„Finanziell müssen wir zittern“

Jeden Sommer bringen Beschäftigte und ehemalige Studierende der Uni Hamburg eine inspirierende Fusion zustande: In der Sternwarte Bergedorf begegnen sich Astrophysik und Musik. Die „Sternstunden“ begeistern Hunderte Fans, doch die Zukunft des Festivals ist ungewiss.

Am Samstag, dem zweiten Tag des 48-stündigen „Sternstunden“-Festivals, droht der Himmel nicht mehr mitzuspielen. Über der Hamburger Sternwarte auf dem Gojenberg in Bergedorf ziehen Wolkenformationen durch, die kaum einmal auflockern. Wie viele andere Schaulustige zuvor wendet sich die Besucherin in der Schlage vor mir bald enttäuscht ab, als sie an der Reihe ist, durchs Okular des Ein-Meter-Spiegelteleskops zu schauen: Statt des versprochenen Blicks auf den Planeten Venus war nur ein Grauschleier zu sehen.

Dann darf ich ans Präzisionsgerät. Meine Euphorie ist gebremst, denn üblicherweise bekomme ich nie etwas zu sehen, wenn Außergewöhnliches in Aussicht steht, ob Buckelwale beim „Whale Watching“ im Atlantik oder Sternschnuppen im heimischen Schrebergarten. Doch plötzlich, gerade jetzt, reißen die Wolken für ein paar Sekunden auf. Und da schwebt er, der Planet: blass und halbmondförmig, aber unverkennbar. Die Venus in all ihrer ebenfalls wolkenverhüllten Schönheit.

Es sind nicht nur solche Glücksmomente, die das Besondere des „Sternstunden-Festivals“ ausmachen. Entscheidend ist die Fusion von Astrophysik und Live-Musik. Zwei Disziplinen von Wissenschaft und Kunst, die in vielen Bereichen Berührungspunkte aufweisen: Beide lassen uns Menschen seit Jahrtausenden erschauern. Beide kitzeln uns bei unseren hartnäckigsten Fragen: Woher kommen wir? Ist dort draußen noch jemand? Warum macht uns Unendlichkeit Angst? Wie sich herausstellt, haben Sternenforschung und Musik sich viel zu sagen.

Kaum ein besserer Ort für hochkarätige Darbietungen kosmologischer und musikalischer Art als die 1912 eröffnete Sternwarte der Universität mit ihrem parkartigen Freigelände, wo Studierende der Astrophysik forschen. Zum „Urknall“ kam es bei einer Begegnung des geschäftsführenden Direktors der Sternwarte, Prof. Dr. Jochen Liske, mit dem Bereich Universitätsmusik, einem offenen Lehrangebot mit Instrumental-Ensembles und Chören Studierender. Über seinen wissenschaftlichen Einführungsvortrag zur Aufführung von Gustav Holsts Orchestersuite „The Planets“ entstand an der Universität im Jahr 2023 die „Sternstunden“-Idee: Für zwei Tage im Sommer gibt es ein dicht getaktetes Programm aus beiden Disziplinen für alle Interessierten.

Diesmal, im vierten Jahr, war auf dem Gojenberg besonders viel geboten. Beim „Science Slam“ präsentierten junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Publikum ihre Forschungsprojekte in Kurzform – etwa die Geheimnisse von Neutronensternen. Violoncello-Klänge gab es unter der mit Lichttechnik verzauberten Kuppel des „Großen Refraktors“. Dreidimensionale Reisen bis an die Grenzen des Weltalls ermöglichte die Virtual-Reality-Brille auf der Nase. Und immer wieder lockten verschiedenste Musikstile auf einer der beiden Open-Air-Bühnen im Park. Einer der Top Acts in diesem Jahr: Joshua Milo und seine Funk-Band, die demnächst auch im Hamburger NICA Jazz Club zu Gast sein wird. Das Publikum war hingerissen.

