Die Stunde der Wahrheit

Für „M.S.“

David Davidoff wusste, was der Buchhalter auf dem Herrenklo tat. Nicht, dass er es wissen wollte, ganz und gar nicht. Solches Wissen lief ihm einfach zu. Es war eine Gabe, oder vielmehr ein Fluch. Immer zur rechten Zeit am falschen Ort, so was in der Art. Davidoff hockte halt zufällig in der Nachbarkabine, zum dritten Mal an diesem Tag. Satte zwölf Minuten Lebenszeit, die er vom Arbeitgeber auf diese unverdächtige Weise zurückeroberte: Tür verriegelt, hingesetzt, Smartphone raus und das Ballerspiel trainiert. Egoshooter. Er war auf Level 8 angekommen, Sniper-Status. Den galt es zu verteidigen, ohne Ton und ohne Triumphgeschrei natürlich. Er war ja nicht blöd. Er kannte die erste Regel des Haifischbeckens: sich nie angreifbar machen, wenn man hier mitschwimmen wollte. Wer sich angreifbar machte, wurde gefressen. Mit einem verbindlichen Lächeln, aber gefressen.

Der Buchhalter war nach ihm gekommen. Der Mann war fett und verschwitzt, und Davidoff hatte ihn gleich am Körpergeruch erkannt. Oder, vielleicht noch eine Sekunde eher, an den Ächz- und Grunzgeräuschen, die der Mann bei jeder noch so kleinen Bewegung von sich gab. Der Sesselfurzer. Davidoff hasste den Buchhalter. Er hasste jeden und jede hier.

Das Haifischbecken. Ein typischer Berliner Neubau-Bürowürfel Nähe Potsdamer Platz, keimfrei, steril, vollkommen in seiner Verwechselbarkeit mit anderen neu in die Gegend geklotzten Bürowürfeln. Auf diesen Fluren war jeder seines Nächsten Feind. Verlogen das kollegiale Getue, scheißfreundlich die Intrigen, eiskalt die Exekutionen. Hätte ihm damals in den Neunzigern, als Davidoff noch als Punk und Schnorrer in der stinkenden Passage am Nolli gehockt hatte, jemand geweissagt, er würde nur acht Jahre später hier sitzen, in Schlips und Maßanzug, auf dem automatisch mit Patschuliduft bestäubten Haifischbeckenscheißhaus – er hätte ihn nur angeblökt: „Ey Alter, verfatzda! Kapitalistenknecht, icke? Kuck dich ma selbst an, Pleppo!“

Aber genau so war es. Sie hatten ihn eingestellt, weil sie ihn „tough“ fanden und „street smart“, beeindruckt von seiner nicht zu übersehenden Intelligenz, seinem analytischem Verstand und seinem bauernschlauen Verhandlungsgeschick. Ihm seinerseits hatte dieses Jobangebot nach seinen wilden Jahren einen Weg eröffnet, nie wieder Dreck fressen zu müssen. Jetzt, wo das Kind heranwuchs, dessen Mutter abhanden gekommen war. Jetzt, wo er Verantwortung für einen kleinen Menschen trug und wider Erwarten sogar Gefallen daran gefunden hatte. Am Kind.

Mit handgenähten ungarischen Schuhen an den Füßen und im Boss-Zweireiher fädelte Davidoff seither Deals ein, während das Kind in der Kita war. Wenn es Probleme mit renommierten Kunden gab, die schnell und souverän gelöst werden mussten, dann war Davidoff der Mann für den Termin. Wer hätte das ahnen können? Der Anarcho und die neoliberale Arschgeigenvereinigung, sie hatten eine Ehe im Himmel geschlossen. Er, der mittellose Bräutigam und sie, die durch und durch korrupte Braut, die eine für Berliner Verhältnisse üppige Mitgift zahlte. Jeden Monat aufs Neue. Nur leider: Er hasste die Braut trotzdem aus tiefstem Herzen.

Weshalb er auch den Buchhalter hasste. Den fetten Sack, der sich jetzt geräuschvoll und dem Vernehmen nach unter nicht geringen Schmerzen nur einen Meter entfernt von Davidoff entleerte. Aah, das Schlimmste schien vorüber. Doch was war das? Diese Geräusche jetzt? Er würde doch nicht … oh nein. Oh doch! Das Schmerzgeächze wurden von einem anschwellenden Stöhnen abgelöst, begleitet von einem rhythmischen Geklapper und Geschrabbel, das die Klobrille unter ihrer sich vor und zurück schiebenden Last erzeugte. Der Buchhalter war jetzt enthemmt. Ganz bei sich. Ganz im Elysium.

Wie auch immer er das hinkriegte. Für Koks war der Mann zu blöd. Keine Connections, keine Cojones. Koks war Sache der Performer, der Executives, nicht der fünften Garde. Nein, Davidoff tippte auf YouPorn. Was es auch war, es zerschoss ihm offensichtlich die letzten Hirn-Synapsen. Walross-Onanie zum Mithören für alle! Ohne wenigstens zuvor gecheckt zu haben, dass die Schlösser der übrigen Kabinen „weiß“ statt „rot“ signalisierten. Ein tödlicher Fehler im oh-so-wohlanständigen Haifischbecken. Die Welt würde erfahren, wie es hinter diesen Kulissen wirklich zuging. Die ganze Wahrheit. Einmal mehr.

„Walross-Onanie zum Mithören für alle“, tippte Davidoff als Headline. Der PC-Monitor tauchte ihn in sein bläuliches Licht. Maisonettewohnung in begehrter Lage, Prenzlauer Berg. Nebenan schlief das Kind, es war nach Mitternacht. Die Stunde der Wahrheit, seit vielen Monaten. Doch die Wahrheit war eine sensible Pflanze. Sie bedurfte des schützenden Schattens der Anonymität. David Davidoffs Blog, in dem das „Haifischbecken“ die populärste Rubrik war, schrieb ein Niemand. Im realen Haifischbecken gab es keinen David Davidoff, dort mochte er Koslowski heißen oder Kramer oder ganz anders. Nur im Netz gab es ihn. Jedoch kein Impressum, keine Anschrift, nichts als eine anonyme Mail-Adresse bei GMX. In den Texten keine verwertbaren Hinweise auf seine Identität oder die seines Arbeitgebers. Letzteres schon gar nicht. Nicht mal Näheres über das Feld, in dem seine Organisation ihren beträchtlichen Einfluss ausübte.

