westen abgrenzen und schützen zu müssen, war Teil ihrer Lebenslüge. In Wahrheit richtete sich das gegen die Menschen, die raus wollten. Aber das war ein Sonderfall. Ich finde, Grenzen sollten so offen wie irgend möglich sein, und innerhalb Europas sowieso. Es fördert das Kennenlernen der Menschen, den Austausch der Wirtschaft. Es ist wunderbar, wenn Grenzen eben nicht bewaffnet und gesichert sind. Allerdings muss man in bestimmten Situationen eben doch filtern, prüfen und steuern. Es gehört zur Navigation eines Staates, der für seine Bürger sorgt, dass er da Lösungen findet. Und je klüger und sachlicher und humaner diese Lösungen sind, desto besser.

Foto (C): O. Driesen

Wenn er keine physische Grenze mehr hat – durch was für einen Raum fahren wir hier dann gerade? Ein Niemandsland? Eine Region Europas? Einen Wirtschaftsstandort?

Nadolny: Ich kann nur sagen, dass mir die Vorstellung ziemlich fremd ist, das da draußen sei nun nicht mehr Deutschland oder sei irgendwie „entgrenzt“. Identitätsprobleme – bloß durch die Tatsache, dass jetzt mehr Menschen aus anderen Ländern hier sind? Die Welt ändert sich, die Zeiten ändern sich. Wir können nicht immer nur daran hängen bleiben, wie wir früher einmal unser Land, unsere Identität meinten definieren zu sollen. Man kann sich der Globalisierung oder etwa auch der Aufnahme von Flüchtlingen nicht einfach nur aggressiv entgegenstellen. Sondern man muss sich auch fragen: Was kann ich an den negativen Folgen dieser Situation ändern, ohne ein Verbrecher zu werden? Es gibt Leute, die etwas ändern wollen, indem sie anfangen, an den Grenzen zu schießen, statt Fluchtgründe zu prüfen. Und das kommt überhaupt nicht in Frage! Oder sie hoffen den alten Zustand zu bewahren, indem sie Flüchtlinge erschrecken und vergraulen. Wenn wir als Europäer solche Schäbigkeiten bis hin zu Verbrechen begingen, würden wir die Folgen in uns selber lange spüren, nicht unähnlich der Schande, die wir Deutsche uns mit den Nazis eingebrockt haben.

In „Netzkarte“ gab es noch Raucherabteile in der Bahn. Hat die Gesellschaft eine Chance zur Integration all ihrer zerstrittenen Lager vertan, indem sie auch gegen das Rauchen noch strikte Verbote aufstellte?

Nadolny: Ob das Rauchen zwingend zur Demokratie gehört, da habe ich meine Zweifel. Menschen können auch ohne zu rauchen zueinander kommen. Ich sehe im Rauchverbot in der Bahn keinen großen Verlust. Selber rauche ich fast gar nicht mehr, vielleicht haben die Bahn und viele andere mich mit den Verboten auch sanft umerzogen. Die Demokratie kommt dadurch nicht zu Schaden!

Bamberg: „Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung links“. Dazu stehen die Menschen schon zehn Minuten vorher Schlange im Gang. In Deutschland nimmt man das Aussteigen sehr ernst.

Was lieben Sie an der modernen Welt des Bahnreisens, das Ole Reuter noch nicht kennen konnte?

Nadolny: Ich habe es sehr gerne, wenn ich in einem Zug wie diesem mein Notebook aufklappen, ins Internet gehen und die E-Mails checken kann. Darüber hinaus weiß ich es im vorgerückten Alter sehr zu schätzen, wenn Bahnsteig und Einstieg in die Bahn auf einer Ebene liegen. Das hat sich hie und da verbessert in den letzten Jahren. Und dass man von Berlin nach München nicht mehr ganz so lange braucht, das kommt mir auch sehr gelegen. Ich bin froh, wenn ich früher am Ziel bin und noch was erledigen kann.

