Vergraben und vergessen

Haben Sie schon mal etwas auf zehn Jahre in die Zukunft geplant? Dann sind Sie vermutlich auf dieses Ding namens „Unwägbarkeiten“ gestoßen. In Finnland wird jetzt etwas gebaut, das 100.000 Jahre überdauern soll. Und das wir besser aus dem Gedächtnis streichen sollten – denn dann könnte es funktionieren.

Ja, mach nur einen Plan,
sei nur ein großes Licht,
und mach dann noch ’nen zweiten Plan,
geh’n tun sie beide nicht …

Brecht, „Dreigroschenoper“

Der Eingang zur Unterwelt. Alle Abbildungen: Posiva (Betreibergesellschaft)

Die Finnen mal wieder. Sie wachsen mir umso mehr ans Herz, je öfter ich über sie schreibe. Und aus irgendwelchen Gründen geht es häufig darum, dass sie in ihr ausgesprochen hartes Grundgestein vordringen, um tief im Fels waghalsige und innovative Dinge zu tun, etwa einen Bebauungsplan für das gesamte unterirdische Helsinki zu realisieren. Diesen unwiderstehlichen Drang in die Tiefe teilen sie mit den Norwegern, jawohl, den Norwegern. Weiß der Geier, warum. Die Lust am Abgründigen ist der Stoff, aus dem uralte nordische Mythen sind. Irgendwo ist da ja immer ein Körnchen Wahrheit dran. Ich jedenfalls könnte alle zwei Wochen über Tiefgründiges aus Skandinavien berichten – nachdem ich mich zwischendurch drei Jahre lang intensiv mit Deutschlands Unterwelt beschäftigt habe.

Diesmal also wieder Finnland. Wenn es gilt, ein Problem aus der (sichtbaren) Welt zu schaffen, an dem sich bislang niemand die Finger schmutzig machen wollte, fragt man eben besser die Mafia die Finnen. Die machen das. Selbst, wenn es sich bei dem Problem um hochradioaktiven Atommüll handeln sollte, von dem nach Schätzungen weltweit mittlerweile etwa 250.000 Tonnen aufgelaufen sein sollen. Wohin damit, um ihn endgültig und gefahrlos loszuwerden? Fragen Sie bitte nicht die Bundesregierung, denn Gorleben … ach, eher wird der Berliner Flughafen fertig.

Währenddessen wird auf einer entlegenen finnischen Halbinsel namens Olkiluoto jetzt Onkalo gebaut. Das Wort bedeutet im Finnischen „Hohlraum“. In Wahrheit wird es ein ganzes Labyrinth aus Tunneln und Verzweigungen, Lagerstätten und Arbeitsplattformen unter Tage sein. So sieht es im Schema aus:

Und so wie auf dem nächsten Bild etwa war der Stand der Bauarbeiten kürzlich im Detail – aber vermutlich sind sie jetzt schon wieder ein ganzes Stück weiter, die fleißigen Finnen. Tief unten im Fels werden die Castor-Behälter mit dem strahlenden Müll dann durch multiple Barrieren aus rostfreiem Kupfer, Zement, Bentonit und schließlich Beton geschützt – nicht zu vergessen 437 Meter fast reiner Granit bis hoch zur Erdoberfläche. Grundwasserschichten oder seismisch aktive Brüche im Gestein sind weit, weit weg.

Das Unglaubliche an Onkalo aber ist die planerische Chutzpe des Zeithorizonts. Nicht nur soll das Endlager über die kommenden hundert Jahre hinweg eine Baustelle bleiben, da mit zukünftigen Einlagerungen auch die Zahl der automatisch beschickten Lagerstätten fächerförmig immer mehr ausgebaut werden soll. Nein, das Ganze wird irgendwann nach dem Jahr 2100 mit einem großen Betonpfropfen versiegelt – und soll dann für rund 100.000 Jahre in Vergessenheit geraten. So lange nämlich dauert es, bis die letzten Strahlungsreste abgeklungen sind.

Wie sollte man auch Tausende Generationen der Zukunft darüber informieren, dass hier tief im Boden etwas Gefährliches aus der Vergangenheit lagert und besser nicht beim Herumliegen gestört wird? In dem faszinierenden Dokumentarfilm-Essay Into Eternity des dänischen Filmkünstlers Michael Madsen aus dem Jahr 2010 werden noch verschiedene Skizzen und Entwürfe gezeigt, wie ein System von Warnhinweisen an der Erdoberfläche über der atomaren Grabstätte aussehen könnte.

Es hätte so gestaltet sein müssen, dass die Botschaft „Hier nicht graben!“ nicht nur den fast unendlich langen Zeitraum überdauert, sondern auch den fortlaufenden Wandel von Sprache, Schrift und Kultur während all dieser Jahrtausende. Am Ende hat man die Idee aufgegeben.

Die Situation in ca. 100.000 Jahren – nachdem eine neue Eiszeit ihren Spuren auf dem finnischen Festland hinterlassen haben wird.

Denn die Betreibergesellschaft „Posiva“, mit der ich sprach, ist zu dem Schluss gekommen: Wer warnt, macht nur neugierig. Menschen ändern sich nie; auch in 4000 Generationen werden sie noch so etwas Ähnliches denken wie: „Häh? Lebensgefahr? Das sagen die doch nur, um uns davon abzuhalten, die bestimmt sehr wertvollen religiösen Schätze zu bergen, die dort unten locken!“ Und schon buddeln sie los, unsere achtarmigen Nachfahren mit den vernetzten holografischen Gehirnen.

Also wird man Onkalo ca. anno domini 2119 zustöpseln, die oberirdischen Teile der Anlage zurückbauen, Setzlinge für einen neuen Wald pflanzen und sich pfeifend davonschleichen. Auf dass das Endlager einer primitiven Epoche langsam in Vergessenheit gerate. Sie wissen schon, so wie in Tolkiens Mittelerde: „Aus Geschichten wurden Legenden, aus Legenden wurden Mythen…“

Und wenn schließlich auch kein irrlichternder Gollum mehr nach seinem Schatz schmachtet, dann wird der radioaktive Müll für immer den Orks und Höhlentrollen gehören. Womit wir wieder bei den nordischen Sagen wären, aber auch bei der oben zitierten „Dreigroschenoper“: Ob ein Plan, der vom Vergessen lebt, vielleicht ausnahmsweise tatsächlich funktionieren wird? Die ganze Geschichte von Onkalo können Sie hier nachlesen.

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