Da draußen warteten hunderte, tausende Leser online auf die neuesten Indiskretionen von der Arbeitsfront. In der Bloggerszene hatte sich Davidoff längst einen Namen gemacht: der Mann, der dem Kapitalismus die Maske vom Gesicht riss. Er tat es stellvertretend für sie, für all die Misshandelten, die Unterdrückten in den Konzernen und den Verwaltungen, die davon träumten, aufmüpfig zu werden. Die es aber niemals wagen würden. Mit tödlichem Witz, treffsicheren Pointen, akribischen Analysen all der Schwächen, der Dumpfheit, der Abgründe hinter Bürotüren nahm Davidoff Rache, Nacht für Nacht. Rache dafür, dass die Haifische im Becken ihn, den Punk, zu einem der ihren gemacht hatten. Einen, der funktionierte, sich anpasste, all den Müll schluckte, all die leeren Rituale mitmachte, sich für den Profit anderer verbog und seine Würde jeden Morgen beim Pförtner abgab. Dafür aber auch ein fettes Schmerzensgeld kassierte, Monat für Monat. Und sich erst spätabends brav nach Hause trollte.

Keine Gnade! Kein Pardon! Er filetierte mit scharfem Schwert die eitlen Entscheider, die Psychopathen und die Streberinnen, die Dummschwätzer und die Blender. Doch dazu musste er ebenso namenlos bleiben wie sie. Jeder Hinweis auf den Schauplatz oder die handelnden Personen hätte sofort mehr als hinreichende Gründe für eine fristlose Kündigung geliefert. Verleumdung. Untreue. Vertragsbruch. Und Schlimmeres. Es war ein dünnes Eis, auf dem sich Davidoff bewegte. Genau das, was er konnte.

„Der Buchhalter“, tippte er ins bläuliche Licht, „das ist der Ausgestoßene, der Paria, mit dem keiner zusammen gesehen werden will und zu dem man nur geht, wenn wieder was mit der Spesenabrechnung nicht stimmt. Ich bin sicher, der pendelt hin und her zwischen dem Haifischbecken und einem Zuhause, in dem er abends bei Kerzenlicht lebendigen Mäusen die Haut abzieht und den Rest bei Vollmond zu einer Paste mörsert, mit der er sich einschmiert, weil das gegen die Strahlung aus der Steckdose hilft.“

Dannaber folgte die Schilderung der gestrigen Vorgänge in der Nachbarkabine, und plötzlich schwang beinahe so etwas wie Anerkennung für das fleischgewordene Elend mit. Denn die Stunde der Wahrheit machte den Buchhalter fast schon menschlich. Im Rahmen der Möglichkeiten des Haifischbeckens.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der Buchhalter-Beitrag brachte David Davidoff 26 Likes und 13 hämisch amüsierte Kommentare ein. Ein durchschnittlicher Wert. Das Stück neulich über die neue Auszubildende, die ihre Möpse als Gegengewicht zur umfassenden Ahnungslosigkeit ihrer Generation einzusetzen suchte, hatte die doppelte Ausbeute erbracht. Und der Spitzenreiter der Charts für dieses Jahr war immer noch Davidoffs Report darüber, wie sich sein zweithöchster Vorgesetzter beim Teambuilding-Event in einer sauteuren, aber unerträglich geschmacklosen Mitte-Bar hatte gehen lassen.

Davidoff gab nichts auf die Kommentare seiner Fan-Schlümpfe. Von irgendwelchen Idioten, nur weil sie ihm Honig ums Maul schmierten, ließ er sich nicht kaufen. Viel wichtiger war ihm gewesen, ihnen im Blog den gesellschaftspolitischen Kontext vor Augen zu führen: Typen wie sein Chef und Organisationen wie sein Arbeitgeber hatten in ihrem hirntoten Geld- und Machtstreben dafür gesorgt, dass ein Berliner Kiez nach dem anderen „gentrifiziert“ wurde. Alte, Punks und Mittellose raus; Neubauwohnungen, Bioläden und Schnickschnack-Galerien für Besserverdienende rein. Das Schweinesystem verbreitete seine Metastasen wie ein Krebsgeschwür.

Wenn er zwischen zwei Haifisch-Terminen die Zeit fand, reihte sich Davidoff in alter Verbundenheit sogar bei den Protestierern ein, die gegen die grassierende Epidemie auf die Straße gingen. Nur im Haifischbecken gehörte er mit Leib und Seele dem Kapital. Hier aber, unter freiem Himmel, wollte er Position beziehen. Haltung zeigen. Dass er es umständehalber in Bürouniform tat, ging selbst bei den härtesten Hasskappen-Hoodies aus dem schwarzen Block als Ironie durch: Lief da eben ein Pinguin mit. Die Sturmmaske mit dem Augenschlitz machte ihn ja trotzdem zu einem der ihren. Er warf allerdings nur Farbbeutel, nie Steine. Das machte einen Unterschied, fand Davidoff.

Doch ob Stein oder Farbe: Das System gewann immer. Es holte ihn von der Straße und aus dem Internet zurück, sog ihn auf, schluckte und verdaute ihn an jedem verdammtem Arbeitstag. Das Haifischbecken saß am längeren Hebel. Er war nicht länger wirklich jung und brauchte doch das Geld. Für sich selbst, aber auch für das Kind. Und an diesem Montagmorgen musste das Kind mit ins Becken. Der Horror. Der Super-GAU. Kita bestreikt, alle potenziellen Babysitter unabkömmlich. Berlin von seiner sozial kältesten Seite: mit Kind ins Büro. Das dafür so geeignet war wie die Hölle zur Aufbewahrung von Limetten-Parfaits. Das auf seinen Fluren leibhaftige Kinder höchstens im Oh-wie-ist-das-süß-Alter unter einem Jahr tolerierte.

Diese Schmach! Die Aussicht, an den Assistentinnen und Teamleiterinnen vorbei zu müssen, ihr Mitgefühl simulierendes Eiszapfenlächeln, ihre Tuschelkommentare einzusammeln: Schaut mal, ein Vater mit Kleinkind im Schlepp, was ist da wohl schiefgegangen? Was treibt denn die Kindsmutter bloß? Davidoff warf ein paar sorgfältig kombinierte Pillen ein, bevor er das Kind in seinem Autositz auf der Rückbank festzurrte.

Der Gipfel der Demütigung war, den Nachwuchs bei der Fledermaus abstellen zu müssen. Die Fledermaus war im Haifischbecken die Frauenbeauftragte. Ihr Tiername stammte – über die ähnliche Physiognomie hinaus – daher, dass sie eine selbst für die Haie unangreifbare Flughöhe oberhalb des Wasserspiegels behauptete. Sie zwang Davidoff, seine Texte, Reports und Memos zu gendern. Sie hatte den wöchentlichen „Gleichstellungs-Jour-Fixe“ eingeführt, mit Teilnahmepflicht. Sie war der Fluchtpunkt für seine Praktikantinnen, sobald sie sich durch geringfügigste Kompetenzanforderungen diskriminiert fühlten. Zum Dank hatte die Fledermaus seit Jahren eine Hauptrolle in David Davidoffs Blogs. Aber hier musste er die Faust in der Tasche ballen. Haifischbecken-Skills! Während er, Kind an der Hand, locker-flockig an die Tür zur Gleichstellungshölle klopfte, setzte Davidoff sein Killerlächeln auf.