Für eine Fahrt mit Netzkarte muss man jung genug sein. Später im Leben wird es leicht zum Rückblick auf gescheiterte Hoffnungen.

Sie haben Ole Reuter 18 Jahre später, 1999, im Roman „Er oder Ich“ wieder auferstehen lassen. Noch einmal reist er mit Netzkarte durchs Land, um sein früheres Lebensgefühl wiederzufinden …

Nadolny: … ja, das war die Idee. Aber da ist er nun inzwischen ein mittelalter Mann mit Familie, der vieles im Leben falsch gemacht hat. Er ist ein depressiver, mit sich selbst hadernder Mensch und hofft verzweifelt darauf, dass die Netzkarte ihm noch einmal zur Lebenshilfe wird. Nur funktioniert das nicht mehr. Für eine Fahrt mit Netzkarte muss man jung genug sein, dann ist das Planlose, das Ungebundene sehr belebend. Später im Leben wird es leicht zum Rückblick auf gescheiterte Hoffnungen. Die Zukunft steht Reuter nicht mehr offen. Und er hasst seinen hohlen Job als eine Art PR-Berater. Als Konsequenz versucht er, sich umzubringen – ein ziemlich schwarzes Buch, und nicht mein bestes.

Vor Erlangen fährt unser ICE aus unklaren Gründen nur noch Schritttempo. Eine Lärmschutzwand scheint kein Ende zu nehmen. Erschreckend, vor was sie Schutz bietet: vor uns.

Ihr Debütroman erschien, während Sie bereits an der „Entdeckung der Langsamkeit“ arbeiteten. Darin wird der historische John Franklin erst durch seine – von Ihnen erdichtete – motorische Trägheit zum großen Entdecker. Sind uns die Tugenden der Langsamkeit heute, im Zeitalter von ICE und Turbokapitalismus, vollends abhanden gekommen?

Nadolny: Wir brauchen Langsamkeit für alles, was gründlich bedacht werden muss und nicht übereilt werden darf. Gerechtigkeit etwa hängt sehr stark mit sorgfältigem Abwägen zusammen. Dennoch wurde Langsamkeit schon immer geringer geschätzt als der Rausch erhöhter Geschwindigkeit. Das ist nicht erst seit ICE und Internet so, das ist einfach menschlich. Aber auch heute sind wir klug genug zu wissen, dass wir ohne Langsamkeit nichts von Dauer schaffen können. Deshalb wird der Berliner Flughafen auch zweifellos der beste der Welt (lacht)!

In Ihrem jüngsten Roman „Das Glück des Zauberers“ von 2017 blickt der Titelheld auf ein mehr als hundertjähriges Leben in Deutschland zurück. Keine Bahnfahrt, aber eine Lebensreise. Muss man Zauberer sein, um am Ende mehr Licht als Schatten zu sehen?

Nadolny: Ich verrate Ihnen etwas: Zauberer gibt es gar nicht! Meiner steht in der Wirklichkeit für einen Menschen, der einen eigenen Kopf hat und besondere Fähigkeiten wie Neugier und Erfindergeist. Solch ein „Zauberer“ ist gerade autoritären Regimen immer suspekt, weil sie ihn nicht unter Kontrolle haben. Die Freiheit meines Helden ist also oft bedroht, ihm stößt im Leben viel Tragisches zu, aber seine Menschlichkeit weist ihm letztlich Wege. Sie hält ihn wach für die Möglichkeiten des Glücklichseins und der tätigen Hilfe.

Ausstieg in Nürnberg. Im Hauptbahnhof kauft eine junge afrikanische Mutter, von Kopf bis Fuß im Leopardenlook, am Brezen-Stand eine „Weltmeister-Breze“.

Interview: Oliver Driesen

Foto (C): O. Driesen

Auf zum Blogger-Hürdenlauf!

