1968 oder: Weiten wat ward

Nicht wahr, da möchten jetzt wieder alle ernst und staatstragend nicken. Für viele überraschend dürfte aber sein, dass die gerahmte Weisheit des Volksmunds nicht nur für das geschichtliche Verständnis der Epoche des Nationalsozialismus gilt.

Versuchen Sie doch mal ein kleines Gedankenexperiment: Wenden Sie den plattdeutschen Sinnspruch probeweise auf „1968“ an und versetzen Sie sich in die damalige Situation.

  • Ein gesellschaftliches Klima der intellektuellen Lähmung und des mutlosen Fatalismus.
  • Ein muffiges, verfilztes, seine Pfründe verteidigendes Establishment.
  • Ein überwältigender Konformitätsdruck, vorgegeben von einer fest in Machtapparaten verklammerten Minderheit und eingebläut von willigen Helfershelfern.
  • Eine kollektive Verweigerung moralischer Selbsterforschung.
  • Ein provozierendes Vakuum der Führungslegitimation selbsternannter Eliten.
  • Eine mediale Tabuisierung und Manipulation des Offensichtlichen.
  • Ein unbearbeiteter Problemdruck, der das System an die Belastungsgrenze bringt.
  • Eine unbefriedigte Sehnsucht nach Lebenssinn und Perspektive.
  • Impulse des Umbruchs durch Verfemte von außen und innen.
  • Eine selbstbewusste Subkultur, die diese Impulse aufgreift und vervielfältigt.

Die Liste der Konsequenzen, zu denen diese Zutaten sich verdichten, ist vergleichsweise übersichtlich:

  • Eine Rebellion, die keinen Stein auf dem anderen lässt.

Meine Erfahrung nach einem halben Dutzend wirtschaftshistorischer Bücher ist: Geschichte wiederholt sich erstaunlich regelmäßig. Die Guerilla von gestern ist das Establishment von heute. Was sich ändert, sind Namen und Symbole.

Was die rebellische Subkultur angeht: Ich würde derzeit nicht nach langhaarigen Blumenkindern Ausschau halten. Schon eher nach zornigen Menschen in gelben Westen.

Der Literaturpreis, die Zweifel und ich

Ende vergangener Woche habe ich den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr 2018 erhalten. Der Rausch war kurz, die Fragen melden sich zurück: Wäre ein trostloser Wettbewerbstext nicht manchmal wichtiger – und damit preiswürdiger?
Wir Preisgekrönten und Krönenden 2018 (Foto: Literaturbüro Ruhr)

Vier Tage Zeit. Vier Tage, um meinen ersten Literaturpreis zu verdauen und wieder nüchtern zu werden an der rauen Wirklichkeit.

Da standen wir also auf der Bühne in Bochum und feierten. Wir, die Vertreterinnen und Vertreter der Literatur, der Kultur, der Zivilisiation. Ein schönes Gefühl. Alle finden warme Worte für alle, alle danken allen, alle ergötzen sich an Live-Musik, Häppchen und Socialising. Der Plural von Laudatio lautet Laudationes, lernte ich.

Und doch bleibt vier Tage später ein Schluckauf, ein Sodbrennen, das nicht vom Verschlingen der Preis-Pralinen kommt. Sondern von meinem eigenen Text.

Ich habe der Jury – und mir selbst – eine Wohlfühl-Geschichte geschrieben. Man könnte sie einfach unter „Unterhaltung“ verbuchen, wenn der Text nicht noch eine andere, verführerische Dimension hätte: eine utopische Wunscherfüllung zur Weihnachtszeit. Alles wird gut, wir schaffen das, das mit der Migration als neuer Normalität.

Vorweihnachts-Phantasie und Wirklichkeit

Meine Vorweihnachts-Phantasie vom irakischen Flüchtling und dem polnischen Opa im deutschen Traditionsverein ist in Herne so ideal verortet, dass sie fast wahr sein könnte: War nicht das Ruhrgebiet immer der „Schmelztiegel der Nation“? Hart arbeitende Menschen in einer egalitären Welt unter Tage, die Solidarität und Miteinander am Fließband produzierte? Ungeachtet der Herkunft, der Religion, der mitgebrachten Werte und Sitten?