Geschafft! Friedlich auf dem Touchscreen eines Tablets malend, saß das Kind am Tisch gegenüber der Fledermaus, die garantiert nur darauf gewartet hatte, einen ganzen Tag lang ihr überlegenes Bespaßungstalent demonstrieren zu können. Aber auch sie war nicht blöd: Zur Tarnung hatte sie was von „Aufgaben, die dadurch liegenbleiben“ und vom „Thematisieren beim nächsten Jour Fixe“ gezetert. Davidoff indes, zwei Büros und doch Welten entfernt, hatte heute seinen Schreibtisch für sich, abgeschirmt durch das dazwischenliegende Reich und die fettige Körpermasse des Buchhalters. Seit fast zwei Stunden schon hatte er sich ungestört dem Pressespiegel und dem einen oder anderen Tinder-Kontakt auf seinem Handy widmen können.

Da tat es nebenan einen dumpfen Schlag.

Etwas Schweres war umgestürzt. Gefolgt von einem Aufschrei. Gefolgt von Poltern und weiterem Geschrei. Nebenan – das Buchhalter-Büro! Ein unbestimmt böse Ahnung ließ Davidoff das Blut in den Adern gefrieren. Drei Sekunden später war er an der Tür des Fettmolchs und riss sie auf.

Der durchgesessene Drehstuhl mit den klobigen Armstützen lag auf der Seite. Eine zersprungene Kaffeetasse daneben. Ihr verspritzter Inhalt sickerte in den Nadelfilzboden. Mit einer Gesichtsfarbe, die Davidoff selbst an diesem menschlichen Wrack noch nie gesehen hatte, hing der Buchhalter halb auf der Fensterbank, halb aus dem weit offen stehenden Fensterflügel. Achter Stock, unverbaubarer Blick über Reichstag und Spreebogen. Es war einer der wenigen Vorzüge der Unmenschen-Architektur des Haifischbeckens. Am fleischigen Arm des Buchhalters, der nach draußen baumelte, hing offenbar etwas. Etwas, das er mit verkrampften Fettfingern umklammerte. Davidoff sah nur einen Schuh. Einen Kinderschuh. Seine Knie gaben nach.

„Rein! … Ziehn!“, keuchte der Buchhalter nur. Davidoff sprang vor und hängte sich mit all seinem Gewicht an die erstbeste Körperfettwulst, die er zu fassen bekam. Zugleich stemmte er seinen Fuß auf Heizungshöhe gegen die Wand. Der Buchhalter stöhnte, nutzte aber den so verlängerten Hebel, um seinen Oberkörper samt Arm ins Zimmer zu wuchten. Den Arm und das, was daran hing. Schuh, Strumpf, Hosenbein. Kind. Schreiendes Kind.

„Bist du wahnsinnig! Wahnsinn … du kleines … dummes … hab ich dich … halt ich dich … halt dich ganz fest“, stammelte der Dicke, halb auf dem Nadelfilz zusammengesackt, halb an die Fensterbank gelehnt. Er blutete aus einer Fleischwunde am Unterarm. Erst jetzt ließ er los, und das Kind sprang Davidoff auf den Arm.

„Das muss, das muss durch die, die Verbindungstür von nebenan gekommen sein“, brabbelte der Buchhalter ins Leere. „Ich sitz da auf dem Stuhl, zur Wand gedreht, weil ich was im Wandschrank such. Kuck ich zum Fenster, weil es plötzlich zieht – sitzt da das Kind auf der Fensterbank! Und ich seh, wie’s ein Bein nach draußen schwingt …“ Dann brach er in Tränen aus.

Es war nach Mitternacht. In der Maisonettewohnung in Prenzlauer Berg leuchtete der Computerbildschirm bläulich. Nebenan schlief das Kind. Die Stunde der Wahrheit. Der Cursor stand im leeren Feld für die Headline; Davidoff starrte lange auf das rhythmische Blinken. Dann begannen seine Finger, die Tastatur zu bearbeiten.

Als sie wenig später David Davidoffs Blog anklickten, um einmal mehr die ganze Wahrheit über das spätkapitalistische Schweinesystem zu erfahren, fanden seine Fans den neuen Beitrag vor: „Berliner Verkehr – von suizidalen Radfahrern, Irren am Steuer und Hundescheiße auf dem Bürgersteig.“

 Berichte aus dem Bürgerkrieg auf denHauptstadtstraßen waren die zweitpopulärste Rubrik in Davidoffs Blog. Das Kind,fand er, ging niemanden etwas an.

In Lübeck

Wie er fehlt.
Vierschrötig zärtlicher,
unbeugsam knorriger Pfeifenkopf.

Von den denkfaulsten,
billigsten seiner Feinde mit posthumem Mütchen
als „Arschloch“, „SS-Günni“ selbst- und moraltrunken denunziert
– was von links kommt, natürlich von links,
also dort, wo er selbst stand.
Als ob sie ihm ins Wort fallen dürften.
Vom Reichen des Wassers gar nicht zu reden.

Wie er selbst sich erforschte, geduldig,
mit beinah chirurgischer Neugier auf das,
was die Zwiebel beim Häuten als nächstes
ans Licht bringen würde,
ungeachtet der Tränen, die beißender Saft ja
zwangsläufig und wie nebenbei produziert.

Wie er dann aber wieder allen ins Stammbuch schrieb.
Und wie die Beschriebenen zuckten, sich wanden.
Oh so verletzlich! Nur im Austeilen stark.
So viel dünner besaitet als er.

Der das Deutsche mit seinen Ranken umkränzte
wie einen stämmigen Baum, und zuletzt noch den Grimms
ihr unter Brüdern lang überfälliges Denkmal schnitzte
(wenn auch nur – biografisch bedingt –
für die Buchstaben A bis F).

Der mit Farben, mit Pinseln,
Federkiel, Kreiden, Tonerde, Bronze
– von woher die Zeit ihm bloß zuwuchs? –
auch noch Werke von wortloser Gültigkeit formte,
anrührte, durchwalkte, abschliff und freilegte.

Ja, in erster Linie legte er frei, was ohnehin lauerte.
Welch eine Kunst das ist: eine der schwersten.

Wie er fehlt.
Wie einer von seinem Schlag heute nottäte,
um all das Blech zu zertrommeln,
all die Gläser zerspringen zu lassen,
den Betrieb aufzumischen. Diesen bräsigen, eitlen,
sich selbst nicht und sonst auch nichts mehr hinterfragenden,
mutlos Kassensturz nicht, aber Kasse doch machenden,
ständig in Angst vor dem Shitstorm verflachten Betrieb.