Wir lesen ja alle viel zu wenig andere Meinungen. Über die wirklich wichtigen Themen, soll das heißen. Über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Eben alles, wo man nicht automatisch einer Meinung ist. Wo sich aber durch Kenntnisnahme anderer Stimmen gerade die neuen Perspektiven eröffnen würden, die vielleicht doch noch einmal so etwas wie Evolution und Aufklärung voranbringen könnten. Wahlweise auch den Weltfrieden.

Und außerdem sterben (mal wieder) die Blogger aus. Jene Fixsterne in der GummizelleUnendlichkeit des Raums, die uns Licht, Wärme und Orientierung versprechen, wenn wir ein virtuelles Lagerfeuer in der Dunkelheit suchen.

Aus diesen beiden gewichtigen Gründen habe ich mir den Blogger-Hürdenlauf ausgedacht. Er funktioniert etwas anders als die bekannte Veranstaltung, bei der ein Blogger ein Thema oder einen Fragebogen bearbeitet und dann an einen anderen, ihm nahe stehenden, weiterreicht.

Nein, hier geht es darum, fremde Blogs kennenzulernen. Also auch sehr fremde Blogs. Fremde Ansichten. Hürden, über die man vielleicht erst mal springen muss. Dann zu sehen, was das mit einem macht. Das dann kurz zu protokollieren. Währenddessen herauszufinden, wohin es einen aus der Kurvetrug. Und zu reflektieren, warum man jetzt genau diese Hürden und keine anderen genommen – oder gerissen – hat.

Und am Ende, wer weiß, kommt man mit einem oder der anderen dieser Blogger dann sogar ins Gespräch. Wo das wohl hinführt? Im Kreis herum? In die Irre? In den Wahnsinn? In eine Sackgasse? In Ecken des Internets, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat?

Zunächst sicher zu der Erkenntnis, dass wir Blogger doch mehr und kreativer sind als gedacht. Vor allem dürfte es zu erweiterten Einsichten und einem breiteren Horizont führen. Schlecht wäre das nicht, in dieser einfältigen, verengten Zeit.

Die Spielregeln der Veranstaltung findet ihr unten. Ganz kurz gesagt: Es geht darum, sich entlang von Blogrolls über fünf Stationen von einem Blog zum nächsten weiterzuhangeln. Und dabei ganz zwangsläufig vom Hölzchen zum Stöckchen zu kommen. Das Ganze lebt vom Weiterlaufen, wo ein anderer stehenbleibt, denn es ist neben einem Hürden- auch ein Staffellauf.

Als guter Pionier und Startläufer bin ich mal als erster mit der Machete durch den Blog-Dschungel gezogen. Ich bin bei Annika losgegangen, die ich aber virtuell schon ziemlich gut kenne. Daher wurde meine erste Station – ausgewählt aus ihrer Blogroll – Herr MiM. Was sich daraufhin insgesamt ergab, war eine Mischung aus Staunen, Schnappatmung, Zufall und Karma. So sieht das bei mir aus:

Hürdenlauf-Protokoll: Zeilensturm

1. Annika => Herr MiM: Persönliche Anmerkungen, 4. August 2018

Ich platze ahnungslos in ein fremdes Privatleben, oder, anders ausgedrückt, in das Waschen schmutziger Familienwäsche. Dringlichkeit, Ratlosigkeit und Bitterkeit schwingen in den Zeilen mit. Warum teilt jemand so etwas Intimes mit unbekannten Idioten wie mir? Dieses Bedürfnis habe ich noch nie wirklich verstanden. Aber dran hängen gebleiben bin ich trotzdem.

2. Herr MiM => Pressepfarrerin: Barcamp Ökumene, 13. Mai 2018

Was ist das? Eine bloggende Pastorin? Tatsächlich, ein geistlicher PR-Profi der Amtskirche. Worüber bloggt so jemand? In diesem Fall über das letzte Social Event für aufgeweckte Christen, die mit der Zeit gehen. Klarer Fall von Idiosynkrasie. Mein Zorn auf die Kirche quillt beim Lesen gleich wieder empor. Und dennoch kann man mich mit Gott aus der Reserve locken.

