Nieder mit der Schwerkraft!

Einblicke in die Werkstatt: Wie kommt eigentlich eine Raumfahrt-Reportage zustande? Ganz einfach, durch freies Assoziieren nach Dr. Sigmund Freud. Der Rest findet sich dann, dank einer lobenswert kooperativen Space-Agentur.

So ist das mit Themenheften: Sie haben ein Thema. Und dazu soll dann – bitteschön, lieber Reporter! – die Geschichte passen. In der aktuellen Ausgabe von VALUA, dem Magazin der DZ Privatbank, lautete das Thema: Kraft.

Hm. „Kraft“? Für historisch geschulte Autoren wie mich würde sich da „Kraft durch Freude“ aufdrängen, war schließlich mal eine regelrechte Massenbewegung. Aber speziell diese Geschichte ist seit mehr als 70 Jahren, sagen wir, „durch“. Das lassen wir sein.

Was könnte man denn sonst noch über „Kraft“ …

Ich hab’s: Kraftwagen! Volkswagen. Der VW Käfer. Der ursprünglich als „Kraft-durch-Freude-Wagen“ geplant war! Oh.

Hm. Weiter nachdenken. Tiefer grübeln. Kräftiger, sozusagen.

Was gibt es denn für dumme Sprüche mit „Kraft“? – „Doppelherz, die Kraft der zwei Herzen“, aber existiert das klebrige Zeug aus demselben Regal wie Klosterfrau Melissengeist überhaupt noch? Und was soll das werden, eine Reportage aus dem Seniorenstift Abendfrieden? Nein.

„Kraft meines Amtes erkläre ich Sie zu Mann und Frau“, der Standesamt-Report. Quatsch.

Hannelore, die Herrscherin von Nordrhein-Westfalen. Zu anbiedernd.

Moment: Was haben wir früher immer auf irgendwelchen Latsch-Demos skandiert, um den mit heiligem Ernst vorneweg marschierenden kommunistischen Block zur Weißglut zu bringen? „Nieder mit der Schwerkraft!“

Genial! Ich bin da an was ganz Großem dran. Jetzt nur noch rausfinden, was man unter dieser Headline als seriöse Reportage verkaufen kann. Schwerkraft. Gravitation. Das Weltall. Raumfahrt!

Genial! Ich bin da an was ganz Großem dran.

Dafür bin ich als ausgebildeter Wirtschaftsjournalist doch nun wirklich Experte. Gut, beim Wissenschaftlichen hapert es vielleicht in den letzten Verzweigungen der Quantenphysik, und ich mag auch körperlich nicht mehr so auf der benötigten Flughöhe sein wie damals in meiner aktiven Zeit als Kampfpilot.

Aber Raumfahrt kostet Geld, weil man die irdische Schwerkraft überwinden muss. Sogar viel Geld. Was bringt das eigentlich? Und wem?

Also Anruf beim European Space Operations Center (ESOC) in Darmstadt: „Sagen Sie mal, Sie haben da doch so Raumsonden, wieviel Geld spielen die denn pro Jahr ein?“

Sagen Sie mal, Sie haben doch da so Raumsonden.

Aufgelegt. War wohl nicht der richtige Ton. Neuer Anlauf, mit verstellter Stimme diesmal, wir haben ja alle Tricks drauf: „Ja, grüß Gott, Oberleitner hier, aus Hamb…erdingen bei Garmisch-Partenkirchen. Moin, moin! Ich will für VALUA was schreiben über Ihre Raumfahrtprogramme, die ich als Steuerzahler Ihnen komplett durchfinanziere. Und Sie, bei Ihnen gibt’s doch den Dr. Ferri, den Leiter aller europäischen Raumfahrtmissionen, den tät ich dazu gerne besuchen.“

So öffnet man Türen. Drei Wochen später sitze ich im Zug nach Darmstadt. Und der freundliche Astrophysiker aus Italien steht zu einem Gespräch auf Augenhöhe bereit, wenn auch hinter einer Art Space-Schlagzeug (siehe Foto unten, übrigens alle vom tollen Wiener Fotografen Ian Ehm gemacht).

Das entpuppt sich aber als gar kein wirkliches Schlagzeug, sondern als maßstabsgetreues Modell von vier trommelförmigen Erdbeobachtungssatelliten. Beim Erstflug der „Europarakete“ Ariane 5 im Jahr 1996 waren sie alle zusammen mit Ariane in vier Kilometern Höhe explodiert. Aber da hat man einfach neue gebaut, und beim zweiten Versuch klappte es dann.

Den kleinen Rückschlag mit Ariane damals darf man auch nicht so furchtbar tragisch nehmen. War erstens alles unbemannt, und zweitens hat es wunderbare Dada-Kunst hinterlassen (siehe die Glasvitrine auf dem ersten Bild, oben links). So sehen Verlierer aus; bzw. Trümmerstücke einer aus 4000 Metern Höhe in einen Mangrovensumpf abgestürzten Raumfahrt-Nutzlast.

Für Dr. Ferri steckte da denn auch eine gute Nachricht drin: Ein paar Elektronik-Bauteile in den gefundenen Trümmern taten es nämlich immer noch, als man sie hinterher untersuchte. Sie mögen die teuersten Crash-Test-Dummies der Weltgeschichte gewesen sein, aber auch die zähesten. Und wie gesagt: Beim zweiten Versuch lief alles planmäßig.

So denken die in Darmstadt: positiv. Und dann haben sie gelernt und weitergemacht und schließlich etwas Phantastisches hinbekommen: Sie haben zum Beispiel einen kleinen Hüpfer auf einem riesigen, durchs All trudelnden Kometen abgesetzt. Wieder viel gelernt, diesmal über den Ursprung des Lebens selbst, und dabei ganz nebenbei wiederum großartige Bilder produziert.

So denken die Leute in Darmstadt: positiv.

Solche Triumphe hat sein unerschütterlicher Optimismus dem ESOC eingebracht. Und als Konsequenz, in einer Nachbarvitrine neben den Ariane-Trümmern ausgestellt, eine Sammlung vollkommen verdienter Space-Oscars:

Um aber zuletzt auf die Frage zurückzukommen: Was bringt das teure Vergnügen, und wem?

Erkenntnis. Es macht uns zu einer schlaueren Spezies. Für mich ist das gut genug. Ihr wollt mehr von meinen Steuergeldern? Bitte sehr!

Ihr, Weltraumforscher, seid „ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute schafft“. Und dabei nicht mal, wie Mephisto im Faust, stets das Böse will.

Also als Kraft jetzt.

 

***

Disclaimer: Beim ESOC in Darmstadt habe ich mich natürlich in Wahrheit mit richtigem Namen, gültigem Presseausweis und korrektem Begehr vorgestellt. Und die tatsächliche Reportage dann auch mit der angemessenen Ernsthaftigkeit angefertigt, wovon man sich beim Lesen des Heftes überzeugen kann. Es besteht also keine Gefahr für die öffentliche Ordnung und den Landfrieden, selbst wenn die Grenzen von Qualitätsjournalismus und Satire in diesem Blogbeitrag kurzfristig zu verschwimmen drohen sollten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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