Wie einer fehlt, der noch Halt gibt im Sumpf.
An dessen Borke wir alle uns reiben könnten,
im Wissen: Dieser Baum fällt davon nicht.
Der Willy-Erfinder, Wortspender für das letzte Hurra
der sozialen Demokratie. Wie sein Traum verdorrte.

Wie einer fehlt, der das ganze Gekröse
samt Sehnen und Knochen, Kaldaunen und Speck
uns prall gewürzt auftischt.

Doch Ilsebill salzt nicht mehr nach.

33 Schuljahre später

Im Herbst zurück an der alten Bildungsstätte: Kalender- und Ahornblätter fallen „wie von weit“, das Spiegelbild wirkt seltsam erwachsen. War ich damals schon als Erziehungsberechtigter eingeschult worden? Eine Elegie.

Alles ist anders. Anders als ich, vor meinem Bild in der Glastür, machen Graffiti vor nichts Halt, verschonen die hintersten Winkel nicht. Bei uns, da-da-damals, gab es in meiner Erinnerung einen: „UK Subs“, diesen Tusch auf die grindigen Londoner Punker. Und den auch nur in beinah respektvollem Abstand: an der Mühlenturm-Mauer.

Ach nein, halt, noch einen zweiten, tatsächlich frech an die Schulwand gepinselt: „Great, Günter! Sherlock“. Über Nacht dort erschienen, als mein Deutschlehrer über den Schirm der Nation sich versendet hatte, bei Wim Thoelkes „Der Große Preis“: Fachgebiet Sherlock Holmes.

Die Zuschauer aber schrieben Protestbriefe an ihren Sender, weil er langhaarig und im Norweger-Pulli auftrat: „Haben die Schüler nicht Angst wegen Läusen?“

Die Jahrgänge unter uns trieben zum Abi denselben Unfug wie wir: sich ein Denkmal errichten, monumentum aere perennius, bleibender Nachweis der sauer verdienten Unsterblichkeit. Ich aber stehe nun vor ihren Werken, und sie alle verblassen, verwittern. Wie ich. Irgendwer hat auf eines davon einen Penis gepinselt, der an Ausdauer alle anderen Bildnisse übertrifft.

Nein, ihr wart nicht unsterblich. Das konntet ihr damals nicht wissen. Heute dürftet ihr, so wie ich, klüger sein, aber immer noch jünger. Was man euch auch nicht sagte: dass die Zeit in beide Richtungen fließt. Dass sie umkehrt für Wiedergänger wie mich, die zu spät, immer wieder zu spät, all das Herbstlaub zurück in die Zweige zu hängen versuchen. Es zerfällt in den Fingern.

Wer hier heute – unsterblich! – vorandrängt, dem winken schon Zaunpfähle mit einem Fächer von Zielen. Sie geben den Anschein von Orientierung, das kannte ich nicht. Für mich gab es nur: von hier aus ins Ungefähre. Alle Wegweiser zeigten in einen Nebel, der die Verheißung des Nicht-so-Seins barg. Das genügte. Es würde sich finden. Ihr aber, heute, habt Pläne. Sie bestehen aus Normen und Listen, die abzuarbeiten sind.

Ich habe zwei Kinder. Sie sind heute, was ich war, nur anders. Ihre Schule steht da, wo ich hinging, als habe sie dort schon gewartet. Denn es gibt kein Entkommen. Noch wenige Jahre, und man wird ihnen Zeugnisse ausstellen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie wurden unsterblich.“ Fürs Erste.

Hätte nicht herkommen sollen. Und muss doch, muss es immer mal wieder. Muss um die Häuser ziehn, schnüffeln, beäugen, eine Witterung aufnehmen, die sich verlor. Was mal strahlend war, sind nun Schatten. Was verblasst war, das wurde saniert. Bloß ich finde mich nicht mehr zurecht.

Bis ich, hinter der nächsten Fassade, auf gleichbleibend Gültiges stoße. Doch selbst dieser Bewacher der Burg wird seinen Posten verlassen. Wird vergangen, wird sterblich gewesen sein, später.

Frische Firmenchronik: Aircraft Philipp Group

Der Stapel wächst: neue Firmenchronik, druckfrisch

Da bin ich nun über viele Monate hinweg immer wieder tief im Süden der Republik unterwegs gewesen – dort, wo das Leben, das Wetter, das Essen und die Landschaft auf unfaire Weise majestätischer sind als hier auf der flachen, norddeutschen Seite des Globus. Die hatten eben nicht zufällig einen Kini (König) da unten, während bei uns nur Deichgrafen …

Aber ich will nicht jammern. Der Grund für meine langen Bahnreisen nach Oberbayern war ein erfreulicher und faszinierender, nämlich die soeben druckfrisch erschienene Firmengeschichte der Aircraft Philipp: „Rückenwind & Turbulenzen“. Recherchiert und geschrieben habe ich sie einmal mehr in bewährter Kooperation mit den Spezialisten von Pro Heraldica aus Stuttgart.

Die Story der Aircraft Philipp ist auf den ersten Blick die Chronik eines jungen, international expandierenden Unternehmens der Luftfahrt-Zulieferindustrie, das im Jahr 2018 sein zwanzigjähriges Bestehen feiern konnte.

Doch hinter diesem speziellen Familienunternehmen steckt noch mehr: die bemerkenswerte Geschichte einer Unternehmung, die an deutlich älteren Wurzeln in der Fliegerei anknüpfte – und so die (politisch nicht unproblematische) Tradition eines großen Namens erfolgreich mit der Vision eines ambitionierten Newcomers verschmelzen konnte.

In den Hallen Ernst Heinkels

Denn im Jahr 1954 hatte niemand Geringeres als der Flugpionier Ernst Heinkel den heutigen Karlsruher Standort der Aircraft Philipp gegründet, dort aber zunächst vor allem seine berühmten „Tourist“-Motorroller gebaut. Heinkels Karlsruher Werk hatte 1984 durch einen Konkurs schon vor dem Aus gestanden und war dann in kurzer Folge durch mehrere Hände gegangen.

Anfang 2006 schließlich konnte es der oberbayerische Flugzeug-Zulieferer Rolf Philipp übernehmen. Für seine Verhältnisse war auch Philipp ein Pionier der Luftfahrt: Schon vor der Jahrtausendwende hatte er, erst 29 Jahre alt, in einem umgebauten Schweinestall zusammen mit ein paar Gleichgesinnten seinen eigenen Motorsegler konstruiert – und immerhin acht Stück davon gebaut.

Nach dem Zukauf besaß Philipp damit zwei Werke: ein ganz neu errichtetes am Chiemsee und einen Traditionsbetrieb in Karlsruhe. Aus den beiden ungleichen Unternehmensteilen musste er jetzt nur noch ein funktionierendes Ganzes formen.

