Auf der Spur der Steine

Wie unzählige andere Felsbrocken, die durchs All schwirren, hat diese Welt Milliarden Jahre existiert, bevor der Mensch auf die Bühne sprang und Hektik verbreitete. Das Fortschrittstempo sollten uns deshalb nicht Unternehmensberater oder „Aktivisten“ diktieren, sondern die wahren Entwicklungs-Experten: Geologen und Astronomen.
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Heutzutage muss ja alles umso schneller gehen, je komplizierter es ist: Schnell noch das Klima retten, bevor morgen die Welt untergeht! Die Meinungsumfragen sind gerade günstig, sofort alle Atom- und Kohlekraftwerke abschalten! Schnell, es herrscht Krieg auf der Welt, Grenzen auf für alle und immer!

Das Land ist auf so etwas gar nicht vorbereitet? Keine Experten, keine Partner wurden konsultiert? Keine Gegenmeinungen eingeholt und abgeglichen? Egal, um die Kollateralschäden kümmert sich irgendwer schon irgendwann. Später. Vielleicht. Wir handeln ebenso plan- wie alternativlos.

Bloß nicht gründlich nachdenken, da kommt man nur auf dumme Gedanken. Wie z.B. den, dass es immer Alternativen gibt. Meist bessere, je länger man grübelt. Das Ergebnis nennt man dann Fortschritt. Und zwar wirklichen Fortschritt im Sinne von Evolution, nicht von Revolution, blindem Aktionismus oder Panikpolitik.

Über dieses Thema – wie schnell muss Fortschritt gehen, wie viel Zeit dürfen wir uns lassen? – habe ich jetzt einen Essay für das Herrenknecht Magazin geschrieben, eine Publikation des Weltmarktführers bei Tunnelbohrmaschinen. Das sind stählerne Kolosse, die sich langsam, seeeeehr langsam, durch massive Gesteinsschichten graben. Diese den Blicken meist entzogene Branche ermöglicht einen ganz neuen Blick auf das hektische Treiben über Tage.

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Und wenn ich durch das Einnehmen dieser Perspektive eines gelernt habe, dann dieses: Uns modernen, westlich-industriell geprägten Menschen ist jedes Bewusstsein für die großen Entwicklungslinien um uns herum abhanden gekommen.

Das geht ja schon beim Geschichtsunterricht los, den unsere Bildungsplaner und -politiker heute zunehmend für überflüssig halten. Weshalb unsere Kinder nicht mehr lernen, dass sie nicht nur Oma und Opa hatten, sondern auch Ur-Ur-Urahnen. In einer Zeit ohne WLAN und Kühlschränke. Und wie diese Dinge dann nach und nach erfunden werden konnten. Weil Menschen „auf den Schultern von Riesen“ standen, also auf Erkenntnissen aufbauten, die von den hellsten Köpfen der Generationen vor ihnen mühsam durch Versuch und Irrtum herausgefunden worden waren.

Weil uns kollektiv die Erfahrung fehlt, wie es ist, in der Mitte einer langen Reihe von Vorläufern und Nachfolgern zu stehen, geht uns auch das Verantwortungsgefühl für die Bedürfnisse künftiger Generationen verloren.

Aber Kinder hat ja in westlichen Ländern auch nur noch eine Minderheit der sogenannten Höhergebildeten. Weil uns damit kollektiv die Erfahrung fehlt, wie es ist, in der Mitte einer langen Reihe von Vorläufern und Nachfolgern zu stehen, geht uns auch das Verantwortungsgefühl für die Bedürfnisse künftiger Generationen verloren. So ist etwa unsere wunderbare Bundesregierung seit gefühlt kurz nach Kriegsende nicht in der Lage, Atommüll-Lösungen zu realisieren, die mehr als ein paar Jahrzehnte in die Zukunft reichen.

Dabei geht es auch anders, wie die Finnen zeigen: Sie bauen gerade ein unterirdisches Atommüll-Endlager, bei der die Sicherheit von nicht weniger als 4000 künftigen Generationen eingeplant ist. Das ist mal ein Planungshorizont von 100.000 Jahren, offiziell verankert in der finnischen Strahlenschutzgesetzgebung.

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Die Finnen leben eben schon lange mit ihrem kargen, aus uraltem Granit gehauenem Land, das sie in all den Jahren auch perfekt zu unterminieren gelernt haben. Wer professionell mit unhandlichen Zeitspannen zu tun hat, sieht die langen Entwicklungslinien einfach klarer – und kann uns helfen, uns bei unseren Eingriffen in die Umwelt und in das soziale Miteinander wieder angemessen Zeit zu nehmen.

Zwei Autoren und ihre spannenden Sachbücher haben mir das vor Augen geführt. Zum einen die amerikanische Geologin Marcia Bjornerud, Jahrgang 1962, die sich unter anderem mit Gesteinsmechanik und Plattentektonik befasst – also etwa mit der Drift ganzer Kontinente, die sich pro Jahr nur ein paar Zentimeter über den glutflüssigen Erdmantel weiterwälzen. Sie schuf eigens für ihren Buchtitel das schöne Wort „Timefulness“: Ausdruck der Achtsamkeit für die Fülle an Zeit, die uns von zwei Seiten her umgibt.

Zum anderen der 1942 geborene britische Astrophysiker Martin Rees, unter anderem Experte für die Entwicklung von Galaxien, der sich zur Lösung unserer Fortschrittsprobleme eher mehr als weniger Einsatz von Technologie wünscht. Denn nicht den technologischen Fortschritt hält er für das Problem. Im Gegenteil: Gründlich zu Ende gedachte Innovationen seien genau das, wofür wir uns die Zeit nehmen sollten. Gefährlich seien nur die übers Knie gebrochenen Entwicklungen, die dem Test der Zeit nicht standhielten. 

Falls Sie gerade allzu nervös sind: Ein langer, gründlicher Blick in beide Bücher wird Sie deutlich entschleunigen. Und zum idealen Politikberater machen.

 

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