Absturz eines Stahlbarons

Es gibt Todesarten, die passen zum exaltierten Leben des Verstorbenen wie ein Handschuh. Man denke nur an Jimi Heselden, den früheren Eigentümer der Firma Segway Inc. Der US-Unternehmer rollerte 2010 mit einem Prototyp seines neuesten Elektrowägelchens für Fußgänger über den Rand einer Klippe – und stürzte in den Tod.

Oder Lenny B. Robinson, amerikanischer Batman-Darsteller und Entertainer für krebskranke Kinder, der im vergangenen August mit seinem Batmobil im ganz normalen Straßenverkehr liegenblieb. Als der Real-Life-Superheld einen Blick unter die Motorhaube warf, krachte ein anderer Wagen in sein am Straßenrand abgestelltes Science-Fiction-Fahrzeug, das dann wiederum Robinson zerquetschte.

Manche Lichter brennen eben besonders hell, bevor sie besonders abrupt erlöschen. Manche Menschen steigen besonders steil auf und fallen dann besonders tief. Zu ihnen zählte auch Willy Korf, der heute vor 25 Jahren gewaltsam zu Tode kam.

Korf, Jahrgang 1929, war ein Selfmade-Aufsteiger alter Schule, ein Stahlbaron mit bescheidenen Anfängen im Badischen, der den alten Platzhirschen von Krupp bis Klöckner in den 70ern und 80ern  ordentlich Feuer unter dem Hintern machte. Und das in einer Industrie, in der überbordendes Traditionsbewusstsein damals viele Innovationen im Kein erstickte.

Ein Menschenfischer

Der körperlich klein gewachsene Unternehmer mit dem großen Wissensdurst  und dem noch größeren Glauben an sich selbst revolutionierte in jenen Jahren nicht nur diverse Verfahren der Stahlproduktion. Er bewies auch, dass man als Newcomer in dieser Industrie die ungeheuer hohen Einstiegshürden des aufzubringenden Kapitals für Produktionsanlagen und Material aushebeln konnte – mit kreativen Konzepten und kämpferischer Zähigkeit.

Feuermacher_Cover

Vor allem aber war Korf – und das ist das tiefste Erfolgsgeheimnis vieler erfolgreicher Unternehmer – ein Menschenfischer. Er konnte mit seinem Charme und seiner Chuzpe junge Ingenieure mit brillanten Ideen ebenso für seine Korf Stahl AG begeistern wie die Geldgeber konservativer Banken. Es ist dieser Typus des inspirierenden Quertreibers, der in der deutschen Wirtschaft heute mehr denn je fehlt.

Wie irrlichternd und beratungsresistent er dann allerdings bisweilen mit dem ihm anvertrauten Geld anderer Leute umging, steht auf einem anderen Blatt. Oder besser gesagt: Auch das steht auf den rund 280 Seiten meiner Korf-Biographie „Der Feuermacher“, die 2005 bei Hoffmann und Campe erschienen ist. So brach das verschachtelte Korf-Stahl-Imperium mit der eindrucksvollen Firmenzentrale in Baden-Baden denn auch 1983 innerhalb weniger Wochen finanziell zusammen.

Den Tod verlacht

Das hinderte den Mann, dessen Leben beruflich und privat wie eine wilde Achterbahnfahrt verlief, nicht an einem Neuaufstieg. Doch gerade, als er 1990 kurz davor war, sein erneut in Schwierigkeiten geratenes Unternehmen zu verkaufen, ging er am 21. November 1990 für einen Routineflug an Bord seiner zweimotorigen Beechcraft King Air 200.  Es war ausgerechnet der Buß- und Bettag.

Über den Tiroler Alpen stürzt die Maschine bei schlechter Sicht ab; Korf und zwei weitere Menschen an Bord sind sofort tot. Seine ehemalige Sekretärin Renate Höing ist entsetzt, als sie in der Tagesschau vom Unglück erfährt, aber nicht überrascht: „Niemand, der Korf nahe stand, hätte gedacht, dass er mal im Bett sterben würde. Das passte nicht zu ihm. Das haben wir ihm auch mal gesagt. Da hat er nur gelacht.“

Ich hätte ihn gerne im Leben gekannt. Im Jahr 2015, ein Vierteljahrhundert danach, bräuchten wir mehr Unternehmer und weniger Terroristen, die den Tod verlachen.

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