Und das Konzept ging auf. Auf ihrer ungewöhnlichen historischen Grundlage hat die Aircraft Philipp inzwischen selbst begonnen, die Geschichte der Luftfahrtindustrie mitzuschreiben. Flugzeugteile aus Oberbayern oder Karlsruhe fliegen in zahllosen Luftfahrzeugen von Airbus bis Boeing mit. Damit es dazu kommen konnte, mussten sämtliche wirtschaftliche Wetterlagen gemeistert werden: von „Rückenwind“ bis „Turbulenzen“.

Mein neues Buch erzählt von diesem abenteuerlichen Aufstieg der Aircraft Philipp – und ihren nicht minder faszinierenden Wurzeln.

Übrigens: Schrieb ich oben, wir im Norden würden keinem Monarchen zu Füßen liegen? Nun, zumindest ein königliches Denkmal haben wir jemandem errichtet.

Es steht ausgerechnet in der Empfangshalle von Airbus in Hamburg, die passend dazu den Glanz einer untergegangenen Ära ausstrahlt. Die besondere Atmosphäre liegt daran, dass an diesem traditionsreichen Ort am Finkenwerder Elbufer schon vor dem Zweiten Weltkrieg die Zentrale des Hamburger Flugzeugbaus stand. Und eben dort hat heute ER seinen Platz:

Ganz richtig: Die Statue ist das Bildnis von Franz Josef Strauß, dem letzten Alpenkönig. Der CSU-Monarch, Ex-Verteidigungsminister (Starfighter-Skandal!) und bayerische Landesfürst gründete fast im Alleingang Airbus und machte von München aus bis zu seinem Tod 1988 europäische Flugzeug-Industriepolitik. Ihm verdankt damit nicht nur die Aircraft Philipp als bedeutender Airbus-Zulieferer einiges, sondern ebenso die ewig sozialdemokratische Hansestadt Hamburg.

Bleibende Verdienste. Schon interessant, wem die Deutschen am Ende die Denkmäler errichten.

Nächste Chance für „Wir sind mehr“

Für Samstag, also übermorgen, planen in Hamburg Anhänger der Furkan-Gemeinschaft einen Aufmarsch. Sie wollen für die Freilassung von Alparslan Kuytul demonstrieren, ihrem organisatorischen und geistlichen Führer. Er sitzt derzeit in der Türkei in Haft.

Die Furkan-Bewegung ist eine extremistische islamistische Organisation. Laut Verfassungsschutz ist ihr Ziel die Errichtung einer sogenannten Islamischen Zivilisation, nämlich eines weltweiten Kalifats, in dem die Scharia gelten soll. Demokatische Werte wie Aufklärung, Trennung von Religion und Staat, Meinungsfreiheit, Frauen- oder beispielsweise Schwulenrechte sind dabei nur im Wege. Juden natürlich ganz besonders. In der Hansestadt haben die religions-faschistoiden Extremisten derzeit angeblich rund 150 Anhänger, vor allem rund um einen Verein mit dem unverdächtigen Namen „Jugend, Bildung und Soziales e.V.“.

Man sollte meinen: ein klassischer Fall für #wirsindmehr, #unteilbar, Rot-Grün, die Linke, Gewerkschaften, christliche Kirchen und insbesondere die Antifa. Neulich erst konnten sie gemeinsam zwischen Jungfernstieg und Gänsemarkt über 10.000 gut gelaunte Menschen gegen etwa 150 Merkel-GegnerInnen mobilisieren. Bei denen – da waren sich alle einig – habe es sich um gefährliche Radikale gehandelt, die unsere Demokratie zerstören wollen. Die Einigung des „breiten Bündnisses“ dürfte also diesmal nicht schwerer fallen. Zumal jetzt noch der Aspekt einer fundamentalistischen, fortschrittsfeindlichen Glaubensideologie hinzukommt, den liberale und linke Demokraten zweifellos erst recht verabscheuen.

Wo die kampferprobten Verbündeten nun schon einmal mit derart vielen DemokratiefeindInnen fertiggeworden sind, bietet sich hier also die nächste Chance. Ein deutliches Signal wären diesmal mindestens 20.000 GegendemonstrantInnen, denn auch auf der anderen Seite ist laut Verfassungsschutz mit wesentlich mehr als den angemeldeten 80 Teilnehmern zu rechnen.

Die Wettervorhersage ist wieder freundlich. Es wird sicher wieder getanzt, gerapt und sonstwie musiziert werden, auch die Transparente vom letzten Mal („Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“) sind wiederverwendbar. Und auch dieses Mal wieder dürften die zahllosen GegendemonstrantInnen aus der Mitte der Gesellschaft in ausgesucht bunter Kleidung erscheinen, um ein Zeichen gegen Dunkeldeutschland zu setzen.

Wie? Das hat doch mit Deutschland nichts zu tun? Meines Wissens liegt Hamburg in Deutschland. Und das hier geschieht mitten in eurer Stadt, mitten unter euch. Gegen eure Rechte, gegen eure Privilegien, gegen euren Lebensstil, wie zum Hohn auf eurer tolerantes Weltbild. Samstag, 15.45 Uhr, Kurt-Schumacher-Allee. Das geht jeden und jede von euch aufgeklärten, engagierten Demokratie-BewahrerInnen ganz direkt etwas an.

Ihr werdet doch bestimmt nicht wegsehen?

+++++

Nachtrag, 21.10.:

Mehr als 200 Islam-Faschisten waren da. Aber wo wart ihr, links-liberale DemokratieschützerInnen, „wir sind mehr“ und Antifa? Das läuft bei euch unter Religions- und Meinungsfreiheit, gell?

Dafür liefen, ebenfalls am Samstag, etwa zeitgleich rund 100 Schwarzgekleidete mit schwarzen Regenschirmen und schwarz verklebten Mündern im Gänsemarsch durch die City: „March for Freedom“ gegen die weltweite Sklaverei.

Wie gut, dass die „Freedom“ bei uns nicht bedroht ist.

Dechiffrierung des Alltags (2)

Aufdröseln, was sonst verschwurbelt bliebe. Diesmal mit Blut-Krieger Bastian und den Saubermännern: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!

Das ist der Bastian. Bastian ist unser „Blut-Krieger“ (BILD). Damals, als wir noch Fußball konnten, wurde er von den bösen Argentiniern im Endspiel gefällt wie eine deutsche Eiche, wieder und wieder und wieder. Jedes Mal stand er wieder auf, jedes Mal hatte er eine blutende Schramme mehr im Gesicht. Nie trat und schlug er zurück, denn tief drin war er ein friedlicher Junge vom Lande. Aber am Ende dann Weltmeister. Näher sind wir dem alten deutschen Ideal „zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, sauber wie die Spielautomatenwirtschaft“ nach dem Krieg selten gekommen, und seit dem Sommer 2014 schon gar nicht.