3. Pressepfarrerin => Dorothee Janssen: Voll auf die Fresse, 11. April 2018

Eine christliche Gemeindereferentin der Generation 55+ (Selbstauskunft) hat gefühlt „voll auf die Fresse bekommen“, weil ein Kollege im kirchlichen Dienst ihre Website „doof“ fand. In diesem auffällig juvenilen Stil kommt sie von da aus ansatzlos auf einen Professor zu sprechen, „der völlig geflasht vom Archiv des Vatikan ist“. Früher hätte das sicher als würdelos gegolten.

4. Dorothee Janssen => Frauen und Islam: Zitat des Tages, 21. Juli 2018

Ich komm aus der Religionsnummer nicht mehr raus! Hier bietet eine Muslima namens Saxhida, über die man sonst nix erfährt, immerhin eine konsensfähige Weisheit an: „Manch einer verwechselt den gelebten Glauben im Alltag mit dem Verlangen Streit mit Andersgläubigen anzufangen, um zu beweisen, dass der eigene Glaube die absolute Wahrheit ist.“

5. Frauen und Islam => Bunt und farbenfroh…: Die Sache mit dem Frosch, 6. Februar 2018

Frau Schmidt aus Berlin bloggt allgemein über die Buntheit, die unser Leben bereichert. Deshalb geht es in diesem Beitrag zur Warnung um das leuchtende Blau, das in Wahrheit ein stumpfes Braun sei. Den Segen der Mainstreammedien – verbrieft durch das Gütesiegel der Brigitte Mom Blogs – hat sie bei dieser Mission jedenfalls. Und viele Schwestern im Geiste.

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So funktioniert der Blogger-Hürdenauf (Copy and Paste, please):

Dein Beitrag startet, wo dieser hier endet. Nimm dir die Blogroll/Blogliste des fünften von mir kommentierten Blogs vor. Von dieser Liste klicke eines an. Das ist nun deine Station 1. (Aber nur, falls es selbst eine Blogroll hat, sonst ein anderes Blog der aktuellen Blogroll auswählen! Diese Bedingung gilt logischerweise immer.)

Lese im Blog 1 einen Beitrag, den du auch verlinkst, und schreibe nur drei Zeilen darüber: Lob, Kritik, Erstaunen, Fassungslosigkeit, Dank, whatever.

Nun klicke auf ein Blog der Blogroll von Station 1. Hat dieses seinerseits eine Blogroll? Sehr gut, dann ist es Station 2. Lese einen Beitrag … verlinke … schreibe drei Zeilen …

Und so noch drei Mal. Bis einschließlich Station 5. Deine Arbeit ist fast getan: fünf Reisenotizen zu fünf Blogbeiträgen. Nur noch diese Regeln hier anhängen – fertig!

Nun muss jemand anderes den Staffelstab (und vielleicht sogar mehrere) bei der Blogroll des letzten in deinem Beitrag kommentierten Blogs übernehmen – und fünf weitere kommentieren.

Vielen Dank für den gemeinsamen Streifzug durch die Meinungsvielfalt!

„Als ob dein Körper nicht dein Körper wäre“

Eythar Gubara ist eine Pionierin: Die sudanesische Fotografin engagiert sich in ihrem vom Islam geprägten Land mit der Kamera für körperliche Selbstbestimmung der Frauen und Mädchen. Eine Ausstellung in Hamburg zeigt derzeit einige ihrer Bilder, die der Fotografin teilweise ebenso Mut abverlangen wie ihren Modellen. Im Interview spricht Gubara über Bewegungsspielräume in einer männlich und religiös dominierten Kultur, die Frauenrechte vielfach ignoriert – und mit den Familien auch nach Deutschland kommt.