All dies aber ist in Zukunft bedroht. Denn die Finanzierung des Festivals steht – kein Wunder in Zeiten drastischer Sparmaßnahmen und explodierender Preise – auf tönernen Füßen. „Finanziell müssen wir zittern“, sagt die organisatorische Leiterin des Festivals, Anne Grigoleit, die in der Verwaltung der Unimusik arbeitet. Ohnehin wäre keine „Sternstunde“ möglich, wenn nicht alle Organisierenden ehrenamtlich arbeiten würden. Die Bühnentechnik wird ebenso von Studierenden der HAW betreut. Auch die Musizierenden der Unimusik treten kostenlos auf, und die extern gebuchten Bands und Ensembles erhalten nur Unkostenbeiträge.

Eine Anschubfinanzierung kam aus dem Jahresetat der Unimusik und vom Universitäts-Präsidium, später beteiligte sich auch das „Exzellenzcluster Quantum Universe“. Doch selbst so war das Festival für das Orga-Team seit den Anfängen im Sommer 2023 jedes Mal ein Nervenkitzel. „Im ersten Jahr“, so Grigoleit, „haben wir noch gebangt, denn wir sind damals ein großes finanzielles Risiko eingegangen: Wir haben eine große Bühne aufgebaut und alles für ein Festival vorbereitet, ohne zu wissen, ob jemand kommt.“ Die Menschen kamen. Dank sehr gemäßigter Eintrittspreise waren es anfangs bereits 800 bis 900, im vergangenen Jahr dann schon zwischen 1.500 und 1.600. Und dieses Mal dürfte die 2.000er-Marke geknackt worden sein. Fast die Hälfte der Kosten können somit aus Kassenerlösen bestritten werden.

Allerdings haben der Erfolg des Konzepts und die stark gestiegene Inflation auch dafür gesorgt, dass inzwischen Kosten von fast 70.000 Euro pro Festival gestemmt werden müssen – überwiegend für Bühnentechnik, Strom und Infrastruktur. Bislang gab ein fester jährlicher Zuschuss der ZEIT-Stiftung Bucerius eine gewisse Grundsicherheit. „Aber dieser Zuschuss fällt ab 2027 weg, weil der Förderzeitraum abgelaufen ist“, erklärt Grigoleit. Die Suche nach Ersatz gestaltet sich schwierig. Besonders die städtischen Fonds und Förderer würden seither auf Anfrage mit der Begründung abwinken, dass doch bereits die Universität hinter der Veranstaltung stünde. „Was sie nicht sehen: Leider hat die Uni auch kein Geld mehr“, stellt die Organisationschefin fest.

Völlig unklar ist derzeit, wer in Zukunft für das nötige finanzielle Grundrauschen bei den „Sternstunden“ sorgen soll. Es werden also immer noch dringend neue Sponsoren gesucht. Diese potenziellen Geldgeber dürfen indes gewiss sein, dass ihr Zuschuss gesellschaftlich und bildungspolitisch kaum sinnvoller investiert werden kann: Wo sonst würde der Beweis angetreten, dass Künste und Naturwissenschaften sich gegenseitig auf das Ertragreichste befruchten können? Wo sonst würde ganz normalen Menschen spielerisch und musikalisch so spannend Bildung vermittelt? Wo sonst ist die Begeisterung, die Welt zu erforschen oder musikalisch zu interpretieren, so mit Händen zu greifen?

Die Atmosphäre und das Publikum auf dem Gojenberg sind auffällig aufgeschlossen – und die jungen Forschenden freuen sich sichtlich über die Möglichkeit, alle an ihren Entdeckungsreisen teilhaben zu lassen. Auch das Orga-Büro wird mit Dankbarkeit bedacht. „Wir bekommen so viel positives Feedback“, freut sich Anne Grigoleit, „da spürt man die community-bildende Kraft der Kultur!“ Persönlich begeistert sie am Festival, „dass ich hier mit Sachen in Berührung komme, die fernab von dem liegen, was ich sonst mache“. Es wäre tragisch, wenn dieses Klima der Inspiration sich in Zukunft als unbezahlbar erweisen würde.