Blut-Krieger Bastian Schweinsteiger jedenfalls weiß, wie weh unsauberes Spiel tut. Deshalb weiß er auch, wie wichtig ein sauberes ist, logisch. Deshalb wiederum hat ihn die deutsche Spielautomatenwirtschaft jetzt auserkoren, ihr neuer Sympathieträger und Vorzeige-Saubermann zu sein.

Schweini können alle rückhaltlos gut finden. Ihn auf dem Foto erkennen, sich erinnern, schwelgen. Und seine Botschaft verinnerlichen. Denn die gilt ja nicht nur für den Fußballplatz, sondern in Schweinis Worten „egal wo und was du spielst.“ Zum Beispiel an der Börse. Im Kindergarten. In der Politik. Oder eben, wenn du deine letzten Münzen in einer Automatenspielhalle verplemperst. Einsam, perspektivlos und von Hartz IV gezeichnet, in der unbegründeten Hoffnung, den Privatkonkurs doch noch abwenden zu können.

Das sagt uns der Basti: Die wollen nur Sauberkeit. Ach, das ist ja mal schön. Rechtschaffene Leute, die Spielautomatenbranchenleute.

Aber selbst diese Bastian Bastion des Idealismus hat heutzutage schwer zu kämpfen:

 

Sie kämpft den guten, den sauberen Kampf. Steht immer wieder auf. Trotz Fouls. Trotz Blutgrätsche. Für ein legales Spiel. Das ist es ja im Grunde nur, ein Spiel. Hey, bloß Spiel! Nicht existenzvernichtend krankhaftes Unglücks-Gedaddel und Ausbeutung eines industriell induzierten Gierreflexes, sondern fröhliche, entspannende Unterhaltung im zwanglosen Austausch mit einem ausgeklügelten mathematischen Profitabilitätsmodell.

Es ist nichts Geringeres als la légalité, für die sie kämpfen. Legalität – statt illegaler Internet-Spielhöllen, wo unlizensierte und nicht TÜV-geprüfte Casino-Webseiten den arglosen Spielern Stromschläge über die Tastatur verpassen. Wo neben dem Laptop die Flasche lauert. Wo versteckte Trojaner pausenlos ihre Manipulationen an den heimischen Rechner funken: „Überweis mir mehr Geld! Mehr! MEHR! Und jetzt noch das Häuschen, das dir Erbtante Annemarie auf dem Totenbett überschrieben hat!“

Nicht mit der deutschen Automatenwirtschaft! Sie hat die fünf goldenen Regeln, die so etwas verhindern. Also zumindest, dass jemand wirkliche Regeln aufstellt. Verpflichtende Regeln. Gesetzliche Regeln. Strafbewehrte Regeln. Solche, die das Ausbeuten des Spiel- und Gewinntriebs tatsächlich untersagen oder zumindest stark einschränken würden. Regeln zum Schutz der Angreifbaren vor den Angreifern.

Da! Ein Eichhörnchen!

Derartige Regeln würden vielleicht stattdessen heißen: Kein Zutritt ohne Nachweis finanzieller Eigenverantwortung und ausreichender Spielsucht-Resistenz. Keine Geschäfte mit der Sucht. Keine Ausschüttungsquote, die den Spieler gegenüber dem Spielautomatenbetreiber strukturell benachteiligt, dass es die Sau graust. Übernahme der Therapiekosten für Suchtopfer und Ausgleich der ihnen entstandenen materiellen Schäden.

Aber es gibt ja zum Glück schon strenge Normen („geprüfte Qualität“), weshalb sich der Gesetzgeber nicht mehr zu kümmern braucht. Die Arbeit hat ihm die Industrie abgenommen. Er kann beruhigt woanders hinschauen – da, ein Eichhörnchen!

Die deutsche Spielautomatenwirtschaft ist nämlich eigentlich eine Art Social Enterprise, eine Nichtregierungsorganisation mit Verantwortung für, ähm, Verantwortung. Und nicht einfach nur eine weitere Lobby, die durch eine fadenscheinige „Selbstregulierung“ die wirkliche, unerlässliche, längst überfällige Regulierung ein weiteres Mal abzuwenden sucht.

Ohnehin besser, wenn der Staat wegschaut. Allein in Nordrhein-Westfalen sind allein im Jahr 2014 rund 1,5 Milliarden Euro in den Geldschlitzen der Automaten verschwunden. Davon bekommt jetzt nicht nur Basti, der saubere Blut-Krieger, ein kleines Fotohonorar. Es bleibt auch noch was übrig für die darbenden Kommunen am Tropf der Spielautomatensteuer.

Wenn das nicht fair ist.

Happy 70, Hamburger Abendblatt! 80 wirst du kaum noch werden.

Das Hamburger Abendblatt, die einzige „Qualitäts“-Tageszeitung für die zweitgrößte Stadt Deutschlands, ist jetzt 70 Jahre alt. Auf endlosen Seiten feiert sich das Blatt in seiner Wochenendausgabe dementsprechend erst mal selbst, bevor die eigentliche Zeitung losgeht.

Dabei gibt es – jenseits von Nostalgie – nichts zu feiern. Und es bedarf schon viel Phantasie sich vorzustellen, dass im Jahr 2028 der 80. Geburtstag noch erreicht wird.

Man könnte tausend Gründe nennen, warum das Abendblatt den Niedergang der deutschen Mainstream- und insbesondere der tagesaktuellen Newsmedien auf den Punkt bringt wie kaum eine andere Zeitung.

Man könnte über die Kaputtspar-Mentalität schreiben, die in den späten Neunzigerjahren schon in den Ursprungsverlag Axel Springer Einzug hielt (der es heute allerdings schafft, seine „Welt“ wieder ziemlich flottzumachen). Über die Praktikantisierung und Prekarisierung aller originär journalistischen Aufgaben. Über den immergleichen, bräsigen Stiefel, den das Abendblatt seit Jahrzehnten daherschreibt über die immergleichen Themen, die immer weniger Abonnenten ausschließlich in den wohlhabenden Hamburger Stadtteilen interessieren. Über das Buckeln vor der Macht in Senat, Werbewirtschaft und Hafen. Über die Denk- und Schreibverbote, die bleischwer und unausgesprochen auf der Redaktion lasten.

Man könnte über den 2014 vollzogenen Verkauf an die Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Gruppe) sprechen, wodurch dem zombiehaften Nachrichtenmedium indes nicht ein Funke neuen Lebens eingehaucht wurde. Sondern im Gegenteil: Das Blatt dümpelte strategielos weiter dahin – bis auf die Strategie, insgeheim noch mehr am Journalismus zu sparen (was eigentlich gar nicht mehr möglich war). Während sich Geschäftsführer und Executives in Essen die Taschen füllten und bis heute füllen.