Richtig ist: Die türkischen Bergleute wurden unter Tage „integriert“, wie vor ihnen bereits andere Landsmannschaften. In tausend Metern Tiefe ging es nicht anders als vorbehaltlos Hand in Hand. Doch in wenigen Tagen schließen die letzten deutschen Zechen. Dann ist der Bergbau im Ruhrgebiet, der einmal 600.000 Menschen Lohn und Arbeit gegeben hat, nur noch Geschichte.

Wer von nun an als Migrant ins Ruhrgebiet kommt, vielfach ohne formale Bildung, oft ohne Lese- und Schreibfähigkeit und ohne jede Kenntnis der deutschen Sprache, dafür mit dem Wertegerüst einer anderen Kultur, wird diese Integrationsmaschine nicht mehr nutzen können. Und auch die Fälle, in denen er plötzlich ins Rampenlicht des großen Fußballgeschäfts gerät wie in „Borowiaks Suppe“, werden selten sein. Meiner Wohlfühl-Geschichte zum Trotz.

Wer jetzt als Migrant ins Ruhrgebiet kommt, wird die alte Integrationsmaschine Bergbau nicht mehr nutzen können.

Es gibt Initiativen und Projekte, die diesem definitiven Schlussstrich des Arbeitsmarktes neue Erwerbschancen für „Förderungsbedürftige“ entgegensetzen wollen. Doch in einem weitgehend automatisierten und ansonsten wissensbasierten Hightech-Deutschland, in das nun Hunderttausende ohne ökonomische Perspektive einreisen, sind sie das Pfeifen im Walde.

Währenddessen steigt der Druck. Die sozialen und kulturellen Spannungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten, selbst zwischen Immigranten früherer und aktueller Einwanderungswellen, spitzen sich zwangsläufig zu, wo die Räder der Produktion stillstehen. Gerade dort, wo es nichts mehr zu erwirtschaften und zu verteilen gibt, die Zahl der Verteilungsbedüftigen aber immer weiter steigt. Das ist Makroökonomie für Anfänger, und sie ergibt den Stoff für eine andere Art von Geschichten.

Was wäre, frage ich mich, wenn ich solch eine Migrations-Geschichte einreichen würde? Eine von Überforderung, von persönlicher Überwältigung. Eine vom gewalttätigen Scheitern des Teilhabe-Traums, wie sie nie den Weg in die Tagesschau findet, weil ihr als „lokalem Ereignis“ kein bundesweiter Nachrichtenwert beigemessen wird. Und die doch überall dort, wo sie sich von Flensburg bis Freiburg lokal ereignet, ein schwarzes Loch öffnet, das Leben und Illusionen verschlingt.

Was, wenn ich solch eine Geschichte einer Jury vorlegen würde: literarisch genauso versiert, genauso scharf beobachtet, genauso pointiert wie „Borowiaks Suppe“. Nur, wie im traurigen Teil der Realität, ohne kauzige Charaktere, denen rechtzeitig der rettende Einfall kommt. Wäre das auch preiswürdig?

Literatur müsste auch bei diesen Opfern sein

Um der ganzen Wahrheit willen müssten ausgezeichnete Autorinnen und Autoren auch diese Geschichten erzählen, denn sie sind mindestens ebenso realitätsprägend für diese Gesellschaft geworden wie die Muster-Narrative der Integration. Solch eine Literatur müsste ganz bei den Opfern sein, von denen sie zu erzählen hätte. Sie müsste Stellung beziehen, nach Verantwortung fragen, die Bruchzonen des gewaltigen sozialen Experiments der Entgrenzung ausloten, dem dieses Land seit drei Jahren unterzogen wird.

Und sie müsste bei Wettbewerben Preise gewinnen: als Seismograph der gesellschaftlichen Belastbarkeit, der vor dem Punkt des endgültigen Zerbrechens warnt. Eine Rolle, die Literatur immer auch hatte, die notwendiger wäre denn je. Die aber immer weniger erwünscht scheint. 

Weil es sehr zu Recht Angst macht, solch eine Geschichte schwarz auf weiß zu lesen und keinen patentierten (Er-)Lösungsweg mitgeliefert zu bekommen, wäre ein Preisgewinn damit – vorsichtig formuliert – weit weniger wahrscheinlich als mit „Borowiaks Suppe“.

Aber selbst eine ausgezeichnete Suppe wärmt nur für begrenzte Zeit.