Geboren wurde die heute 30-jährige Eythar Gubara in der Hauptstadt Karthum. Zur Ausbildung ging sie für fünf Jahre nach Saudi-Arabien, um dort Informationstechnik zu studieren. Im Jahr 2002 kehrte sie in den Sudan zurück. Ihre Arbeiten wurden unter anderem am Goethe-Institut Sudan und im Französischen Kulturzentrum in Khartum ausgestellt. In der Hamburger Galerie Speckstraße werden ihre mit sudanesischen Frauen inszenierten Schwarzweiß-Aufnahmen im Rahmen der Ausstellung „A Sudanese Triangle“ gezeigt, gemeinsam mit Werken der beiden sudanesischen Fotografen Muhammed Salah Abdelaziz und Mohamed Altoum. Die Satelliten-Ausstellung zur Hamburger Fotografie-Triennale ist noch bis 17. Juni zu sehen, der Eintritt ist frei.

Oliver Driesen (OD): Warum haben Sie sich auf die Lage der Frauen und Mädchen im Sudan konzentriert?

Eythar Gubara: Von Anfang an habe ich nach den Geschichten der Menschen im Sudan gesucht. Und weil ich weiß, was die Geschichten und Wüsche der Frauen im Sudan sind, habe ich mich auf die Frauen konzentriert. Ich weiß, was meine Freundinnen und die Frauen im Allgemeinen durchmachen, und das motiviert mich zu meiner Arbeit, die sie in den Mittelpunkt stellt. Nicht alle können ihre Geschichten selbst erzählen, also gebe ich ihnen diese Chance.

OD: In Hamburg zeigen Sie Fotos, die Besitzansprüche auf den weiblichen Körper anprangern. Wo begegneten Sie solchen Besitzansprüchen zuerst?

Gubara: „Besitz“ ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber die Frauen erlauben es anderen, Kontrolle über ihre Körper auszuüben. Es ist, als ob dein Körper nicht dein Körper wäre. Deine Eltern oder Großeltern können über die Verstümmelung deiner Geschlechtsteile (Female Genital Mutilation, FGM) bestimmen. Das machen viele Mädchen durch, vor allem außerhalb der Hauptstadt. Oder nehmen Sie die Männer auf der Straße, die es sich herausnehmen, Frauen sexuell zu belästigen. Oder die Eltern, die ihre Mädchen mit elf Jahren verheiraten: Du darfst nicht selbst entscheiden, was du willst. Auch ich habe sexuelle Belästigung erlebt, wie jedes Mädchen im Sudan.

OD: Wie haben Sie für Aufnahmen, bei denen Sie Frauen symbolisch nackt in Ketten inszeniert haben, die Modelle gewonnen?

Gubara: Deren Geschichten kenne ich persönlich. Ich habe viel über sie recherchiert. Weil ich nicht meine eigenen Freundinnen oder Bekannten auf diese Weise fotografieren konnte, habe ich lange und intensiv nach diesen Frauen gesucht. Man findet sie aber in unserer Gesellschaft, denn Mädchen reden untereinander viel über diese sexuelle Fremdbestimmung. Das ist kein Tabu. Viele wollen diese Erfahrungen mitteilen. Dann habe ich sie gefragt, und sie haben zugestimmt. Aber unter der Bedingung, dass sie nicht identifizierbar sind.

OD: Fühlen die Frauen, die Sie fotografieren, sich überhaupt diskriminiert? Oder braucht es jemanden, der dieses Bewusstsein erst weckt?

Gubara: FGM und sexuelle Belästigung sind auch im Sudan nicht legal oder allgemein akzeptiert. Auch Männer würden sich dem entgegenstellen, wenn sie es beobachten. Allerdings führt das meist nicht zu Bestrafungen. Aber zumindest kann man heute zur Polizei gehen, wenn man von einem Fall von FGM erfährt. Manchmal hilft das.

Viele Mädchen wollen diese Erfahrungen mitteilen.

OD: Eines Ihrer Bilder in Hamburg trägt den Titel „Not Your Slave“. Wir im Westen denken bei „Sklave“ natürlich zunächst an die historische Versklavung durch Weiße. Auf wen zielen Sie ab?