Man könnte über die Abendblatt-App schreiben, die immer noch wirkt wie ein Produkt von 1998, oder über die 2018 geplante „Online-Offensive“, die nur eines ans Licht bringen wird: dass man bei Funke keinen Schimmer hat, wie „Online“ im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert aussieht (keinesfalls so wie die furchtbare WAZ-Homepage). Oder wie man es erfolgreich „monetarisieren“ könnte. Nämlich in Form, Vielfalt und Funkion mindestens ein wenig angelehnt an Zeitungen wie den britischen Guardian oder die New York Times.

Apropos Times: Dort, 5000 Kilometer weit weg, berichtet man informativer über den Hamburger Osten als im Zentrum des hansestädtischen Qualtitätsmedienbetriebs. Der Schritt über die Alster scheint vom Hudson aus nicht ganz so mühsam zu sein.

Aber all das ist oft genug beschrieben worden, teilweise mit bitterem Galgenhumor, nicht zuletzt in diesem Blog.

Daher zum runden Geburtstag des Frühvergreisten stattdessen an dieser Stelle nur noch ein kurzer Blick auf das, was laut Hamburger Abendblatt von heute außer dem Hamburger Abendblatt sonst noch in aller Welt stattgefunden hat.

Auf Seite 48 nämlich, unter „Aus aller Welt“, berichtet die Printausgabe der Zeitung an diesem 13. Oktober 2018 über ein Feuer im ICE auf der Strecke Köln-Frankfurt (die verläuft bekanntlich in aller Welt). Ein vierspaltiger Artikel mit zwei Bildern und einer Grafik.

Und nicht ein Wort über die Brandursache. Nicht nur, dass man sie nicht nennt (das wäre verständlich, weil sie noch nicht endgültig feststand). Nein, man wirft nicht einmal die Frage nach der Ursache auf. Was die Leser dieses Beitrags selbstverständlich tun, noch bevor sie ein Wort gelesen haben. Ein ICE ist ausgebrannt, hey, das kann passieren, aber alle sind wohlauf. Die Journalisten stellen die Warum-Frage im Artikel einfach nicht, das kommt ihnen nicht in den Sinn.

Qualitätsjournalismus Ende 2018: Sie sagen höchstens noch, was ist (respektive im Politikteil, was sein sollte). Warum es ist, wie es ist, wollen sie nicht mehr wissen. Sie recherchieren und analysieren nichts mehr bezüglich irgendwelcher Ursachen. Aber die Gefühle, die das, was ist, bei den davon Betroffenen auslösen, die werden immerhin ausgiebig abgefragt und niedergeschrieben. Denn Gefühle, hat der Praktikant gelernt, erzählen die Geschichte so schön „am Menschen entlang“.

Solch ein Hilfsschuljournalismus genügt Ihnen nicht? Dann schreiben Sie dem Abendblatt doch einen Leserbrief! So mit Briefmarke vorn drauf und ab zum Postamt. Vielleicht wird er dann sogar in einer der nächsten Print-Ausgaben veröffentlicht.

Denn mal eben online kommentieren können Sie beim Abendblatt leider nichts. Keinen Bericht, keine Glosse, keinen Leitartikel. Das würde alle viel zu nervös machen. Es würde die Welterklärer-Weisheit der Redakteure auf den Prüfstand des common sense stellen. Am Ende würden gar Debatten entstehen. Und Ihre unbotmäßige Meinung müsste man dann immer kostenaufwändig durch 450-Euro-Kräfte wegmoderieren lassen. Die letzte bürgerliche Großzeitung der zweitgrößten Stadt Deutschlands bittet daher um Verständnis. Und möchte jetzt nicht mehr beim Feiern gestört werden.


Die Ökonomie der Gefühle (6): Glück

Geschätzte Finanzvorstände und Börsengurus! Teure Mitglieder des Geld-Adels! Werte, sehr vermögende Seminarteilnehmer!

Ich freue mich, Sie heute Vormittag wieder alle hier in der Business Academy Poschingen versammelt zu sehen, und begrüße Sie aus gegebenem Anlass mit einem kräftigen „Glückauf“!

In unserer Seminarreihe „Die Ökonomie der Gefühle“ haben wir bisher schon manches lukrative Geschäftsmodell untersucht. Ich erinnere nur an die äußerst gewinnträchtigen Marktphänomene der Angst, der Liebe, des Zorns, des Geizes und der Dankbarkeit.

Denken Sie etwa daran zurück, wie wir zum Thema „Geiz“ das Modellbeispiel des amerikanischen Multi-Trillionärs Scrooge McDuck behandelten, in Deutschland bekannt als Onkel Dagobert. Nicht wenige von Ihnen haben seither ähnliche Geldspeicher aufbauen können wie er – dank einer konsequent verfolgten Geiz-Strategie.

Oder führen Sie sich noch einmal die „Dankbarkeits-Währung“ vor Augen, die wir in Folge fünf entwickelten: Wir konnten damals exakt berechnen, wie viele Facebook-Likes für eine dort zur Schau gestellte „gute Tat“ fällig werden, um den Dankbarkeits-Saldo auszugleichen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte, wo jemand einem Obdachlosen seine warme Winterjacke „schenkte“: Er kassierte dafür auf Facebook nicht weniger als 478 Likes. Doch sein Gefühlshaushalt war trotzdem nicht im Gleichgewicht: Insgeheim hatte er mindestens 500 Likes erwartet.

Wir halten also noch einmal fest: Emotionen sind nie kostenlos! Gefühlszustände haben immer einen Barwert. Manchmal können wir ihn nur auf Umwegen errechnen, weil gerade die großen Gefühle sich als „selbstlos“ zu tarnen verstehen. Nicht mit uns, meine Damen und Herren, nicht mit uns!

Das möchte ich Ihnen gerade auch an unserem heutigen Leckerbissen demonstrieren. Es handelt sich sozusagen um den Ferrari Testarossa unter den Emotions-Dienstleistungen: das Glück.

Glück sei nicht käuflich, heißt es. Oder umgekehrt: Geld allein mache nicht glücklich. Schwachsinn, meine Damen und Herren! Auch Glück ist selbstverständlich, wie alles, eng mit Geld verbunden – wer wüsste das besser als Sie!

Und natürlich kennen Sie auch alle den alten Bergmannsgruß „Glückauf!“, mit dem ich Sie eingangs empfangen habe. Entstanden ist er schon vor 700 Jahren im Erzbergbau. Aber hätten Sie’s gewusst: Er ist keineswegs so selbstlos, wie er klingt! Denn da wird nicht etwa in kumpelhafter Solidarität das billige Glück beschworen, dass alle aus der finsteren Tiefe wieder heil an die Oberfläche kommen mögen. Nein, das Zauberwort bedeutete ursprünglich ganz materialistisch: „Glück, tu uns die Erzgänge auf!“ Hinzuzufügen wäre der Ehrlichkeit halber: „Sodass wir stinkreich werden!“

Das Glück, das einen zu Schätzen führt, kommt Ihnen das nicht bekannt vor?  Gerade Ihnen, die Sie normalerweise nichts anderes lesen als Scheckbücher und höchstens noch das eine oder andere Comic-Heft? Wo wir gerade schon bei Onkel Dagobert waren: Die gewinnbringende Qualität des Glücks verkörpert niemand treffender als Donalds Vetter Gustav Gans.

Wo er geht und steht, findet Gustav verlorene Ringe, Goldstücke, Schatzpläne, Geldbörsen – er ist ein so unverschämter Glücks-Magnet, dass er den ewig erfolglosen und bankrotten Donald damit zur Weißglut treibt. Was er übrigens mit diebischem Vergnügen tut. Verfolgt Gustav einen Geschäftsplan, der ihm viel Geld einbringen soll, kommt ihm zuverlässig im richtigen Moment das allerunwahrscheinlichste Glück zu Hilfe. Während Donald, der mit derselben Idee demselben Ziel nachgejagt ist, mal wieder in die Röhre schaut. Und wenn der stets flüssige, prahlerische, in feinstem Zwirn gewandete Vetter Gustav mal wieder fast platzt vor Glück, dann würde Donald am liebsten im Erdreich versinken – oder einen Mord begehen. Das, meine Damen und Herren, ist Glück von seiner glänzendsten und ehrlichsten Seite: das Glück, einen armen Schlucker aus dem Rennen geworfen zu haben.

Apropos armer Schlucker – ich sage nur: Hans im Glück. Lediglich auf den ersten Blick ist das ein Seelenverwandter von Gustav Gans. Bei näherem Hinsehen ist er das arme Opfer vieler glücklicher Zwischenhändler. Das Geschäftsmodell von „Hans im Glück“ soll uns im folgenden als abschreckendes Bespiel dienen, denn dieser Narr macht alles, aber auch alles falsch.

Er erhält von seinem Herrn als Arbeitslohn einen Klumpen Gold, so groß wie sein Kopf. Man sollte meinen: Was für ein Glück! Aber so groß kann der Kopf und damit auch der Klumpen nicht gewesen sein, denn was tut Hans auf seinem Weg nach Hause als erstes? Er lässt sich im Tausch für das Edelmetall ein Pferd andrehen, ein absolut wertloses, das ihn auch sogleich abwirft! Und damit nicht genug: Das Pferd tauscht er gegen eine stinkende Kuh, bloß weil er gerade Appetit auf frische Milch hat, und hält das auch noch für einen „glücklichen Handel“.

Und weil eine Dummheit selten allein kommt, tauscht er daraufhin die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, die Gans aber gegen einen Wetzstein – der auch noch schadhaft ist – und einen plumpen Feldstein. Die beiden Brocken fallen ihm dann zu allem Überfluss aus Versehen in einen Brunnen, als er sich zum Trinken bückt. Seine Bilanz sieht also folgendermaßen aus: Losgezogen mit einem Goldklumpen, den er kaum tragen konnte, steht dieser Mann am Ende mit leeren Händen da. Was aber denkt Hans, der Idiot, weil er nun keinen Ballast mehr mitschleppen muss: „So glücklich, wie ich es bin, gibt es keinen Menschen unter der Sonne!“

Schwer zu ertragen, so viel Torheit, ich weiß, meine Damen und Herren! Diese groteske Selbsttäuschung, angeblich „mit leichtem Herzen und frei von aller Last“ bei der Mutter daheim anzukommen. Wenn ich die Mutter gewesen wäre, hätte ich ihn 500 Mal ausrechnen lassen, wie viele Wetzsteine er mir für den schönen Klumpen Gold hätte kaufen können. Oder wie viele Goldmünzen bei einer geiz-orientierten Anlagestrategie à la Dagobert Duck aus dem Klumpen geworden wären. Wie viel Dankbarkeit man sich dafür hätte erkaufen können. Es treibt einem die Tränen in die Augen!

Dabei wartet das Glück – und ich meine selbstverständlich das Glück, das sich in Euro oder Dollar beziffern lässt – ja nur darauf, zu uns zu kommen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass in Israel am 16. Oktober 2010 exakt dieselben Lottozahlen gezogen wurden wie im Monat zuvor? Ein Statistikprofessor rechnete damals aus, die Wahrscheinlichkeit einer solchen Wiederholung innerhalb weniger Wochen betrage etwa eins zu vier Billionen. Aber das kann nicht sein, meine Damen und Herren! Sonst hätten wohl nicht 95 Lottospieler, die sich einfach unbeeindruckt auf ihr Glück verlassen hatten, mit den erst im Vormonat gezogenen Zahlen goldrichtig gelegen.

Diese Glücklichen wussten: Man kann das Glück auch zwingen! Lassen Sie sich das Wort „Zwangsbeglückung“ nur einmal auf der Zunge zergehen, liebe Seminarteilnehmer. Auf den ersten Blick scheint es einen Zustand zu bezeichnen, der unfreiwillig und unerwünscht ist. Etwas, das jemandem gegen seinen Willen von anderen Menschen aufgedrängt wird. Doch unter uns Finanzexperten bedeutet Zwangsbeglückung: sein Glück erzwingen – durch Sturheit, Verhandlungsgeschick, Skrupellosigkeit, überlegene Strategie und Taktik.

Ich fasse also zusammen: Glück ist die Königsdisziplin unter den Gefühlszuständen. Es begünstigt die Geschäftstüchtigen, aber nur die Cleversten, Raffiniertesten und Durchtriebensten können diesen Zustand erzwingen. Das Glück und damit auch das Glücklichsein hängt in seiner Intensität unumkehrbar mit dem jeweils in Frage stehenden Geldbetrag zusammen, den es daher immer exakt zu ermitteln gilt.

Dass das Glück seinen Preis hat, wusste schon Tolstoi, als er in seinen Tagebüchern schrieb, es sei „mit Müdigkeit und Muskelkater billig erkauft“. In der Regel allerdings ist es heutzutage sehr viel teurer – zum Glück, meine Damen und Herren, denn sonst, seien wir ehrlich, könnten es sich ja auch Hinz und Kunz leisten. Ich sehe Sie dann nächste Woche wieder hier in der Business Academy Poschingen, wenn wir in unserer Seminarreihe „Die Ökonomie der Gefühle“ den einzigen kostenlosen Gemütszustand behandeln: den Neid.

Zum Archiv bereits untersuchter Emotionen aus der Ökonomie der Gefühle: hier entlang.