Gubara: Es geht mir um jede Art von Versklavung in unserer Zeit, nicht um die klassische Sklavenhaltung. Ich wende mich gegen jeden, der sich das Recht herausnimmt, Menschen so zu behandeln. Gegen jeden, der sagt: Ich kann mit dir tun was ich will. Im Sudan und im Nahen Osten generell sind es die Frauen, die im Haus gehalten werden und sich dort um alles kümmern. Frauen sind die Haushälterinnen, und manche werden wie Sklavinnen behandelt.

OD: Wurden Sie wegen Ihrer Fotografien im Sudan oder im Nahen Osten bedroht oder bei Ihrer Arbeit behindert?

Gubara: Das kommt vor, aber das geht nicht nur Fotografinnen so, sondern auch männlichen Fotografen. Wenn man an bestimmten Orten auch in der Öffentlichkeit nicht Papiere hat, die das Arbeiten ausdrücklich erlauben, werden schnell unangenehme Fragen gestellt. In meinem Fall suche ich mir sichere Orte, um diese Art Fotos zu machen. Das geht nicht überall. Die Nacktfotos könnte ich im Sudan nicht ausstellen. Das Bild mit der rauchenden Frau hingegen hing schon in mehreren Städten in Ausstellungen. Bezahlt werde ich für meine Arbeit aber nicht. Es ist im Sudan üblicherweise nicht so wie im Westen, dass Künstler für ihre Arbeiten Geld bekommen. Man hat als Künstlerin einen Brotberuf; ich zum Beispiel bin als IT-Ingenieurin bei einer kleinen Firma angestellt, da habe ich mein Auskommen.

OD: Sind Sie religiös? Glauben Sie, dass der Islam als Religion die Diskriminierung von Frauen begünstigt?

Gubara: Ich bin gläubige Muslimin. Die Praxis der FGM kommt nicht unmittelbar aus dem Koran, sondern aus der Sunna, einer rechtswirksamen Auslegung des Willens und der Lebensgeschichte des Propheten Mohammed. Im Koran wird davon gesprochen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, außer beim Erbe, wo dem Mann das Doppelte zusteht.

Die Nacktfotos könnte ich im Sudan nicht ausstellen.

OD: Haben es sudanesische Frauen, die in Deutschland leben, leichter oder schwerer als im Sudan?

Gubara: Ich kenne ein paar. Aber ich denke, so einfach ist es nicht für sie in Deutschland. Wenn sie bei der Ankunft schon alt genug sind, werden sie die Unterschiede zum Sudan feststellen und Zeit brauchen, um sich an die neue Gesellschaft zu gewöhnen. Vielleicht finden sie dann ihre Freiheiten hier, aber die Intimität, die Unterstützung, die sie aus der eigenen Gemeinschaft kennen, finden sie hier nicht so leicht. Andererseits, wenn sie mit ihren Familien herkommen: Vielleicht haben sie hier manche Freiheit, aber die Grundregeln ihrer Kultur ändern sich nicht so leicht für die Frauen. Vor allem, was die religiösen Gebräuche angeht.

OD: In Herne gibt es ein Gymnasium, das 30 „Burkinis“ angeschafft hat, damit auch Schülerinnen aus streng gläubigen muslimischen Familien am Schwimmunterricht teilnehmen können. Kapituliert die Schule damit nicht vor dem religiösen Besitzanspruch, dass Frauen ihre Körper nicht zeigen dürfen?

Gubara: Wenn ich eines dieser Mädchen wäre, würde ich meinen Körper auch bedecken wollen. Unsere Religion verlangt es so. Es ist ein Tabu, seinen Körper zu zeigen. Für mich ist das okay, wenn die Mädchen daran glauben. Eine andere Sache ist es, wenn sie es nur aus Angst vor ihren Familien tun. Ich persönlich würde meinen Körper in der Öffentlichkeit immer bedeckt halten.